
19/02/2026
Liebe Leute,
heute geht es um die Räume, die soziale Bewegungen schaffen, darum, wer sich darin unter welchen Bedingungen wohlfühlen kann, um die Regeln, die wir uns in unseren eigenen Räumen geben, es geht um die entstehende Kollapsbewegung, um die “offenen Räume von Liebe, Menschlichkeit und Solidarität”, die eines der Ziele des “solidarischen Preppens” sind.
Es wird um “braver spaces” gehen, um Räume, in denen wir zwar Verletzungen manchmal nicht verhindern können, aber darauf vertrauen können, dass es die Bereitschaft und erprobte Formen dafür gibt, sich kollektiv mit diesen Erfahrungen auseinanderzusetzen (Abre numa nova janela)“ - und falls Ihr von dem Konzept noch nie etwas gehört habt, don't worry, das war bei mir bis vergangenen Donnerstag auch so.
Die Angst des Linksradikalen vorm Regelbruch
Ich war bei der Positiven-Uni (Abre numa nova janela) im Waldschlösschen, dem Hauptquartier der deutschen HIV-Positivenbewegung, um einen Wochenendworkshop zum Thema “Act Up! Again” (Vorbereitung unserer Positivenstrukturen auf eine mögliche faschistische Machtübernahme im Kontext der gesellschaftlichen Faschisierung) zu moderieren. Ich war mal wieder ziemlich aufgeregt, nicht nur, weil es um viel ging – Ziel des Workshops war nichts weniger, als einen Kick-Off einer neuen Runde HIV-Positiven-Aktivismus loszutreten, jetzt, wo wir einer Situation immer näherkommen, in der “die dunklen Zeiten” der HIV-/AIDS-Krise zurückkehren könnten (im südlichen Afrika ist dies jetzt schon der Fall) – sondern auch, weil ich die politischen Kulturen der Positivenbewegung noch nicht wirklich kenne. Weil ich unsicher war, wie ich diese navigieren sollte, und schon ein- oder zweimal die Erfahrung in schwul-dominierten politischen Räumen gemacht hatte, dass mich deren hohe Sexualisierung etwas aus dem Konzept brachte: als mich ein alter Bekannter und gelegentlicher Lover bei der Vorbereitung unseres Workshops mit einem beherzten Griff an den Arsch begrüßte, war ich die nächste halbe Stunde erstmal ziemlich verwirrt.
Ok, es ist für Euch vielleicht ein bisschen lustig, sich vorzustellen, dass es politische Räume gibt, die ich als “zu sexualisiert” wahrnehmen könnte, aber nach Jahrzehnten in den politischen Räumen der Radikalen Linken (wo “Radikal” Teil des Namens ist, kein beschreibendes Adjektiv, vgl. Scullys exzellente Kritik (Abre numa nova janela)) bin ich es gewohnt, dass wir Sexualität und Erotik misstrauen, sie im Zweifelsfall als Quelle von Gewalt und Übergriffigkeit definieren, und beide deshalb weitgehend aus unseren Räumen verbannt haben. Und weil dem so ist, hatte ich Sorge, dass ich das “switchen” zwischen den beiden Logiken (linke Räume / Positive Räume, die von cis-Schwulen dominiert werden) nicht hinbekomme, und deswegen dieses nervige Gefühl erleben würde, dass Ihr bestimmt auch kennt: in politische Räume reinzugehen, deren Regeln Ihr nicht kennt, in denen Ihr Euch unsicher fühlt, in denen Ihr Angst habt, “etwas falsch zu machen/sagen/wasauchimmer”.
Ich litt also unter genau der Angst, die die meisten Nichtlinksradikalen beschreiben, wenn sie in “unseren” Räumen sind: die ständige Angst, etwas falsch zu machen, unsichtbare Grenzen zu überschreiten, die “falsche” Formulierung zu benutzen. “Unsere linken Szenecodes, die aus guten Gründen existieren, und die 'unsere' Räume halt für uns relativ safe und vorhersagbar machen, fühlen sich für Menschen, die sie nicht kennen, oft extrem exklusiv an, so gut und links und solidarisch diese Menschen auch sein mögen (Abre numa nova janela).”
