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Gewählte Stille – Ein luxuriöses Essay über Wasser, Wärme und das Privileg, die Welt für einen Moment auszuschalten

Es gibt jene eigenartigen, kostbaren Zwischenräume im Leben, in denen die Wirklichkeit sich verändert, ohne dass die Welt selbst auch nur einen Zoll weicht. Räume, die nicht angekündigt werden, in keinem Kalender erscheinen und doch biografische Markierungen setzen, wie kleine geologische Schichten unserer inneren Landschaft.

Für mich ist einer dieser Räume das Schwimmbad – ein Ort, der zugleich alltäglich und existenziell ist, chlorgetränkt und irgendwie heilig, banal und doch tief verwandelnd.

Ich gehe schwimmen, weil Wasser eine Sprache spricht, die ich selbst ohne Prozessoren verstehe. Eine Sprache, die nicht durch Ohren dringt, sondern durch Haut, Muskeln, Tiefensinn.

Und dort, in dieser schimmernden Zwischenwelt, entdecke ich immer häufiger etwas, das ich früher nicht kannte: den Wert selbstgewählter Stille.

Ich bin Trägerin zweier Cochlea-Implantate – Hörlibert auf der rechten Seite, mein diplomatisch-abgeklärter Klangbotschafter, und Hörmine links, mein vollimplantiertes Wunderwerk, präzise wie eine filigrane Zukunftsarchitektur.

Beide schenken mir heute etwas, das ich über viele Jahre nur erahnen konnte: echte auditive Teilhabe.

Und ich bin dankbar.

Tief, abundant dankbar.

Doch diese Dankbarkeit schließt nicht aus, dass es Momente gibt, in denen ich die Prozessoren bewusst vergesse.

Weil Stille kein Mangel ist.

Weil Stille kein Defizit darstellt.

Weil Stille – wenn man sie selbst wählt – eine Form der Souveränität ist.

I. Die stille Schwelle – oder: Der Moment, in dem man die Welt bewusst leiser stellt

Es gibt Tage, da kündigt sich Migräne an wie ein höflicher, aber unnachgiebiger Besucher: ein leichtes Flirren im Sichtfeld, ein Schweregefühl in der Stirn, eine diffuse Überempfindlichkeit gegenüber allem, was klingt.

An anderen Tagen ist es kein medizinisches Donnergrollen, sondern ein Übermaß an Reizen, das mich müde macht. Gespräche, Straßenlärm, Stimmen, Aufgaben, Meetings – all das verdichtet sich manchmal, bis das Nervensystem protestiert.

Und obwohl mir die Technik heute Teilhabe schenkt – ein unsagbares Wunder des Hörens, das sich erst nach einer langen Phase an Taubheit grenzender Schwerhörigkeit eröffnete –, gibt es Momente, in denen ich mich nach jener früheren lautlosen Zwischenwelt zurücksehne. Nicht, weil ich sie vermisst hätte, sondern weil ich sie damals für einen Mangel hielt und erst heute erkenne, wie viel Ruhe sie in sich trug.

An solchen Tagen packe ich meine Tasche, lege die Prozessoren sorgfältig hinein, und betrete das Schwimmbad ohne sie.

Ohne Hörlibert.

Ohne Hörmine.

Ohne jede akustische Vermittlung.

Mein inneres Wiesel – diese rasende, quicksilbrige Instanz zwischen überbordender Energie und ADHS-typischer Reizsuche – hüpft dann meist empört auf:

„Wie bitte? Ein Schwimmbad – und wir hören NICHTS? Das ist ja wie ein Roman ohne Dialog!“

Die Wasserbüffelin, hingegen, meine stoische innere Ruhepoliererin, dreht nur langsam den Kopf, schaut das Wiesel an und atmet aus.

Und damit ist die Diskussion beendet.

II. Das lautlose Schwimmen – Ein Chor aus Bewegung ohne Klang

Ich stehe am Beckenrand, atme tief ein und gleite ins Wasser.

Schon im ersten Moment entsteht jene leise Irritation, die ich liebe: die Welt ist da – aber sie erreicht mich nicht.

Kein Hall.

Kein Platschen.

Kein Stimmengewirr.

Das Schwimmbad könnte ein turbulenter Indoor-Spielplatz sein oder eine leergefegte Klosterhalle – ich weiß es nicht.

Und genau das ist der Punkt.

Ich bewege mich in einem auditiven Exil, das nicht isoliert, sondern befreit.

Ich schwimme die erste Bahn.

Dann die zweite.

Mit jeder Bewegung werden die Gedanken ruhiger, die Muskeln wärmer, der Atem tiefer.

Ich höre mein Schnaufen nicht.

Und das ist wohl in diesem Augenblick ein Geschenk.

Denn vermutlich schnaufe ich wie ein leicht übermotiviertes Walross, das in ein synchronisiertes Trainingsprogramm geraten ist. Aber ohne Prozessoren existiert dieser Klang für mich nicht – und damit hat er keine Bedeutung.

Das Wasser trägt mich.

Ich spüre, wie jede Bewegung definiert ist, ohne von auditiven Echos begleitet zu werden.

Es ist eine andere Art des Daseins:

präsent, klar, unverstellt.

Denn wenn man nichts hört, bleibt nur das, was ist:

Die Bewegung.

Der Körper.

Die eigene innere Topografie.

Nach einigen Bahnen verstummt selbst das Wiesel – ein Ereignis, das so selten ist wie eine politisch neutrale Twitter-Diskussion.

Es lehnt sich innerlich zurück und murmelt:

„Hm. Eigentlich… schön hier.“

III. Das Dampfbad – ein Nebelraum zwischen Innen und Außen

Nach dem Schwimmen führt mich mein Weg fast rituell ins Dampfbad.

Ein Ort, der werktags frühmorgens einer Kathedrale gleicht: still, verschwommen, tief atmend.

Am Wochenende hingegen erinnert er mitunter an ein thermisch aufgeladenes Kinder- und Familienfestival.

Doch ohne Prozessoren bleibt all das fern, wie eine Szene hinter Milchglas.

Ich betrete den warmen, feuchten Raum, lasse mich nieder und spüre sofort, wie sich mein Atem verändert.

Der Dampf hüllt mich ein, löst die Grenzen zwischen Körper und Umgebung auf, macht die Welt weich, fast

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