Der Spruch in der Überschrift fand sich diversen Quellen zufolge eingeritzt auf einer der Kugeln, die für den Mord an Charlie Kirk verwendet wurden - neben "O bella ciao, bella ciao, ciao, ciao" und "Hey fascist! Catch!"
Der "Witz" oben - eine gruselige Variante von "Wer das liest ist doof" - gelangte nicht in die Headlines von "DIE ZEIT" (Abre numa nova janela). Wer will schon seine Leser verschrecken oder gar "beleidigen"? Im Gegensatz zur deutschen Übersetzung "Hey Faschist, fang das!". Die fand DIE ZEIT in Ordnung.
Das Problem mit der Berichterstattung
Da seid ihr glatt dem Mörder auf den Leim gegangen, liebe DIE ZEIT. Zu der tatsächlich erschütternden Tatsache, dass ein Mensch erschossen wurde, kommt die nunmehr belegte Unfähigkeit, im Internet frei nachlesbare Sprachen militant männlicher, rechter Jugendkulturen zu verstehen.
Gute Texte zu dieser Problematik finden sich auf der Substack-Seite von Berit Glanz (Abre numa nova janela) und auf "Garbage Day (Abre numa nova janela)" . Die Autoren ordnen auf Basis profunder Recherchen ein, wie ein "Meme-Faschismus" sich in den rechten Sphären der Internetkommunikation und -selbstdarstellung herausbildete und eine eigene Ästhetik produzierte. Sie finden auch die Quelle der linke Slogans imitierenden Schriften auf den Kugeln - diese stammen aus bei Rechtsextremen beliebten Videospielen.
Elemente dieser Spiele und ihre Transformation in Internetkommunikationen von Instagram bis 4Chan können, müssen aber nicht Handlungsimpulse hervorbringen. Zudem triggerten sie den Wunsch nach Berühmtheit - wie im Fall des in hiesigen Öffentlichkeiten kaum noch diskutierten Anschlages von Halle:
Heldenfantasien von durch Grausamkeit erlangtem Ruhm in sozialen Medien sind eingebettet in diesen diffusen Brei von Zeichen. Diese zirkulieren in Lebenswelten und aktivieren spezifische sozioökonomisch bedingte wie auch durch diese entstandene psychologische Dispositionen, menschenverachtend zu handeln.
Die "Groyper Wars" als Hintergrund
Im konkreten Fall scheint es so, als sei der mutmaßliche Täter durch einen Konflikt innerhalb der US-Rechten angespornt worden. Charlie Kirk wurde mutmaßlich ein spätes Opfer der Folgen der so genannten "Groyper Wars (Abre numa nova janela)". Kirks Konkurrent um Deutungshoheit in der extremen Rechten in den USA, Nick Fuentes, animierte in den späten Zehnerjahren seine Anhänger, Kirk auf dessen Veranstaltungen verbal zu attackieren. Der Grund: Er agitierte ihnen nicht radikal rechts genug. Zudem solidarisierte sich Kirk mit Israel.
Es wirkt ein wenig wie das Schicksal des Zauberlehrlings, der von den Geistern, die er rief, nun niedergestreckt wurde. Auch, weil er sich massiv für das Recht darauf, eine Waffe zu tragen, einsetzte und "Kollateralschäden" durch Schusswaffengebrauch dabei als hinnehmbar behauptete.
Alles kein Grund, politische Morde zu rechtfertigen. Die sind immer falsch, ob es nun die Morde an trans Menschen, an George Floyd oder eben der an Charlie Kirk ist.
