Es hilft ja nichts, wir müssen drüber reden.

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#102 #Klimafolgen #Forschung
5 Werkzeuge gegen 3 Grad mehr
Wir könnten drei Grad schon 2050 erreichen. Wie schaffen wir es, jetzt weder zu verdrängen noch zu verzweifeln?

Es ist gerade mal zwei Wochen her. Ende September warnten renommierte Klima-Expert*innen, dass sich die Erde bis 2050 um drei Grad (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) erhitzen könnte. Ein paar Tage wurde darüber berichtet, inzwischen redet fast niemand mehr darüber.
Unsere kollektive Verdrängung sorgt mal wieder dafür, dass nach Jahrzehnten der Weckrufe auch dieser verhallt. Dabei hätte er drastischer kaum sein können.
Das ist irgendwo verständlich: Eine solche Nachricht kann Angst, Frust und Ohnmacht auslösen. Verdrängen scheint oft angenehmer. Aber natürlich wird dadurch alles nur noch schlimmer.
Drei Grad mehr bis 2050: Wie sollen wir mit dieser Nachricht umgehen, wenn wir weder verdrängen noch verzweifeln wollen? Gar nicht so einfach. Deshalb habe ich mich nach ein paar Hilfsmitteln umgesehen und einen kleinen Werkzeugkasten für Dich zusammengestellt, der Dir dabei helfen soll.
Dein Toolkit beinhaltet fünf Werkzeuge:
eine Lupe mit einem roten Knopf,
ein Kissen,
einen großen Bilderrahmen,
eine Taschenlampe und
ein Paar Schuhe.
Als erstes brauchst Du die Lupe mit dem roten Knopf.
Die Anti-Verdrängungs-Lupe

Sie sieht zwar nicht danach aus, aber die Lupe ist das schwerste der fünf Werkzeuge. Du musst sie regelrecht aus dem Kasten hieven. Wahrscheinlich ahnst Du schon, warum: Mit der Lupe wirst Du ganz genau hinsehen.
Das wird hart sein und kostet Überwindung. Aber denk dran: Nach der Lupe warten noch vier weitere Werkzeuge im Kasten und die sind überhaupt nicht schwer.
Also, ab unter die Lupe mit der „3 Grad bis 2050“-Nachricht. Hieß es nicht immer, dass sich die Erde bis Ende des Jahrhunderts um 2,7 Grad (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) erhitzt? Jetzt tun sich Wissenschaftler*innen zweier renommierter Institute für einen Appell zusammen und warnen davor, dass alles viel schneller gehen könnte. Was hat es damit auf sich?
Der Weltklimarat IPCC hat verschiedene Emissions-Szenarien von optimistisch bis pessimistisch aufgestellt. Laut dem Physiker Klaus Richter (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), der an dem Appell beteiligt war, orientiert sich die 2,7-Grad-Projektion an den mittleren Szenarien.
Das Risiko von drei Grad bis 2050 liege im Bereich der pessimistischen Szenarien. Die, in denen internationale Zusammenarbeit zurückgeht, Nationalismus und Abschottung ein Comeback feiern und Konflikte und Kriege ausbrechen. Das klingt momentan leider eher realistisch als pessimistisch. Es müsste zwar viel zusammenkommen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), damit dieser worst case eintritt – möglich wäre es aber.
Was die Wissenschaftler*innen aber jetzt zu ihrem Appell verleitete, waren die tatsächlich gemessenen Daten einiger klimatischer Schlüsselgrößen aus den letzten Jahren. 2023 ist die globale Durchschnittstemperatur plötzlich sprunghaft nach oben geschossen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Sie entfernte sich so weit vom historischen Durchschnitt, dass sich selbst erfahrene Klima-Expert*innen die Augen rieben. Gleichzeitig stiegen die Temperaturen der Ozeane steil nach oben – und das antarktische Meereis ging um eine Fläche rund siebenmal so groß wie Deutschland zurück.

