
Ein Auktionshaus wollte Unterlagen und Andenken zum Holocaust versteigern. Nachdem nun viele Medien darüber berichten, vermutlich aufgrund einer Agenturmeldung, kann ich erzählen wie mein Sonntag war. Das ist durchaus erzählenswert, denn als die Medien begannen zu berichten, hing ich schon seit Stunden da dran.
Wie ich einen Skandal erlebte, bevor es ein Skandal wurde.
Und wie ich beinahe zu Spenden aufgerufen hätte.
Zunächst muss ich etwas Kontext geben.
Überarbeitet und beseelt vom Entschluss, wieder etwas zur eigenen Sozialisation beizutragen – ich mag Menschen, ich muss nur nicht viel Zeit mit ihnen verbringen – wollte ich Samstag eigentlich zu einem großen Stammtisch meiner alten Sportskollegen. Mal wieder Kiezluft schnuppern.
Allerdings musste ich noch einige Grafiken vorbereiten und habe auf der Facebook Fanpage (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) ein Q&A durchgeführt, um Feedback und Futter für einen Beitrag zu bekommen. Also dachte ich mir, dann mache ich mir wenigstens hier in meinem Büro ein Bierchen auf. Grafik und Bierchen geht immer.
Ich bin reiner Wirkungstrinker, also wenn schon Bierchen, darf das auch mal drücken im Gesicht. Sonst kann man es gleich lassen.
Ich wollte mich um 21:30 Uhr schon leicht angebrütet zurückziehen und das Bier gegen ein Süppchen und Einschlaffernsehen tauschen, da wurde ich auf X (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) von dem Account „Kö Antifa“ unter einer Petition verlinkt. Die Kö ist in Düsseldorf, also mein Heimat. Ich kenne die Jungs und Mädels nicht persönlich, aber da sie mir folgen, gehören sie augenscheinlich nicht zu den durchgeknallten Windelköppen. (Pali-Tuch-Träger und Gaza-Bootstouristen) Wie übrigens sehr viele andere Linke und Antifa auch nicht. Das sind nur die lauteren Selbstdarsteller.
Ich lehne Petitionen tendenziell eher ab. Schon vor U.M. Weil sie wenig bringen.
Umso weniger, seit es dafür Plattformen im Internet gibt, die sich durch Datensammelei finanzieren. Jeder Depp kann mal eben eine Petition raushauen. Und ich unterstelle den meisten Unterzeichnern, dass sie sich höchstens rudimentär damit auseinandersetzen.
Will man mit einer Petition etwas erreichen, bedarf es dazu eine Vorlaufzeit, eine Kampagne und im Idealfall einen Anwalt, der sich das vorher anschaut.
Geschenkt.
Aber ich bin üblicherweise – auch angetüddelt – konstruktiv, weshalb ich den direkten Austausch gesucht habe.
Judensterne mit leichten Gebrauchsspuren
Es ging um eine Auktion in Neuss.
Genau die, die jetzt durch die Medien läuft.
Ich musste das suchen, da diese Auktion auch nicht auf der Landing Page des Auktionshauses stand, sondern nur unter den Katalogen.
Und da bin ich fast hinten über gekippt.
Versteigert werden sollten (aus der Erinnerung) beispielsweise Judensterne, eine entsprechende Armbinde, Propaganda-Plakate, Entlassungspapiere, Postkarten in und aus KZ, und so weiter. Über 600 Einzelstücke.
Schlucken musste ich bei zwei sog. Losen: Ein handschriftliches „Tagebuch“ eines überlebenden Polen in vier Schulheften und das eines Polizisten, vermutlich in Vorbereitung auf seinen Prozess geschrieben.
Doch es ging nicht nur primär um den Holocaust oder Polen. Darunter war auch mindestens ein Dokument zum Massaker von Katyn, bei dem die Sowjets tausende polnische Intellektuelle und Beamten getötet haben. Und es waren auch Dokumente aus Belgien dabei.
Es ging also um sehr persönliche Dinge, die das ganze in meinen Augen umso unerträglicher machten.
Abgesehen davon, dass solche Dinge in ein Museum und wissenschaftlich dokumentiert gehören. Was viele gerne vergessen: Dahinter stehen echte Menschen. Die durch solche Hinterlassenschaften im wahrsten Sinne begreifbar werden. Es ist das Erbe der größten Unmenschlichkeit und es sind Zeitzeugen eines realen Leids.
Die Dinge gehören den Familien oder beispielsweise nach Israel.
Um es vorweg zu nehmen:
Laut Medienberichten stammte das alles wohl von einem Hobby-Forscher. Was nicht herablassend gemeint ist. Es gibt beispielsweise viele Kommunal-Historiker, die so etwas nebenbei betreiben und häufig unentgeltlich tolle Arbeit leisten. Ich besitze mehrere Bücher in anderem Kontext von solchen Forschern.
Die Bierchen-Idee
Meine Idee war sofort, Geld zu sammeln und möglichst viel selber zu ersteigern, um es dann an eine entsprechende Stelle zu geben.
