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Nach dem Stromausfall: die vielen Gesichter des Katastrophen-Preppen

Illustration: Marcus Vildir/Preppa Tillsammans

15/01/2026


Liebe Leute,

es ist Woche 1 nach einem mehrtägigen sabotagebedingten Stromausfall in der Bundeshauptstadt, und plötzlich fühlt es sich so an, als redeten Alle vom Preppen. Der Guardian zum Beispiel zitiert in einem Artikel über Berliner Reaktionen auf den Stromausfal (Abre numa nova janela)l eine verrentete Krankenschwester mit diesen Worten: “'It turns out (my husband) has been doing his own prepping. Everyone in Germany is doing it these days. And why wouldn’t you? The difference to just a short while ago is that most readily admit it now without fear of ridicule.



Alle reden vom Preppen

Everyone is doing it, und most … admit it not without fear of ridicule. Ich schrieb schon im Juni, (Abre numa nova janela) dass “wir ... es in den vergangenen Monaten geschafft (haben), den Begriff des “Prepping” endlich aus der Umklammerung jenes wahnsinnig unproduktiven Framings zu reißen, dementsprechend rechte crazy person sein muss, wer darüber nachdenkt, sich auf Katastrophen und Systemzusammenbrüche praktisch vorzubereiten.” Aber seit dem Stromausfall ist die Debatte über Katastrophenvorbereitung wirklich in der breiteren Gesellschaft angekommen, und es war wohl zu erwarten, dass der Auslöser eine heftige Katastrophe sein würde, die tief in die Alltagsnormalität im globalen Maßstab ziemlich stabilitätsverwöhnter Menschen eingriff, der für mehrere Tage diese einfache Wahrheit demonstrierte: egal, welche größere Katastrophe uns trifft, wir sind darauf wahrscheinlich nicht adäquat vorbereitet, und mangelnde Vorbereitung auf Katastrophen bedeutet konkretes Leid. (Dieses Statement gilt im Schnitt auf jeder Ebene, von der staatlichen bis ganz runter zur individuellen.)

Obwohl diese Woche wirklich ziemlich busy ist, weil wir jetzt so richtig mit der Arbeit an unserem “Kollaps-Trainingslager/LARP/Szenarienspiel” (sorry für die unklare Nomenklatur, wir suchen noch nach dem perfekten Namen ;)) angefangen haben, dachte ich mir: wenn schon Alle vom Preppen reden, also auch diejenigen, die sich sonst überhaupt nicht mit diesem irgendwie dann doch auch unangenehmen Thema auseinandersetzen, dann macht es doch Sinn, genau hier jetzt ein bisschen in die Tiefe zu gehen, und genauer zu untersuchen, welche Arten des Preppen, und vor allem, welche verschiedenen Spielarten des “SoliPreppen” es gibt oder zumindest geben könnte.



Ist das schon SoliPreppen?”

Inspiriert ist diese Fragestellung von einer sehr produktiven Diskussion mit Ulrich Brand in Jena vergangenes Jahr, wo Brand nach meiner Kritik an den zu “abwartenden” und viel zu optimistischen Politikansätzen vieler linker Genoss*innen verschiedene Aspekte seiner akademischen Arbeit an der Uni Wien als antifaschistisches Preppen durchdeklinierte, im Sinne von: “Meine Kolleg*innen und ich versuchen zusammen mit Studierenden, dafür zu sorgen, dass die Universität im Falle eines FPÖ-'Volkskanzlers' Kickl nicht sofort von den Faschisten übernommen werden kann.” Seine völlig nachvollziehbare Frage “ist das nicht auch SoliPrepping?” beantwortete (verstolperte) ich an dem Punkt ehrlicherweise mit “ähm, ich glaube... also, ja, das ist linkes Prepping, vielleicht ist es aber was anderes, als 'SoliPreppen?'”. Ähnlich ging es mir mit zwei anderen Fragen, erstens: “Wie sieht denn eigentlich 'antifaschistisches Preppen' aus, wenn ich zum Beispiel eine NGO bin?”, und zweitens “Wie kann ich mich denn mit meinen Kolleg*innen im Betrieb über 'Preppen' unterhalten?”

All diese relative (und relativ ungewöhnliche) Sprachlosigkeit meinerseits zeigte mir, dass wir mittlerweile an einem Punkt in der Debatte und der Entwicklung einer solidarischen “Kollapsbewegung” angekommen sind, an dem es notwendig ist, die Kategorie “SoliPreppen” konkreter auszudifferenzieren. Denn ursprünglich diente die Idee des solidarischen Preppen erstmal als Diskurswerkzeug, sie sollte Raum für eine linke Diskussion über Katastrophenvorbereitung, anstatt diese immer als “rechtes Teufelszeug” abzutun. Dieser Raum ist nun geöffnet, und in immer mehr linken und Klimadebatten wird darüber diskutiert, was denn nun konkret zu tun sei, wie die Idee des “solidarischen Preppen” in der Realität aussehen könnte.


