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Von Eiern und Pässen

Von Hasnain Kazim - Fremde Namen / Einbürgerung? / Roger Willemsen / Eiertraum

Liebe Leserin, lieber Leser,

die pakistanischstämmige Humaira Waseem hat im November 2022 mit ihrer Familie eine Wohnung im hessischen Groß-Gerau gesucht. Sie bewarb sich online bei einem Immobilienmakler, fragte frühzeitig an, es gab einige freie Wohnungen - und doch erhielt sie die Antwort, es gebe leider keine Termine mehr.

Es kam ihr merkwürdig vor, und so schrieb sie noch einmal, füllte wieder das Online-Formular aus, mit identischen Angaben zu Einkommen, Beruf und Familienangaben. Nur gab sie diesmal einen deutsch klingenden Namen an - und siehe da: Unter diesem Namen erhielt sie vom selben Makler gleich mehrere Besichtigungstermine.

Waseem hat geklagt, wegen “Diskriminierung nach dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz”, das unter anderem die Benachteiligung wegen der “ethnischen Herkunft” verbietet. In der Berufungsinstanz gab das Landgericht Darmstadt ihr Recht und verurteilte den Makler zur Zahlung einer Entschädigung von 3000 Euro. Der Makler legte Revision ein, und so landete der Fall beim Bundesgerichtshof in Karlsruhe, das Ende Januar 2026 das Urteil bestätigte: Ein Immobilienmakler darf einen Interessenten nicht allein wegen eines ausländisch klingenden Namens von Besichtigungsterminen ausschließen.

Ich kann nur sagen: Gut so! Und danke, Humaira Waseem, dass Sie das durchgefochten haben!

Derartige Erfahrungen machen Menschen mit fremd klingendem Namen ständig. Ich wollte mal vor vielen Jahren ein Zimmer in der Jugendherberge Heilbronn reservieren. Dazu nannte ich am Telefon natürlich meinen Namen. Ich erhielt die Antwort: kein Zimmer mehr frei. Auch mir kam das seltsam vor, denn es war in einer reisearmen Zeit. Daraufhin rief meine Schwiegermutter mit deutsch klingendem Namen an - und bekam sofort ein Zimmer.

Damals habe ich nichts gesagt. Heute fahre ich mit den Verantwortlichen Schlitten, wenn so etwas passiert. Ich gehe mal davon aus, dass diese Leute nach meinem kleinen Unterricht so etwas nie wieder tun. Ich glaube, in solchen Fällen funktioniert nur rabiate Pädagogik.

Wenn ich online Zeugs verkaufe, gebrauchte Sachen, wie man sie eben in Kleinanzeigen anbietet, bekam ich früher, wenn ich einen deutsch beziehungsweise österreichisch klingenden Namen angab, deutlich mehr Anfragen von Interessenten als unter meinem richtigen Namen. Mittlerweile kennt man meinen Namen beziehungsweise kann mich googeln, ich gebe ihn schon deshalb nicht mehr an. Auch heute noch verkaufe ich gelegentlich Dinge nur unter einem sehr deutschen Namen. Die Leute wundern sich dann manchmal, wenn sie mir anschließend begegnen. “Huch, ich habe Sie mir ganz anders vorgestellt!”, sagte mir mal eine Frau, als sie die Sache abholte, die sie gekauft hatte - und schob sofort hinterher: “Entschuldigung! Entschuldigung!”

Vorurteile sind menschlich. Dass man Menschen in Schubladen steckt, kommt vor, niemand ist frei davon. Aber man sollte sich dessen immer bewusst sein und daran arbeiten, sie auch mal herauszuholen aus diesen Schubladen und ihnen eine Chance zugeben, ihnen jedenfalls nicht nur wegen ihres Namens die Chance zu verweigern. Das gilt genauso für die deutschen Ronnys und Mandys dieser Welt.

Wer bekommt den Pass?

Die Junge Union hat sich diese Woche zum Thema Staatsbürgerschaft geäußert, und das “Handelsblatt” hat dazu getitelt: “Junge Union: ‘Bei illegaler Einreise soll keine Einbürgerung möglich sein’”.

Der Co-Chef der Grünen Jugend, Luis Bobga, also die Konkurrenzveranstaltung der Jungen Union, haute daraufhin auf Instagram den Spruch raus: “ihr meint also wenn menschen, ausgedachte grenzen von ausgedachten nationalstaaten übertreten, weil sie eine ‘falsche’ ausgedachte staatsbürgerschaft haben? merkt ihr selber oder?”

