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Die Sortierallergie bei ADHS

Willkommen im Spektrum.

Es gibt Selbstständige, die morgens ihren Laptop öffnen und wissen, was zu tun ist.

Diese Menschen sollen laut Augenzeugenberichten tatsächlich existieren.

Man erkennt sie daran, dass sie Sätze sagen wie:

„Ich arbeite heute meine Prioritätenliste ab.“

Und dann arbeiten sie ihre Prioritätenliste ab.

Ohne vorher drei neue Listen anzulegen, die bisherige Liste in ein anderes Programm zu übertragen und anschließend ein YouTube-Video mit dem Titel „Warum To-do-Listen dein Potenzial zerstören“ anzusehen.

Ich dagegen leide unter einer Sortierallergie.

Eine Sortierallergie ist keine Abneigung gegen Ordnung. Im Gegenteil.

Der sortierallergische Mensch sehnt sich nach Ordnung wie ein Schiffbrüchiger nach Trinkwasser. Nur dass er, sobald ihm jemand ein Glas reicht, zunächst ein Kategoriensystem für Flüssigkeiten entwickelt.

Wasser.

Mineralwasser.

Wasser mit Geschmack.

Wasser für akute Fälle.

Wasser, das irgendwann wichtig werden könnte.

Und ein Glas mit der Beschriftung:

„Später entscheiden, ob Wasser.“

Das Problem beginnt meistens ganz harmlos.

Man möchte sein Unternehmen besser organisieren.

Vielleicht die Rechnungen sortieren.

Die Kundenanfragen.

Die Content-Ideen.

Die Projekte.

Die Projekte, die eigentlich keine Projekte sind, aber emotional bereits eine eigene Abteilung besitzen.

Also eröffnet man ein neues Organisationssystem.

Zum Beispiel Notion.

Oder Trello.

Oder Asana.

Oder ein Bullet Journal, weil man gelesen hat, dass handschriftliches Schreiben das Gehirn beruhigt.

Was grundsätzlich stimmt.

Es sei denn, das Gehirn beginnt beim Anblick eines leeren Notizbuchs sofort darüber nachzudenken, welche Stifte, Symbole, Farbcodes und Papiergrammaturen notwendig wären, um dieses Notizbuch wirklich professionell zu nutzen.

Drei Tage später besitzt man 17 Fineliner, zwei Schablonen und noch immer keine Übersicht über die offenen Rechnungen.

Dafür aber eine sehr schöne Legende.

Das ist der Moment, in dem die erste innere Ordnungserschütterung auftritt.

Eine Ordnungserschütterung ist der kurze Augenblick, in dem das Gehirn feststellt:

Das bisherige System reicht nicht mehr aus.

Dieser Gedanke fühlt sich nicht an wie eine Information.

Er fühlt sich an wie eine Evakuierungsanordnung.

Plötzlich ist nicht mehr nur die Ablage unübersichtlich.

Plötzlich ist das gesamte berufliche Selbstmodell bedroht.

Vielleicht bin ich gar nicht schlecht organisiert.

Vielleicht arbeite ich nur mit dem falschen Tool.

Vielleicht brauche ich ein Second Brain.

Vielleicht war das erste Gehirn bereits eine Fehlentscheidung.

Also beginnt die Recherche.

Man liest über Getting Things Done, PARA, Zettelkasten, Kanban, Time Blocking, Deep Work, das Eisenhower-Prinzip und die erstaunliche Anzahl von Menschen, die behaupten, ihr Leben habe sich verändert, seit sie Aufgaben nicht mehr als Aufgaben, sondern als „Next Actions“ bezeichnen.

Aus „Steuerberater zurückrufen“ wird:

Next Action: Kontext @Telefon, Energie mittel, Dauer sieben Minuten.

Das klingt sofort weniger bedrohlich.

Fast so, als müsse man den Steuerberater nicht wirklich anrufen, sondern lediglich eine interessante theoretische Beziehung zu diesem Anruf unterhalten.

Das neue System ist zunächst berauschend.

Alles bekommt einen Platz.

Ideen werden erfasst.

Aufgaben werden priorisiert.

Projekte erhalten Unterprojekte.

Unterprojekte erhalten Statusfelder.

Statusfelder erhalten Farben.

Farben erhalten eine Legende.

Und die Legende erhält irgendwann einen eigenen Ordner, weil sie sonst die Übersicht stört.

Für ungefähr 36 Stunden ist man ein anderer Mensch.

Ein Mensch mit Struktur.

Ein Mensch mit Richtung.

Ein Mensch, der sein Unternehmen nicht mehr führt, sondern orchestriert.

Am dritten Tag entdeckt man dann, dass die Spalte „In Bearbeitung“ bereits 47 Einträge enthält.

Am vierten Tag führt man deshalb eine neue Spalte ein:

„Aktiv in Bearbeitung“

Daneben:

„Eigentlich aktiv“

Und schließlich:

„Dringend, aber emotional schwierig.“

Diese letzte Spalte enthält erstaunlicherweise fast das gesamte Geschäftsmodell.

Nun beginnt die eigentliche Katastrophe.

Denn das alte System existiert weiterhin.

Ein Teil der Aufgaben steht im Kalender.

Ein Teil in der Notizen-App.

Ein Teil im E-Mail-Postfach.

Ein Teil auf einem Zettel, der vor drei Wochen wichtig genug war, um ihn unbedingt aufzuheben, aber nicht wichtig genug, um daraufzuschreiben, warum.

Dazu kommen sieben geöffnete Browser-Tabs mit Artikeln über Produktivität.

