Wenn ich mich in einem beliebigen Zustand befinde, dann fühlt es sich jedes Mal an, als sei er für immer, unvergänglich, ein Endstadium sozusagen. Das macht sich in verschiedensten Situationen bemerkbar und mir das Leben mal leichter und mal schwerer. Meist eher letzteres. Erst kürzlich habe ich verstanden, dass das ein Thema ist, das neurodivergente Menschen stärker betrifft. Was es mit z. B. emotionaler Permanenz auf sich hat, dazu mehr in der heutigen Kolumne.
„Ich kann alles schaffen“
Ich wache auf und fühle es: Heute wird ein guter Tag. Nichts zwickt, ich fühle mich ausgeschlafen und erholt und die Laune ist auch on fire. Also los geht’s: Was packen wir heute alles an? Ich arbeite alle liegengebliebenen, nervigen To-dos in Windeseile ab, beantworte die Mail, für die ich seit Tagen nicht die richtigen Worte finde. Ich schaffe es, Vorräte aufzufüllen und mich an der frischen Luft zu bewegen. Ich nehme Sprachnachrichten auf, vielleicht lasse ich mich sogar zu einem Ausflug am Abend überreden. Und weil es mir so gut geht, verplane ich die nächsten Tage und Wochen: Verabrede mich, plane Vorsorgetermine und weitere Ausflüge ein, überlege, welcher Teil der Wohnung mal wieder aufgehübscht werden könnte. Ein neues Projekt wäre auch mal wieder ein Ding. Ich wollte doch schon so lange dieses oder jenes tun, vielleicht wird's ja dieses Mal etwas mit dem Buch. Und meine Social Media Kanäle werde ich jetzt auch endlich regelmäßig und dauerhaft bespielen. Ich schreibe Content-Listen, damit ich sie nur noch abarbeiten muss. Warum nicht auch gleich ein neues Branding mit neuen Farben und einem knackigeren Logo?
Heute schaffe ich alles. Und dieses Mal bleibt das so. Für immer. Ich werde an jedem neuen Morgen mit der gleichen unbändigen Energie wie heute aufstehen und genauso viele Dingen erledigen können, da bin ich mir ganz sicher.
Man liest die beiden vorangegangenen Abschnitte und ahnt schon: Das kann nur in die Hose gehen. Aber was genau ist da passiert? Leide ich an heilloser Selbstüberschätzung oder Realitätsverlust? Nun … ja, okay, vielleicht ein bisschen. Aber nicht, weil ich besonders delulu bin, sondern weil ich ein Problem mit Permanenzen habe. Und das ist ganz und gar nicht ungewöhnlich für Menschen mit ADHS und/oder auf dem Autismus-Spektrum. Denn für uns fühlen sich ein Zustand, eine Emotion oder auch ein Konflikt häufig an, als seien sie dauerhaft. Wir können aus unterschiedlichen, häufig zusammenhängenden Gründen nicht (oder zumindest nur sehr schwer) antizipieren, dass sich etwas verändern wird. Und so glauben wir an guten Tagen, dass wir uns an jedem einzelnen Tag mit der gleichen Kraft und Motivation durchs Leben bewegen können. Die Folge in meinem Fall: Ich überplane und übernehme mich – und wenn ich dann, oh Schreck, an einem Tag mit weniger Energie ankomme, fühle ich mich schuldig und als hätte ich versagt.
Gleiches gilt jedoch auch für andere Beispiele: Ich bemerke, dass jemand wütend auf mich ist? Ich bin mir sicher, das wird er*sie jetzt für immer sein, da ist nichts mehr zu kitten. Besser gewöhne ich mich schon einmal daran, dass unsere Wege von nun an getrennt verlaufen werden. Ich fühle mich müde und kraftlos? Ich werde nie mehr Energie haben. Traurigkeit? Keine gute Laune mehr jemals für mich.
Ich habe eine lange Zeit in meinem Leben nicht verstanden – oder gar nicht erst bemerkt –, dass ich auf diese Weise erlebe. Mit jeder guten Phase dachte ich, sie müsse jetzt bleiben und war am Ende enttäuscht, dass sie es nicht tat – nur, um in der nächsten zur gleichen Überzeugung zu gelangen. In jeder schlechten Phase war ich mich sicher, es gäbe kein Bergauf mehr und reduzierte mein Leben auf ein Minimum (was dem jeweiligen Genesungsprozess sicher dienlich war, aber das steht auf einem anderen Blatt).
