Kollektive Narzissmen und ihre Mechanismen
Individuelle psychologische Muster auf kollektive Prozesse zu übertragen - das ist ein oft fragwürdiges Unterfangen. Und doch war es bis in die 70er Jahre hinein üblich, von “Kollektiven Pathologien” zu sprechen. Was wäre nun, wenn es wahr wäre, dass gar nicht nur Donald Trump unter einer schweren psychischen Störung litte, sondern all jene, die sich durch Rassismuskritik, Antifaschismus, Gegenwehr angesichts von Queerfeindlichkeit und Feminismus in ihren grandiosen Selbstbildern gefährdet sehen? Wenn sie derzeit flächendeckend wie ein gleichermaßen rachsüchtiger und narzisstischer Mob agierten - von Genderverboten bis hin zur Kriminalisierung von Antifaschismus? Wenn es so wäre, dass es die eliminatorischen Impulse eines angeknacksten Gruppen-Egos sind, die machtbewusst ihre Dominanzkultur absicheren?
Populäre und auch informiertere Diagnosen der Psyche Donald Trumps, die ihn als boshaften Narzissten ausweisen, kursieren seit seiner ersten Amtszeit im Internet. Erklärungen des Narzissmus setzen zumeist so an, dass sie als Effekt einer gestörten Eltern-Kind-Beziehung sich bilden - das Kind fühlt sich ungeliebt, unverstanden und häufig in Interaktionen symbolisch vernichtet, eben gar nicht wahrgenommen. Das kann als Reaktion auf selbst narzisstische Eltern auftreten. Diese können unfähig sein, Andere als autonome Individuen wahrzunehmen. Personen sind für sie einfach Erweiterungen ihrer selbst. Wenn ein Kind nicht so funktioniert, wie es soll, ist das zugleich ein Angriff auf das Selbstbild der Eltern. Sie könnten versagt haben. Das gefährdet das Selbstverständnis. Das darf nicht sein. So wird das Kind dann angegriffen und in seinen Eigenheiten so nachhaltig wirksam attackiert, auf dass solche Angriffe auf die Ego-Konstruktion nach Möglichkeit gar nicht erst stattfinden. Kinder können diesen Mechanismus übernehmen. Sie lernen nicht, ein realistisches, sich in Beziehungen bewährendes, autonomes Selbst zu entwickeln - eines, das will, das kann und das darf. Das überlagern sie mit dem grandiosen Selbstbild - es tarnt innerpsychisch die Gefühle der Unzulänglichkeit, des Unverstandenseins und der Hilflosigkeit, kompensiert chronisch als defizitär Erlebtes.
Die ganze Welt ist sodann damit aufgeladen, grandiose Selbstbilder spiegeln zu sollen und zugleich eine Gefährdung dieser instabilen Selbsttäuschung - von der Narzissten insgeheim wissen, dass sie Fake ist. Um so aggressiver und manipulativer reagieren sie, bleibt die Bestätigung aus. Es besteht keinerlei Wirklichkeit außerhalb dieses Kampfes. Alles ist nur Teil eines Mechanismus, Bestätigung zu spenden - oder aber es wird bekämpft. Sehr laienhaft formuliert, klar. Es gibt nichts außerhalb der Selbstreferenz. Alles wird darauf hin gescannt, ob es ein positives Selbstbild nährt oder nicht. Das kann die eigene Güte, Stärke, Brillianz, historisches Geläutertsein, das eigene Know How und so ziemlich alles sein, worauf man sich etwas einbilden kann.
Bettges Substack is a reader-supported publication. To receive new posts and support my work, consider becoming a free or paid subscriber.
Das extreme Ausmaß dieser Persönlichkeitsstörung sieht z.B. Frank George in seinem Substack Donald Trump verkörpert (Abre numa nova janela). Er beschreibt , dass der US-Präsident mittlerweile in einen “narzisstischen Kollaps” geraten sei - und macht das an den Epstein-Files fest. Diese hätten den finalen Knacks bewirkt. Ein solcher Kollaps entsteht, wenn das grandiose Selbstbild derart in Gefahr gerät, dass es halt zu kollabieren, zu implodieren droht.
