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DER WOLF KOMMT VON RECHTS

LITERATUR-KRITIK (Öffnet in neuem Fenster)

Nachdem wir am Wochenende schon Wolfsmord im bayerisch-österreichischen Grenzgebiet und Kojotentod in den Hollywood Hills behandelt haben (Öffnet in neuem Fenster), wenden wir uns heute einmal dem Wolfsgrauen in der Lüneburger Heide zu. In diesem Zusammenhang erinnern wir an unseren Aufmacher in genanntem Beitrag:

„Homo homini lupus. - Der Mensch ist des Menschen Wolf.“

(Das ist super, weil der Satz eine so treffende Binse ist. Können wir halt einfach fast IMMER nutzen und somit nahezu jeden Beitrag gefühlt intellektuell untermauern. Auuuuuhhh!)

Genug gelacht. Dachte sich wohl auch der in Wietzen aufgewachsene Schriftsteller Markus Thielemann, als er an seinem zweiten Roman Von Norden rollt ein Donner arbeitete, der bereits im Sommer 2024 im C.H. Beck Verlag erschienen ist und auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises desselben Jahres zu finden war. Aktuell findet ihr den Roman noch in vielen Buchhandlungen in achter Hardcover- oder zweiter Taschenbuch-Auflage. Und bei uns im Regal. (Streng genommen auf einem Regal, da wir dort einige Buchpreisbücher versammeln (Öffnet in neuem Fenster).)

Jedenfalls ist der Wolf zurück in der Lüneburger Heide. Also jedenfalls vielleicht, denn nichts Genaues weiß Mann/Frau nicht. Der Vater des neunzehnjährigen Jannes ist sich, mit einigen anderen in der Dorf-Feld-Hof-Gemeinschaft, recht sicher, dass dem so sei. Der Junge und seine Mutter hingegen nicht so sehr. Sicher sind sie sich allerdings, dass irgendwas mit dem Papa nicht stimmt. Immer wieder hat er geistige beziehungsweise gedankliche Aussetzer und Erinnerungslücken, tritt verwirrt auf, verwechselt Dinge und gräbt eher in länger zurückliegenden Erinnerungen als frischen. Ein Indikator für eine beginnende Demenz (oder Parkinson).

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Problembewohnerbär im Haus ist Opa, der zwar alt, aber nicht sonderlich milde ist. In dieser Gemengelage bewegt sich der junge Jannes, der selbst an seinem Geistes- wie Gemütszustand zweifelt. Immer mal wieder leidet er unter (nicht nur alkohol-/drogeninduzierten) Filmrissen. Und hat Visionen, nimmt Erscheinungen wahr, ja scheint Geister und/oder deren Seelen zu sehen. Psychosis or psychic? (Psychose oder Medium?)

„Der Sturm grollt in der Höhe. Jannes erschrickt und fährt hoch, stolpert nach hinten, fällt, schafft es, sich mit beiden Händen abzustützen, und reißt sich die Innenflächen an den Dornen auf. Sein Smartphone liegt neben ihm, erloschen. Es ist durch und durch dunkel. Er hört seinen Herzschlag in seiner Brust tockern und er hört das Fauchen des Windes in den Bäumen. Dann, fast sanft, gegen alles andere beinahe lautlos: Blitz, gleißende Helligkeit, begleitet von diffusem, unnatürlichem Schattenwurf. Er starrt auf die Kuppe des Haufens. Etwas hockt dort, halb verborgen, wie gerahmt von Gestrüpp. Ein Augenpaar schaut auf ihn hinunter.“

Was hingegen ganz real ist und dennoch am Geisteszustand diverser Menschen Zweifel aufkommen lässt, sind völkische Siedler, (neu-)rechte Haus-&-Hof-Patrioten, (große) weiße Männer und (zierliche) weiße Tradwives. Zwar lässt Thielemann die in seinem auf seltsame Weise einerseits sprachlich zurückhaltenden und doch rhetorisch donnernden Roman eher spät und primär im Hintergrund auftauchen, doch ist es gerade diese unterschwellige Bedrohung aus dem lächelnden Schatten, die alles so beunruhigend macht. Das ist wie mit der Angst vor dem Wolf... Nur sind die Volksfuzzis halt eine echte Gefahr.

