Im Verhältnis zu vielen anderen Themen, die rund um die Aufarbeitung des Nationalsozialismus besprochen werden, ist das Thema NS-Zwangsarbeit eine erstaunlich junge Perspektive. Das liegt unter anderem daran, dass viele ehemalige Zwangsarbeitende aus Polen und der Sowjetunion stammten, dorthin zurückgehen (mussten) und jahrezehntelang nicht über das sprechen konnten, was mit ihnen geschah. Erst die Entschädigungswellen nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion in den 1990er und Anfang der 2000er Jahre haben das Thema wieder an die Oberfläche gespült.
Aber erst in jüngerer Zeit sprechen wir ausführlich auch miteinander über die langwierigen Folgen, die Zwangsarbeit, antislawischer und sozialer Rassismus sowie sowjetische Propaganda auf das Leben der ehemaligen Zwangsarbeitenden und ihrer Familien hatten.
In den vergangenen 14 Monaten durfte ich zu dem Thema vier Paneldiskussionen im Museum Zwangsarbeit in Weimar moderieren. Dadurch habe ich nicht nur sehr viel gelernt, es hat mir auch Perspektiven eröffnet, die ich so vorher nicht hatte. Hat meinen Blick geweitet auf die langfristigen Folgen in den Familien, aber auch auf die Weltgeschichte. Und ein bisschen was davon möchte ich heute mit euch teilen. Also los geht’s:
(Si apre in una nuova finestra)International besetztes Panel in Weimar
Auf dem Panel im Museum Zwangsarbeit in Weimar am 14. August 2025 durfte ich mit der Historikerin Sarah Grandke (Si apre in una nuova finestra), dem niederländischen Journalisten und Buchautor Ad van Liempt (Si apre in una nuova finestra) und der Historikerin Evelina Rudenko (Memorial e.V. (Si apre in una nuova finestra)) sprechen. Was mir bei diesem Gespräch über die Folgen von Zwangsarbeit in Europa nochmal sehr deutlich geworden ist: Nicht für alle Menschen bedeutet das Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa eine Befreiung.
Also ja, Befreiung von Naziherrschaft und Terror, der den Alltag von Zwangsarbeitenden vor allem in den Lagern bis ins Allerprivateste bestimmte und verfolgte. Aber viele Millionen Menschen, die von den Nazis aus ihren Heimatländern nach Deutschland verschleppt wurden, sitzen nach Kriegsende fest. Teilweise weiterhin in den Lagern, die in Ermangelung anderer Infrastruktur von den Besatzungsmächten als Lager für Displaced Persons genutzt wurden. Lager, die zuvor Konzentrationslager waren.
Nicht alle Menschen können oder wollen zurück in ihre Heimat, weil sich unmittelbar an den Zweiten Weltkrieg der Kalte Krieg anschließt. Ob und wie vor allem die sogenannten "Ostarbeiter" in ihre Heimat zurück können, hängt auch davon ab, in welchem Besatzungsgebiet sie gelandet sind.
(Zwangs)Repatriierung in die Sowejtunion
Während viele aus der Sowjetunion verschleppte Menschen in der Sowjetischen Zone (Zwangs-)Repatriiert wurden (es ist kompliziert), sitzen Menschen aus Polen, aber auch aus der Ukraine in den DP-Camps der westlichen Alliierten fest. Das liegt zum Einen daran, dass in den sowjetisch besetzten Gebieten alle Menschen befragt und durchleuchtet wurden, die zurück in die Sowjetunion wollten. So sollte festgestellt werden, ob diese Menschen wirklich Zwangsarbeit leisten mussten, oder ob sie Kollaborateure der Nazis waren. Diese Untersuchungen zogen sich teilweise Monate hin.
Erst danach wären die Menschen an der Reihe gewesen, die aus den Besatzungsgebieten der westlichen Alliierten zurück in die Sowjetunion wollten - oder mussten.
