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Das neue Jahr. Und ich bin bei euch!

Guten Morgen liebe KameradInnen,

Dieses sogenannte Jahresende, das ist, wie ein grosser Topf mit kochenden Innereien, grau, Pansig, den man leeren muss, in sich, und der sich immer nachfüllt. Und noch ein Tag oder Jahr?  Alles zu und still, und nanu, denkt man, gar keine Kriege, Krisen, Wehrmacht, Aufrüstung, Kürzung, keine ekligen Menschen, alles auf Pause. Die klar macht, was für ein Adrenalinjunkie ich geworden bin. Die Ruhe ist doch, wie es immer sein könnte, angenehm leise, wenn das Geschrei wegfällt. Die Menschen könnten langsam ihr Menschenzeug machen, sich irgendwo hinsetzen und da bleiben, bis das System zusammenfällt. Das geht schnell. Ein paar Tage Stillstand und es wäre erledigt, und man könnte die Welt nochmal neu denken. Einfach ohne Kapitalisten, ohne Parteien, ohne den ganzen Quark der gerade über uns einbricht. Über alle vor uns eingebrochen ist, falls wir nicht zur Familie Albrecht gehören, oder zu den Hortens.

Das neue Jahr wird nicht besser werden, warum sollte es? Es wird alles so weitergehen wie bisher- mit einigen guten Momenten, und ein paar schrecklichen, der Rest wird Gewohnheit sein, Routine, Leben eben. Das die Meisten nur in der Hoffnung auf Wunder durchhalten. Und von einem Tisch träumen, auf dem Coffee Table Books liegen. Die dicken tausend Euro Schinken, die anderen nur zeigen, dass man tausend Euro hat, die einfach so rumliegen und Kunstsinnigkeit performen. Apropos, das Maschinenzeitalter wird noch mehr Müll fabrizieren. Menschen glauben den Stuss, den Sprachmodelle ihnen erzählen. Es ähnelt der Bias, den ihre Hirne gewohnt sind. Sie werden sich an maschinelle Kunst gewöhnen, so blöd sie auch ist, so seelenlos und unoriginell, unsere armen Gehirne werden den Unterschied irgendwann nicht mehr merken, denn was unterscheidet heute schon Avatar, die meisten Pop Songs, und die Tonnen von Unterhaltungsbüchern von maschinell erstellter Ware. Was die Menschen so lange aus ihrer Routine befreit hat, war die Kunst. Sie war die Utopie, die zeigte, wie wir sein, wie wir leben könnten. Vielleicht ist das die kleine Revolution die jede für sich durchführen kann, To go, sozusagen. Sich wieder Musik anzuhören, die seltsam ist, auf alten Geräten, die einem gehören, sich Filme anzusehen, die man nicht kennt und die als Klassiker gelten, Bücher zu lesen, in denen nichts mit Liebe und Drachen stattfindet.


Apropos, es gibt Kunst, die das Leben kurzfristig verändern kann und ganz sicher ist es nicht so etwas

https://www.youtube.com/watch?v=3oiMZRw5wN4 (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

 

Hier einer meiner Kunst verändert Leben Momente.

Drei Darsteller aus dem Film Funny Games, Susanne Lothar, Ulrich Mühe, Frank Gehring sind tot. Ich habe darüber noch nie nachgedacht, es bringt auch jetzt nichts. Außer einem Erstaunen bringt es nichts. Es liegt kein Fluch über dem Film, außer dass er viele Leben verändert hat. Oder vielleicht nur meins?

Falls es jemanden unter Ihnen gibt, der den Film nicht kennt, erlaube ich mir, kurz zusammen zu fassen. Das Mittdreissigjährige, unauffällige Ehepaar Anna und Georg hält sich mit Sohn Schorschi in einem Ferienhaus an einem See auf (egal wo er sich befindet, vermutlich in Österreich).  Das Gepäck ist verstaut, die kleine Familie in Urlaubslaune, als es an der Tür klingelt und ein junger wohlerzogener Mann (Prototyp des deutschsprachigen Schnösels mit adligem Familienhintergrund) im Auftrag der Nachbarn ein paar Eier erbittet. In Minuten kippt die Stimmung, wird aus der scheinbaren Bagatelle eine bedrohliche, abstoßende Situation. Der junge Mann bedrängt die Frau, sein Begleiter, der wenig später ins Geschehen kommt, tötet den Hund der Familie. Der Vater, der die beiden vertreiben will, wird brutal niedergeschlagen. Die beiden jungen Männer agieren in einer Choreographie des Bösen, wie man sie annähernd aus Clockwerk Orange erinnert. Dem Sohn gelingt die Flucht ins Nachbarhaus, wo er auf die Leiche der Nachbarstochter stößt. Einer der jungen Männer ergreift den Jungen und bringt ihn zurück ins Haus der Eltern, wo er erschossen wird. Die beiden jungen Männer verlassen das Haus. Anna versucht, Hilfe zu holen, wird aber von den jungen Männern wieder eingesammelt, die erst ihren Mann erschießen und sie anschließend im See ertränken. Mit dem gestohlenen Segelboot des Ehepaars fahren die jungen Männer ans andere Ufer über, wo einer die Bewohnerin eines Ferienhauses höflich um ein Paar Eier bittet. Der Zuschauer, in dem Fall ich, dachte zu jeder Sekunde des Filmes, nein, das kann er nicht zeigen, soweit kann er nicht gehen. Doch Haneke ging weiter. Und ließ mich fast ohnmächtig Angesicht seines Mutes über Grenzen zu gehen zurück. Es gibt brutale Filme, die mich nicht erreichen, viele sogar. Bei denen ich mich frage, wozu es sie gibt. Um zu zeigen, dass es—Brutalität gibt? Das wissen wir. Funny Games geht für mich weit über die Darstellung von Gefühllosigkeit hinaus. Er erklärt das Wesen der Welt, macht es erlebbar, in einer Art, die sich jede Analyse verbittet.