Die Welle der Heiligsprechung Kirks, die nun auch durch deutsche Medien rollt, ist dennoch erstaunlich - im Fall des ebenfalls einem Mordanschlag zum Opfer fallenden Walter Lübcke ist bis heute eher das Gegenteil zu lesen. Die Worte, die zu seiner Hinrichtung führten, waren die folgenden - aufgrund derer wollte Medienberichten zufolge der Attentäter Walter Lübcke nicht am Leben lassen:
Lübcke verteidigte mit diesen Worte das Grundgesetz und eben, dem folgend, auch Angela Merkels Flüchtlingspolitik. Deren "Wir schaffen das!" wird nunmehr massenmedial als Hauptgrund für das Erstarken der AfD behauptet. Das Weltbild des Täters, der aufgrund dessen zur Waffe griff, wenn auch nicht seine Tat, erfährt so massenmediale Legitimation.
Die Kontroverse um Kirks Aussagen zur Steinigung von Schwulen
Kirk hingegen wird hierzulande von vielen bei X als "Vorkämpfer der Meinungsfreiheit" gefeiert. Besonders kontrovers wurde dabei die folgende Aussage Kirks diskutiert - er habe dazu aufgefordert, Schwule zu steinigen. Empört wird nun zurückgewiesen, dass er dieses je gesagt habe. Selbst Stephen King entschuldigte sich dafür, dieses Kirk “unterstellt” zu haben. Auch der Focus behauptet:
So einfach ist es jedoch nicht. Ich bezweifle, dass Kirk vor Gericht Prozesse gewinnen würde.
Die in sozialen Medien zirkulierende Passage aus einem Talk, heute oft Podcast genannt, ist so uneindeutig nicht. Die allseits diskutierte Passage ist eingebettet in das Gespräch einer Runde, die folgendes Statement aus "Ms. Rachels Pride Month" diskutiert. Sie hatte diese bei TikTok und Instagram gepostet:
So begründet Rachel ihre Teilnahme an einer CSD-Demo. Kirks Antwort erfolgt im Rahmen eines TikTok-Streams, der Rachels Statement zitiert; es wird kein direkter Dialog geführt.
Kirk antwortet zunächst (kann alles im oben verlinkten Video gehört werden), auch Satan habe die Schrift - also die Bibel - ständig zitiert. Sie läge auch nicht völlig falsch damit, der erste Teil, das Gebot der Nächstenliebe, beziehe sich auf das 5. Buch Moses wie auch auf Leviticus 19. Übersetzt äußert er anschließend:
Im Fall eines christlichen Fundamentalisten, der von US-Campus zu US-Campus zieht, um Menschen zu bekehren, halte ich diese Aussage für ziemlich eindeutig. Kirk beruft sich fortwährend auf Gottes "perfektes Gesetz" als direkte Handlungsanweisung. Wieso nun in diesem Fall manche gar behaupten, er weise hier auf einen "Widerspruch" in der Bibel hin, erschließt sich mir nicht.
Er formuliert nicht als Imperativ "Steinigt Schwule!". Er proklamiert jedoch eindeutig, dass es Gottes perfektes Gesetz sogar im Sinne der Nächstenliebe sei, Schwule zu steinigen. Ich weiß nicht, wie das anders verstanden werden kann. Und er weist Ms. Rachel die Rolle der Satanistin zu. Die US-amerikanische LGBT-Seite "Advocate" listet Kirks Ansichten zu queeren Belangen auf und kommt zu einer ähnlichen Interpretation wie ich. (Abre numa nova janela)
Harmloser wirkend und dennoch gefährlich sind andere Videos auf Kirks Kanal. So eines, in dem ein Mann äußert, er habe sich lange als schwul identifiziert, nun jedoch habe Jesus ihm den Weg zur Wahrheit gewiesen - von Kirks Fans bejubelt (Abre numa nova janela). Das ist der Schritt vor der Aufforderung zu "Konversionstherapien", in denen Schwule "geheilt" würden von ihren wahlweise "Sünden" oder der “psychischen Erkrankung”, gleichgeschlechtlich zu begehren. In den 60er Jahren führte man diese ganz ohne biblische Fundierung mit Elektroschocks als behavioristische "Umkonditionierung" durch (Abre numa nova janela) . In anderen Fällen wurden auch Lobotomien eingesetzt (Abre numa nova janela) .