Für die ehemaligen Zwangsarbeitenden aus Polen in den DP-Camps hieß es damit erstmal: Warten. Und das gleich aus mehreren Gründen, wie Sarah Grandke erzählt. Denn zum einen wurden die Grenzen Polens neu gezogen, Teile des Gebiets wurden der Sowjetunion zugeschlagen. Zudem saß die polnische Exilregierung nach wie vor in London, während sich in Polen selbst eine kommunistische Regierung anschickte, an die Macht zu kommen. Und on top war Polens Hauptstadt Warschau so schwer zerstört, dass es oft einfach kein "Zuhause" mehr gab.
In Folge des Warschauer Aufstands 1944 (nicht zu verwechseln mit dem Aufstand im Warschauer Ghetto 1943) waren zudem viele Warschauer selbst in Lager deportiert worden. Überleben? Fraglich. Kontakt zu Familienangehörigen aufnehmen? Schwierig. Und nach dem Naziterror unter einer kommunistische Regierung möglicherweise ähnliches erleben? Auch darauf hatten viele keinen Bock.
NS-Kollaboration als Generalverdacht
Hinzu kam, dass Menschen, die zurück in die sowjetischen Gebiete gingen, erstmal unter Generalverdacht standen, für die Deutschen gearbeitet zu haben. Das galt für die polnischen Zwangsarbeitenden nicht weniger.
In der Sowjetunion waren die ehemaligen Zwangsarbeitenden auch dann, wenn keine Kollaboration mit den Nazis nachgewiesen werden konnte, nicht frei. Nach der teils sehr schweren Arbeit in den Fabriken, Bergwerken und Steinbrüchen der Nazis mussten viele Menschen in sowjetischen Arbeitskommandos wieder Zwangsarbeit leisten - diesmal für die sowjetischen Machthaber und das eigene Land. Andere mussten zunächst ein bis zwei Jahre als Soldaten in die Rote Armee, um sich zu bewähren, wie es hieß.
Die Diskriminierung ging aber noch weiter. So durften ehemalige Zwangsarbeitende nicht zurück in ihre Heimatstädte, wenn sie zB aus Moskau, St. Petersburg oder Kiew kamen (heute würde ich Kyjiw schreiben). Auch hier blieb der Verdacht der Kollaboration mit den Nazis weiter bestehen, auch wenn die sowjetische Propaganda anderes behauptete, wie Evelina Rudenko von Memorial erzählt.
In Holland sagt man Fremdarbeiter
Der ehemalige Journalist und Buchautor Ad van Liempt bringt die niederländische Perspektive mit nach Weimar. In den Niederlanden spricht man nämlich nicht von Zwangs-, sondern von Fremdarbeitern. Und zwar deshalb, weil nicht alle Niederländer gezwungen waren für die Deutschen zu arbeiten. Und hier vielleicht ganz spannend: In den Niederlanden waren es vor allem Männer, die - gezwungen oder freiwillig - für die Deutschen arbeiteten. Im calvinistisch und katholisch geprägten Holland arbeiteten nämlich in den 1930er und 40er Jahren viele Frauen nicht.*
Zwischen Deutschland und den Niederlanden gab es schon immer einen regen Grenzverkehr. Und so wundert es wenig, dass vor allem im Grenzgebiet Niederländer in deutschen Fabriken und Unternehmen arbeiteten, bevor die Nazis den Zweiten Weltkrieg angezettelt und die Niederlande überfallen haben. Danach haben Niederländer in den dort eingericheten Nazibehörden ihre Landsleute regelrecht nach Deutschland vermittelt.
Nicht alle Niederländer haben sich das gefallen lassen, erzählt Ad van Liempt. Es gab Streiks mit bis zu 500.000 Teilnehmenden, die von den Nazis brutal niedergeschlagen wurden. Menschen sind untergetaucht, um sich dem Zugriff der Nazis zu entziehen, was in den Niederlanden nicht so einfach war. Aber es wurden auch - vor allem junge - Männer von ihren Familien zum Arbeiten nach Deutschland geschickt. Aus Angst vor Repressionen. Auch hier: Es ist kompliziert.
Und weil es so kompliziert ist, wird in den Niederlanden von Fremdarbeitern gesprochen. Die aber ihrerseits wenig über ihre Erfahrungen gesprochen haben. Denn in Deutschland arbeiten konnte auch dabei helfen, den Krieg zu überleben - je nach dem, wo man arbeiten musste. Und so waren die Erfahrungen und Erlebnisse der Niederländer mit den Deutschen sehr unterschiedlich.
