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Newsletter – dein kreativer Journaling Kurs #19

Visuelles Journaling

wenn Worte und Bilder sich verbinden


1.Einstieg: Die Sprache der Bilder


Ich bin überrascht, weil ich eigentlich etwas anderes erwartet hätte. Keine Ahnung, vermutlich das, was ich beigelegt hätte: einen Brief, nette Worte, geistreichen Text. Stattdessen ziert das kleine Stück Papier, das Fabian seinem Paket beigelegt hatte, eine kurze prägnante Bleistift-Kritzelei: Ein Strichmännchen. Der eine Stricharm verschwindet angedeutet hinter dem Körper, der wohl auch ein Strich wäre, wenn man ihn denn sehen könnte. Doch der Körper des Strichmännchens, das offenbar ein Selbstbild darstellen soll, wird verborgen von einem großen Blumenstrauß, den das Männchen in der Hand hält und in einladend schenkender Geste von sich streckt. „Für dich – Blumen“ sagt die schnelle Kritzelei und ich gebe zu: Ich bin gerührt. Es schwingt viel Liebe mit in diesem kleinen Bildchen, ein Gefühl, für das es vielleicht gerade keine Worte gibt, die nicht zu viel wären. Ein Bild also, das Zuneigung ausdrückt, für die Worte vielleicht noch zu früh sind. Doch ich verstehe.

Bilder besitzen eine eigentümliche Direktheit, denn sie umgehen die innere Zensur von „das kann ich doch so nicht sagen“. Viele berühmte Portraits zeichnen sich dadurch aus, dass man die Stimmungslage der gezeichneten Person unmittelbar erfassen kann und intuitiv erfühlt, noch bevor man mit Worten versucht, sie zu beschreiben. Wo wir manchmal im Formulierungen Ringen, setzt ein Bild manchmal einfach ein Statement mit Punkt: So isses. Eine Linie, die zittert, verrät innere Anspannung (aus Wut oder Trauer), selbst wenn man sie gar nicht so bewusst gesetzt hätte. Die verwischten Tintenbuchstaben in meinem Journal, die in kleinen, runden Tränenkreisen ausgeblichen sind, erwecken heute noch manches Gefühl wieder zum Leben, denn so unter Tränen geschrieben habe ich selten.

Man kann sagen, dass Bilder und visuelle Eindrücke manchmal wie verborgene Abkürzungen ins eigene Innenleben sind: Sie machen Stimmungen unmittelbar klar, die sprachlich schwer zu begreifen sind. Und damit erschaffen sie einen Raum, in dem Denken und Fühlen gleichzeitig stattfinden dürfen. Falls ihr jetzt abwinkt und Angst habt, dass dieses Journaling Lektion nur etwas für die künstlerisch Hochbegabten ist, möchte ich gerne Entwarnung geben. Visuelles Journaling ist kein verkappter Kunstkurs, sondern eine Einladung, eure Handschrift auf Striche, Kreise, Kritzeleien und schiefe Häuser zu erweitern. Wenn eure Skills nicht viel weiter reichen als das Haus vom Nikolaus, ist das in der Tat vollkommen ausreichend. Denn obwohl ich behaupten würde, durchaus Talent zum Malen und Zeichnen zu haben, geht es darum beim visuellen Journaling gar nicht. Denn Fakt ist: euer Journal urteilt ja nicht, sondern nimmt jede visuelle Spur als ehrliche Notiz des Moments hin. In meinem Fall reichten Tränenflecken. Ich zeichne nicht oft in mein Journal, aber ich möchte euch heute die Möglichkeit und den Nutzen von Doodles nahebringen, denn vielleicht ist diese Facette ja etwas für euch. Wie gesagt: ich schreibe nicht so oft, aber im Laufe der Jahre haben sich doch einige Eigenheiten bei mir eingeschlichen, die so dezent wie überraschend deutlich sind: Wenn ich (ja, das kommt vor) mal überwältigt von Glück keine Worte mehr fand, enden meine Tagebuch Einträge mit einem Herzchen. Ich wiederhole das unbewusst und kann beim Anblick dieses kleinen Herzchens fast unmittelbar das Gefühl abrufen, das damit verbunden ist. Besonders in meinen jungen Erwachsenenjahren habe ich Wutausbrüche oft in großen, fast kalligraphisch anmutenden Schimpfwort-Zeichnungen („FUCK“ in 3D) zu Papier gebracht. Vermutlich deshalb, um dem Gefühl einen angemessenen Raum zu geben. Ganz selten mal anlass- oder jahreszeiten-spezifische Doodles wie Christbaumkugeln oder Kerzen in der Adventszeit. Häufiger finden sich in meinen Notizen allerhand Striche, die Themen beenden, abgrenzen oder einem Plan, doppelt unterstrichen, mehr Nachdruck verleihen.