Christliche Umerziehungsrituale, angewandt bei Queers, wirken ebenso als eine Art Folter, wie auch das Bundesgesundheitsministerium bestätigt:
Kirk proklmaierte das indirekt. Ebenso öffentlich Hinrichtungen im Allgemeinen. Die Bibel hat zweifelsohne mit dem folgenden Gebot recht: "Du sollst nicht töten". Auch Charlie Kirk nicht. Mit Videos wie dem oben verlinkten triggert Kirk in seinem christlichen Fundamentalismus dennoch das, was das Bundesgesundheitsministerium als zu schweren gesundheitlichen Schäden führend ausweist. Das soll nun ein wichtiger Beitrag zur "Meinungsfreiheit" sein?
Die Illusion des "herrschaftsfreien Diskurses"
Indirekt haut Ulf Poschardt, Herausgeber des Springer-Blattes, in eine ähnliche Kerbe:
"Es könnte sein, dass mit Charlie Kirk der letzte rechte Republikaner erschossen wurde, der noch ernsthaft daran geglaubt hat, dass ein Dialog mit der radikalisierten Linken möglich sei" (DIE WELT, 19.11.2025).
Als Christ habe Kirk die "verhärtenden Wirkungen linker Gesellschafts- und Kulturpolitik inkl. Antisemitismus" - es sind auch im Fall Kirks trotz oder aufgrund von Israelsolidarität antisemitische Meme (Abre numa nova janela) überliefert - nicht hinnehmen wollen.
Welche "Verhärtungen" genau meint da Poschardt? Soll nun eine Aussage, die Leviticus 18 als "God's perfect law" bezeichnet, als Angebot zum Dialog betrachtet werden?
Poschardt behauptet gar, Kirk sei die Personifizierung des "herrschaftsfreien Diskurses". Das ist beinahe komisch im Falle von jemandem, der zum Umfeld des US-Präsidenten gehörte und mit immens mächtigen christlichen Kreisen verbandelt war, nun von "Herrschaftsfreiheit" zu schreiben. Kirk war Teil der Macht - näher dran kann man kaum sein.
Lauscht man Kirks "Argumenten" bei den Campus-Diskussionen, so bestehen die zumeist in dem Referieren rechts-christlicher Dogmen als überzeitlich gültige Moral, also nicht weiter diskussionsfähig. Wie kann das als "Dialog" bezeichnet werden?
War es nicht Poschardt selbst, der häufig gegen "Moralisierung" hetzte?
Aber darauf verwies schon Hannah Arendt: Totalitäre Propaganda verfährt nach dem Prinzip "heute so, morgen anders, egal", weil es gar nicht darum geht, über das Richtige zu diskutieren, geschweige denn einen Dialog darüber zu führen. Auch nicht darum, die Lüge als Wahrheit zu installieren. Sondern ständig in offensiver Widersprüchlichkeit das zu behaupten, was punktuell gerade nützlich erscheint, um diskursive Wirkungstreffer zu erzielen. Den Mächtigen nützlich - also auch dem Springer-Verlag. Um so jedes Gespür für das normative Richtige in der Bevölkerung zu zerstören. Sie sind damit schon weit gekommen.
Was sollen denn das für Diskussionen sein, in der die eine Seite immer wieder sagt "Du bist gar nicht schwul, trans, was auch immer, das hat Dir nur der Satan eingeflüstert. Was hältst Du denn von dem, was in Leviticus 18 geschrieben steht - dass ihr gesteinigt werden solltet?"
Wie kann eine Diskussion geführt werden, wenn eine Seite religiös, die andere säkular argumentiert? Das Dogma steht ja vorher fest.
Diskussion sind aber prinzipiell ergebnisoffen.