Überlebende Zwangsarbeiter*innen eint das Schweigen
Das hat zu großen Spannungen geführt, zum Teil Familien auseinandergerissen, weil sich plötzlich Menschen mit völlig unterschiedlichen Erfahrungen in Bezug auf die Nazis gegenüberstanden. Am Ende haben viele Fremdarbeiter lieber geschwiegen.
Und das ist ein Thema, das in allen Gesprächen auftaucht: Das Schweigen der ehemaligen Zwangsarbeitenden. Ein Schweigen, das auch die nachfolgenden Generationen noch beschäftigt. Weil sich trotz allem die physischen und psychischen Folgen auch auf sie ausgewirkt haben.
Ein Schweigen, das viele Gründe haben konnte: Scham, Angst vor Repressionen und Diskriminierung, oder das Wissen darum, dass niemand die schrecklichen Erlebnisse in den Lagern nachvollziehen kann, der sie nicht selbst erlebt hat.
Erst die Entschädigungswellen in den 1990er und 2000er Jahren haben dieses Thema wieder an die Oberfläche und damit ins Bewusstsein der Gesellschaften befördert. Dabei betont Evelina Rudenko, dass es vor allem die große Not war, die dazu geführt hat, dass Menschen ihr Schweigen gebrochen haben. Not, die eine direkte Folge der Zwangsarbeit war, weil sie nicht nur physische und psychische Folgen hatte, sondern damit vor allem auch finanzielle.
Während es in Deutschland einen wirtschaftlichen Aufschwung gab - auch, weil Unternehmen, die von Zwangsarbeit profitierten, zunächst kaum Entschädigungen zahlen mussten - lebten ehemalige Zwangsarbeiter*innen in Osteuropa vor allem im Alter in Armut.
Die Ideologien aufarbeiten
Das ist wirklich nur eine minikurze Zusammenfassung des Gesprächs im Museum Zwangsarbeit in Weimar. Aber mir zeigt das wieder, wie weitreichend und tiefgreifend sich diese Geschichte in die Biografien von Menschen einschreibt. Wie langwierig die Folgen sind. Und warum es wichtig bleibt, daran zu erinnern und vor allem auch die Ideologien aufzuarbeiten, die das alles überhaupt erst möglich gemacht haben.
Auch, um sich gegen eine politische Instrumentalisierung der Geschichte zu stemmen, wie Evelina Rudenko von Memorial zum Schluss des Gesprächs hervorhebt. Memorial ist es besonders wichtig, die Erinnerung an die Schicksale ehemaliger ukrainischer Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter zu bewahren und ihnen besondere Aufmerksamkeit und eine Stimme zu schenken. Etwas, das den heutigen russischen Machthabern nicht gefällt. Memorial wurde 2023 in Russland zwangsaufgelöst, einige Mitarbeitende wurden in Gefängnisse verbracht. Andere arbeiten - der Auflösung zum Trotz - bis heute auch in Russland weiter für Memorial. Nicht zu vergessen das internationale Netzwerk, das hinter dieser Menschenrechtsorganisation steht.
Die Geschichte der Zwangsarbeit ist damit auch eine Geschichte des ideologischen Imperialismus und Rassismus der Nazis. Eine Geschichte von Diskriminierung und Propaganda. Es spielen so viele Faktoren zusammen. Die Folgen sind so gravierend, dass es kaum möglich ist, das in Gänze zu erfassen.
Aber wenn wir es irgendwann doch mal besser machen wollen, müssen wir uns damit befassen. Die Kriege und Krisen, die wir gerade erleben, werden uns noch über Generationen hinweg beschäftigen. Sie sind die Folge dessen, was davor geschah. Wenn wir das begreifen, werden wir in der Gegenwart handlungsfähiger.
*Eine Ausnahme gibt es für politische Gefangene in deutschen Gefängnissen, wie etwa Toos Verhagen, eine Weggefährtin meines Großvaters.
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