SoliPreppen ausdifferenziert

Der erste Schritt in dieser immer notwendigeren Unterteilung wurde mir ebenfalls in Jena vorgeschlagen, als ein Mensch aus dem Publikum in die Diskussion über “was ist eigentlich SoliPreppen” hinein den Vorschlag machte, die Art des Preppen, von der ich hauptsächlich rede, als “Grasswurzel-Preppen” zu bezeichnen, als eine Art des Preppens, die sich eng an den Praxismodi linker und linksradikaler Subkulturen orientiert: sich in “aktivistischen” Gruppen organisieren, meist auf der Basis geteilter Überzeugungen oder Freundschaften. Das ist, zugegebnermaßen, eine ziemlich gute Beschreibung der meisten Arten von “SoliPreppen”, über die ich bisher gesprochen habe, vielleicht mit der Ausnahme der solidarischen Organisierung unter HIV-Positiven, die eines meiner oft wiederkehrenden Themen ist.

Und wenn wir “Grasswurzel-Preppen” als Unterkategorie des SoliPreppen verstehen, welche anderen Kategorien, will sagen, solidarische Handlungsmöglichkeiten in der Katastrophe können wir uns denn noch vorstellen?

Andockend and Ulli Brands Erzählung würde ich mal institutionellem Preppen (in seinem Fall: akademisches Preppen) anfangen: “preppen” heißt im Grunde einfach nur “vorbereiten”, also muss “institutionelles Preppen” = Vorbereitung einer Institutionen auf Katastrophensituationen bedeuten. Und auf welche Katastrophensituationen? Vor dem Stromausfall habe ich vor allem zwischen faschismus- und klimakollapsbedingen Katastrophen unterschieden (der Faschismus ist seine eigene Form der Katastrophe), würde jetzt aber noch “Systemausfälle aller Art und Provenienz” hinzufügen.

Wie könnten Menschen in einer Institution sich zum Beispiel solidarisch auf eine faschistische Machtübernahme vorbereiten? Ohne Anspruch auf Vollständigkeit oder sinnhafte Anordnung (“arrangiert nach Relevanz und Dringlichkeit”) hier ein paar Gedanken dazu.



Z.B.: institutionelles/antifaschistisches Preppen

Frage: welches Ziel sollte institutionelles Preppen verfolgen? Zwei Antworten scheinen mir hier nahezuliegen. Erstens sollte jegliche Form solidarischen Preppens als zentrales Prinzip immer die Sicherheit marginalisierter und deshalb besonders gefährdeter (migrantisierter, ethnisierter, queerer, weiblich gelesener, etc.) Personen und Gruppen im Blick haben, was im Fall einer Institution bedeutet, dass diese sich fragen muss, wie sie in ihr aktive Menschen mit besonderer Gefährdung besonders schützt. Wer das ist, und ob/inwiefern sie “Schutz” oder Support brauchen, wird immer vom Einzelfall abhängen, aber die Frage sollte sich jede Institution stellen. Zweitens muss jede Institution versuchen, sich vor einer faschistischen Übernahme zu schützen, um so ihre Arbeitsfähigkeit zu garantieren: also, institutioneller Selbstschutz und vorrangiger Schutz gefährdeter Personen.

Erlaubt mir hier bitte, einfach ein bisschen weiter zu brainstormen, denken geht beim Schreiben immer am besten: ich sprach kürzlich mit einer Person aus der Deutschen AIDS-Hilfe, die zu 80-90% aus Bundesmitteln finanziert wird, und fragte, ob es dort Vorbereitungen auf das Szenario “100%iger Wegfall aller staatlichen Förderung” gäbe, ein Szenario, das im Fall einer AfD-Machtübernahme gar nicht besonders unwahrscheinlich wäre. Ich will hier nicht im Detail die Antwort wiedergeben, kann aber zumindest berichten, das ein interessantes Gespräch daraus entstand. Eine Form des “institutionelles Selbstschutz” wäre es also, sich über Finanzen Gedanken zu machen, und Notfallpläne zu erarbeiten, eine Art institutioneller Triage: welche Elemente unserer Arbeit halten wir für zentral im Sinne einer demokratisch-antifaschistischen Gesellschaft, wie können wir diese aufrechterhalten, wenn die faschistische Katastrophe da ist?

Wichtig beim Preppen ist das Denken in Szenarien: wenn Katastrophe A, welche konkrete Bedrohung B entsteht da für Akteur/Person C? Wenn zum Beispiel eine Hitzewelle in Berlin zuschlägt... könnten da zum Beispiel Universitäten mit ihren riesigen Hörsälen und Katakomben als Kühlungsräume ausgestattet und angeboten werden? Im Falle eines Kälteeinbruchs könnten Verkehrsbetriebe ihren “rolling stock” als Wärmebusse und -bahnen anbieten.

