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"Die Aufgabe, ästhetische Formen zu etablieren, die auf Unterschiedlichkeit und Vielfalt ausgerichtet sind"

Eine Zusammenfassung der Kerngedanken Masha Gessens in "The Ezra Klein Show"

In der New York Times erschien am 10. Januar 2026 die überarbeitete Transkription eines Gespräches zwischen Ezra Klein und Masha Gessen (Abre numa nova janela). Dieses ist außerordentlich lehrreich. Deshalb fasse ich die Kerngedanken Gessens hier zusammen.

Ich lasse dabei einige ihrer Ausführungen zu Entwicklungen des Putinismus ebenso außen vor wie die Fragen Ezra Kleins und sortiere die Aussagen Gessens ein wenig um. Hier und da ergänze ich sie.

Final verlinke ich noch einen Beitrag, den ich für 3Sat KULTURZEIT als eine Art Nebenprodukt zu der ARTE-Dokumentation “Hannah Arendt - eine Jüdin im Pariser Exil (Abre numa nova janela)” als Autor und Regisseur zu verantworten habe. In ihm kommen Omri Boehm, Seyla Benhabib und der Arendt-Biograf Thomas Meyer zu Worte. Gedreht haben wir im Juni in New York.

Ich denke, dass die Ausführungen Gessens und die 8 Minuten auf 3Sat sich gut ergänzen.

DIE KERNGEDANKEN MASHA GESSENS:

Durch das Trump-Regime tritt die Welt in eine Phase ein, in der internationales Recht nicht mehr respektiert wird - während George W. Bush, bevor er in den Irak-Krieg zog, es noch für nötig hielt, vor der Weltöffentlichkeit zu lügen. Durch Gaza sei ein Bruch eingetreten. Nunmehr ignoriere nicht nur das Trump-Regime internationales Recht vollständig. Damit sei ein Konsens zumindest im Westen, dass das Völkerrecht zumindest zu beschwören sei, zerbrochen.

Bisher habe Demokratie so funktioniert, dass sie nicht nur auf Regeln und Instituionen angewiesen sei, sondern das Handeln der maßgeblichen Akteure in Beratungs- und Begründungprozessen der Öffentlichkeit zugänglich zu machen habe (deliberative Politik, Jürgen Habermas spielt deren Begründung und Funktionsweise in “Faktizität und Geltung” durch). Die Ergebnisse von Verhandlungen seien bisher am Leitfaden von wahr und richtig gerechtfertigt worden (letzteres füge ich als Habermasianer hinzu). Diese Konsensorientierung implizierte zumindest Ansätze von Wechselseitigkeit: Wenn ich etwas begründe und rechtfertige, dann ist das die Kommunikation mit einem Adressaten, dem gegenüber ich mich zur Begründung auch verpflichtet fühle.

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Politik unter Trump sei nunmehr eine des Spektakels. Während die Biden-Regierung eher als technokratische Black Box operierte, ginge es nunmehr um die fortwährende Inszenierung von Regierungshandeln als Massenunterhaltung.

Trump selbst befinde sich dabei eher in einem Film als in der Wirklichkeit. Er betrachtet die Folgen seines Handelns im Fernsehen und verfüge in politischer Hinsicht mutmaßlich über keinerlei “Innenleben”. Seine Eigenwahrnehmung sei identisch mit der medialen Außenwahrnehmung (incl. Social Media) seiner Person. Instinktiv erzeuge er permanent Bilder, die diese Rezeption steuern. Er sei identisch mit seiner Außenwahrnehmung. Mehr sei da nicht.

Diese Instenierung ziele auf eine Politik, in der starke Männer statt Begründungen und Rechtfertigungen regieren. Macht übe Trump dabei durch das permanente Erregen von Aufmerksamkeit aus. Es sei keine “anonyme” Macht - mögen die mit maskierten ICE-Agenten und Palantir im Hintergrund trotzdem wirken -, die Trump ausübe, sondern eine des permanenten “Triggerns”. Auch die Besetzung us-amerikanischer Metropolen durch ICE würde zugleich als Spektakel inszeniert - das Trumps persönlicher paramilitärischer Einheit.

Zugleich hätten sich zwei parallele, mediale Welten in den USA formiert (hierzulande auch mittlerweile). Das, was Masha Gessen und ihr Gesprächspartner Ezra Klein sich anschauen würden, unterscheide sich fundamental von dem, was MAGA-Wähler*innen konsumieren.

