„Kein Mensch kann sein Leben »gestalten« oder seine Lebensgeschichte hervorbringen, obwohl ein jeder sie selbst begann, als er sprechend und handelnd sich in die Menschenwelt einschaltete. Obwohl also erzählbare Geschichten die eigentlichen »Produkte« des Handelns und Sprechens sind, und wiewohl der Geschichtscharakter dieser »Produkte« dem geschuldet ist, daß handelnd und sprechend die Menschen sich als Personen enthüllen und so den »Helden« konstituieren, von dem die Geschichte handeln wird, mangelt der Geschichte selbst gleichsam ihr Verfasser. Jemand hat sie begonnen, hat sie handelnd dargestellt und erlitten, aber niemand hat sie ersonnen."
Arendt, Hannah. Vita activa oder Vom tätigen Leben, S. 224
Beinahe geschafft. Im Herbst vor zwei Jahren schlug ich ZDF/ARTE vor, eine Dokumentation anlässlich des 50. Todestages Hannah Arendts zu gestalten – um in den unabschließbaren Prozess der Geschichten rund um ihr Leben und Werk einzusteigen, in ihm ein neues Element hinzuzufügen.
Bis die ZDF- und ARTE-Gremien zustimmten, die Finanzierung stand – einen herzlichen Dank an Nordmedia (Abre numa nova janela)! – und wir mit Thomas Meyer den wohl profiliertesten „Guide" für unser Projekt gewannen, durchlief ich diverse Zeitqualitäten. Spannungs- und auch erfüllte Momente. Thomas Meyer verfügt über die profundesten Kenntnisse alles Leben und Werk Hannah Arendts Betreffende, und das nicht nur im deutschen Sprachraum. Er verfasste eine zum Bestseller avancierte Biografie Arendts (Abre numa nova janela) und fungiert auch als Herausgeber der deutschsprachigen Schriften dieser unvergleichlichen Denkerin. Seine Expertise war für unser Projekt von Vincent Production (Abre numa nova janela)s, ZDF/ARTE sowie dem konzeptionell früh eingebundenen Kameramann Thomas Brezinsky wie auch für mich selbst unverzichtbar.
Mit ihm gemeinsam Paris, Gurs – dort, im Süden Frankreichs mit Blick auf die Pyrenäen, befand sich ein Lager, in dem Hannah Arendt interniert war – und New York zu erkunden, das erwies sich als intellektuell wie auch menschlich außerordentlich bereichernde Erfahrung.
Über einige der Begegnungen, insbesondere mit Seyla Benhabib und Omri Boehm, habe ich hier auf meiner Steady-Seite bereits geschrieben. Thomas wühlte in einer Art "Rahmenhandlung" mit uns in den Arendt-Akten des Französischen Nationalarchivs in St. Denis bei Paris, erklärte uns vor Arendts Wohnungen, was sie dort jeweils erarbeitet hatte – im Quartier Latin wie auch auf der Upper West Side –, und nahm auch bei einem der „Hippie-Tage" dieser Drehreise als Protagonist auf den Spuren Hannah Arendts aktiv teil.
"Hippie Tag 1"
Bei den Dreharbeiten in den USA führte Jan Kerhart die Kamera. Gemeinsam mit unserem US-Tonmann Alex Marshall fuhren wir durch dichte Wälder, üppiges Grün und an Talsperren vorbei zusammen mit Thomas in einen kleinen Ort im Staat New York. Wir fanden uns an einem kleinen See vor einem Blockhaus wieder. Dort empfing uns Peter Stein. Als Sohn des Fotografen Fred Stein, der die wohl beeindruckendsten Fotos von Hannah Arendt aufnahm, pflegt er nun dessen Archiv und betrachtete zusammen mit Thomas vor der Kamera diese so berühmten Aufnahmen.
Als wir ankamen, sahen wir im Keller des Hauses Plakate von einer Stephen King-Verfilmung, „Friedhof der Kuscheltiere", und zeigten uns fasziniert, als Peter uns berichtete, dass er als Kameramann bei dieser Produktion fungiert hatte. Zu seiner Überraschung – denn er hatte eher eine in Philosophie und allenfalls Arthouse-Kino lebende Gruppe erwartet – begeisterten wir uns auch dafür, dass er bei Teilen des ersten Teils der „Freitag der 13."-Reihe wie auch bei dem kompletten zweiten Film den Look kreiert hatte. Immerhin so bahnbrechende Produktionen, dass das Kanu auf dem See bei jenem Camp, in denen Slasher-Szenarien wirkungsmächtig in Szene gesetzt wurden, auch auf den Bildern des hochpreisig gehandelten Peter Doig zu sehen ist (Abre numa nova janela).
Film blieb natürlich Thema, schließlich drehten wir ja auch selbst. So dass ich noch gerügt wurde, „A Serious Man" der Cohen-Brüder noch nie gesehen zu haben – Thomas zeigte mir die Einstiegsszene über den „Dibbuk" (Abre numa nova janela) auf seinem Handy. Und leitete damit zugleich elegant zum Thema unserer Doku über.