Für alles wäre, nur beim Mindestgebot, eine Summe von locker über 120.000 € wert gewesen. Das wäre illusorisch. Aber vielleicht hätte man mit entsprechender Verbreitung des Aufrufs ein paar Zehntausender zusammenbekommen, um wenigstens einige Stücke sichern zu können.
Doch da tat sich sofort das nächste Problem auf. Abgesehen davon, dass das Bierchen und jegliche Wochenendentspannung natürlich schlagartig verflogen waren.
Wie bekommt man das Geld dann zur Auktion? Denn bei Auktionen muss üblicherweise sofort gezahlt werden. Für die genauen Zahlungsmodalitäten hatte ich gar keine Zeit.
Also habe ich meinem Kontakt bei Keren Hayesod eine Vorwarnung geschickt, dass ich ihn am nächsten Morgen früh anrufen werde. Und ihm die Situation kurz geschildert.
Keren Hayesod ist eine staatliche israelische Organisation, die für vieles sammelt. Für Kriegsopfer, für Überlebende des Holocaust, und so weiter.
Und seit Neustem auch ein Projekt, das psychotherapeutische Maßnahmen für ehemalige IDF-Soldaten – darunter sind ja viele Wehrpflichtige – organisiert. Dieses Projekt unterstütze ich und habe dafür auch schon einmal spontan etwas Geld gesammelt (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).
Die Versteigerung sollte am heutigen Montag um 13:00 Uhr in Neuss stattfinden. Also noch bummelig 40 Stunden Zeit. Etwa 17 Stunden, bis ein Spendenaufruf raus muss.
Also: Süppchen rein, viel Wasser rein, Rechner aus, für Sonntag den Wecker gestellt. Abfahrt.
Alarm? Kann ich.
Probleme über Probleme
Gegen neun habe ich dann meinen Kontakt in Berlin angerufen. Da saß ich aber längst wieder im Büro.
Drei Probleme mussten gelöst werden. Und Geld war absurderweise nicht das größte.
Zum ersten müsste ich, wenn ich viel Geld sammele, damit rechnen, dass ich darauf Steuern zahlen müsste. Denn das sind ja Geschäftskosten und das Geld könnte als Umsatz bewertet werden.
Ein Unterkonto konnte ich bei PayPal nicht erstellen. Bei meiner Bank hätte ich das in Minuten erledigt. Aber das gibt weniger Spenden, PayPal hat eine geringere Handlungshürde als eine Überweisung. Die ja auch wiederum Zeit bis zur Buchung braucht. Und: Es ist Sonntag. Der fucking deutsche Schabbat.
Zum zweiten musste das Geld dann ja auch bei der Versteigerung bereitstehen. Wenn ein neues Geschäftskonto jedoch erstmal von PayPal geprüft werden muss, wenn ein Konto eine Auszahlungsbegrenzung hat, wenn man keine Sofortüberweisung machen kann… all das muss bedacht werden.
Und zum dritten muss man gucken, dass man nicht gegen andere, die die gleiche Absicht haben, bietet. Denn sonst schaukelt man sich gegenseitig hoch.
Ich wollte es aber nicht ohne konkreten Plan auf den Social Media Plattformen öffentlich machen oder um Ideen der Schwarmintelligenz bitten, um nicht die Falschen darauf aufmerksam zu machen.
Mein Kontakt wollte sich dann selber ans Telefon hängen. Innerhalb von Keren Hayesod (die das auch nicht konnten, weil deren Gelder über die Buchhaltung in Israel müssen) und in der Vernetzung. Beispielsweise eine jüdische Community in Nordrhein-Westfalen.
In der Zeit telefonierte ich natürlich selber noch rum. Ein oder zwei mir persönlich bekannte Politiker der untersten Stufe, ein Jurist, und so weiter.
Und ich versuchte mich überhaupt erstmal einzulesen, ob sowas überhaupt versteigert werden darf. (Es darf, was der eigentliche Skandal ist.)
Ich begann mir Stichpunkte für einen Spendenaufruf zu notieren, habe nochmal kurz die Antifas von der Kö informiert, zweimal versucht jemanden in dem Auktionshaus zu erreichen, und so weiter.
Mit einer kleineren fünfstelligen Summe von meinem Geschäftskonto hätte ich in Vorleistung gehen können und ich hätte noch etwas von meinem Ersparten schnell zurückbuchen können. Dann hätte ich halt später betteln müssen, egal.
Ich telefonierte nochmal mit meinem Kontakt in Berlin, der wohl selber nicht sonderlich begeistert von den erhaltenen Antworten war.
Und dann telefonierte ich mit meinem Grafik-Frettchen. Damit er mir auf die Schnelle ein Teaser-Bild macht, während ich einen Text schreibe und editiere. Immer noch nicht ganz schlüssig, wie das alles funktionieren kann. Aber ich dachte mir, selbst wenn ich nur ein Tagebuch oder einen Judenstern retten kann, ist das ein Schicksal, das nicht in einer Privatsammlung oder bei irgendwelchen gestörten Arschlöchern in der Vitrine verschwindet.