Einige Expert*innen sehen darin Anzeichen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), dass sich die Funktionsweise des Klimasystems bereits grundlegend verändert, viel früher als erwartet. Mit anderen Worten: Wir erleben gerade möglicherweise, wie das Klima aus den Fugen gerät – und sich die Erderhitzung beschleunigt.
Saubere Luft und weniger Wolken (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) könnten dabei eine Rolle spielen, weil dadurch weniger Aerosole in der Atmosphäre sind, die die Sonnenstrahlen reflektieren.
Außerdem haben bislang die Ozeane rund 90 Prozent der überschüssigen Wärme (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) durch Treibhausgase aufgenommen und gespeichert. Die hohen Temperaturen der Meere könnten darauf hindeuten, dass ihre Kapazitätsgrenze erreicht ist. Dann würde ein gigantischer Puffer für die Erhitzung der Atmosphäre wegfallen.
Hinzu kommen „positive Rückkopplungen“ (positiv ist in dem Fall schlecht). Das sind Prozesse, die sich – einmal angestoßen – selbst verstärken und die Erde zusätzlich erhitzen. Dazu zählt das Auftauen des Permafrosts, das Abschmelzen von Eis sowie das Absterben des Amazonas-Regenwaldes.
Der rote Knopf
So weit, so düster. Aber was hat es mit diesem ominösen roten Knopf am Griff der Lupe auf sich? Du weißt, was jetzt kommt: Du musst ihn drücken.
Klack. Du drückst den Knopf und ein Filter legt sich über das Glas der Lupe. Wenn Du jetzt hindurchsiehst, verwandeln sich abstrakte Zahlen plötzlich in konkrete Bilder.
Drei Grad mehr heißt: In Deutschland wird es im Sommer bis zu 50 Grad heiß. Das werden viele Wälder, Tiere und Menschen nicht aushalten. Schon 2024 gab es in Europa über 60.000 Hitzetote (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).
Durch die Lupe siehst du Tanklaster, die Menschen mit Wasser versorgen. So wie 2023 während der Winterdürre in Frankreich (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), wo das Wasser in manchen Dörfern komplett versiegte. Bei drei Grad mehr wären laut einer Nature-Studie (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) 40 Prozent mehr Menschen in Europa von Dürre betroffen als heute.
Starkregen und Dürren gefährden Ernten. Gleichzeitig sterben zahlreiche Bestäuber-Insekten aus (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Dadurch wird Nahrung knapper. Besonders kritisch wäre eine zeitgleiche Dürre in den großen Kornkammern (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) in Nordamerika, Russland, Westeuropa und der Ukraine. Eine aktuelle Studie (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) prognostizierte, dass die Produktion von Nahrung bis 2050 so stark sinken könnte, dass bis zu 1,3 Milliarden Menschen zusätzlich von schwerer Ernährungsunsicherheit betroffen wären.

Die Lupe zeigt Dir, dass Millionen Menschen ihre Heimat verlassen werden – wegen Hunger, aber auch wegen extremer Hitze und steigender Meeresspiegel.
Mehr als 130 Metropolen liegen an Küsten, zudem Häfen, Flughäfen und rund 200 Kernkraftwerke. Von vielen Orten werden wir uns zurückziehen müssen. Der Meteorologe Frank Böttcher, der auch am Appell beteiligt war, sagte im ZEIT-Interview (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre): „Für Hamburg zum Beispiel brauchen wir einen Plan, die Stadt bis zum Jahr 2200 vielleicht 30 oder 50 Kilometer landeinwärts zu ziehen.“ Bei neuen großen Bauvorhaben müsse man jetzt schon den Sinn hinterfragen, sie direkt hinter der Deichlinie zu errichten.
Das Resilienz-Kissen

Du kannst die Lupe weglegen. Es hat Kraft gebraucht, sie zu benutzen. Doch genau hinzusehen ist der erste und entscheidende Schritt – ohne ihn geht es nicht. Die übrigen vier Werkzeuge können Dir jetzt helfen, nicht in Schockstarre zu verfallen oder zu resignieren. Beides wäre nicht besser, als die Klimakrise zu verdrängen.
Nimm zuerst das Kissen. Es ist eine Einladung, Deine Klimagefühle zuzulassen. Wut? Hau ins Kissen. Trauer? Heul ins Kissen. Überforderung? Leg Deinen Kopf aufs Kissen und ruh Dich kurz aus.
Es ist okay, sich verzweifelt zu fühlen, und es ist wichtig, dieses Gefühl nicht beiseitezuschieben – solange man sich nicht davon überwältigen lässt. Erst wenn wir unsere Verzweiflung anerkennen, können wir Raum schaffen für Neues – für Mut, Kreativität und Engagement.
Das Kissen ist natürlich kein Ersatz für Freund*innen und Familie. Wenn Du Hilfe brauchst, kannst Du Dich auch an die Psychologists for Future wenden. Hier geht’s zu ihrem Beratungsangebot (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).
Der große Bilderrahmen

Als nächstes brauchst Du den großen Bilderrahmen, und zwar für das bigger picture. Bei Nachrichten wie „Drei Grad bis 2050“ kann es nämlich schnell passieren, dass wir den Kontext aus den Augen verlieren.
Wenn wir eine Drei-Grad-Welt zeichnen, wie es der Appell, viele Medienartikel und bisher auch dieser Text hier getan haben, besteht eine große Gefahr: Man suhlt sich im Untergang und gibt sich den Horrorvisionen hin, als wäre man in einem Endzeit-Blockbuster gefangen. Kritiker*innen dieser Art der Kommunikation haben das mal Climate Porn (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) genannt. Irgendwann glaubt man, alles wäre unausweichlich. Das ist es aber nicht.
Bei allen Alarmsignalen bleiben die drei Grad bis 2050 ein Szenario. Ein mögliches Szenario, aber kein wahrscheinliches und erst recht kein unaufhaltbares Schicksal.

