Pink ist eigentlich die Farbe für Jungen. Wären da nicht die dunkelblauen Uniformen der US-amerikanischen Marine gewesen. Und die Kaufhäuser, die Mädchen und Jungen in getrennte Konsumwelten sortierten. Warum Mädchen seit Jahrzehnten mit pinkem Zuckerguss sozialisiert werden – und weshalb Länder wie Schweden der „Pest in Pink“ längst etwas entgegensetzen.
„Beim Betreten der Zelle Nummer 301 im Schweizer Untersuchungsgefängnis Pfäffikon wundern sich die Häftlinge zurecht. Die vier mal drei Meter große Zelle ist vollständig pink gestrichen: Wände, Boden, Decke, Tür, selbst der doppelte Maschendraht vor dem Fenster. Mit Bestrafung hat das allerdings nichts zu tun, sondern mit Beruhigung.“
So lautete mein Einstiegssatz des Artikels, den ich 2013 für die österreichische Frauenzeitschrift WIENERIN schrieb. Schon damals versuchte ich feministische Aufklärung in jeden kleinsten Winkel meiner Beiträge einzuschmuggeln.
Beim Recherchieren zu einem Thema rund um Kinderfashion
stieß ich über die Farbe Pink auf das Gefängnis Pfäffikon in
der Schweiz. Ein top Aufmacher: Die sogenannte "rosa Zelle",
auch bekannt als "Cool Down Pink"-Zelle, gab es seit 2006.
Sie galt damals als die erste ihrer Art in der Schweiz.
Seit 2023 wird die Haftanstalt renoviert. Ob es die Zelle auch danach noch geben wird, weiß man nicht.
Die Idee dahinter aber passt erstaunlich gut zu einem zeitgenössischen Thema, das leider immer wieder an der deutschen Politik abprallt: der genderneutralen
Werbeausrichtung.
Denn die pinke Zelle in Pfäffikon war einzig für
besonders aggressive Häftlinge vorgesehen.
In den 1970er Jahren glaubten Psychologen (absichtlich nicht gegendert), einen Rosaton gefunden zu haben, der aggressive Menschen beruhigen könne.
Das sogenannte „Baker-Miller Pink“ wurde daraufhin in Gefängnissen, Psychiatrien und Sporteinrichtungen eingesetzt.
Der US-amerikanische Wissenschaftler Alexander Schauss will zum Beispiel beobachtet haben, dass aggressive Gefängnisinsassen beim Anblick bestimmter Rosatöne ruhiger wurden.
Gemeinsam mit zwei Direktoren einer Haftanstalt entwickelte er deshalb später jenes berühmte „Baker-Miller Pink“, das heute
noch als „Cool Down Pink“ bekannt ist.
Die Theorie dahinter: Rosa wirke kurzfristig beruhigend auf Körper und Nervensystem, senke Aggression und reduziere körperliche Anspannung.
Die Forschung dazu gilt heute als umstritten. Interessant ist hier jedoch etwas anderes:
Wie Farben Geschlecht bekamen
Keine andere Farbe wird so selbstverständlich mit Fürsorge, Friedfertigkeit und Harmonie verbunden wie Rosa.
Kein Wunder also, dass wir von „rosigen Zeiten“ sprechen, die „rosarote Brille“ aufsetzen oder rosige Wangen als Zeichen von Gesundheit lesen.
Rosa wirkt weich. Harmlos. Emotional zugänglich. Und genau diese Zuschreibungen prägen bis heute auch unsere Vorstellungen von Weiblichkeit.
Dazu braucht es kaum weitere psychologische Untersuchungen. Rosa gehört zu den Mädchen, Hellblau zu den Jungen. So zumindest lautet einer der erfolgreichsten gesellschaftlichen Mythen des vergangenen Jahrhunderts.
Und das obwohl Pink noch vor gar nicht allzu langer Zeit überhaupt nicht „weiblich“ konnotiert war.
Noch Anfang des 20. Jahrhunderts galt Rosa in Teilen Europas
und der USA sogar als Jungenfarbe – kräftig, nah am Rot,
also an Stärke, Energie, Militär, Kampf und Macht.
Das US-amerikanische Fachmagazin Earnshaw's Infants' Department schrieb dazu im Jahr 1918: „Die allgemein akzeptierte Regel lautet: Rosa für Jungen und Blau für Mädchen. Der Grund dafür ist, dass Rosa als kräftigere und stärkere Farbe gilt, während Blau zarter und feiner wirkt.“
Blau war lange weiblich konnotiert, nicht zuletzt durch die christliche Bildtradition rund um Maria.