Während dieses Telefonats wollte ich meinem Grafiker den Link zu der Auktion schicken, damit er sich einen Eindruck machen kann. Und da war der Katalog… weg.
Das war etwa um 15:30 Uhr.
Er war einfach weg. Ohne Hinweis. Die nächste Auktion war noch zu sehen, es war also recht sicher kein Fehler.
Weg.
Ich informierte sofort meinen israelischen Berliner, die Antifaschisten und einige andere.
Mein Grafikfrettchen schickte mir einen Link zu einem Beitrag der Süddeutschen. Von genau 16:00 Uhr. Die Auktion war abgesagt worden. Und nun kamen immer mehr Medienberichte. Alle recht zeitnah, weshalb ich von einer Agenturmeldung ausgehe.
Ich glaube, ich bin derart zusammengesackt, dass ich wie ein Sack Hirschgeweihe vorm Rechner saß.
Die Etagen darüber
Die Geschichte war eine Etage höher gelöst worden. Wovon wir aber nichts mitbekommen haben.
In der Etage, wo man schon vorher persönliche Kontakte haben muss, um jemanden sonntags zu erreichen.
Ich kann hier selber nur aus anderen Medien wiedergeben.
Unter anderem reingehängt hat sich wohl der Chef der Staatskanzlei Nordrhein-Westfalen, Nathanael Liminski (CDU). Er hat mit dem Chef des Auktionshauses telefoniert. Da war die Auktion aber bereits abgesagt.
Polens Außenminister Radoslaw Sikorski hatte bereits mit dem deutschen Außenminister Wadephul gesprochen. Und das gegen 13:00 Uhr auch auf X (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) gepostet. Was ich in der Hektik natürlich gar nicht mitbekommen habe. Und das ist, zugegeben, mindestens zwei bis drei Etagen über mir.
Ein Reporter des WDR berichtete heute, er habe vor Ort in Neuss mit zwei Männer gesprochen, die für das Holocaustmuseum in Haifa arbeiten. Die sind also dran, was mich ungemein beruhigt.
Und gestern Abend erst verstand ich, was da wohl gelaufen ist.
Das Internationale Auschwitz Komitee hatte bereits am Samstagmittag eine Pressemitteilung herausgegeben. Und dadurch kam der Stein dann wohl ins Rollen. Zu der Zeit, als auch ich bzw. wir uns ans Telefon hängten.
Ich bin also selber Opfer des Aktionismus geworden, den ich immer kritisiere: Erst sehen, was sich machen lässt, dann machen, was sich sehen lässt.
Angesichts der Umstände und dessen, worum es ging, kann ich mir das aber gut verzeihen. Und Selbstüberschätzung gehört eh nicht zu meinen Fehlern. Es war ein schneller Notfall-Plan, nicht die große Lösung.
Ich bin sicher, nun werden sich auch Leute in Ruhe finden lassen, die diese Zeitzeugen und Schicksale sichern und für die Nachwelt erhalten.
Security vorm Auktionshaus
Die Antifa von der Königsallee hatte eine kleine Demo vor dem Auktionshaus angekündigt. Worüber heute wiederum der WDR berichtet hat.
Das Auktionshaus hat heute komplett geschlossen und sich Security vor die Türe gestellt.
Ich finde es verständlich von allen Seiten. Aber nicht in Ordnung, dass es nötig ist.
Denn was ich sehe, ist kein großer Fehler eines Einzelnen. Und schwerlich eine wirklich böse Absicht. Sondern eine idiotische Pietätlosigkeit mehrerer.
Ich gehe davon aus, dass das ganze Zeug Teil eines Nachlasses ist. Und wie das in der deutschen Bürokratie so ist, muss dann ein Verwalter den Nachlass aufteilen oder zu Geld machen. Und ich stelle mir vor, dass der sich das höchstens oberflächlich angeschaut und dann – wie üblich im Tagesgeschäft – an ein passendes Auktionshaus gegeben hat.
Das war wiederum so pietätlos und hat das Zeug angeboten, wie es sonst Postkarten und Briefmarken anbietet. Es hat das Zeug einen Historiker bewerten lassen und dann den Katalog erstellt.
Es gehört allerdings schon eine große Seelenlosigkeit dazu, in einem öffentlichen Katalog zu erklären, dass Briefe von oder an KZ-Insassen mit niedriger Häftlingsnummer sehr selten und daher viel wert sind (Anm.: denn die wurden ja sehr schnell getötet) oder bei Judensternen und Häftlingsdokumenten von „Gebrauchsspuren“ zu sprechen. Da darf einem auch schon mal etwas der Kaffee hochkommen.
Ich werde den Rest des Tages damit verbringen, mich vorm Fernseher zu erholen und mich an meiner Unwichtigkeit zu erfreuen. Fürs Karma können mal ein paar Stunden Alarm nicht das schlechteste gewesen sein.
Danke fürs nicht-spenden übrigens.
Ich unterstelle, Ihr hättet. Und das ist ja auch schon ein schöner Gedanke.