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Im Takt der Mittelmäßigkeit

Wir leben in einer Zeit, in der jeder aufgefordert wird, individuell zu sein, aber nur innerhalb der Grenzen des Akzeptablen.

Man darf anders denken, solange das Denken nicht zu weit führt. Man darf Kreativ sein, solange es verwertbar bleibt. Und man darf Sensibel sein, solange es die Produktivität nicht stört.

Der Gleichschritt hat eine neue Form gefunden, subtil mit einem freundlichen Gesicht der Anpassung.

Das Paradox der Gleichheit:

Einst war Gleichheit ein Ideal der Befreiung. Sie sollte Menschen von Willkür, Stand und Herkunft befreien und jedem die selbe Rechte geben. Doch was als Schutz gedacht war, ist zu einer Schablone geworden.

In unserem Streben nach Gleichheit haben wir verlernt, das Ungleiche als Geschenk zu sehen.

Wir haben uns daran gewöhnt, Unterschiede zu Misstrauen, weil sie an unsere eigene Begrenztheit erinnern.

Der Philosoph Alexis de Tocqueville schrieb schon im 19.Jahundert, dass Demokratie dazu neige, “alle in die selbe Form zu gießen”. Er warnte, wenn Gleichheit wichtiger wird als Freiheit, beginnt das Denken zu verkümmern.

Das Genie, das Nonkonforme, das Unangepasste, sie bringen Unruhe in das System der Mittelmäßigkeit. Sie stören den reibungslosen Ablauf, stellen Fragen, wo andere funktionieren. Sie denken tiefer, fühlen stärker, zweifeln länger.

Doch anstatt sie zu schützen, ettiketieren wir sie als schwierig, überempfindlich, nicht Teamfähig etc. Unsrer Schulen, unsere Institutionen, unsere Unternehmen, sind gebaut für das Berechenbare, nicht für das Außergewöhnliche. Und so lernen Kinder schon, das Originalität nicht geschätzt, sondern ein Risiko ist.

Wenn eine Gesellschaft nur das Reproduziert, was es schon kennt, stirbt schöpferische Genialität. Das Genie ist kein Luxuswesen, es ist ein notwendiges Gegengewicht zu kollektiven Trägheit. Es erinnert uns daran, das Fortschritt immer mit Abweichung beginnt.

Heute haben wir zwar Forschung, Technologie, unzählige Innovationen, doch kaum noch radikal Neues. Wir perfektionieren Bestehendes, statt wirklich zu hinterfragen. Wir optimieren Prozesse, aber nicht Paradigmen. So entsteht Fortschritt ohne Erneuerung, Bewegung ohne Richtung.

Wir haben das Denken verflacht, das Lernen standardisiert, das Fühlen rationalisiert. Wir sind effizient geworden aber leer. Konform aber innerlich entwurzelt. Und in diesem Klima verkümmert nicht nur das Genie, sondern auch das Menschliche in uns.

Wir brauchen ein neues Verständnis von Gleichheit. Nicht als Gleichmachung, sondern als gleiche Würde des Verschiedenen. Gleichheit darf nicht bedeuten, dass alle das selbe tun, sonder dass jeder sein Eigenes entfalten darf, ohne dafür sanktioniert zu werden.

Denn jedes große Denken, jede Entdeckung, jede neue Kunstform war einmal ein Akt des Ungehorsams. Ein Nein zum Gewohnten, ein Ja zu Wahren.

Wenn wir das Außergewöhnliche wieder ehren, ehern wir die Zukunft. Wenn wir das Genie schützen, schützen wir das Lebendige selbst.

“Wer immer in der Herde geht, kommt nur so weit wie die Herde” -Albert Einstein

Bianka Seredinski-Holzner

Zwischenraumtexte 2025

Tópico Ambiguität Orientierung