Dass heute ganze Spielzeugabteilungen für Mädchen aussehen
wie ein explodiertes Prinzessinnenschloss, ist also keineswegs biologisch gewachsen. Es ist kulturell produziert.
Sogar erst nach dem Ersten Weltkrieg begann sich diese Zuordnung langsam umzukehren. Die Farbe Blau wurde gesellschaftlich zum Symbol für der Arbeits- und damit Männerwelt, etwa durch blaue Arbeitsanzüge.
Und dann kam die Marine in den USA hinzu, samt ihrem Werbebudget und jungen Männern in leuchtend blauen Matrosenanzügen. Fotos aus den 1910er- und 1920er-Jahren zeigen daher auch viele Jungen in dunkelblauen Matrosenanzügen. Und Blau wurde zunehmend männlicher.
Rosa ist ein gesellschaftlicher Code
Und jetzt wird’s interessant: Denn die eigentliche Durchsetzung von Rosa für Mädchen hat nur zum Teil mit den Seestreitkräften zu tun. Der Kapitalismus und der damit verbundene steigende Konsum sind schuld.
Die Werbebranche, Spielartikelhersteller und die Bekleidungsindustrie merkten schnell, dass die Gender-Farbzuordnung für mehr Absatz sorgte. Und so trennten sich
in Kaufhäusern die Produkte in Blau und Pink, also in Jungs
und Mädchen.
Spätestens als dann die erste Barbie 1959 in die Kinderzimmer der Mädchen einzog und später in den 1980er Jahren ihre ganzen pinken Accessoires wie Plastikkutschen, Ballkleidchen und glitzernde Haarspangen, mitbrachte, war der Siegeszug der Farbe Pink beschlossene Sache.
Und jetzt ist die Farbzuordnung gesetzt: Studien aus der Entwicklungspsychologie zeigen, dass Kinder bereits im KITA-Alter geschlechtlich codierte Produkte erkennen und Farben bestimmten Rollen zuordnen.
Mädchen lernen früh, welche Dinge „für sie“ gedacht sind –
und welche eher nicht. Verstärkt wird das durch Werbung, Spielzeugwelten, Kleidung und soziale Nachahmung.
Besonders interessant ist dabei: Die Soziologin Elizabeth Sweet beschreibt in ihrer Forschung, dass Spielzeug seit den 1980er Jahren deutlich stärker nach Geschlecht getrennt vermarktet wurde als zuvor. Wirtschaftlich ein Volltreffer. Gesellschaftlich nicht ganz folgenlos.
Denn Farben sind nie nur Farben. Sie transportieren Erwartungen.
Die Prinzessinnenfalle
Daher lohnt sich ein genauerer Blick darauf, warum die Welt vieler Mädchen seit Jahrzehnten aussieht, als hätte jemand Zuckerwatte über ihre Kindheit gegossen.
Schon vor mehr als einem Jahrzehnt kritisierten Autorinnen wie Peggy Orenstein oder Bascha Mika genau diese frühe Form weiblicher Sozialisation. Die amerikanische Journalistin Peggy Orenstein beschäftigte sich in ihrem Bestseller Cinderella Ate My Daughter (2011) mit der Frage, wie stark Mädchenwelten durch Schönheitsideale, Konsum und die sogenannte Prinzessinnenkultur geprägt werden.
Bascha Mika, ehemalige Chefredakteurin der taz und später der Frankfurter Rundschau, blickte im selben Jahr aus einer stärker gesellschaftspolitischen Perspektive auf das Thema. In ihrem Buch Die Feigheit der Frauen beschrieb sie, wie traditionelle Weiblichkeitsbilder auch im 21. Jahrhundert fortbestehen – oft moderner verpackt, aber keineswegs verschwunden.
Beide beobachteten etwas Ähnliches: Mädchen lernen sehr früh, welche Eigenschaften gesellschaftlich als weiblich gelten. Schönheit, Anpassungsfähigkeit, Liebenswürdigkeit und Harmonie gehören häufig dazu. Rosa wurde dabei zu einem sichtbaren Symbol dieser Erwartungen.
Natürlich geht es nicht wirklich um die Farbe selbst.
