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Görlitz bekommt einen Campus fürs Bauen

HINTERGRUND / FORSCHUNG IN OSTSACHSEN

  1. Mai 2023

Nach Casus und dem Astroforschungszentrum bekommt Görlitz eine weitere Forschungseinrichtung. Drei Professoren aus Dresden wollen in einem Construction Future Lab das digitale Bauen vorantreiben.

von Naomi Asal

Die Nachricht aus dem Dresdner Regierungsviertel hat Ende März einigermaßen überrascht: Zu den zahlreichen Forschungsleuchttürmen, die in Görlitz entstehen sollen, kommt ein weiterer hinzu. Ein sogenanntes Construction Future Lab soll das Bauen der Zukunft vorantreiben. Forscherinnen und Forscher sollen Technologien für Bau und Baumaschinen unter realen Bedingungen entwickeln und erproben. Neun Millionen Euro aus Strukturmitteln hat Sachsens Regionalminister Thomas Schmidt (CDU) dafür überreicht.

Die glücklichen Empfänger sind drei Professoren der TU Dresden, die in der Stadt an der Neiße ihren Traum von einer Forschungsstätte verwirklichen wollen. Angefangen habe alles mit einem Verbundvorhaben vom Bundesforschungsministerium im Jahr 2019, sagte Jürgen Weber der Neuen Lausitz. Weber ist einer der drei Geschäftsführer der Einrichtung, die er im Mai 2022 gemeinsam mit den Professoren Frank Will und Jens Otto gründete. Ziel dabei war es, die Forschungsergebnisse aus dem Verbundvorhaben, das im September 2022 in Hoyerswerda abgeschlossen wurde, weiterzuführen und zu entwickeln.

Weber ist Direktor des Instituts für Mechatronischen Maschinenbau, Will ist Inhaber der Professur für Baumaschinen und Otto ist Direktor für das Institut Baubetriebswesen. Im Verbundvorhaben nahmen die drei vor einigen Jahren Gespräche mit den sächsischen Ministerien auf, um ein Gelände für ihre Forschung zu erhalten. Diese Bitte traf damals zusammen mit dem Strukturwandel in der Lausitz und so fiel die Wahl auf Görlitz.

Tablets statt Baupläne

Das Construction Future Lab ist als eine gemeinnützige Entwicklungs- und Forschungseinrichtung gegründet und will den Automatisierungsgrad von Baumaschinen erhöhen - und damit die Produktivität von Bauprozessen verbessern. Das soll durch die Digitalisierung der Baustelle passieren. „Heute passiert sehr viel mit Papierplänen, auf Zuruf und unter Absprachen, also ein sehr manueller und nicht digitaler Prozess. Es gibt eine klaffende Lücke zwischen der Bauplanung, die am Computer stattfindet und der Bauumsetzung“, sagt der Forschungsprojektkoordinator des Projekts, André Sitte.

Damit passt das Lab perfekt ins Strukturwandel-Portfolio Ostsachsens. Dort waren Irritationen entstanden, weil das größte wissenschaftliche Vorhaben - das Zentrum für Astrophysik - so wenig praxisnah wirkte. Die Frage, was die Wirtschaft zwischen Görlitz und Bautzen von einem neun Millionen schweren Forschungsvorhaben hat, lässt sich beim Construction Future Lab viel leichter beantworten. Baufirmen, die wegen Personalmangel digitalisieren müssen, gibt es einige in der Region.

Die Digitalisierung des Bauprozesses kann mithilfe von verschiedenen Technologien umgesetzt werden. Etwa wenn der klassische Bauplan durch ein Tablet mit Zugang zu vielfältigen Informationen ergänzt wird. „Dadurch sieht der Vorarbeiter zu jeder Zeit den Baustatus, aber auch, wo seine Arbeiter sich bewegen, was die Maschinen gerade tun und welche Materialien wo gebraucht werden. So kann schnell und flexibel auf Verzögerungen und Engpässe reagiert werden“, erläutert Sitte. Der gebürtige Dessauer bringt langjährige Erfahrung im Bereich Modellbildung, Simulation und Optimierung von Steuerungssystemen mobiler Arbeitsmaschinen mit in das Projekt. Seine Motivation für das Lab ist vor allem die Möglichkeit, ein interdisziplinäres Projekt in der Lausitz umzusetzen.

Prototypen für Industriepartner aus der Region

Das Lab möchte die neu entwickelten Technologien direkt in die Unternehmen tragen. Industriepartner können das Labor künftig mit konkreten Anforderungen oder Ideen um Unterstützung bitten. Das Ziel des Labs ist die Weiterentwicklung von Prototypen, sodass sie später von Industriepartnern genutzt werden können. „Wir verkaufen die Technologien aber nicht, sondern entwickeln die Prototypen gemeinsam mit den Partnern bis zu dem Punkt, dass es ihnen sehr leicht fällt, ein eigenes Produkt zu entwickeln“, erklärt Weber.

Dabei ist man vor allem an kleinen Unternehmen und Partnern aus der Region interessiert. „Ich bin der festen Überzeugung, dass große Bauunternehmen schon heute an ähnlichen Technologien forschen wie wir. Mit dem CFL geben wir vor allem kleineren Unternehmen die Möglichkeit, auch Technologien zu entwickeln, damit sie nicht aus dem Markt gedrängt werden“, so Weber. Für den 65-Jährigen ist genau das auch eine der Hauptmotivationen für die Gründung des Labs. Er möchte eine nachhaltige Infrastruktur aufbauen, die den Menschen in der Region Sachsen zur Verfügung steht.

Mit der Gründung geht auch die Hoffnung einher, dass sich neue Unternehmen in der Lausitz ansiedeln. Man habe bereits Kooperationsanfragen aus Tschechien und Polen bekommen. „Das wird dazu führen, dass wir in diesem Dreiländereck international aufgestellt sind, dadurch wird das Einzugsgebiet von potenziellen Fachkräften noch mal größer. Diese Fachkräfte ziehen dann wiederum die Firmen international an. Das ist der Effekt, den wir uns in Görlitz erhoffen“, so Sitte.

Neubau im Stadtteil Klingewalde

Um flexibler und nachhaltiger zu agieren, hat sich das Lab als außeruniversitäre Forschungseinrichtung gegründet. „Für uns ist es wichtig, dass wir als Institution wahrgenommen werden, die den Strukturwandel aktiv unterstützt und das wir langfristig in Görlitz sein wollen", betont Forschungskoordinator Sitte. "Wir sind nicht nur ein Forschungsprojekt, sondern eine nachhaltige Einrichtung und wollen im Hinblick auf den Strukturwandel etwas bewegen."

Jetzt, da die ersten Gelder geflossen sind, geht es an eine detaillierte Planung und Umsetzung des Labs. Gebaut werden soll es auf einem Gelände im Görlitzer Stadtteil Klingewalde, das etwa neun Hektar umfasst. Genug Platz für das geplante Bürogebäude, einen Hallenbau, eine Laborbaustelle und auch weitere Ausgründungen, die aus dem Projekt entstehen könnten. Wenn es gut läuft, können die Bagger für den Bau des Construction Future Lab im ersten Halbjahr 2024 loslegen.

Argomento Wissenschaft und Bildung