Positive Räume
Dieses “ich weiß nicht genau, was die Andere von mir erwartet, was richtig, was falsch, und bin deswegen unsicher” ist ein unangenehmer Zustand, den wir alle kennen. Aber ich hätte mir gar keine so großen Sorgen machen müssen. Mal ganz abgesehen davon, dass ich nach 3 Tagen Positivenuni ein paar sehr konkrete angenehme Erfahrungen mit dem Überlappen von politischen und, ähm, etwas sexualisierteren Räumen hatte, stellte ich fest, dass die Positivenbewegung der Radikalen Linken in punkto Diversität und Erfahrung mit Management von Diversität weit voraus ist. Denn während linksradikale Räume im Kern ideologisch vorselektiert sind (wir organisieren uns mehrheitlich nicht aus einer persönlichen Betroffenheit heraus, oder in räumlich bestimmten Nachbar*innenschaftsgruppen, sondern in ideologisch halbwegs einheitlichen und deshalb schnell gemeinsam handlungsfähigen Gruppen), bringen “Positive” Räume Menschen aus ganz unterschiedlichen Lebenswelten zusammen, unterschiedlicher Herkünfte, Geschlechtsidentitäten, Generationen. Klar, die Positive Community besteht mehrheitlich aus cis-Schwulen, aber es waren auch Heterofrauen und nonbinäre Menschen dabei, es gab eine größere Gruppe ukrainischer Geflüchteter, es gab Atheisten und Menschen mit muslimischem Kopftuch, es gab Konservative und Linke und long-term-Survivors (mit HIV-Diagnosen, die in die Mitte der 80er zurückgehen)...
Und genau diese Diversität, die in Positiven Räumen schon viel länger und aktiver ver- und behandelt werden muss, die nicht einfach durch Verweis aus den Räumen aufgelöst werden kann, wie wir Radikale Linke das allzu oft tun – von der eigenen Community ins Exil geschickt zu werden ist im Grunde eine Art soziales Todesurteil, und das ist in der Positiven Community aus gegebenem Anlass ein ziemliches No-Go (because, you know: HIV, AIDS, Death...) - diese unauflösbare Unterschiedlichkeit politischer, emotionaler, kultureller Perspektiven wurde zu Beginn des Eröffnungsplenums auf eine Art und Weise aufgerufen, die ich äußerst inspirierend fand, und hier ein bisschen ausführlicher zitieren möchte (mit dem Disclaimer, dass es sich hier nicht um eine offizielle Position des Waldschlösschens oder der Positivenuni handelte, sondern um einen Gesprächsaufschlag, der aber äußerst positiv aufgenommen wurde, no pun intended).
Braver Spaces, mutige Positive
“Wir sind uns bewusst, dass (queere) Menschen in unterschiedlichen Kontexten leben und verschiedene Meinungen, Herangehensweisen und Perspektiven mitbringen. Menschen sind etwa geprägt durch individuelle Erfahrungen, Erziehung und ihre gesellschaftliche Sozialisation.
(Als Positivenbewegung) arbeiten wir im Bewusstsein, dass verschiedene Formen von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit auch in unseren Räumen noch reproduziert werden. Gruppenbezogene Formen von Menschenfeindlichkeit, aber auch Privilegien können resultieren aus: sexueller und romantischer Orientierung, Geschlecht, HIV-Status, Alter, Behinderungsstatus, Aussehen, rassistischen Zuschreibungen, Ethnie, Aufenthaltsstatus, Religion und Weltanschauung, Nationalität, Bildungsstatus, Arbeit, ökonomischem Kapital, kulturellem Kapital und diversen anderen Zuschreibungen, Identitäten und weiteren individuellen Merkmalen. Wir halten (die Teilnehmer*innen dazu an), im kritischen Bewusstsein der eigenen Privilegien zu handeln und einander zu begegnen.
Nach unserem Verständnis folgt daraus, dass es keine Safe Spaces (sichere Räume) geben kann. Daher wollen wir gemeinsam mit euch einen Braver Space gestalten. Braver Spaces sind Räume 'in denen wir zwar Verletzungen manchmal nicht verhindern können, aber darauf vertrauen können, dass es die Bereitschaft und erprobte Formen dafür gibt, sich kollektiv mit diesen Erfahrungen auseinanderzusetzen' (Koktis/Thuswald 2015:92). Solche Räume können den Dialog fördern – insbesondere zu herausfordernden Themen. Gespräche über Diversität, Gerechtigkeit und Inklusion sind nicht immer bequem und können es auch nicht sein, wenn wir uns wirklich herausfordern wollen, um unsere Sichtweisen zu erweitern.”
Um solch einen Raum zu ermöglichen, ermutigen wir euch die folgenden Punkte zu berücksichtigen:
Wir bemühen uns darum, ein Bewusstsein über unsere eigenen Vorurteile, Annahmen, Intentionen und Voreingenommenheit zu schaffen.
