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Wieso Jugendliche das Risiko lieben

Jeden Freitag erzähle ich dir von Erkenntnissen aus Neurowissenschaft und Psychologie, die du kennen solltest. Heute geht es darum, warum Jugendliche oftmals so unvernünftig sind – und wie man dem begegnen kann.

Eine wilde Collage mit gezeichneten Jugendlichen, die misstrauisch aussehen.
KI-generiert mit Midjourney.

Die 150 Kinder, mit denen ich jedes Jahr ins Zeltlager fahre, sind zwischen sechs und sechszehn Jahre alt. Wer mit Kindern arbeitet, weiß: Das ist eine ziemlich große Altersspanne. Und jede Altersstufe bringt seine eigenen Herausforderungen mit sich.

Die Jüngsten leiden gerade in den ersten Tagen immer wieder an Heimweh. Mit ihnen dauern auch die alltäglichen Aufgaben manchmal doppelt oder dreifach so lang wie ursprünglich gedacht (zum Beispiel Zähneputzen). Bei den älteren Kindern kommen ganz andere Probleme hinzu. Plötzlich baut ein Junge aus einem Deo und einem Feuerzeug einen Flammenwerfer; eine Gruppe trifft sich heimlich hinter einem Zelt und raucht E-Zigaretten; oder ein paar Mädchen verstecken ihre Vodka-Flasche unterm Bett. Und das, obwohl wir gerade den älteren Kindern zu Beginn der Lagerzeit nochmal detailliert erklären: Rauchen ist verboten, Alkohol tabu, Flammenwerfer sind nichts fürs Zeltlager.

Jedes Mal, wenn ich oder ein anderer Betreuer jemanden bei so einer Aktion erwischt, stellen wir uns eine Frage, die viele Eltern wahrscheinlich nur zu gut kennen: Warum hat er das gemacht?! Er weißt doch, wie dämlich das ist – warum tut er es trotzdem?

Oder allgemeiner: Warum handeln Jugendliche so oft gegen besseres Wissen? Warum scheinen sie Risiken geradezu zu suchen, obwohl sie die Konsequenzen kennen? Damit ich in diesem Sommer noch etwas mehr Verständnis für die Kids habe, habe ich mir angeschaut, was die Hirnforschung darüber weiß. Und auch, welche Reaktionen von Erwachsenen wirklich helfen.

Die Bauarbeiten verlaufen unterschiedlich schnell

Die wichtigste Baustelle im jugendlichen Gehirn heißt präfrontaler Kortex. Das ist der Teil des Gehirns, der enorm wichtig ist für Planung, Impulskontrolle, langfristiges Denken, Abwägen von Risiken – kurz: für vernünftige Entscheidungen. Und genau dieser Teil ist einer der letzten, die fertig werden. In der Regel erst irgendwann in den Zwanzigern.

Dagegen sind Regionen, die für Emotionen, Belohnung und schnelle Impulse essentiell sind, geradezu frühreif. Es funkt schon in der Pubertät auf Hochtouren, besonders wenn Dopamin ins Spiel kommt, also beim Kick, bei Anerkennung, bei Neuem.

Das führt zu einem systematischen Ungleichgewicht.

Studien zeigen, dass Jugendliche sich den Risiken ihres Verhaltens oftmals sehr wohl bewusst sind, aber trotzdem ihren Impulsen nachgehen. Sarah-Jayne Blakemore, eine der wichtigsten Forscherinnen zum pubertierenden Gehirn, beschreibt (Öffnet in neuem Fenster) das so: Der emotionale Motor ist voll aufgedreht, aber die Bremse ist noch nicht vollständig installiert. Entscheidungen werden oft aus dem Bauch heraus getroffen, weil das Belohnungssystem überaktiv ist, während das System zur Impulskontrolle noch in der Entwicklung steckt.

Wissen führt nicht automatisch zum Handeln

Selbst wenn Jugendliche wissen, dass etwas gefährlich ist, handeln sie oft anders. Warum?