Wahlentscheidungen bildeten sich so nicht mehr auf Basis einer geteilten, medial vermittelten Wirklichkeit. Auf MAGA-Wähler wirke das mediale Dauerfeuer “ihrer” Medien dergestalt ein, dass Erfahrungen von Armut, Machtlosigkeit und Verelendung (z.B. durch gestrichene Gesundheitsversorgung) dadurch kompensiert würden, dass man ihnen suggeriere, Teil von etwas Großartigem zu sein. Auch dazu dienten die Eroberungs- und Kriegspläne in Richtung Grönland und Kuba.

Das faschistische Weltbild, das dahinter stünde, gehe von einer eh durch und durch verkommenen Welt aus, in der Moral immer nur Lüge sein könne - und, wer sich auf sie berufe, sei bigott und nutze sie nur strategisch und als Täuschung. Diese Menschen müssten ausgeschlossen werden und generierten nur Schwäche (das kommt u.a. von Nietzsche, füge ich hinzu).

Faschismus sei dabei immer auch eine Frage der Ästhetik (Walter Benjamin, Faschismus als Ästhetisierung des Politischen, auch von mir ergänzt) - ob im gegenwärtigen Russland oder in den USA. Diese Ästhetisierung fungiere zugleich als Propagandatool, das bereits in Schulen wirken solle. Ihre Zutaten seien eine imaginative, heroische Vergangenheit und eine “Herrenrasse”, mal einen deutschen Terminus einbauend. In den USA tritt das als “White Supremacy” auf. Auch die Geschichte muss als exklusiv weiß behauptet werden.

Zentral sei die “Feindproduktion”. Zu Beginn von Trumps zweiter Amtszeit seien diese Feindgruppen zunächst Protestierende und Migranten gewesen. Er sei jedoch darauf angewiesen für die Orienzierung seiner Politik, immer neue Feindgruppen zu fabrizieren. “Because that’s the only way that you can wage war continuously. The war needs to escalate.”

Um dem zu begegnen, sei es wichtig, nicht zu vermeiden, den Faschismus auch als Faschismus zu bezeichnen. Dieser sei nicht keineswegs das aktuell im Westen Undenkbare. Er sei Gegenwart.

Die Geschwindigkeit, in der das Trump-Regime seine Politik durchsetze, sei präzedenzlos zumindest verglichen mit dem Rechtsruck der letzten Jahrzehnte in Ländern wie Russland, Ungarn oder Israel. Der Nationalsozialismus etablierte sich einst noch schneller, wage ich zu ergänzen. Einer der Gründe für die rasante Entwicklung könne das Alter Trumps sein. Zudem offenbare sich die “Schwäche” demokratischer Institutionen, sehr langsam zu operieren. Der schlagartigen Zerstörungslust zeigen sie sich nicht gewachsen.

Gessens Antwort auf diese Ästhetik des Faschismus ist:

“It’s not incumbent on us, whatever we want to call this politics — liberal, democratic, left, antifascist — to produce an equal and opposite aesthetic. It’s actually a much more complicated task, which is to assert an entirely different aesthetic direction that is oriented toward difference and variety and things that you haven’t seen before. That is, objectively, much more difficult.”

“Es ist nicht unsere Aufgabe, unabhängig davon, wie wir diese Politik bezeichnen wollen – liberal, demokratisch, links, antifaschistisch –, eine gleichwertige und gegensätzliche Ästhetik zu erschaffen. Es handelt sich vielmehr um eine viel kompliziertere Aufgabe: völlig andere ästhetische Formen zu etablieren. Solche, die auf Unterschiedlichkeit und Vielfalt und Phänomene ausgerichtet sind, die man noch nie zuvor gesehen hat. Das ist objektiv gesehen viel schwieriger.”

Zudem betrachten sie, also Masha Gessen, das sich Trumps Paramilitär widersetzendes Community-Building als zentrales Tool des Widerstandes. Eben dann, wenn Nachbarschaften sich zusammenzuschließen, um Menschen aus ihrer Umgebung zu schützen. So verteidigen sie geteilte Werte.

So weit die “Essenz” meiner Lektüre.

Mein Beitrag für 3Sat-KULTZRZEIT folgt ähnlichen Annahmen, basierend vor allem auf “Macht und Gewalt” von Hannah Arendt (”On Violence”) und bezogen auf politische Ansätze Mamdanis in New York. Hier ist er (Abre numa nova janela) (anklicken, klar).

Tópico Gesellschaft

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