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#6 Genug mit dieser Gleichberechtigung 

Liebe Leser:innen,

Nun muss einmal Schluss sein. Schluss mit Gleichstellung, Schluss mit Frauenförderung, Schluss mit Feminismus. Denn Männer leiden einfach zu sehr unter einer gleichberechtigten Gesellschaft, das kann man diesen zarten Wesen nicht länger zumuten. Es gibt zwar in keinem einzigen Land dieser Welt hundertprozentige Geschlechterparität, der Gender Pay Gap ist nirgendwo wirklich geschlossen und Frauen leisten nach wie vor fast um die Hälfte mehr Carearbeit, aber man muss schon Verständnis haben für den benachteiligten Mann.

Moment, was? Benachteiligter Mann? Ja, so sieht es zum Beispiel der SZ-Autor Werner Bartens (Si apre in una nuova finestra)in Bezug auf Gendermedizin. Jahrhunderte lang wurden Frauen in der medizinischen Forschung links liegen gelassen, man weiß, dass zahlreiche Behandlungsmethoden und Medikamente komplett am weiblichen Körper vorbei entwickelt wurden und Frauen eher an einem Herzinfarkt sterben, wenn sie von männlichen Ärzten behandelt werden. Aber Bartens sieht die Gesundheit des Mannes bedroht, weil sich in den letzten 20, 30 Jahren endlich ein paar Menschen mit den Bedürfnissen von Frauen beschäftigt haben. Schon wird das, was eigentlich ein Ungleichgewicht beheben soll, umgedeutet zu einer Benachteiligung des männlichen Geschlechts. 

Der Autor versucht zu argumentieren, es würde auf Männer vergessen. Allerdings ist kein einziges seiner Beispiele wissenschaftlich begründet. Es wird nicht weniger für Männer geforscht, die Probleme, die er benennt, sind in Wahrheit soziale. Sie sind Folgen des Systems, in dem wir leben und dieses nennt sich nach wie vor: Patriarchat. Dass beispielsweise Depressionen bei Männern unterdiagnostiziert sind, liegt nicht an mangelnder Aufmerksamkeit in der Wissenschaft. Es ist bestens erforscht, dass sich Symptome bei Männern hier deutlich von jenen bei Frauen unterscheiden können. Sondern es liegt daran, dass Männer erstens weniger oft zum Arzt gehen und zweitens noch immer nur mangelhaften Umgang mit psychischen Erkrankungen lernen. Hinzu kommen eben jene Klischeerollenbilder, die wir alle von klein an lernen, und mit denen auch Ärzt:innen geprägt sind.

Alles erreicht

Ein ähnliches Mindset wie der SZ-Autor an den Tag legt, dürfte aber grundsätzlich bei vielen vorliegen. Laut einer aktuellen Umfrage (Si apre in una nuova finestra) im Auftrag der Tageszeitung Der Standard geht das Thema “Frauenförderung” nämlich jedem dritten Mann generell zu weit - nicht nur, was die Medizin betrifft. Vor allem bei den jüngeren Generationen ist auch ein massiver Backlash zu beobachten. In der Gen Z finden 26 Prozent der Männer, dass Frauen ihren männlichen Partnern zu gehorchen hätten. Bei solchen Themen waren wir gesellschaftlich tatsächlich schon einmal ein Stückchen weiter. 

Auch von Frauenquoten, die etwa in der Politik ein Jahrhunderte gewachsenes Ungleichgewicht geraderücken sollen, wollen nicht besonders viele Männer etwas wissen: Nur jeder Vierte spricht sich dafür aus. Und das, wie gesagt, obwohl fast nirgendwo Geschlechterparität herrscht. Der Frauenanteil bei den Parteien SPÖ und ÖVP (von der FPÖ gar nicht zu reden) liegt im österreichischen Parlament derzeit zum Beispiel jeweils unter 40 Prozent. 

Beleidigte Egos

Sehr betrübt über den Feminismus zeigte sich vor kurzem auch der Welt-Autor Julian Theilen. Unter dem aufrüttelnden* Titel “Warum ich Frauen nicht mehr brauche” (Si apre in una nuova finestra) erklärte er sich zum Opfer der “Selbstgefälligkeit” junger Frauen. Diese Biester (meine Worte) haben ihm offenbar den Traum von der romantischen Liebe genommen. Einfach zu eigenständig und zu unabhängig zeigt sich das moderne Weibsvolk und vor allem: zu wenig begeistert von Männern wie Theilen. Der musste, man kann es kaum glauben, seinem Date sogar einen teuren Eiskaffee blechen, das sich dann nicht mal dafür bedankte. Verständlich, dass man nach solchen Erfahrungen mit dem “herrischen” (seine Worte) Feminismus abrechnen muss. 

Dass Männer mitunter mit sehr fragilen Egos ausgestattet sind, ist keine Neuigkeit. Vielleicht würde statt Wut auf Frauen, die sich nicht mehr mit Brotkrümeln zufrieden geben, aber Selbstreflexion und die Beschäftigung mit dem eigenen Ich mehr helfen. Womit wir wieder bei der Psychotherapie wären. Oder man befasst sich mit nackten Zahlen und Fakten, Statistiken zu Gewalt gegen Frauen, Mental Load, und so weiter und so fort. All das kann Männern dabei helfen, ihr Bewusstsein für reale und eingebildete Benachteiligung zu schärfen - und dieser Tipp ist tatsächlich Zynismus-frei gemeint. 

Missverständnis

Die zugrunde liegende Problematik bei genannten Beispielen und darüber hinaus lässt sich in einer Art Missverständnis finden. Der (moderne) Mann fühlt sich nämlich häufig zurückgesetzt, wo tatsächlich nur ein Gleichgewicht hergestellt wird. Es wird schlichtweg eine Gleichstellung mit einer Schlechterstellung verwechselt. Wenn jemand einen Vorteil, ein Privileg nicht mehr oder nicht mehr in selbem Ausmaß erhält wie bisher, ist er dadurch nicht benachteiligt. Er wird nur einfach nicht mehr bevorzugt. 

Hierin liegt ein Unterschied: Während sich Frauen tatsächlich bis heute in vieler Hinsicht aus einem bildlichen Minusbereich auf die Nulllinie kämpfen (müssen), empfinden Männer die Herrstellung eines Gleichgewichts als Ungerechtigkeit. Es ist schon klar, dass wir uns alle seit Jahrtausenden an das patriarchale Gesellschaftssystem gewöhnt haben und das Aufbrechen dieser Strukturen für manche ein Schock ist. Glücklicherweise haben wir aber auch erkannt, dass diese Strukturen nicht gesund sind. Für Männer eben auch nicht. 

Daher verzeihen Sie mir den für diese Kolumne gewählten Titel. Der war nur ein fadenscheiniger Trick. Selbstverständlich ist es nicht genug mit der Gleichberechtigung. Und selbstverständlich werden wir das Ringen um eine faire Gesellschaft nicht aufgeben, nur weil ein paar Männer deswegen beleidigt sind.

In diesem Sinne, alles Liebe.
Wir checken unsere Privilegien!

*Kann Spuren von Ironie enthalten 






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