Wie die Prognosen auch ausfallen, sie ändern nichts an der Tatsache, dass am Ende nur das zählt, was wir heute tun können. Darauf sollten wir uns radikal fokussieren.
Schon die derzeitige Erhitzung von 1,5 Grad sind 1,5 Grad zu viel. Das Ziel muss also ohnehin sein, so schnell wie möglich kein einziges Molekül CO₂ mehr auszustoßen – völlig egal, ob wir drei Grad 2050, 2060 oder 2100 überschreiten.
Die Taschenlampe

Immer noch ganz schön düster hier. Nimm mal lieber die Taschenlampe aus dem Kasten. Mit ihr kannst Du etwas Licht ins Dunkel bringen und die ganzen positiven Dinge, die bereits passieren, ins Spotlight rücken. Überall auf der Welt tun Menschen Gutes (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) – das dürfen wir niemals vergessen, auch dann nicht, wenn gerade eine Katastrophenmeldung hereinflattert. Letztlich ist es nämlich genau das, was die fossilen Akteure wollen: uns glauben machen, dass sich bis auf ein paar „grüne Spinner“ niemand für den Wandel einsetzt.
Apropos fossile Akteure: Die Taschenlampe ist für noch etwas gut. Mit ihr können wir die finsteren Lobby-Machenschaften skrupelloser Konzerne ins Rampenlicht rücken.
(S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)Allein die Top 100 der sogenannten Carbon Majors (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) emittierten seit 1988 über 70 Prozent aller industriellen Treibhausgase. Mehr als die Hälfte geht auf die Kappe von nur 25 Unternehmen. Diese Konzerne müssen wir zur Rechenschaft ziehen, wenn wir aus den Drei-Grad-bis-2050 eine Fehlprognose machen wollen.
Das Paar Schuhe

Jetzt gucken nur noch ein paar Schnürsenkel aus dem Werkzeugkasten – sie gehören zu zwei Schuhen, die Dir eine besondere Fähigkeit verleihen: Schlüpfst Du in sie hinein, schlüpfst Du zugleich in die Schuhe anderer Leute. Sie ermöglichen es Dir, Dich in Deine Mitmenschen hineinzuversetzen.
Mitgefühl zu zeigen ist eine der stärksten Klima-Lösungen, die Du persönlich in der Hand hast. Julien hat darüber eine ganze Ausgabe (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) geschrieben. Die Kurzversion: Fossile Akteure profitieren davon, wenn Menschen abstumpfen. Sie werten Empathie ab, denn je weniger wir mitfühlen, desto gleichgültiger werden wir gegenüber dem Leid anderer – und desto einfacher wird es, eine fossile und menschenunwürdige Agenda zu legitimieren. Mitgefühl zu zeigen, ist deshalb immer auch ein Auflehnen gegen den fossilen Status Quo.
Das gilt übrigens nicht nur für Menschen, sondern auch gegenüber der Natur. Wollen wir die planetaren Krisen lösen, brauchen wir letztlich eine ganz neue Beziehung zu allem nicht-menschlichem Leben (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Klimaschutz kann also auch heißen: Schuhe anziehen, rausgehen, Kartoffeln einbuddeln, Stadtgärten anlegen, einen Fluss aufräumen oder Käfer und Hummeln zählen.
(S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)Mit den fünf Werkzeugen bist Du jetzt hoffentlich für jede Klima-Nachricht gewappnet, auch für so düstere wie das Drei-Grad-Szenario. Du kannst den Kasten jederzeit im Kopf hervorholen und die Lupe, das Kissen, den Bilderrahmen, die Taschenlampe und die Schuhe immer dann benutzen, wenn Du Dich entmutigt oder verzweifelt fühlst.
Oder Du legst die Werkzeuge zurück, machst den Kasten zu und gibst ihn weiter – an eine Person, die ihn gerade vielleicht dringend braucht.
Vielen Dank fürs Lesen! Kennst du Menschen, denen dieser Werkzeugkasten helfen könnte? Leite diese Mail weiter oder schicke ihnen den Link zur Online-Version (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).
Wie immer an dieser Stelle der Hinweis, dass wir ohne Eure Unterstützung unsere Arbeit nicht machen könnten. Vielen Dank! Wenn auch Du uns als Treibhauspost-Mitglied unterstützen möchtest, kannst Du das mit ein paar Euro im Monat tun.
Unser Klimasong kommt diesmal vom britischen Singer-Songwriter Declan McKenna. Er kann nicht nur Superhits wie Brazil schreiben, sondern setzt sich in seinen Lyrics auch kritisch mit den Folgen menschlichen Handelns für den Planeten auseinander – so wie in Sagittarius A* (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre):
Everybody gets so tired of hearing what you said
When you think your money's gonna stop you getting wet
So Noah, you best start building […]
You don't have to be running errands for anyone
In pieces, they left no room for me, I'm no one
I'm Sagittarius, I'm A star
So wouldn't you take the day off, Mother Nature?
Wow
Die nächste Ausgabe bekommst Du am 25. Oktober.
Herzliche Grüße
Manuel
PS: Wie Du vielleicht weißt, schreibt Julien auch für „Team Zukunft“, den taz-Newsletter zu Klima, Wissen und Utopien. Es fehlen nur noch ein paar Leser*innen bis das Team Zukunft die 10.000 knackt – vielleicht schaffen sie es ja mit ein paar Anmeldungen aus der Treibhauspost-Community. Hier kannst Du den Newsletter kostenlos abonnieren (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).
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