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Thielemann verknüpft in seinem vom Verlag passend „Anti-Heimatroman“ genannten Werk schon beinahe vornehm den individuellen mentalen Zustand seiner wesentlichen Protagonisten mit dem Psychogramm einer auseinader- und von sich selbst davon driftenden Gesellschaft. Angst wie Unsicherheit beherrscht sie alle. Angespannt sind sie eh. Und ganz gleich, ob Individuum oder Gruppe, gefährdet sind sie alle. Vor allem davon, Menschenfängern auf den Leim zu gehen, die einem vermeintlichen, „brüchigen 'urdeutschen' Idyll“ (wieder Worte des Verlags) und urmenschlichen Empfinden huldigen. Dies als Heilsversprechen zu Felde tragen.

„Die Gewitterzelle driftet fort, über die schmucklosen Siebzigerjahrebauten am Rande des Waldes, gen Nordosten, über Kilometer von Waffenerprobungsschneisen, über Landebahnen und Sperrgebiete, über die zerklüfteten Heiden der Truppenübungsplätze, wo sich im Takt der Blitze das Sichtbare aus der Nacht formt und zurücksinkt, die windgebeugten Birkenhaine zu tobenden Horden, Sande und Wacholdergrund zu archaischem Ödland, die regenfeuchten Panzerstraßen zu Kanälen aus schwarzem Eis.“

Dabei, das lesen wir deutlich heraus, ist da gar nicht mal so viel Schönes zu erhalten. Flachbauten und Feld, verfallende Dörfer neben der Rüstungs-Industrie, längst dem Vergessen anheimgefallen geglaubte Vergangenheit und Bierbäuche, Zäune und alte Tafeln. Der Mythos vom schönen Landleben (Öffnet in neuem Fenster) ist letztlich eben nur das (und mitnichten nur auf die Lüneburger Heide beschränkt). Wo Stephen King zunächst Idylle beschreibt, ist's bei Thielemann gleich trist. Allerdings nicht lieblos, aber mensch ist halt im Norden, ne.

Der Wolf (hier im Garmisch-Krimi - Wolfsmord) // © ZDF/Roland Stuprich. (Öffnet in neuem Fenster)
Der Wolf blickt geduldig in die Ferne (hier im Garmisch-Krimi - Wolfsmord) // © ZDF/Roland Stuprich.

Vergänglichkeit und Tod sind so allgegenwärtig, wie Walhalla abwesend ist. Kein Northman, aber doch ein paar Tannen. Geschichte wird Gegenwart, die Gegenwart verliert ihre Greifbarkeit und kriecht dabei doch schmerzhaft real in jede Stirnfalte, jeden Hauswinkel und all die Schafswolle. Ja, die Lämmer schreien und die Menschen stehen irritiert daneben. Markus Thielemann ist da irgendwie zwischen Heine und Shelley (Öffnet in neuem Fenster), Eliot und Lovecraft und beschreibt eine Heimat voller Monstrositäten.

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Dies ist so einnehmend wie abschreckend. Dieser vom Norden rollende Donner ist kein Pageturner im klassischen Sinne. Dafür ist der Roman zu fordernd, zu gravierend, zu finster. Doch fällt es ebenso schwer, ihn aus der Hand zu legen und falls dies doch gelingt, fällt es schwer, nicht über das Gelesene nachzudenken, sich zu fragen, was nun folgt, wohin der Wind die Wesen und das Wesentliche weht.

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Hier in der Nähe gibt es viel Wald und Feld, ein kleines Moor, diverse Tümpel, den einen oder anderen Hof. Die Wahrnehmung beim Spazierengehen hat sich verändert. Augenscheinlich ebenso jene Blicke, die mir zugeworfen werden. Und was raschelte da eben (Öffnet in neuem Fenster) im frostigen Unterholz...?!?

AS

PS: Der englische Begriff für Unterholz lautet übrigens „Understory“ (A.E.). Das ist (nicht nur) in Zusammenhang mit Von Norden rollt ein Donner ein wenig lustig und lässt es bedauerlich sein, dass ich keine Rezension in englischer Sprache zu verfassen hatte.

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Eine Leseprobe findet ihr hier (Öffnet in neuem Fenster).

Markus Thielemann: Von Norden rollt ein Donner (Öffnet in neuem Fenster); Juli 2024 (; 287 Seiten, mit 1 Karte; ISBN: 978-3-406-82247-6; C.H. Beck Verlag; 23,00 (auch als Taschenbuch erhältlich: ISBN: 978-3-406-83736-4; 16,00 €)

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Kategorie Belletristik & Literatur

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