Rosa ist nicht gefährlich. Glitzer auch nicht.
Lippenstift ebenfalls nicht.
Problematisch wird es nur dann, wo Mädchen über Jahre
hinweg mit Rollenbildern konfrontiert werden, die vor allem
eines vermitteln:
Sei hübsch. Sei lieb. Sei weich. Sei begehrenswert.
Aber eben bitte nicht zu laut – oder aggressiv.
Deshalb vielleicht auch das Pink?
Wo Mädchen den Bagger fahren
Nun gut. Und wie jetzt weiter? So wie bisher, zumindest hierzulande.
Während andere Länder längst darüber diskutieren, welche Geschlechterbilder Werbung Kindern vermittelt, wird die Debatte in Deutschland bis heute zurückhaltend geführt.
Hier wird meist erst dann eingegriffen, wenn Werbung als offen sexistisch wahrgenommen wird.
Die grundlegendere Frage, warum Mädchen und Jungen noch immer so konsequent in unterschiedliche Konsumwelten
sortiert werden, spielt politisch keine Rolle.
Dabei geht es längst nicht nur um die Farbe Rosa.
Es geht um die Geschichten, die mit ihr verkauft werden.
Wer darf Abenteuer erleben und wer soll hübsch aussehen?
Wer bekommt Technik geschenkt und wer das Schminkköfferchen?
Kurz: Welche Vorstellungen von Weiblichkeit und Männlichkeit lernen Kinder eigentlich schon beim Spielen?
Ein Blick in mein liebstes skandinavisches Land:
Schweden gilt seit Jahren als Vorreiter beim geschlechterneutralen Marketing für Kinder.
Die schwedische Werbeaufsicht geht regelmäßig gegen geschlechterstereotype Kinderwerbung vor. Werbung, die Mädchen ausschließlich über Schönheit oder Jungen ausschließlich über Stärke definiert, kann dort offiziell beanstandet werden.
Bereits vor über zehn Jahren sorgten schwedische Spielzeugkataloge für internationale Aufmerksamkeit, in denen Jungen mit Puppen spielten und Mädchen mit Nerf Guns oder Baggern.
Währenddessen in Friedrich Merz Deutschland: Prinzessinnenwelten, Beauty-Sets, Puppenküchen und rosa Überraschungseier für Mädchen. Dunkle Actionregale voller Science-Fiction-Technik, Autos und Plastikschwerter für Jungen.
Farbwelten also, die wie eine frühe visuelle Einteilung gesellschaftlicher Rollenbilder funktionieren. Intersektionale Misogynie, angestrichen in Pink und Blau.
Hi Barbie! Hi Gleichberechtigung!
Und dann muss Barbie höchstpersönlich in einem Kinofilm vorbeikommen, um uns zu erklären, dass diese ganze Prägung von Mädchen vielleicht doch keine besonders gute Idee war.
Versteht mich nicht falsch: Ich bin ein großer Fan von Greta Gerwig, die 2023 Regie bei Barbie geführt hat. Und ich halte die Botschaften des Films für klug und wichtig.
Aber ein wenig absurd ist es schon, dass sich ausgerechnet dort einer der treffendsten Monologe der letzten Jahre über weibliche Sozialisation versteckt.
Gloria, gespielt von America Ferrera, beschreibt darin, wie widersprüchlich und erschöpfend die Erwartungen an Frauen sind. Frauen sollen erfolgreich sein, aber nicht einschüchternd. Selbstbewusst, aber nicht arrogant. Attraktiv, aber bitte nicht
„zu“ sexy. Natürlich aussehen – nur möglichst makellos. Karriere machen, als gäbe es kein Privatleben. Für andere da sein, als gäbe es keine eigenen Ambitionen. Stark sein und schlank (gleichzeitig) aber bloß niemals unbequem. Und auf gar keinen Fall wütend
oder aggressiv.
Greta Gerwig zeigt damit jenes unsichtbare Regelwerk voller doppelter Standards, das im Hintergrund an den Fäden zieht wie ein Marionettenspieler. Und selbst wenn eine Frau unter diesem Druck irgendwann zusammenbricht, sollte sie sich das möglichst nicht anmerken lassen. Souverän bleiben. Funktionieren. Und zwar bitte leise. Und bloß nicht aggressiv.
Also die Wände der Mädchenzimmer bitte auf gar keinen Fall
in Pink streichen! Die Außenwelt errichtet bereits einen
rosa Knast für sie.