Der gesamte Drehtag in diesem idyllischen Ambiente verlief außerordentlich harmonisch. Thomas glänzte als Interviewer vor der Kamera, Peter Stein erzählte spannende Geschichten aus dem Leben und Wirken seines Vaters, die in Gänze in der Arendt-Dokumentation gar keinen Raum finden konnten. Jan Kerhart drehte stimmungsvolle und stilsichere Bilder – und alle bis hin zum angeregt lauschenden und alles unterstützenden Tonmann Alex Marshall schienen sehr zufrieden miteinander. Dieser hatte sogar noch daran gedacht, an einer Raststätte auf dem Hinweg zu halten, wo es selbst gebackenen Kuchen zu kaufen gab. Einen solchen brachten wir Peter mit und aßen ihn zum Abschluss der Dreharbeiten als Dessert bei einem leckeren Essen auf der Veranda des Blockhauses mit Blick auf den See. Ein zwar anstrengender Tag; und doch regierten Peace, Love and Happynesss.
Hippie Tag 2
Den zweiten „Hippie-Tag" erlebten wir ausgerechnet in der Wedemark nördlich von Hannover. Hannah Arendt arbeitete in Paris für die Jugend-Alijah, eine zionistische Organisation, die aus Deutschland und der Tschechoslowakei in den 30er Jahren geflüchteten jüdischen Kindern und Jugendlichen die Überfahrt nach Palästina ermöglichte und sie so vor dem Holocaust rettete. Auf einem Landgut bei Paris erfuhren die Heranwachsenden eine landwirtschaftliche Ausbildung, die sogenannte Hachschara. Es existiert aus dieser Phase von Arendts Leben lediglich ein Foto, auf dem sie mit Jugendlichen auf der Überfahrt nach Haifa zu sehen ist.
Um nicht nur Wohn- und sonstige Häuser oder Landschaften bei Paris abzufilmen, arbeiteten wir in diesem Fall mit sogenannten „symbolischen Inszenierungen". Anders als klassische „Reenactments", in denen szenisch aufgelöst, Fernsehspielen oder Spielfilmen nachempfunden, Handlungssequenzen nachinszeniert werden, geht es zunächst ganz schlicht darum, Bilder für eine Off-Text-Strecke zu haben. Eine, in denen etwas über Arendts Tätigkeit für diese Organisation erzählt werden kann. Dennoch generieren solche Sequenzen auch einen ästhetischen Eigenwert; welchen und wie, das kann als Thema im Feuilleton Kulturkritik provozieren wie auch in den Medienwissenschaften empörte Dissertationen über so einen "Fake" anstacheln.
Für mich ist die ehrlichste Methode, sie gezielt artifiziell zu halten, gar nicht erst „Authentizität" zu simulieren oder gespieltes Elend zu inszenierenn, sondern sie tatsächlich als künstlich generiert einzusetzen und durchaus stark zu ästhetisieren. So grenzen sie sich deutlich von authentischen Archivmaterialien ab – sei es von der Machtübergabe an Adolf Hitler oder Aufnahmen von den befreiten Konzentrationslagern. Die Bilder selbst erheben keinen „Geltungsanspruch", der steckt im Off-Text. Bei einem Spielfilm würde ich andere Mittel wählen, nicht in diesem Fall. Diskussion eröffnet.
Die Bildsprache arbeitete ich mit Thomas Brezinsky aus. Eine landwirtschaftliche Fläche zu finden, auf der gedreht werden konnte, erwies sich als gar nicht so einfach. Letztlich gelang es, ein wundervolles Grundstück der Nachbarin meines Cousins Bernhard zu bespielen.
Die Wedemark ist ein tatsächlich sehr idyllischer Landstrich, in dem viele meiner Schulfreunde lebten und wir nachts zu Kiffer-Discos fuhren; wir fanden uns dort auf einem von Bäumen und Gebüsch umgebenen Flecken wieder, auf dem auch außerordentlich kommunikative Esel, zudem Schweine und Schafe wohnten. Eine fantastische Kostümbildnerin, eine grandiose Requisiteurin, zwei ausdrucksstarke Komparsen und die hannoversche Schauspielerin Andrea Casabianchi standen uns zur Seite. Andrea verkörperte bereits Hannah Arendt in einer Produktion des Glocksee-Theaters und spricht in unserer Dokumentation auch Originalzitate nicht nur aus den Hauptwerken, sondern auch aus Briefen und Vorträgen der Denkerin und zionistischen Aktivistin.
Der Tag erwies sich wiederum als „Hippie-Tag" mit echtem Landkommunen-Feeling. Unsere zauberhaften Gastgeberinnen mitsamt zwei Kindern sahen bei den Dreharbeiten zu, die Esel, die stets Kontakt suchten und offenkundig Spaß an nonverbaler Kommunikation mit Menschen hatten, übten eine beinahe schon therapeutisch entspannende Wirkung auf uns aus.
Wir vergaßen keineswegs, WAS wir drehten – jüdische Jugendliche auf der Flucht vor den Nazis. Wir wussten aber auch, dass unter anderem durch Hannah Arendt viele von ihnen tatsächlich nach Palästina gerettet wurden. Das unter „Siedlerkolonialismus" zu verbuchen, das erscheint mir in dieser Phase der Historie als außerordentlich zynisch.