Und weiter:
“At this stage of collapse, the internal logic is brutally simple: (Abre numa nova janela)
Nun haben wenige solche außergewöhnlichen Machtmittel zu Verfügung wie Donald Trump - noch befinden sie sich am Rande des narzisstischen Kollapses. Dennoch haben sich im Laufe der letzten Jahrzehnte auch kollektive Erosionen von Selbstbildern ergeben. Autor*innen wie Agnieszka Golec de Zavala (Abre numa nova janela) analysierten aggressive Prozesse, sie dennoch zu stabilisieren, mit Begriffen der Narzissmustheorie (Abre numa nova janela):
Seit den 50er Jahren hat die sich immer männlich, weiß, cis und hetero sich verstehende westliche Dominanzkultur harsche Kritik einstecken müssen. Kolonien - war das etwas illegitime Herrschaft und Ausbeutung, nicht etwa eine Zivilisierungs - und Humanisierungsmission? Sind wir (im Falle der USA) nicht immer gut und gerecht mit unseren Sklaven umgegangen? Haben wir nicht sogar selbst einen Bürgerkrieg geführt, um sie zu befreien? Haben wir (im Falle Deutschlands) nicht vorbildlich aus den Schrecken des Nationalsozialismus gelernt und unseren Rassismus längst überwunden und sind deshalb strahlendes Vorbild für die ganze Welt? Haben wir nicht sogar “Homosexuelle” akzeptiert? Ist nicht unsere heilige bürgerliche Kleinfamilie Keimzelle der Gesellschaft, Hort der Heimeligkeit (und des immer nur harmonischen Weihnachtsfestes 🤡)? Sind es nicht Männer, die verantwortlich, klug, überlegen und führungsstark soziale Gefüge optimal zusammen gehalten haben, und akzeptierten wir nicht trotzdem (und wider besseres Wissens) Frauen in Führungspositionen (wenn es im Falle Angela Merkels auch schwerfiel)? Sind wir als Männer nicht längst selbst alle Feminist*innen, und dann kommen diese Weiber an und stellen das, Bitches, in Frage? Sind nicht WIR die Vorreiter von Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit, wir, die Weißen, und dann kommt IHR Pigmentierten an und stänkert gegen uns?
In diesem Weltbild tauchen Frauen, Nicht-Weiße und Minderheiten lediglich als Erweiterung eines grandiosen Selbstbildes auf. Und wenn nicht mehr von denen bestätigt wird, was “wir” für sie taten, dann gibt es Saures. Akzeptiert wird nur, was sich assimiliert (was für trans in Augen der Dominanzkultur gar nicht möglich ist) und die große Erzählung der Emanzipation bestätigt. Auch Deklassierte sind so lange akzeptiert, wie man in Benefiz-Events und karitativen Zirkeln die eigene Güte bestätigen kann. Wenn sie eigenständig etwas wollen, dann werden sie halt im Gegenzug entrechtet und entmenschlicht.
Die Annahme erreichter formaler Gleichheit nahm vor allem in dem liberalen Spektrum der Dominanzkultur die Form des Gaslightings an. Normalerweise gilt Gaslighting als Praxis in toxischen Beziehungen: es handelt sich um ausgeklügelte und heimtückische Technik der Täuschung und psychologischen Manipulation, die normalerweise von einem einzelnen Täter über einen längeren Zeitraum an einem einzelnen Opfer praktiziert wird (Abre numa nova janela). Es agiert manipulativ: Leugnen tatsächlicher Ereignisse; Behaupten, das Opfer habe etwas getan oder gesagt, was nicht der Realität entspricht (Abre numa nova janela). Abstreiten, etwas gesagt oder getan zu haben, was man offensichtlich gesagt oder getan hat. Schrittweise Untergrabung des Vertrauens der Opfer in ihre eigene Fähigkeit, wahr und richtig von falsch oder Realität von Schein zu unterscheiden (Abre numa nova janela) . Dem Opfer unzutreffende Realitätswahrnehmung oder falsche Realitätsbeurteilung vorwerfen (Abre numa nova janela). Das Opfer wird im schlimmsten Fall wehrlos gegen die vom Manipulator geschaffenen Illusionen und gezwungen, in einer Weise zu handeln, die den Interessen des Manipulators dient (Abre numa nova janela). Häufige Techniken umfassen: Absprechen der Berechtigung oder Uminterpretation der Gefühle des Betroffenen (Abre numa nova janela). Als Genre in Essays zeigt sich das Gaslighting z.B. in den Abhandlungen Jens Balzers, Susan Neimans und Yascha Mounks zu “woke”. Auch X, ehemals Twitter, ist proppenvoll mit solchen Diskursmechanismen.
