Wenn Organisationen Beziehungen betonen, aber Verantwortung scheuen
Hinweis: Im Text geht es auch um sexuelle Belästigung.
Beziehung, Verbindung – das sind schöne Wörter, die in bestimmten Kreisen oft fallen, wenn es um neue, menschlichere und zukunftsfähigere Organisationen geht. Grundsätzlich finde ich das wichtig und richtig. Auch ich sehne mich danach, mehr wirklich in Beziehung zu sein – im Arbeitskontext, mit anderen, mit mir selbst, mit der Welt.
In der Welt sein heißt eigentlich: in Beziehung sein. Alles ist miteinander verbunden – das ist keine spirituelle Phrase, sondern eine Realität, die wir im mechanistisch geprägten westlichen Weltbild manchmal vergessen haben. Mein Lieblingsbeispiel: Ab wann wird die Möhre, die ich gerade esse (ich liebe Möhren! :D), zu mir? Oder denken wir an die Luft, die wir atmen – wir können nicht lange ohne sie. Woher kommt sie, woraus ist sie wiederum entstanden? Und genauso entstehen meine Gedanken, die ich hier aufschreibe, aus einem dichten Netz an Begegnungen und Erfahrungen mit anderen Menschen. Und nicht zuletzt kann ich sie überhaupt erst aufschreiben, weil ich Möhren esse und atme.
Ich glaube, bei vielen von uns steckt eine tiefe Sehnsucht, raus aus der Vereinzelung, der hyper-individualistischen und kapitalistischen Kultur zu kommen. Viele tragen Bindungswunden in sich, die nach Heilung suchen. Die Vorstellung, Teil einer Gemeinschaft zu sein, sich auf Beziehung zu fokussieren oder Organisationen und Weiterbildungen als Heilungsraum zu erleben, kann deshalb magisch anziehen.
Doch diese vermeintlich sicheren Räume haben oft eine Schattenseite: In einer „Wir haben uns alle lieb“-Kultur kann es schnell passieren, dass schädliches Verhalten und Grenzüberschreitungen nicht (ausreichend) adressiert werden - selbst wenn sie klar erkennbar sind.
Ich habe das selbst erlebt. In einer längeren Weiterbildung zur Organisationsentwicklung, die stark auf „innere Arbeit“ und Community-Building ausgerichtet war, war einer der Assistenztrainer mir gegenüber körperlich übergriffig. Sein Verhalten war eindeutig sexualstrafrechtlich relevant. Bis heute hat weder er noch das verantwortliche Team Verantwortung übernommen oder Konsequenzen gezogen. Ich bekam ein Gespräch, in dem mir zugehört wurde, wie es mir damit geht – und es wurde mir angeboten, in einem moderierten Austausch mit dem Täter ins Gespräch zu gehen. Doch auch dort übernahm er keine Verantwortung. Meine mehrfachen, expliziten Bitten an das hauptverantwortliche Team, klar Stellung zu beziehen, blieben unbeantwortet. Und die Person durfte auch an den folgenden Seminarwochenenden weiterhin anwesend sein und im Einsatz bleiben. Für mich ist das ein klarer Fall von spirituellem Bypassing (also dem Ausweichen vor Verantwortung durch positiv klingende Werte wie Verbindung, Heilung oder Wachstum).
Es hat Jahre gedauert, bis ich die Situation wirklich verstehen konnte – und das ist normal. Wenn ein Raum so „kuschelig“ ist und scheinbar niemand sonst etwas auszusetzen hat, ist es schwer zu erkennen: Hier läuft etwas grundlegend schief.
Meine Erfahrung war im Rahmen einer Weiterbildung, aber solche Dynamiken enstehen auch schnell in Organisationen, die zu sehr auf „Wir haben uns alle lieb“ setzen. Dort herrscht oft eine unterschwellige Angst vor Konflikten und Reibung, gepaart mit einer Harmonie-Sucht. Der Wunsch nach Verbindung ist da, aber nicht die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen.
Dabei geht es natürlich nicht nur, wie in meinem Fall, um sexualstrafrechtlich relevante Vorfälle. Ebenso ist es problematisch, wenn bei anderen Grenzverletzungen und schädlichen Verhaltensweisen Verantwortung nicht adressiert wird. Wenn es die (unausgesprochene) Erwartung gibt, dass wir alles „in Beziehung“ klären, für alles Verständnis aufbringen, weil Menschen aus ihren Traumata heraus handeln. Ja, wir tun uns oft aus unseren eigenen Wunden heraus weh – aber das entbindet uns als Erwachsene nicht davon, Verantwortung für unser Verhalten zu übernehmen. Und Verantwortungsträger:innen müssen dafür sorgen, dass die Organisation Grenzen zieht und für schädliches Verhalten Konsequenzen folgen – gerne mit Liebe und Mitgefühl, aber konsequent.
Wirtschaftswissenschaftliche Forschung zeigt übrigens, dass klare Regeln und ein bewusster Umgang mit „Trittbrettfahrer:innen“ gerade auch im Kontext von New Work und gemeinsamer Führung (Si apre in una nuova finestra) nicht nur menschlich, sondern auch wirtschaftlich entscheidend sind. Die Nobelpreisträgerin Elinor Ostrom hat am Beispiel von selbstverwalteten Fischereigemeinschaften untersucht, dass nachhaltige Bewirtschaftung nur funktioniert, wenn klar ist, wie mit Regelverstößen umgegangen wird.
Für meine Beratungsarbeit heißt das: Gesunde Beziehungen und Beziehungskompetenz sind wichtige Bausteine guter Zusammenarbeit. Aber genauso wichtig sind klare Regeln und Transparenz darüber, wie bei Regelbrüchen vorgegangen wird. Arbeitsrecht und Strafrecht sind dabei natürlich unverhandelbar.
In diesem Kontext halte ich es auch für notwendig, das langsam in “Mode” kommende Thema „traumainformierte Organisationsentwicklung“ differenziert zu betrachten. Fast alle von uns tragen irgendeine Form von Trauma in sich – oft Entwicklungstrauma aus der Kindheit. Solange diese Traumata nicht verstoffwechselt sind, können dysfunktionale Verhaltensweisen bestehen bleiben, die uns damals geholfen haben, heute aber nicht mehr hilfreich sind. „Hurt people hurt people“ – das gilt es mit Mitgefühl für uns selbst und andere anzuerkennen.
Traumainformierte Organisationsentwicklung darf aus meiner Sicht aber nicht heißen, dass wir alles ohne Konsequenzen willkommen heißen. Ich verstehe meine Arbeit als traumainformiert - auf einer analytischen Ebene und auf einer Ebene von Mitgefühl und Wohlwollen. Verantwortung und Grenzen bleiben dabei aber zentral. Nur so kann aus meiner Sicht in Organisationen eine lebendige Kultur des Miteinanders entstehen, in der Beziehung wirklich trägt, Grenzen schützen und Verantwortung übernommen wird.
Herzliche Grüße
Lyn
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Über Lyn von der Laden
Als freiberufliche Wirtschaftspsychologin begleite ich Teams und Organisationen, ihre Zusammenarbeit wirksam, anpassungsfähig und freudvoll zu gestalten.
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