Arendts Unterscheidung: Arbeit, Herstellen, Handeln
Diese Ausführungen verweisen allesamt auf eine Unterscheidung, die Hannah Arendt in ihrem Hauptwerk „Vita Activa" vornahm – und die in anderen Fällen zutrifft, auf diese Dreharbeiten jedoch ´gerade nicht. Sie unterscheidet drei menschliche Grundtätigkeiten: Arbeit, Herstellen, Handeln.
Arbeit fungiert mechanisch, sichert die materielle Reproduktion, ob nun in der Landwirtschaft oder in der Industrie. Herstellen kann eher dem Handwerk zugeordnet werden; es sind zumeist Tätigkeiten, die in Zweck-Mittel-Relationen zu verortende Gebrauchsgegenstände fertigen wie zum Beispiel Stühle oder Töpferware. Herstellen hat einen Anfang und ein Ende, der Gegenstand ist irgendwann fertig; über die Zweck-Mittel-Relations hinaus weisen hergerstellte Kunstwerke, Malerei, Kompositionen, in denen sich zugleich Sinn und Sinnlichkeit verbinden können – um ergänzend Ernst Cassirer und seine These vom doppelten Sinn von Sinn in den symbolischen Formen zu paraphrasieren. Handeln ist nur gemeinschaftlich möglich, so Arendt – und prinzipiell unabgeschlossen. Gerade das gemeinsame Handeln – und Sprechen – im öffentlichen Raum begreift sie als Kern des Politischen, sehr verkürzt dargestellt.
Das Handeln des Menschen hinterlässt Spuren:
„Das, was von seinem Handeln schließlich in der Welt verbleibt, sind nicht die Impulse, die ihn selbst in Bewegung setzten, sondern die Geschichten, die er verursachte; nur diese können am Ende in Urkunden und Denkmälern verzeichnet werden, in Gebrauchsgegenständen und Kunstwerken sichtbar gemacht werden, im Gedächtnis der Generationen wieder und wieder nacherzählt und in allen möglichen Materialien vergegenständlicht werden."
Arendt, Hannah. Vita activa oder Vom tätigen Leben, S. 226-227
Eben eine solche Geschichte erzählen wir ja in unserer Dokumentation. Wir fügen dem ausufernden Diskurs rund um Hannah Arendt einen weiteren Baustein hinzu.
Wenn es gut läuft bei der Produktion solcher Filme, dann löst sich jedoch diese Unterscheidung zwischen Arbeit, Herstellen und Handeln auf. Arbeit ist dann vor allem das mechanische Drumherum: das Speichern von Daten auf Festplatten, das Besorgen der Requisiten, das Schleppen der Stative, vor allem aber die Grundmotivation – Geld verdienen zu müssen. Ein Herstellungsprozess ist es zweifelsohne; irgendwann existiert eine fertige Dokumentation, die in der Mediathek angeschaut werden kann und hoffentlich nicht auf die Zweck-Mittel-Relation zu reduzieren ist.
Das gemeinsame Handeln jedoch, das gerade im Falle eines Sujets wie Hannah Arendt am Leitfaden politischer Fragestellungen eine intrinsische Motivation bereitstellt, bleibt nicht außen vor. Es trug zu diesem seltsamen Zauber der beiden Drehtage nachhaltig bei – gerade der „Spirit" des politischen Denkens Hannah Arendts erfüllte uns.
Sie schildert die grauenhaftesten Prozesse in totalitären Systemen – und doch atmet ihr Werk gerade dann, wenn sie die Zurichtung, ja Dressur von Menschen beschreibt, die Zertrümmerung von Individualität, die Produktion von Überflüssigen, die über nichts als ihr nacktes Leben verfügen, die Reduktion von Entmenschlichten auf das rein Kreatürliche bis hin zu deren Vernichtung, immer auch den Geist dessen, wie es auch anders ginge.
In all diesem Horror wohnt sein Gegenteil: sich der Gewalt widersetzendes, gemeinschaftliches, auf Andere bezogenes Handeln und das Recht aller gleichermaßen, Rechte zu haben. In „Vita Activa" arbeitet sie Teile dessen eindrucksvoll heraus.
In der Dokumentation wird dieses Arendt-Werk gar nicht auftauchen; wir behandeln nahezu strikt den Zeitraum von 1933, der Verhaftug und Flucht Arendts ins Exil, bis 1951, dem Zeitpunkt des Erscheinens der englischen Ausgabe von „Origins of Totalitarianism".
Wenn jeodch gerade in den symbolischen Inszenierungen, auch in der Passage mit Peter Stein, das Andere aufscheint – diese Möglichkeit, Herstellen und Handeln nicht nur in kreativen Bereichen miteinander zu verbinden, um so entfremdeter Arbeit zu entkommen, eine Gemeinschaftlichkeit auf Basis von Pluralität und Individualität zu ermöglichen –, dann geschieht das, so hoffe ich, auch im Sinne Hannah Arendts.