Funny Games kam in dem Jahr in die Kinos, da auch mein erstes Buch erschien. 1997. Ich war auf dem Hochplateau meiner Traurigkeit über die Spezies, zu der ich gehöre, angekommen. Ich wollte die Welt retten, durch eine literarische Verdichtung der Grausamkeiten wollte ich sie so richtig aufwecken, die Anderen. Ich hatte nach Fünfzig Ablehnungen einen Verlag gefunden, und befand mich im seltsamen Unverständnis eines Neulings in der Welt der Buchvermarktung. Splatter, Grausamkeit, Nihilismus, Welt, Ekel, wurden mir, deren Antrieb jugendliche Liebe war, zugeschrieben, ich war jung für mein Alter und fühlte mich von der Welt unverstanden, da ich noch nicht begriff, dass ich der Welt egal bin. In dieser Stimmung selbstüberhöhenden Weltschmerzes sah ich also Funny Games. In einem halbleeren Berliner Kino, mit irgendwem, der nach einer halben Stunde aus dem Raum lief, Drohungen ausstoßend. Ich habe den Menschen nie wieder gesehen, denn wer diesen Film nicht verstand, mit dem verband mich nichts. Das war die Radikalität des Ausschlusses, in der junge Menschen sich in der Welt verorten. Das war rührend.

Das erste Mal Funny Games war wie eine zu schnelle Formel 1 Fahrt. Ich begriff abstrakt, was ich da sah, aber ich verstand nichts. Mein Mund stand offen, und ich konnte nicht denken. Das war Musik, das war ein Todesrequiem, das war das absolute Verstehen der Welt jenseits der Liebe. Das Gefühl der Verwahrlosung der Endachtziger Jahre, hatte zehn Jahre später seinen definitiven Ausdruck in Hanekes Film gefunden. Wäre ich ein überbordender Mensch, so hätte ich nach dem Film geweint, getanzt oder ein paar Scheunen entzündet. So lief ich nur leer und überwältigt durch die Welt, die damals meine war, lief durch mein Leben, dass sich mit dem Bösen beschäftigte, weil das Gute wenig Erklärung benötigt. So dachte ich damals. Und fühlte mich nicht mehr allein. Ich wunderte mich in den nächsten Monaten, dass nicht jeder diesen Film gesehen hatte, dass Haneke keine Denkmäler errichtet bekam, stattdessen las ich immer wieder ein paar müde Kritiken von Menschen, deren Beruf es ist, sich Geiergleich aus dem Leib anderer zu speisen, ich war erstaunt, dass sich die Welt nicht verändert hatte. Funny Games war bis dahin der radikalste, mutigste Film, den ich jemals gesehen hatte. Vielleicht hatte mich als ich sehr klein war Stalker beeindruckt, oder Papillon, aber Funny Games war etwas anderes für mich. Kein Film, sondern meine Wahrheit.  Ich weiß bis heute nicht, warum es keinen deutschen Film gab, der so international war, kaum Schauspieler in einem deutschsprachigen Werk, die mich so überzeugten, vielleicht war es dieser magische Moment, da alles zusammenkam, Talente auf dem Höhepunkt ihres Schaffens, eine Magie, etwas, was nie mehr erreichbar oder reproduzierbar ist. Ich hörte, dass es später eine amerikanische Version von Funny Games gegeben haben sollte. Undenkbar sie zu sehen. Drei der Schauspieler aus dem Film sind tot, Haneke heute im Film Olymp angekommen, in den er damals schon gehört hätte. Oskar nominiert, wenn dieses Heft herauskommt, hat er ihn vielleicht, Goldene Plamen, Löwen, und ein sich ständig sich weiterentwickelnde Arbeit. Ich habe mich ein wenig aus der Umklammerung der Trauer an der Welt befreit, und saß irgendwann neben Herrn Haneke auf einem Podium, zum Thema Kälte. Er war ein wunderbarer Herr, warm und mitfühlend. Ich habe mich nicht vor ihm auf den Boden geworfen, ihm vielleicht noch nicht einmal gesagt, dass er mein Leben geprägt hat, aber ich schreibe es ihm jetzt, und danke ihm für seine Arbeit, die mir immer ein zu Hause war.

 

 

Jetzt habt es gut, ihr Pimmelnasen- bis gleich!

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