 

2. Was ist visuelles Journaling?


Ihr seht: beim visuellen Journaling geht es nicht um „schönes Zeichnen“, sondern um visuelles Denken. Und auch, wenn ich selbst diese Technik nur selten verwende, möchte ich sie euch vorstellen, denn vielleicht könnt ihr ja etwas (mehr) damit anfangen. Beim visuellen Journaling können wir Farben, Formen und Symbole nutzen, die sich mit unseren Worten verbinden. Sie unterstreichen, illustrieren oder besser wiederfindbar machen. Unterschied zum reinen Bullet Journal oder Art Journal steht hier die innere Erfahrung im Zentrum, nicht die Ästhetik. Der Gedanke dahinter ist sehr einfach: Manche Erfahrungen landen leichter auf dem Papier, wenn man sie nicht in reine Sprache presst, sondern ihnen eine bildhafte Komponente zur Seite stellt. Im Grunde genommen lädt diese Technik dazu ein, innere Vorgänge auf mehreren Ebenen sichtbar zu machen: Man schreibt, man zeichnet, man ordnet an. Und während ich sehr in Buchstaben verhaftet bin, gibt es Menschen, die oft mit ihren Zeichnungen ehrlicher wären, als sie es auf rein sprachlicher Ebene wären. Wer seinem Text eine kleine Zeichnung beifügt, der zeigt, wofür es keine Worte gibt und öffnet damit vielleicht Wege, die sich auch sprachlich wieder neu erschließen lassen.

 


3. Warum es wirkt


Der Sinn von visuellem Journaling wird besser verständlich, wenn wir uns vor Augen führen, dass Bilder andere Gehirnareale aktivieren als Sprache dies tut. Wenn man so will, nehmen Bilder im Gehirn sozusagen den VIP Eingang: Während Sprache vor allem im linken Temporallappen verarbeitet wird, dort wo Grammatik, Bedeutung und Reihenfolge erfasst werden, springen Bilder viel breiter an. Sie werden im Okzipitallappen verarbeitet, wo auch Emotionen, Gedächtnis und räumliches Denken verarbeitet werden. Das macht visuelle Reize schneller und häufig körperlich spürbar. Psychologisch gesehen hat das zwei sehr interessante Folgen: Bilder umgehen den inneren Lektor, der gerne an der Art der Formulierung feilt und kritisch auf den Punkt sein möchte. Farben, Formen und Linienführungen hingegen greifen auf das implizite Gedächtnis zu, also auf das, was man weiß, ohne es formulieren zu können. Ein weiterer Aspekt ist, dass Bilder Erlebnisse tiefer verankern. Selbst simples Gekritzel wird als Erlebnis abgespeichert. In den Tagen, die ich bei meinem Vater auf der Palliativstation lesend und arbeitend verbracht habe, kann ich in meinem Journal unmittelbar emotional wiederfinden. Ich habe (sicher auch etwas gedankenverloren) das Titelbild des Buches abgemalt, das ich meinem Vater, der nur noch schlief, damals vorgelesen habe. Alles visuelle wirkt körperlicher und erklärt, warum Menschen sich später oft an gezeichnete Seiten erinnern als an reinen Text. Kombiniertes Arbeiten mit Text und Bild fördert Erinnerungsfähigkeit, Emotionstiefe und Flow-Zustände, außerdem kann Zeichnen helfen, Blockaden zu lösen, wenn Worte fehlen.


4. Formen und Methoden

 

Um euch nicht zu verschrecken, weil ihr jetzt doch denken könntet „Ah... das ist zu kompliziert, malen konnte ich schon in der Grundschule nicht gut“, möchte ich euch ein paar praktische Ideen mitgeben, wie visuelles Journaling aussehen kann.
Man kann zum Beispiel Mood- oder Emotionsseiten gestalten. Das muss ein „F*ck-Graffitti“ sein, wie ich sie in meiner Jugend gern gestaltet habe. Wenn es im Gefühle geht, könnt ihr mit Farben arbeiten: Ein paar breite Striche mit einem Filzstift, ein klecksiges Aquarell oder ein Stückchen Zeitschriftenfoto – und plötzlich hat die Woche eine visuelle Temperatur.
Eine andere Variante besteht darin, „Bildantworten“ auf Fragen zu geben statt zu schreiben. Wenn du dir zum Beispiel die Frage stellst „was bewegt mich heute?“, dann könnte ein Symbol wie ein Fenster, ein Knoten oder ein Berg etwas festhalten, wofür du gerade nicht recht die passenden Worte findest. Oder die Antwort auf die beliebte Frage „Wo sehe ich mich in 5 Jahren?“ kann statt mit Worten mit einer kleinen Foto- oder Bildercollage beantwortet werden. Wer mag, kann danach seine Zeichnungen und Kreationen kommentieren: „Ein Fenster ist das erste, was mir spontan in den Sinn kam. Wenn ich recht drüber nachdenke, ist mein aktuelles Gefühl, dass ich gerne rauskommen würde aus der Enge, die mir die Luft zum Atmen nimmt...“ usw.
Wer sich mit Strukturen leichter tut, kann auch Mindmaps anlegen oder visuelle Netze, die Begriffe enthalten oder Minizeichnungen. Sprache und Bilder verbinden sich dann zu einem Gedankengeflecht, das sich freier und einprägsamer anfühlt als nur eine Liste.