Wir behalten Offenheit gegenüber Neuem und haben den Willen zu zuhören, zu lernen und zu verstehen.
Wir erkennen die Lebensrealitäten, Stärken und Beiträge der anderen an und wertschätzen sie.
Wir übernehmen Verantwortung für unser eigenes (Un-)Wissen, Lernen und Handeln
Wir hinterfragen Ansichten – nicht Menschen.
Wir erleben Situationen unterschiedlich – das bedeutet, wir versuchen in „sowohl als auch“ statt „entweder oder“ zu denken.
Wenn es dennoch zu Verletzungen kommt, möchten wir euch dazu ermutigen, aufeinander zuzugehen, sie anzusprechen und darüber ins Gespräch zu kommen. Wenn euch das alleine nicht möglich ist, unterstützt euch das pädagogische Team gerne dabei. Dabei erfordert es auch Mut, sich verletzlich zu zeigen und Feedback anzunehmen.”
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Ich finanziere meine politische Arbeit vor allem über diesen Blog, und wäre dankbar für Deine Unterstützung
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Mut statt Reinheitsgebot
Ich kann mich nicht erinnern, bei einem Eröffnungsplenum so begeistert zu sein: Wow! Räume, in denen wir nicht davon ausgehen, dass sie sicher sind, oder zumindest mit großer Macht versuchen, sie “sicher” zu machen, weil wir wissen, dass weder safe noch “safer” spaces in diversen politischen Räumen wirklich möglich sind. Räume, in denen wir uns gegenseitig dazu befähigen, mutig zu sein. Plötzlich lag vor mir ein wichtiger Teil der Antwort auf die Frage, die ich vor ein paar Monaten formuliert habe (Abre numa nova janela): wie können wir Linksradikalen in der Kollapsbewegung dazu beitragen, die offenen Räume der Solidarität und Inklusion zu schaffen, die es in Katastrophe und Kollaps braucht, wenn wir to be perfectly honest richtig, richtig schlecht darin sind, Räume zu schaffen, die für Menschen zugänglich sind, die nicht unsere Szenecodes beherrschen?
Ein Teil der Antwort auf diese Frage ist, dass wir Radikale Linke unser Verständnis der Räume ändern müssen, die wir konstruieren wollen. Natürlich kann, soll, muss es Rückzugs- und Schutzräume geben, safer und, wenn möglich, safe spaces: aber diese Räume sind gerade eben keine politischen Räume. Politische Räume sind solche, in denen wir mit anderen Menschen mit anderen Perspektiven, mit anderen Grenzziehungen umgehen (lernen) müssen, und wer versucht, in politischen und Begegnungsräumen “Sicherheit” herzustellen, endet ganz schnell in einer Position, in der die Grenzen der einen Person die absolute Grenze des Handelns der anderen Person darstellen, also keine wirkliche Kommunikation und Vergeschwisterung möglich ist. Echte Diversität in Räumen kann nicht koexistieren mit dem Wunsch, diese “safe” für alle zu machen, deswegen ist der Wunsch nach politischen “safe” und “safer” spaces vollkommen un-, in einem gewissen Sinne antipolitisch. Und btw: der konzeptionelle Upgrade von “safe” zu “safer” spaces hilft auch nicht wirklich, weil darin zwar die Erkenntnis steckt, dass vollkommen “safe” spaces im Politischen unmöglich herzustellen sind (eine in queerer Community-Arbeit sehr erfahrene Trainerin sagte mir dazu gestern: “ja klar, kannste machen, aber dann muss halt jede einzelne Person eine eigene Security/Awareness-Person mit sich herumlaufen haben, die jede einzelne Grenzüberschreitung verhindert, oder ahndet.”), aber die Norm trotzdem eine ist, die echte Diversität – mit ihren Gefahren, mit ihren Konflikten und Verletzungen – am Ende in eine kulturelle Gemeinsamkeit auflösen will, die praktisch nicht ohne repressive Codes und Praxen herzustellen ist.
Also nicht “safe spaces”, in denen wir sicher sein können, dass niemand unsere Grenzen überschreitet, niemand uns verletzt und in Frage stellt – oder zumindest wissen, dass Menschen, die unsere Grenzen überschreiten, prontissimo hochkant aus dem Raum fliegen. Auch nicht “safer spaces”, eine Korrektur des ursprünglichen Konzepts die der von “safe Sex” zu “safer Sex” folgt: “safer spaces” sind solche, in denen wir zwar wissen, dass Grenzüberschreitungen, dass Konflikte möglich, sogar wahrscheinlich sind, in denen wir aber trotzdem die Abwesenheit von Konflikten und Grenzüberschreitungen zum Ideal erklären.
