Bittere Wahrheiten über den vergessenen Krieg im Sudan.
von Stefan Hünl

Während die Schlagzeilen der Weltpresse fast täglich von den Krisenherden in der Ukraine, dem Iran oder im Gazastreifen dominiert werden, vollzieht sich am Horn von Afrika eine Katastrophe von beispiellosem Ausmaß. Und das fast unter Ausschluss der Weltöffentlichkeit.
Der Sudan, ein Land mit einer reichen Geschichte und enormem Potenzial, versinkt in einem Chaos, das droht, eine ganze Region zu destabilisieren. Doch warum hören wir so wenig darüber?
(Si apre in una nuova finestra)Dieser Text beleuchtet die Anatomie eines Konflikts, den die Welt scheinbar vergessen hat, und zeigt auf, warum Wegsehen keine Option mehr ist.
Ein Duell der Generäle:
Wer kämpft hier gegen wen?
Der Kern des Konflikts ist kein klassischer Bürgerkrieg zwischen Ideologien, sondern ein brutaler Machtkampf zwischen zwei Männern und ihren Armeen. Auf der einen Seite steht die Sudanese Armed Forces (Si apre in una nuova finestra) (SAF) unter der Führung von General Abdel Fattah al-Burhan (Si apre in una nuova finestra). Er ist der De-facto-Staatschef und repräsentiert das offizielle Militär.

Ihm gegenüber stehen die Rapid Support Forces (Si apre in una nuova finestra) (RSF), eine mächtige paramilitärische Gruppe unter General Mohamed Hamdan Dagalo (Si apre in una nuova finestra), besser bekannt als Hemedti. Die RSF ging aus den berüchtigten Janjaweed-Milizen hervor, die bereits in den 2000er Jahren für Gräueltaten in Darfur verantwortlich waren.

Es ist ein Krieg zwischen zwei Partnern, die gemeinsam einen Putsch anführten und sich nun gegenseitig zerfleischen, wobei das sudanesische Volk den Preis zahlt.
Jenseits von Links und Rechts:
Die politische Einordnung
Eine Einordnung in das klassische westliche Links-Rechts-Schema greift im Sudan zu kurz. Der Konflikt ist eher entlang von Machtinteressen, Ethnien und dem Erbe der jahrzehntelangen Diktatur von Omar al-Baschir zu verstehen.
Die SAF (Al-Burhan): Wird oft mit den "alten Eliten" und islamistischen Kräften aus der Baschir-Ära in Verbindung gebracht. Sie beanspruchen für sich, die staatliche Ordnung und Souveränität zu wahren.
Die RSF (Hemedti): Positioniert sich rhetorisch als Kämpfer gegen die "marginalisierten Randgebiete" und gegen die Vorherrschaft der Kairo-nahen Eliten in Khartum. In der Realität handelt es sich jedoch um eine hochgradig profitorientierte Söldnertruppe mit enormem Einfluss auf den Goldhandel des Landes.
Es ist ein Kampf zwischen dem tiefen Staat und einer privatisierten Armee, die beide wenig Interesse an der demokratischen Transformation haben, die das Volk 2019 so mutig forderte.

Die größte Hungerkatastrophe der Gegenwart
Die humanitären Zahlen aus dem Sudan sind nicht nur erschütternd, sie sind rekordverdächtig im negativsten Sinne. Millionen von Menschen sind auf der Flucht. Der Sudan beherbergt mittlerweile die größte interne Vertreibungskrise der Welt.
(Si apre in una nuova finestra)In Regionen wie Darfur und der Hauptstadt Khartum ist die Infrastruktur kollabiert. Krankenhäuser sind Ziele von Angriffen, und die Landwirtschaft liegt brach. Experten warnen vor einer Hungersnot, die Zehntausende Kinder das Leben kosten könnte. Hunger wird hierbei oft gezielt als Waffe eingesetzt, indem Hilfslieferungen blockiert werden.
Warum wir wegschauen:
Das Phänomen des »vergessenen Krieges«
Es ist die bittere Realität: Der Sudan steht im Schatten anderer Konflikte. Doch woran liegt das?
Geopolitische Komplexität:
Im Sudan gibt es keine klaren "Guten" gegen "Böse" nach westlichem Narrativ. Es ist ein unübersichtlicher Kampf zweier Militärführer, was die mediale Aufarbeitung erschwert.
Medialer »Crowding-Out«-Effekt:
Die Kapazitäten der Weltöffentlichkeit für Empathie und Berichterstattung sind begrenzt. Ukraine und Nahost binden die meisten Ressourcen.
Eingeschränkter Zugang:
Beide Konfliktparteien behindern Journalisten und internationale Beobachter massiv. Wo keine Bilder entstehen, findet in der Wahrnehmung vieler Menschen auch kein Leid statt.
Ein Flächenbrand mit globalen Folgen
Der Sudan liegt strategisch am Roten Meer und grenzt an sieben Staaten. Ein dauerhafter Kollaps hätte massive Auswirkungen auf die globale Sicherheit.
(Si apre in una nuova finestra)Migrationsbewegungen: Millionen von Menschen könnten gezwungen sein, Schutz in den Nachbarländern oder in Europa zu suchen.
Destabilisierung der Sahel-Zone: Ein zerfallender Sudan bietet Raum für transnationale Terrorgruppen.
Sicherheit der Handelswege: Das Rote Meer ist eine der wichtigsten Schlagadern des Welthandels.

Eine Frage der Menschlichkeit
Der Sudan-Konflikt zeigt uns schmerzhaft die Grenzen der internationalen Aufmerksamkeit auf. Doch das Schweigen der Welt ist der Treibstoff für die Fortsetzung der Gräueltaten. Wenn wir erst reagieren, wenn die Hungersnot ihr volles Ausmaß erreicht hat, wird es für Millionen zu spät sein.
(Si apre in una nuova finestra)Die Frage, die bleibt:
Sind wir bereit, unser Augenmerk auch auf jene Krisen zu richten, die keine einfache Storyline bieten, aber dennoch das Schicksal von Millionen Menschen entscheiden?
UN OCHA (Amt für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten): Reports zum Sudan (Si apre in una nuova finestra)
Amnesty International: Berichte über Menschenrechtsverletzungen im Sudan (Si apre in una nuova finestra)
Tagesschau (Hintergrundberichte zur Lage im Sudan): Drei Jahre Krieg im Sudan: Ein Leben an der Grenze (Si apre in una nuova finestra), Bürgerkrieg im Sudan: Drei Jahre Schrecken und kein Ende in Sicht (Si apre in una nuova finestra)
Al Jazeera English (International anerkannte Berichterstattung vor Ort): Sudan Crisis Coverage (Si apre in una nuova finestra)
Human Rights Watch: Sudan: Arbitrary Detention by Army, Security Forces (Si apre in una nuova finestra)
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