Erst vor einigen Monaten fiel mir auf, dass es eine Regelmäßigkeit gibt und ich verstand, dass kein Zustand endlich ist, dass auf jedes Hoch ein Tief folgen kann – und vice versa. Unglaublich, dass ich für diese Erkenntnis fast 40 Jahre alt werden musste. In Bezug auf andere Menschen war mir das schon immer klar. Meine sonst so geschulte Mustererkennung versagte nur bei mir selbst. Ich weiß also nun, dass diese Phasenhaftigkeit auf für mich gilt, kognitiv ist das angekommen. Das ändert nur leider gar nichts daran, wie es sich anfühlt. Alles gedankliche Antizipieren hilft nur bedingt, zumindest bislang.
Woran liegt das aber nun?
Objekt- und emotionale Permanenz
Von Objektpermanenz spricht man, wenn man sich über die Existenz von Dingen – oder auch Menschen – auch dann im Klaren ist, wenn sie nicht anwesend sind. Bei neurodivergenten Menschen, insbesondere bei Menschen mit ADHS, ist diese Objektpermanenz häufig beeinträchtigt. Vereinfacht gesagt: Es gilt das Prinzip „Aus den Augen, aus dem Sinn“. Deshalb erinnern sich z. B. ADHSler*innen häufig nicht an Dinge, die nicht in ihrem direkten Blickfeld bewegen. Sie existieren dann schlichtweg nicht. Ähnlich ist es mit Menschen, zu denen etwa kein konstanter Kontakt besteht, bzw. die nicht anwesend sind. Man vergisst, sich bei ihnen zu melden und dass das der Beziehungspflege gut tun könnte – und zwar nicht aus bösem Willen, sondern aus Gründen der Beeinträchtigung der Objektpermanenz.
Eine Spielart davon ist die emotionale Permanenz. Neurodivergente Menschen können sich häufig nicht vorstellen, dass ein Gefühl fortbesteht, wenn die fühlende Person nicht anwesend ist. Ist z. B. der*die Partner*in verreist, so fühlen wir uns plötzlich seiner*ihrer Liebe nicht mehr sicher. Wir benötigen, insbesondere bei Abwesenheit, deutlich mehr Rückkopplung und -versicherung, um Stabilität zu spüren. Damit steigt aber auch die Anfälligkeit für u. a. bindungsbezogene Angstgefühle. Frei nach dem Motto: „Was ich nicht sehe, ist nicht da“ können wir uns nicht vorstellen, noch geliebt zu werden, wenn die Bindungsperson nicht anwesend ist – genauso wenig, wie wir uns vorstellen können, dass sich ein augenblicklicher Zustand wieder verändern kann.
Heute weiß ich für mich persönlich, dass meine emotionale Permanenz beeinträchtigt ist. Ich schaffe es häufig nicht, mich bei Freund*innen zu melden – und darunter steckt nicht selten die Sorge, dass ich stören/nerven könnte. Stehe ich aber nicht regelmäßig im Kontakt mit ihnen, glaube ich, dass sie mich eh doof finden. Als Kind äußerte sich die beeinträchtigte emotionale Permanenz in übermäßigem Heimweh. Heute äußert sie sich in starken Verlustängsten, wenn mein Partner verreist ist.
Hinzu kommen weitere Komponenten, die scheinbar vor allem bei Menschen, die sich auf dem Autismus-Spektrum bewegen, zum Tragen kommen:
Emotionale Dysregulation und der Hang zum Negativen
Ich würde mich im Allgemeinen nicht als negativen Menschen bezeichnen, im Gegenteil: Ich habe meist ein grundlegendes, fast schon naives Vertrauen darin, dass die Dinge schon ihren Weg finden werden. Gleichzeitig fühlen sich Erinnerungen an z. B. Konflikte, Unfälle oder negative Erfahrungen besonders schmerzhaft an – und zwar auch nach Jahren noch nahezu so sehr wie im Moment des Erlebens. Studien haben gezeigt, dass das auf autistische Menschen häufig zutrifft: Negative Emotionen verblassen bei ihnen mit der Zeit tendenziell nicht, sondern bleiben erhalten. Die Kehrseite der emotionalen Permanenz also. Oder anders formuliert: Während wir darauf, dass die uns wohlgesonnenen Emotionen unserer Bindungspersonen auch dann anhalten, wenn diese Menschen nicht anwesend sind, nicht vertrauen können, sind unsere eigenen Emotionen umso permanenter. Vor allem die negativen.