"Herrschaftsfreier Diskurs" als Konzept geht auf Jürgen Habermas zurück. Habermas formuliert jedoch Bedingungen, unter denen eine solche Kommunikation überhaupt erst möglich ist. Dazu gehören wechselseitige Perspektivenübernahme, Achtung vor dem Gegenüber, formale Gleichheit aller (ohne Mehrheitskriterium), die Möglichkeit der Partizipation aller an Diskussionen. Wenn die Teilnahme nicht möglich ist, dann sei das hypothetisches Einbeziehen ihrer Interessen Gebot - und zwar nicht ihnen objektiv verordneter, sondern subjektiv artikulierter Interessen. Das sind selbst keine “Dogmen”. Nur, wenn diese Bedingungen berücksichtig sind, wird überhaupt vernünftig argurmentiert.
Habermas formuliert das etwas anders, aber implizit fordert er mit Hannah Arendt das Recht aller, Rechte zu haben. Gültig ist nur, was dem Universalisierungsprinzip folgt:
Diskussionen, Einzelne zu entrechten oder deren Interessen, ihre Bedürfnisse und Sichtweisen für illegitim zu erklären, wenn diese niemandem schaden, führen aus dieser Perspektive zu ungenügend rationalen, lediglich Individuen instrumentalisierenden Ergebnissen.
Wenn Regeln nicht begründbar sind
Regeln sind nicht begründbar, wenn auf der INHALTSEBENE Widersprüche zu diesen Voraussetzungen formuliert werden. Zum Beispiel der Entzug des Wahlrechts von Frauen oder die Unterstellung, schwarze Frauen seien prinzipiell nicht fähig, anspruchsvolle Aufgaben in der Politik auszuüben - "Black women do not have the brain processing power to otherwise be taken seriously." Beides proklamierte Kirk.
Auch sonst - ja, auch im Fall von trans Menschen - kann deren Recht auf geschlechtliche Selbstbestimmung auch dem Verfassungsgericht folgend nicht mal eben so per Mehrheitsentscheid abgeräumt werden: Rechte gelten entweder für alle oder für niemanden. Wer gegen die geschlechtliche Selbstbestimmung von trans Menschen votiert, der kann auch für sich kein Recht auf Selbstbestimmung für sich selbst in Anspruch nehmen. Klar machen das viele, das bewegt sich dann aber außerhalb dessen, was als "herrschaftsfreier Diskurs" begriffen werden kann.
Hier ein weiterer Link (Abre numa nova janela) zu vielen der von Kirk proklamierten Ansichten, die im "herrschaftsfreien Diskurs" schlicht nicht begründungsfähig sind, sondern nur mittels Herrschaft anderen eingeprügelt werden können.
Religiöse Begründungen sind als vermeintlich "gottgegeben" gar nicht diskussionsfähig. Sie können nur geglaubt oder aber mittels Herrschaft durchgesetzt werden. Sie sind reformulierbar in säkularen Argumenten (z.B. das Gebot der Nächstenliebe). Sobald Gott als Begründung hinzutritt, wandeln sie sich zu Dogmen statt zu begründungsfähigen Normen im Rahmen des herrschaftsfreien Diskurses.
Poschardts Adelung religiöser "Argumente" in Zeiten, da viele den Vorgaben der Heritage Foundation folgen und das "Project 2025" auch in Europa vorantreiben wollen, könnte kein Zufall sein. Diese “Vision” läuft letztlich auf Aufhebung der Gewaltenteilung plus Putins "Kirche, Familie, Vaterland" hinaus. Ein führender Vertreter dieser "Vision", Kevin Roberts, proklamierte laut Wikipedia, die Newsweek zitiert, im Fall der USA:
Nun noch einmal Poschardt:
"Es könnte sein, dass mit Charlie Kirk der letzte rechte Republikaner erschossen worden sei, der noch ernsthaft daran geglaubt hat, dass ein Dialog mit der radikalisierten Linken möglich sei." (DIE WELT, 19.11.2025)
Lese nur ich das ähnlich? Ist das eine Drohung?
(Mitgliedschaften und Newsletter-Abonnements helfen mir dabei, diese Seite zu pflegen. Herzlichen Dank!)