ALLE nicht assimilierten Mitglieder gesellschaftlicher Minderheiten oder auch die meisten Frauen kennen diese Macht-Techniken. Sie dienen der Aufrechterhaltung instabiler grandioser Selbstbilder - tatsächlich auch in linken und progressiven Kreisen. Als lange in der Fanszene der FC St. Pauli aktiv kenne ich diese Mechanismen gut. Sie gehören in den Kontext der narzisstischen Kränkung als Reaktion darauf, dass grandiose Selbstbilder NICHT bestätigt werden. Mögliche Schuldgefühle, die bei gerade bei Progressiven schneller auftreten als bei jenen, die keine Probleme damit haben, Andere zu degradieren oder rassistisch zu traktieren, transformieren sich zu offener Aggression. Es bildet sich als Antwort das Bedürfnis nach Zerstörung der Sichtweise des Anderen, um die wahrgenommene Ungerechtigkeit - er erkennt mich in meiner Güte nicht an - zu rächen (Abre numa nova janela). Es entstehen Selbstimmunisierungen, die Feinde der Bestätigung eigener Grandiosität bekämpfen.
In den USA drehte die Alt-Right das Rad nunmehr noch eine Stufe weiter. Zum einen in nietzscheanischen Umkehroperationen: IHR sei die Rassisten - gegen Weiße. IHR diskriminiert - Männer, Heteros und auch Weiße. Das kann als eine Form des Gaslightings gedeutet werden. Es vollzieht sich unter Reaktivierung und Restabilisierung der grandiosen Selbstbilder VOR den 50er Jahren. Und wer dagegen aufmuckt, kann weg.
Ansätze dessen zeigen sich hierzulande genauso. Man kann diese gesamten, beim Antisemitismus abgekupferten Mechanismen imaginativer Textkaskaden zu einer angeblich tyrannischen und zensurwilligen Diktatur von zunächst Political Correctness, dann “Identitätspolitik”, dann woke, also einer Herrschaft gesellschaftlich-kultureller Minderheiten über die Mehrheit, keineswegs ausschließlich, aber auch in Begriffen der Analyse des Narzissmus fassen.
Zum Narzissmus gehört, da er ja insgeheim weiß, dass sein grandioses Selbstbild einfach nur eine Technik ist, eigene Minderwertigkeitsgefühle zu tarnen, immer auch das Gefühl permanenter Bedrohung. Immer und überall könnten Kräfte lauern, die das, worauf das Gefühl der Grandiosität basiert, durch Kritik und einfach nur Anderssein, also durch Freiheitsspielräume, zerstören wollen.
Erdogans Staatsfernsehen deutet den eigenen Narzissmus so nun als “Faschismus” um (Abre numa nova janela), wohl ein Fall pathischer Projektion. Im narzißtischen Kosmos ist JEDE Form anderen Seins als des eigenen immer auch eine potenzielle Vergiftung der Grandiositätsnahrung. Überall dort, wo z.B. von “Familie, Kirche, Vaterland” oder auch “Nation, Familie, Tradition” die Rede ist, geht es nicht nur, aber auch um die Aufrechterhaltung der Autosuggestion, dass eine idealisierte und rein imaginative Vergangenheit das gelobte Land sei. Wie sich so etwas bei fragilen Ex-DDR-Biografien äußern kann, das wäre eigene Analysen wert. In Staaten wie Ungarn oder Russland soll ALLES von der Bildfläche getilgt werden, was diese rückprozierte Größenimagination gefährden könnte - und MAGA heißt auch nicht zufällig so. Die Folge: Z.B. “Homopropaganda”-Gesetze in Florida und Russland und das Verbot von Platons Kugelmenschen aus Platons Symposion in texanischen Bildungseinrichtungen.
Die Welt wird zur Projektion einer narzisstischen Struktur, die immer auch ihr lediglich imaginiertes Außen braucht, auf das sie das im eigenen Grandiosen Verdrängte projizieren kann - seien es Araber, Queers oder Schwarze. Die eigene Barbarei sieht sie nur im Anderen und braucht das auch, um sich aufrecht erhalten zu können.
Diese narzisstische Barbarei sehen wir derzeit überall. Solche Mechanismen sind auch nicht auf den Westen beschränkt, schaut man sich z.B. die aktuelle Situation in Rojava (Abre numa nova janela) (der Islamismus ist ja u.a. auch eine retrotopische, narzisstische Struktur) oder Putins Vorgehen in der Ukraine an.
Wie man solchen Selbstimmunisierungen effektiv begegnen kann - ich weiß es tatsächlich nicht.