Und irgendwo befindet sich eine Sprachnachricht an einen selbst, aufgenommen während einer Autofahrt:

„Ganz wichtig: Das mit dem Angebot anders machen.“

Weitere Details fehlen.

Jetzt hat man nicht mehr zu wenig Ordnung.

Man hat zu viele Ordnungen.

Jede einzelne ist in sich schlüssig.

Gemeinsam bilden sie eine geopolitische Krise.

Das Gehirn versucht nun, zwischen mehreren konkurrierenden Wirklichkeiten zu vermitteln:

Ist die Aufgabe real, wenn sie nur im Notizbuch steht?

Ist sie dringender, wenn sie im Kalender rot markiert ist?

Existiert ein Projekt noch, wenn man seit vier Monaten nicht in das entsprechende Trello-Board geschaut hat?

Und was bedeutet es über meine persönliche Integrität, dass ich den Ordner „Ab sofort konsequent“ zuletzt im Februar geöffnet habe?

An diesem Punkt verliert man nicht einfach den Überblick.

Man verliert die Orientierung darüber, welchem Überblick man noch vertrauen darf.

Das ist ein wichtiger Unterschied.

Denn ein fehlender Überblick lässt sich herstellen.

Eine erschütterte Orientierung dagegen führt dazu, dass jeder neue Sortierversuch zunächst Hoffnung erzeugt und anschließend das Misstrauen gegenüber allen bisherigen Sortierversuchen verstärkt.

Das Gehirn reagiert darauf vollkommen logisch:

Es entwickelt ein neues System.

Diesmal aber wirklich ein einfaches.

Nur drei Kategorien.

Jetzt. Bald. Später.

Nach zwei Tagen stellt sich heraus, dass „Später“ 183 Einträge enthält und damit weniger eine Kategorie als eine höfliche Umschreibung für den Tod ist.

Also unterteilt man „Später“ in:

Später wichtig.

Später vielleicht.

Später strategisch.

Später privat.

Später, wenn ich mehr Kapazität habe.

Und „Später prüfen, warum das noch hier steht“.

Man erkennt: Die Sortierallergie richtet sich nicht gegen Ordnung.

Sie richtet sich gegen die endgültige Entscheidung, was etwas bedeutet.

Ist diese Idee ein Projekt?

Eine Möglichkeit?

Eine Verpflichtung?

Eine Fantasie?

Oder lediglich ein besonders gut gekleideter Fluchtimpuls?

Für Selbstständige ist das besonders tückisch.

Denn grundsätzlich könnte jede Idee wichtig werden.

Jeder Kontakt könnte ein Kunde sein.

Jede Anfrage eine Chance.

Jeder Kurs ein neues Standbein.

Jedes Standbein ein Unternehmen.

Und jedes Unternehmen ein weiterer Grund, endlich ein vernünftiges Organisationssystem einzuführen.

So entsteht das Universum der Veränderungsversuche.

In seinem Zentrum sitzt ein erschöpfter Mensch und aktualisiert die Kategorien seines Lebens.

Er arbeitet nicht mehr an seinem Unternehmen.

Er arbeitet an der Infrastruktur, die es ihm irgendwann ermöglichen soll, an seinem Unternehmen zu arbeiten.

Das nennt man dann „strategische Weiterentwicklung“.

Weil „Ich habe vier Stunden lang Icons für mein Dashboard ausgesucht“ auf LinkedIn nicht dieselbe Autorität ausstrahlt.

Vielleicht besteht die Lösung deshalb nicht in einem noch besseren System.

Vielleicht besteht sie darin, wieder eine innere Landkarte herzustellen.

Nicht:

Wo kann ich alles perfekt einsortieren?

Sondern:

Was muss ich als Nächstes wiederfinden können?

Nicht:

Welche Struktur könnte mein gesamtes berufliches Leben abbilden?

Sondern:

Welche eine Stelle soll mir morgen sagen, was heute offen geblieben ist?

Und vielleicht auch:

Welche Dinge dürfen verschwinden, ohne dass ich sie vorher vollständig verstanden, kategorisiert und in eine langfristige Strategie verwandelt habe?

Das ist für Unternehmer eine radikale Vorstellung.

Dass eine Idee einfach nur eine Idee gewesen sein könnte.

Dass ein gespeicherter Link nicht zwingend ein zukünftiger Lebensabschnitt ist.

Dass ein Projekt sterben darf, ohne zuvor in „Archiv – möglicherweise reaktivierbar“ umbenannt zu werden.

Vielleicht ist Ordnung nämlich nicht die lückenlose Kontrolle über alles, was möglich wäre.

Vielleicht ist Ordnung die Fähigkeit, sich nach einer Erschütterung wiederzufinden.

Mitten zwischen Rechnungen, Visionen, E-Mails, halbfertigen Konzepten und dem Notizbuch, dessen erste Seite immer noch so schön aussieht.

Und nun die entscheidende Frage:

Welches Organisationssystem hast du voller Hoffnung begonnen – und anschließend so gründlich verlassen, dass du heute nicht einmal mehr weißt, wo das Passwort liegt?

Schreib es in die Kommentare.

Natürlich mit drei Unterkategorien, einem Onboarding-Prozess und einer übersichtlichen Materialsammlung, die niemand jemals wiederfinden wird.

PS : Am Montag, 13.3.2026 treffen wir uns in unserer Skool-Community zum Start-Schuss eines 4 wöchigen Sortier-Labors mit einem Live-Call.

Also, wenn du noch nicht als Wegöffner in der Community dabei bist, dann wäre jetzt der Tag der Tage (oder direkt über die Skool-Community (Abre numa nova janela) mit kostenloser Probemöglichkeit)

LG Martin

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