Weitere Studien weisen darauf hin, dass dieser Umstand mit einer emotionalen Dysregulation zusammenhängen könnte. In einer Untersuchung wurde z. B. festgestellt, dass autistische Menschen länger brauchen, um negative Emotionen zu verarbeiten, was wiederum erklärt, warum sie sich so lange so stark anfühlen.
Kommen dann noch ein (nicht unbedingt neurodivergenzspezifischer) Hang zum Grübeln, autismustypische Schwierigkeiten der emotionalen Selbstwahrnehmung (es kann z. B. herausfordernd sein, die eigenen Emotionen zu verstehen) und eine veränderte Zeitwahrnehmung hinzu, so erklärt das in Summe ganz gut, warum Menschen sich nicht vorstellen können, dass sich ein Zustand noch einmal verändern kann und nicht von Dauer ist. Unsere Gehirne sind quasi nicht darauf ausgelegt.
Was hilft?
Aus meiner persönlichen Erfahrung kann ich nur sagen: Der erste Schritt ist immer Verständnis. Mir hat es geholfen, erst einmal zu verstehen, dass es ein Muster in meinem Erleben gibt („Dieser Zustand bleibt für immer“) und dann rational ranzugehen. Ich habe also überlegt: Ist ein Zustand tatsächlich schon einmal für immer geblieben? Und die Antwort war natürlich „Nein“. Klingt banal – aber hey, darauf muss man erst einmal kommen. Im zweiten Schritt habe ich das getan, was ich immer tue, wenn mir etwas unbekannt vorkommt und ich es verstehen will: Ich habe Google und ChatGPT befragt, mich durch Erfahrungsberichte in den sozialen Medien und bei Reddit gewühlt und Paper gelesen. Und bald war klar: Das geht mir nicht alleine so. Dieser Gedanke entlastet mich auf seltsame Weise nahezu immer – zu bemerken, dass ich mit einer Erfahrung nicht alleine bin.
Was mache ich nun mit all dem Verstandenen? Fakt ist: Nur, weil ich etwas verstehe, fühlt es sich nicht anders an. Aber ich kann üben, einen Umgang damit zu finden. Also habe ich z. B. mit meiner Therapeutin darüber gesprochen. Jedes Mal, wenn ich jetzt in einer Phase hoher Energie denke, ich könnte alles schaffen – und zwar für immer – zwinge ich mich dazu, erst einmal zu pausieren. Ich überlege, was von dem, das ich mir gerade vornehme, ich auch an schlechten Tagen schaffen könnte und lege das als Maßstab an. Gehts mir schlecht, greife ich auf das zurück, die mich zuverlässig zumindest halbwegs sicher fühlen lassen: Ich lese. Bevorzugt eine cozy Romance, deren Ausgang klar ist. Habe ich Angst, dass eine geliebte Person mich nicht mehr mögen könnte oder für immer sauer auf mich sein könnte, frage ich nach (das ist, zugegeben, der schwierigste Teil). Ich übe mich in klarer, bindungsorientierter Kommunikation.
Und ich glaube, all das hilft ein wenig. Das bleibt jetzt bestimmt für immer so.
Leseempfehlungen zum Thema (alle in englischer Sprache):
Emotionale Permanenz und Time Fading (Opens in a new window)
Emotionale Dysregulation & emotionale Informationsverarbeitung (Opens in a new window)(betroffene Hirnareale bei Jugendlichen mit ASS)
Negative emotionale self awareness bei autistischen Personen (Opens in a new window)
Beeinträchtigte Objektpermanenz bei ADHSler*innen (Opens in a new window)