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Nein, du bist nicht erst mit 32 erwachsen

Jeden Freitag erzähle ich dir von Erkenntnissen aus Neurowissenschaft und Psychologie, die du kennen solltest. Heute geht es um eine neue Studie, die Schlagzeilen gemacht hat.

KI-generiert mit Midjourney.

Die ersten drei Jahre lang hat dieser Newsletter ein Jugendlicher geschrieben. Aber gute Nachrichten: Seit August schreibt ihn endlich ein Erwachsener. Denn seit August bin ich endlich … 32 Jahre alt?

Falls du jetzt verwirrt bist. Ich beziehe mich auf eine neue Studie (Öffnet in neuem Fenster), die letzte Woche die Runde gemacht hat. Und mit Runde meine ich: Alle großen Medienhäuser haben über sie berichtet. Die ARD, das ZDF, die Vogue, BBC, der Guardian, die Tagesschau, NTV, die Frankfurter Rundschau … ich könnte ewig so weitermachen. Unser Gehirn, so heißt es in den Berichten, durchläuft bis zu unserem Tod fünf entscheidende Phasen. Und die Jugend ende viel später als bisher gedacht, nämlich erst mit 32!

Wirklich? Schauen wir uns die Studie mal genauer an.

So gingen die Wissenschaftler:innen vor

Das Ziel der Studie war es, zu verstehen, wie Hirnregionen miteinander verbunden sind, und wie sich diese Verbindungen über die Jahren hinweg verändern. Dafür haben die Wissenschaftler:innen aber nicht einzelne Menschen ihr Leben lang begleitet und immer wieder ihre Gehirne gescannt (das wäre enorm cool gewesen), sondern auf eine Datenbank zurückgegriffen und so Momentaufnahmen von über 4.000 Menschen ausgewertet, quasi: Screenshots ihrer Gehirne. Da die Menschen in der Datenbank zwischen 0 und 90 Jahre alt waren, konnten sie sich auf die Suche nach Mustern machen. So sind die Forscher:innen dann vorgegangen:

  1. Mithilfe dieser Scans, welche die weiße Substanz (die „Kabel“ des Gehirns) abbilden, konstruierten die Wissenschaftler:innen für jedes Gehirn ein topologisches Netzwerkmodell – ein sogenanntes Konnektom. In diesen Modellen repräsentieren verschiedene Gehirnregionen die Knotenpunkte und die Faserbündel die Verbindungen dazwischen.

  2. Um die Architektur dieser Netzwerke zu analysieren, berechneten die Autor:innen zwölf verschiedene Messwerte der Graphentheorie. Diese Metriken beschreiben die Organisation des Netzwerks in drei Kategorien: ◦ Integration (Effizienz): Wie leicht und schnell können Informationen über kurze Wege global im Netzwerk ausgetauscht werden? ◦ Segregation (Spezialisierung): Wie stark ist das Netzwerk in hochgradig miteinander verbundene spezialisierte Untergruppen (Module) unterteilt? ◦ Zentralität: Wie wichtig sind einzelne Knotenpunkte für den Informationstransfer im Gesamtnetzwerk?

  3. Anstatt diese zwölf Maße einzeln zu untersuchen, nutzten die Forscher:innen eine fortschrittliche statistische Technik namens UMAP (Uniform Manifold Approximation and Projection). Diese nicht-lineare Methode ermöglichte es, die hochkomplexen Datenmuster aller zwölf topologischen Messwerte auf einmal in einem vereinfachten dreidimensionalen „Manifold-Raum“ darzustellen. Das ist, ehrlich gesagt, ziemlich cool und ziemlich nerdig.

  4. Entwicklungsphasen festlegen: Innerhalb dieses Raumes, der die gesamte topologische Entwicklung über die Lebensspanne grafisch abbildet, identifizierten sie vier signifikante „Wendepunkte“ (Turning Points) bei etwa neun, 32, 66 und 83 Jahren. Diese Wendepunkte markieren die Alter, an denen die Entwicklungsrichtung der Gehirnarchitektur grundlegend umschlägt und eine neue Phase beginnt.