Also: die Sicherheit besonders bedrohter Menschen und Gruppen in den Fokus stellen; Szenarioplanung betreiben; nichtstaatliche Finanzierungsquellen erschließen und stabilisieren; “institutionelle Triage”: welcher Teil der institutionellen Arbeit muss weiterlaufen, welche können zuerst wegfallen?; Schutz der Institution vor Übernahme durch die Faschos. Das wären ein paar Elemente “institutionellen/antifaschistischen Preppens”, die mir auf die Schnelle einfallen.


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Andere Arten des Preppen

Wenn Ihr mir die etwas unorganisierte Aneinanderreihung meiner Gedanken in diesem Text verzeiht, würde ich gleich in diesem Stil weitermachen, und den Artikel mit ein paar kurzen Notizen zu nicht-faschistisch aber auch nicht “solidarischen” Modi des Preppens zu Ende zu bringen.

Erstens, apropos “individuelles Preppen”: auch wenn wir SoliPrepper*innen immer wieder betonen, dass es um Beziehungen geht, nicht um Vorräte, ist es eine echt gute Idee, sich Vorräte anzulegen (Abre numa nova janela), auch, weil das bedeutet, dass mensch diese im Notfall teilen kann. Wolf und ich haben ein bisschen Geld in die Hand genommen, und haben uns eine Powerbank von der Größe einer Autobatterie gekauft, um im Notfall nicht nur uns, sondern auch unsere Hausnachbar*innen mit Strom versorgen zu können. Wer sich helfen kann, kann auch anderen helfen, und die eigene Vorbereitung kann gute Vorbereitung für die kollektive Vorbereitung sein. Fangt halt nur nicht an, zu horten.

Zweitens, staatliches Preppen: hab ich bisher ziemlich mit Ignoranz gestraft, und mit dem “Argument” “da wird's in Zukunft eh weniger Geld geben” abgetan, obwohl sich da einiges tut, z.B.: “Governments are hoarding rice and grain as insurance against a world they increasingly view as unstable (Abre numa nova janela).” Wie und wo der Staat in Katastrophenvorbereitung investiert ist von zentraler Wichtigkeit: wenn nicht hingeschaut und kontrolliert und gedrückt und gezogen wird, werden staatliche Katastrophenschutzinstitutionen wie in den USA geschleift werden, ihre Hilfe wird nur noch den good dogs des Führers zukommen, während die bad, bad dogs zB in linken Städten oder Bundesstaaten (ok, looking too much at the USA maybe – then again, it IS our future) nichts bekommen. D.h.: politische Strategien zu entwickeln, um staatliche Katastrophenhilfeinstitutionen und -prozesse zu beeinflussen wäre, sofern möglich, ein wichtiger Teil der politischen Arbeit einer solidarischen Kollapsbewegung. Hier bin ich mir nicht ganz sicher, wie das mit meiner These von der zunehmend von links nicht mehr beeinflussbaren Politik zusammenhängt, and will get back to you on that.

Drittens, betriebliches Preppen: auch dieser Gedanke, der letzte substantielle in diesem Text, entstand aus der sehr produktiven Diskussion in Jena, als ein Gewerkschaftsaktivist, mit dem ich mich in den letzten 1,5 Jahrzehnten immer mal wieder solidarisch über die Klimagerechtigkeitsfrage gestritten habe, mich herausforderte, mal in ein paar IG Metall-Betriebe zu kommen, und genau über diese Fragen – Vorbereitung auf klima- oder faschobedingte Katastrophen – zu sprechen, weil er glaube, die Kolleg*innen könnten dafür durchaus offen sein. Hier will ich, aufgrund historisch gewachsener betriebs- und gewerkschaftsferne, erstmal nicht spekulieren, ich freue mich auf Gespräche mit betrieblichen Aktivist*innen über mögliche Arten “betrieblichen/gewerkschaftlichen Preppens”.


Schluss jetzt

Ihr seht, der ganze Text ist noch nicht wirklich fertiggedacht – er ist eher Teil dessen, was mein Therapeut zur Zeit gerne “Suchbewegung” nennt, meinen Versuch, das neue Terrain, in dem wir uns befinden, abzuschreiten, seine Möglichkeiten, Fallstricke und Untiefen zu erkunden. Er meint damit, btw, dass ich mal weniger Konflikte in meinem Leben und meiner Arbeit haben sollte, und ich verspreche, ich arbeite daran. In diesem Fall meinte ich aber die Suchbewegung im neuen “Kollaps-Space”, in dem wir gerade erst anfangen, zu verstehen, was eigentlich möglich ist.

Mit allzeit vorbereiteten Grüßen,

Euer Tadzio

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