Wer doch etwas ambitionierter ist, kann seine Woche in einer Art Comic-Streifen dokumentieren: Drei Panels, schnelle Figuren, kleine Settings, die dir in Erinnerung bleiben sollen. Und wenn ihr jetzt denkt „Okay, nö, drei Nummer zu anspruchsvoll“ würde ich euch gerne raten: Probiert es einfach mal aus. Gerade das ist ja der Sinn von Journaling: Es soll euch dienen und beim Sortieren und verstehen helfen. Es muss keine Preise gewinnen. Und gerade bei Ideen und Techniken, von denen ihr denkt „gar nicht meins“ kann „mal ausprobieren“ äußerst aufschlussreich sein. Es ist erlaubt, über sich selbst hinauszuwachsen – und wenn es nur im Mut ist, wieder mal zum Tuschkasten zu greifen.
Mein Tipp wäre: Verwendet bei all dem einfache Materialien: Buntstifte, Kugelschreiber, Kleber, alte Zeitschriften, Wasserfarben, Notizzettel. Die Einfachheit sorgt dafür, dass der Fokus nicht auf „schön“ liegt, sondern auf dem Erleben, sich in Linien und Farben auszudrücken. Visuelles Journaling lebt gerade von dieser Unbefangenheit, mit der ihr früher gedankenverloren die bekritzelten Tische in der Schule mit eurem Geschmier einfach ergänzt habt. Oder die Schreibtischunterlage während eines längeren Telefonats.


5. Übung der Woche

Im Sinne des „mutig einfach mal machen“ steht auch der Journaling-Impuls, den ich euch diese Woche gerne als Hausaufgabe mitgeben würde. Beantworte mit Stift und gerne ohne Talent die Frage: „Welche Szene aus dieser Woche hat sich in dein Gedächtnis eingebrannt und wie würde sie aussehen, wenn du sie zeichnest?“ Ich kann dir eines versprechen: vermutlich wirst du dir, wenn du nicht gerade ein Ausnahmetalent bist, hinterher wünschen, dass du nicht mit so einem Geschmiere dein gutes Journal verunstaltet hättest – aber in einem Jahr diese Übung nochmal anschauen und dankbar dafür sein, dass du es doch gemacht hast. Weil im Anschauen dieses Bildes für dich etwas fühlbar wird, eine emotionale Erinnerung an genau diesen Moment, die Worte so nicht eingefangen hätten. Worte KÖNNEN das natürlich auch, aber anders. Um eine gewisse Affinität für diese Methode zu entwickeln muss man öfter diesen Moment der Wiederbegegnung mit den eigenen Kritzeleien haben und den Wert dieser Doodles tatsächlich erspüren. Im Jahr 2018 habe ich in Vorbereitung auf meine letzte Schwangerschaft meine Umstandsmode Capsule Wardrobe gemalt. Dass zu sehen versetzt mich wieder in den Gefühlscocktail der aktiven Familiengründungsphase und das ist einfach voll schön. Schöner als die Bilder an sich – aber darauf kommt es WIRKLICH nicht an.
Wenn du magst, ergänze deine Bilder stets mit wenigen Worten: Was erzählt dieses Bild über mich/den Moment/diese Lebensphase?



6. Abschluss: Dein Leben ist die eigentliche Kunst!


Am Ende führt visuelles Journaling zu etwas Uraltem zurück: zur Art und Weise, wie Menschen schon lange bevor es Schrift gab, ihre inneren Welten sichtbar machten. Linien auf Stein, Muster im Sand, Zeichen an Wänden. All das waren Versuche, das Unsagbare festzuhalten. Wenn du heute in deinem Journal eine Farbe wählst oder ein kleines Bild skizzierst, trittst du in gewisser Weise in diese Tradition ein, der allerersten Form des „Notizen Machens“. Deine Hand denkt, bevor du es merkst, und dein Auge versteht, was dein Kopf noch sortiert. Vielleicht entsteht dabei etwas Schönes, vielleicht etwas Rohes, Unperfektes. Beides ist super, denn beides ist einfach Ausdruck deines Inneren. Dabei müssen Bilder und Worte nicht harmonisch sein, sie dürfen einander auch widersprechen oder ergänzen. Genau in dieser Spannung liegt der eigentliche Gewinn des visuellen Journalings: Es entstehen keine Kunstwerke, sondern es ist ein Stück innere Arbeit, die ausgedrückt wird. Nicht mehr und nicht weniger. Visuelles Journaling lädt also dazu ein, dich selbst auf mehreren Ebenen wahrzunehmen. Nicht nur als Erzählerin deiner Geschichte, sondern auch als Zeichnerin deiner inneren Landschaft. Die eigentliche Kunst ist ja dein Leben an sich – und die Erinnerung und Verbindung mit diesem deinem Leben wird funktionieren, auch wenn deine Zeichnungen unbeholfen sind.

Viel Spaß beim Schreiben und Ausprobieren – und bis nächste Woche

 

Eure Sina

 

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