Was zeichnet diese Phasen nun aus?

Laut der Studie kann man die vier Phasen der Gehirnentwicklung etwa so beschreiben:

Phase Eins: 0 bis 9 Jahre – Vom Säugling zum Kind
In den ersten neun Lebensjahren konzentriert sich das Gehirn stark auf die sogenannte lokale Spezialisierung. Die Gesamtkommunikation über weite Strecken hinweg nimmt tendenziell ab, während sich die lokalen Netzwerke im Gehirn eng und intensiv vernetzen. Anders ausgedrückt: Die Straßen in der Nachbarschaft werden erstmal ordentlich geteert, bevor die Autobahnen ausgebaut werden.

Phase Zwei: 9 bis 32 Jahre – Adoleszenz und frühes Erwachsenenalter
Das Gehirn wird nun sowohl global effizienter (Informationen können schneller über weite Strecken ausgetauscht werden; die Autobahnen werden ausgebaut), als auch lokal spezialisierter. Diese ideale Balance wird als "Small-Worldness" beschrieben. Der Wendepunkt bei 32 Jahren ist der stärkste der gesamten Lebensspanne und markiert den Höhepunkt der Effizienz und Integration des Gehirns, was laut der Studie auch mit Höchstwerten in Volumen und Integrität der weißen Substanz übereinstimmt.

Phase Drei: 32 bis 66 Jahre – Mittleres Erwachsenenalter
Nach dem Höhepunkt bei 32 Jahren verlangsamen sich die architektonischen Veränderungen des Gehirns. Während dieser dreißigjährigen Phase nimmt die globale Effizienz des Netzwerks ab, was bedeutet, dass die Kommunikation über weite Strecken weniger schnell erfolgt. Die Autobahnen werden einspurig: Baustelle. Dafür wird die lokale Vernetzung zwischen benachbarten Regionen weiter gestärkt. Das Gehirn behält in dieser Phase eine topologisch stabile Struktur bei, was laut Studie mit einem Plateau in der Entwicklung von Intelligenz und Persönlichkeit korrespondiert.

Phase Vier: 66 bis 83 Jahre – Frühes Altern
Die Effizienz des Netzwerks nimmt weiter ab, während die Modularität zunimmt – das Gehirn beginnt sich stärker in unabhängige, spezialisierte Untergruppen aufzuteilen. Man kann dies als Ausdünnen oder Vereinfachen des Netzwerks interpretieren. Das Ende dieser Phase (um 83 Jahre) fällt zeitlich mit dem Beginn wichtiger gesundheitlicher Veränderungen in der Bevölkerung, wie etwa dem Einsetzen von Demenz oder Hypertonie, zusammen.

Phase Fünf: 83 bis 90 Jahre – Spätes Altern
In der letzten untersuchten Phase verflacht die Beziehung zwischen dem Alter und der strukturellen Organisation des Gehirns deutlich, möglicherweise auch wegen der geringeren Stichprobengröße in dieser Altersgruppe. Das einzige Merkmal, das in diesem späten Alter noch signifikant zunimmt, ist die lokale Bedeutung bestimmter Knotenpunkte. Das weist darauf hin, dass die strukturelle Topologie in dieser späten Lebensphase generell an Einfluss verliert.

Was heißt das jetzt für das Erwachsenwerden?

Wenn man die Studie so zusammenfasst, klingt sie zwar – finde ich – super spannend, aber die Wucht, Medien eingeschlagen ist, erklärt das nicht. Die kommt erst, wenn man einen Schritt weitergeht: Werden wir etwa erst mit 32 erwachsen? Ist das Gehirn bis dahin noch nicht ausgereift? Und wie sinnvoll ist es überhaupt, solche Veränderungen im Gehirn auf Konzepte wie Jugend und Erwachsen sein zu übertragen?

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