Und gerade die nächste Generation von Töchtern braucht all ihre Energie. Und all ihre Aggression. Und ihre Wut. Als Investition in eine Zukunft, die endlich gleichberechtigt ist.
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Foto zum Text von Vanessa Werder (Si apre in una nuova finestra) auf Unsplash (Si apre in una nuova finestra)
Studien & Quellen zu PINK:
Alexander G. Schauss (1979)
Schauss, A. G. (1979). Tranquilizing Effect of Color Reduces Aggressive Behavior and Potential Violence.
Schauss beobachtete in mehreren Untersuchungen, dass ein bestimmter Rosaton kurzfristig Muskelkraft reduzieren und aggressives Verhalten abschwächen könne. Seine These lautete, dass Menschen in einer vollständig rosa Umgebung körperlich nur schwer dauerhaft aggressiv bleiben können.
Gilliam, J. E., & Unruh, D. (1988).
The Effects of Baker-Miller Pink on Biological, Physical and Cognitive Behaviour.
Die Autoren fanden Hinweise darauf, dass Baker-Miller Pink kurzfristig beruhigend wirken könne, stellten aber bereits fest, dass die Effekte nicht stabil und nicht bei allen Personen gleich stark seien.
Die spätere Kritik: Ab den 1990er Jahren wurden viele der ursprünglichen Befunde nicht mehr eindeutig bestätigt.
Unter anderem: Pellegrini, R. J. et al. (1981) fanden keine dauerhaft messbaren Effekte auf Aggression oder Verhalten.
Farb- und Geschlechtersozialisation bei Kindern
Studien aus der Entwicklungspsychologie zeigen, dass Kinder bereits im Vorschulalter geschlechtlich codierte Farben, Spielzeuge und Verhaltensweisen erkennen und diesen soziale Bedeutungen zuordnen. Die Zuschreibung „Rosa = Mädchen“ ist dabei kulturell geprägt und nicht biologisch festgelegt.
(Halim et al., 2013; LoBue & DeLoache, 2011)
Gender-Marketing & Spielzeugindustrie
Die Soziologin Elizabeth Sweet zeigt in ihren Forschungen, dass Spielzeug seit den 1980er Jahren wieder deutlich stärker nach Geschlecht getrennt vermarktet wird. Produkte für Mädchen werden dabei häufiger über Schönheit, Fürsorge und Häuslichkeit codiert, während Jungen stärker mit Technik, Abenteuer und Aktivität angesprochen werden.
(Elizabeth Sweet, Boy Builders and Pink Princesses, 2014)
Selbstobjektivierung & Schönheitsnormen bei Mädchen
Aktuelle Forschung zeigt, dass Mädchen zunehmend früh lernen, ihren eigenen Körper von außen zu betrachten und über Attraktivität zu bewerten. Social Media und Beauty-Marketing verstärken diese Entwicklung zusätzlich.
(Fredrickson & Roberts, Objectification Theory; APA Report on the Sexualization of Girls, 2007; neuere Studien zu „Sephora Kids“, 2023/24)
Wirkung von Farben & „Baker-Miller Pink“
Der amerikanische Wissenschaftler Alexander Schauss untersuchte bereits in den 1970er Jahren die beruhigende Wirkung bestimmter Rosatöne auf aggressive Gefängnisinsassen. Das sogenannte „Baker-Miller Pink“ wurde später international bekannt und teilweise in Gefängnissen oder psychiatrischen Einrichtungen eingesetzt.
(Schauss, 1979)
Schweden & geschlechterstereotype Werbung
Schweden gilt seit Jahren als Vorreiter im Umgang mit geschlechterstereotyper Kinderwerbung. Die schwedische Werbeaufsicht beanstandet regelmäßig Werbung, die Mädchen ausschließlich über Schönheit oder Jungen ausschließlich über Stärke definiert. Internationale Aufmerksamkeit erhielt insbesondere der geschlechtsneutrale Spielzeugkatalog von Top-Toy aus dem Jahr 2012.
Peggy Orenstein & Bascha Mika
Peggy Orenstein beschreibt in Cinderella Ate My Daughter die frühe Vermarktung weiblicher Schönheits- und Konsumideale an Mädchen. Bascha Mika kritisierte bereits früh die gesellschaftliche Prägung von Mädchen über rosa Prinzessinnen- und Schönheitswelten.