Zwischen feiner Wahrnehmung, Überforderung in Gruppen und dem Wunsch nach Klarheit. Meine Auseinandersetzung mit der Bezeichnung “hochsensibel”.
Vor Jahren hat mir mein Freund ein Buch geschenkt, in dem es um Hochsensibilität ging. Ich weiß noch, dass ich angefangen habe es zu lesen und nach einigen Absätzen genervt in die Ecke warf. Ich mag es nicht, wenn Verhalten pathologisiert, jede Planlosigkeit mit ADHS erklärt wird und jeder menschliche Fehler ein Symptom darstellt.
Ich bin immer eine Freundin davon, Verantwortung für mein eigenes Verhalten zu übernehmen. Hochsensibilität erschien mir wie so ein Modewort und weil ich mich auch nicht mit der Introvertiertheit identifizieren konnte, die im Zusammenhang mit der Persönlichkeitseigenschaft „hochsensibel“ oft genannt wird, habe ich diese Bezeichnung für mich abgelehnt. Als Andrea Volkmann mir während unseres Gesprächs im Rahmen des Porträts: Gnadenlose Schaffenskraft (Opens in a new window)von ihren Erfahrungen als HSP – High Sensitive Person erzählte, meldete sich eine leise Stimme in meinem Gehirn mit den Worten: Merk dir das mal und schau es dir eventuell noch einmal an.
Feinfühlige Wahrnehmung
Und als ich vergangene Woche bei unserem Mädels-Trip nach Alicante mal wieder jeden Tag aktiv versuchte, einzelne Sinnesorgane der Wahrnehmung auszuschalten und verzweifelt in mich hinein fragte, warum Gruppenreisen immer wieder so anstrengend für mich sind und ich das nicht besser hinbekomme, tauchte der Begriff in meinem Hinterkopf wieder auf.
Hier ein Auszug aus dem Buch: „Hochsensibel ist mehr als zartbesaitet: Die 100 häufigsten Fragen und Antworten“ von Sylvia Harke: „Hochsensibilität wird in der Psychologie als eine Veranlagung des Temperaments beschrieben, die Menschen und Tiere zu einer feineren Wahrnehmung befähigt. Eine grundlegende Eigenschaft von Hochsensiblen besteht in der sorgfältigen Informationsverarbeitung. Die intensive Verarbeitung von Umweltreizen befähigt sie zu einer ausgeprägten Empfindungsfähigkeit und einer differenzierten Wahrnehmung für andere Lebewesen. Man schätzt, dass ca. 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung hochsensibel sind. Da Hochsensible deutlich mehr wahrnehmen, fühlen sie sich schneller von Eindrücken überreizt. Sie brauchen Rückzug und Ruhe, um Erfahrungen zu verarbeiten. Hochsensible verspüren starke emotionale Empfindungen und reflektieren ihre Lebensereignisse überdurchschnittlich.“
Mixed Messages
Wenn ich in einer Gruppe unterwegs bin, kann ich oft die Gedanken der anderen Menschen hören. Deshalb ist es für mich besonders angenehm, wenn ich von Menschen umgeben bin, die das aussprechen, was sie denken. Wenn ich eine Person frage, ob sie etwas machen möchte und sie sagt: „Ja“, denkt und fühlt aber „nein“, bemerke ich das. Ich frage dann nochmal nach, was dieses Zögern war, das ich gerade bemerkt habe. Viele Menschen haben Sorge, ihre eigenen Bedürfnisse zu kommunizieren, daher ist es auch schön und hilfreich, dass ich das kann. Die anderen bemerken, dass sie bei mir ihre Meinung ehrlich sagen können und es nicht passend machen müssen. Wenn ich aber mit mehreren Leuten unterwegs bin, die diese Tendenz haben, ist es sehr anstrengend für mich, das zu navigieren. Ich bekomme bei jeder Frage zwei gegensätzliche Antworten, es fühlt sich ein bisschen so an wie Mel Gibson in dem Film: „Was Frauen wollen“. Als Nick Marshall kann er hören, was Frauen denken, und verliebt sich schließlich in seine Vorgesetzte Darcy, auch, weil sie so angenehm direkt ist und er dadurch keine mixed messages erhält.
Ich fühle auch, wenn Menschen mich anlügen, das finde ich besonders unangenehm, weil ich dann immer überlege, ob ich das konfrontiere oder einfach durchgehen lasse, damit sie ihr Gesicht wahren können. Und ich fühle, wenn zwei Menschen sich miteinander nicht wohlfühlen. Manchmal fühle ich dann, was sie fühlen und muss kurz für mich auseinanderdividieren, ob das jetzt mein Gefühl ist oder das der anderen, für das ich nicht verantwortlich bin. Insgesamt mag ich diese Fähigkeiten. Sie führen oft dazu, dass wir klarer miteinander kommunizieren können, dass wir Dinge abkürzen können und das Leben leichter wird. Manchmal, wenn ich dauerhaft von vielen Menschen umgeben bin, die aus unterschiedlichen Gründen versuchen, ihre wahren Gefühle zu verbergen oder eventuell auch gar keinen Zugriff darauf haben, sich damit nicht auseinandersetzen wollen oder wenn ich nicht genug Rückzugsmöglichkeiten und Pausen habe oder auf wenig Verständnis für mein Bedürfnis nach Abstand stoße, dann wird es schnell sehr anstrengend für mich und zerrt an meinen Nerven.
Die Erfahrung, anders zu sein
Seit vielen Jahren weiß ich, dass das bei mir so ist. Ich wusste aber nicht, dass das auch einen Namen hat, beziehungsweise wollte ich das vielleicht auch nicht wahrhaben. Dazu gibt es auch eine interessante Passage in dem Buch:
„Mit der Erkenntnis der eigenen Hochsensibilität bestätigt sich zunächst einmal die Andersartigkeit. Damit ist bei den meisten HSPs eine tiefe Verletzung verbunden. Die Erfahrung, anders zu sein, von Freunden und Verwandten nicht verstanden zu werden, sitzt tief. Viele Hochsensible haben es geschafft, sich über die Jahre mehr oder weniger erfolgreich an die Gesellschaft anzupassen. Sie möchten nicht mehr aus der Reihe tanzen.“
Ich habe meine Beobachtungen lange nicht für außergewöhnlich gehalten, war eher beeindruckt davon, wie gut andere Leute bei sich sein können oder mich fragend anschauen, wenn ich von einer Beobachtung erzählte, die sie gar nicht mitbekommen hatten. Einmal kam ich zu einer Gruppenreise und traf dort einen Jungen wieder, dem ich zuvor gesagt hatte, dass ich ihn toll finde.
Ab hier geht es nur für Abonent:innen weiter. Lies weiter und erfahre mehr über ehrliche Kommunikation, meine Erlebnisse als feinfühliges Kind, verständnislose Rückmeldungen und was es bedeutet, gleichzeitig hochsensibel und extrovertiert zu sein.