Wir radikale Linke hatten mal das Verständnis, dass Konflikt notwendig ist, um politischen “Fortschritt” zu ermöglichen (“die Geschichte aller bisherigen Gesellschaften ist die Geschichte von Klassenkämpfen”), jetzt haben wir uns Regeln gegeben, die versuchen, alle Konflikte aus “unseren” Spaces herauszuhalten, sie stattdessen auf der Straße und anderswo gegen “die Anderen” zu führen. Aber die Positivenbewegung hat mich daran erinnert, dass Konflikte auch “in unseren” Räumen normal und notwendig sind, und dass wir at our peril versuchen, sie daraus zu verbannen. Diversität schafft Konflikte, und wir können das für uns nutzen. Die Frage, besonders auch in Kollaps und Katastrophe, ist: wie können wir Räume schaffen, wo wir nicht dissoziieren müssen, wo wir auch den Mut haben, verletzt zu werden?
Schlussgedanken
Für manche mag das wie ne Einladung klingen, sich jetzt in linken Räumen auch wieder ganz offen und unhinterfragt wie zb ein patriarchales Arschloch zu verhalten, mich selbst an schlechten Tagen ein bisschen eingeschlossen haben wir da ja ne ganze Reihe von. Es geht beim Konzept “braver spaces” aber um etwas ganz anderes: es geht um die Akzeptanz von politischem Risiko, es geht darum, anzuerkennen, dass politische Arbeit in einer real-existierenden Gesellschaft, die auch noch nach rechts rückt, ziemlich viele ziemlich harte Konflikte beinhalten wird, auch und gerade mit den Menschen, mit denen wir zusammenarbeiten. Wenn wir nicht wieder lernen, solche Konflikte auszuhalten, zu führen, und selbstverantwortlich aufzulösen, wird die kulturelle und politische Diversität unserer Räume immer weiter schrumpfen, bis... wir auch einfach damit aufhören können, uns als politisch relevante Bewegung zu verstehen – dann sind wir einfach nur noch ne “Szene”, und ich glaube, das würde niemandem von uns ausreichen.
Zuletzt dies: viel von dem, was die Kollapsbewegung derzeit an den Start bringt, läuft auch darauf hinaus, Menschen in die Lage zu versetzen, autonom zu handeln, auch und gerade in Krisen- und Katastrophensituationen. Am Wochenende der Positivenuni nutzten wir – Workshopleitende und Awarenessgruppe – das Konzept “Braver Space” um einen Konflikt zwischen ein paar eher aktivistisch-antifaschistisch orientierten Leuten, und anderen, die eher weniger Lust hatten, Fragen wie “die drohende faschistische Gefahr” zu diskutieren. Die Gruppen stritten sich in einem Workshop, und es gab danach die Sorge, man würde sich eventuell in der Essensschlange zum Abendessen nochmal an den Hals gehen.
Wir sprachen in der Runde darüber, und kamen zum Schluss, dass genau solche Gespräche und Konflikte in der politischen Arbeit völlig normal sind; boten den Streitenden zwar unsere Unterstützung an, aber fanden grundsätzlich, dass diese als erwachsene Menschen (mit unserer Unterstützung, falls gewollt) in der Lage sein sollten, den Konflikt zu lösen, ihn auszuhalten, oder sich halt für ein paar Stunden aus dem Weh zu gehen. Dass wir uns darauf geeinigt hatten, miteinander mutig zu sein, miteinander gemeinsame Wege zu gehen, obwohl wir nicht vom selben Punkt aus loslaufen.
Ich fand das tbh wahnsinnig inspirierend. Ich kann seitdem sagen: ich wünsche mir eine Kollapsbewegung, die sich nicht mehr der unpolitischen Illusion von safer oder gar safe spaces hingibt, die vor allem “braver spaces” schafft, in denen verschiedene Arten von Menschen sich im Katastrophenfall tatsächlich gerne aufhalten. Das wäre auch für die “Radikale Linke” ein riesiger Fortschritt: von der Positivenbewegung lernen heißt, gelebte Diversität lernen.
Ich freue mich auf mehr.
Mit mutigen posithiven Grüßen,
Euer Tadzio