Weil Entscheidungen eben nicht allein im präfrontalen Kortex getroffen werden, sondern auch in emotionalen Zentren wie dem ventralen Striatum, das stark auf Belohnung reagiert. Und dieses reagiert in der Pubertät besonders empfindlich, vor allem bei Gruppendruck, Lob, Likes, neuen Reizen.

Jugendliche mit hoher Risikobereitschaft zeigen (Öffnet in neuem Fenster) stärkere Aktivierung im Belohnungssystem und gleichzeitig geringere Aktivierung im dorsolateralen präfrontalen Kortex, wenn sie potenziell riskante Entscheidungen treffen. Kurz: Die „Ich weiß, das ist dumm“-Stimme ist zwar da, aber sie wird leiser, wenn das Gehirn Dopamin winken sieht.

Interessanterweise scheinen Jugendliche insgesamt ein niedriges Dopamin-Level zu haben. Vielleicht erklärt das, warum sich Jugendliche so oft langweilen, wenn nichts Besonderes um sie herum passiert. Wenn dann aber etwas Spannendes passiert, sind die Spikes besonders groß.

Man kann nicht alles auf den präfrontalen Kortex schieben

Jetzt sollte man aber nicht einfach alles auf die langsame Entwicklung des präfrontalen Kortex schieben. Die beiden Forscher Simon Ciranka und Ralph Hertwig widersprechen (Öffnet in neuem Fenster) der Idee, dass Jugendliche nur deshalb risikoreicher handeln, weil ihr Gehirn unreif ist. Stattdessen konnten sie zeigen: Jugendliche passen ihr Risikoverhalten aktiv an ihre Umwelt an. Wenn riskante Verhaltensweisen (z. B. unerlaubtes Feiern, riskantes Fahren) meistens ohne negative Konsequenz verlaufen, lernt das Gehirn: So schlimm ist das nicht. Es entsteht ein statistisches Lernen: Nicht, was logisch riskant ist, zählt, sondern, was gefühlt selten schiefgeht.

Das erklärt, warum Warnungen oft verpuffen: Wenn der/die Jugendliche zehnmal nachts heimlich rausging, ohne erwischt zu werden, ohne, dass das irgendwelche Konsequenzen hat, dominiert diese Erfahrung gegenüber der abstrakten Gefahr.

Der Gruppendruck ist real

Ein weiterer unterschätzter Faktor sind andere Jugendliche. Wenn Gleichaltrige zuschauen, bekommt das Gehirn einen zusätzlichen Dopamin-Schub. Risiko wird plötzlich doppelt belohnt: durch den potenziellen Erfolg und durch soziale Anerkennung.

In einer Studie wurde 2014 gezeigt (Öffnet in neuem Fenster), dass bei riskanten Entscheidungen die Aktivität im Belohnungssystem deutlich höher ist, wenn Jugendliche glauben, dass Gleichaltrige sie beobachten. Gleichzeitig zeigte sich weniger Aktivität im präfrontalen Kortex, der eigentlich für die Kontrolle zuständig wäre.

Andere Jugendliche wirken dabei wie ein Verstärker: Sie machen Risiken attraktiver, weil sie das Gefühl vermitteln, gesehen zu werden. Und in der Pubertät ist gesehen werden nicht nur angenehm, es ist existenziell. Soziale Zugehörigkeit wird über Verhaltenssignale ausgehandelt. Wer mutig ist, wird gemocht. Wer mitzieht, gehört dazu.

Das zeigt sich auch in experimentellen Settings: In einer simulierten Autorennen-Situation riskierten (Öffnet in neuem Fenster) Jugendliche deutlich mehr, wenn sie wussten, dass Freunde zuschauen. Selbst, wenn das Risiko ein Unfall war. Der Einfluss eines gleichaltrigen Passagiers war stärker als der jedes Erwachsenen.

Was heißt das jetzt für Eltern – und Betreuer im Zeltlager?

Wenn Jugendliche Risiken eingehen, obwohl sie es besser wissen – was dann? Strafen? Mehr Regeln? Weniger Freiheit? Die Forschung sagt: eher nicht.

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