Ich teilte diesen kleinen Austausch des Parteinachwuchses in den “sozialen” Medien und kommentierte dazu: Man mag dem Vorschlag der Jungen Union etwas abgewinnen oder auch nicht. Ich finde es jedenfalls toll, wie sich ‘Grüne Jugend’-Chef Luis Bobga in einer ausgedachten Herrschaftsform namens Demokratie für ausgedachte Menschenrechte, hoffentlich auf der Basis des ausgedachten Grundgesetzes einsetzt. Merkt er selbst aber nicht, oder?

Nun schrieb mir Leser Jannik D.: “Jetzt sag doch, wofür du stehst!! Findest die Aussage von der Jungen Union geil, richtig!! Oder warum das Bashing der Grünen??”

Nun, dazu möchte ich mich gerne äußern. Zunächst einmal finde ich, dass ein Satzzeichen pro Satz genügt, die Verdoppelung unterstreicht keineswegs die Bedeutung, aber das nur am Rande. Und richtige Kommasetzung hülfe Herrn Bobga, ernster genommen zu werden. (Ich weiß, “Klassismus”…) Sollte man an den Schulen vielleicht unterrichten. Zweitens, ist Kritik kein “Bashing”, und auch zartbesaitete Jungpolitiker müssen sich, wenn sie sich öffentlich äußern, Kritik aushalten. Drittens: Was ich kritisiere, ist die etwas schräge, jedenfalls leider nicht wirklich treffende Argumentation des Herrn Bobga. Dabei könnte man die Aussage der Jungen Union viel treffender kritisieren.

Zunächst einmal finde ich die Bobga’sche Utopie wirklich und ironiefrei sympathisch: eine Welt ohne Nationalstaaten, ohne Grenzen, ohne Staatsbürgerschaften, ohne Pässe, jeder und jede darf leben, wo er und sie mag! Das ist so sympathisch wie die Utopie des Pazifismus: eine Welt ohne Waffen und Gewalt und Kriege, alle haben einander lieb und lösen Probleme friedlich, und wo jemand gewalttätig wird, hält man friedliebend die andere Wange hin, und schon ist das Problem weg! Wäre das nicht schön? Natürlich! Beides sehr sympathische Vorstellungen. Aber beides extrem naiv und gefährlich. Und daher nichts, wofür ich mich einsetze.

Daher, Jannik: Ja, ich teile die Ansicht, dass es Staaten und Grenzen braucht. Und ich finde grundsätzlich auch, dass man Staatsbürgerschaften nach festgelegten, transparenten, für alle nachvollziehbaren Regeln vergeben sollte. Und ja, ich sehe es auch so, dass es grundsätzlich kein Recht gibt, die Staatsbürgerschaft frei zu wählen. Die einfachste Möglichkeit ist das Glück der Geburt. Die schwierigere ist, nach vorgegebenen Regeln einzuwandern. Und ja, dazu muss eine Gesellschaft sich natürlich überlegen: Welche Erwartungen haben wir? Wen benötigen wir hier? Wen wollen wir hier? Und wie viele wollen wir aufnehmen?

Ich bin für Einwanderung, nicht nur, weil ich selbst Kind von Einwanderern bin. Man muss keine Studien lesen (wobei das helfen kann), sondern muss sich einfach nur mal umschauen in unserer Gesellschaft, um festzustellen: Ohne Zuwanderung wird es nicht gehen. Nur muss man eben Kriterien aufstellen. Sonst kann es auch schief gehen, aber richtig.

Und hier käme meine Kritik an der Jungen Union und, mehr noch, an CDU und CSU, die es seit Jahrzehnten versäumt haben, eben diese Kriterien aufzustellen und ein Einwanderungsgesetz zu gestalten. Wie kann man legal nach Deutschland kommen, hier leben, arbeiten, bleiben, Teil der Gesellschaft und, jawohl, Deutscher werden? Die Einwanderungspolitik ist seit Jahrzehnten - zuletzt vielleicht mit minimalen Verbesserungen, dann wieder mit Verschlimmbesserungen wie “Och, Sprachkenntnisse sind doch nicht so wichtig!” - Kraut und Rüben. Wirklich: Schrott!

Es gibt Menschen, die eben wegen dieser dilettantischen Politik illegal hier sind, voll integriert, in der Schule, in der Berufsausbildung, im Studium, mit Job - und werden dann abgeschoben. Ich kenne Dutzende Fälle. Dann wieder sind hier Leute, die den Staat von vorne bis hinten ausnutzen, betrügen, irgendwelche Strukturen gründen, um durchaus gewalttätig ihre Ziele zu erreichen - und die tanzen uns, der Gesellschaft, auf der Nase herum, ziehen einfach in einen anderen Landkreis, wo neue Behörden für sie zuständig sind, und entgehen so einer gerechten Behandlung.

Daher stimme ich der Aussage, dass es bei illegaler Einreise keine Einbürgerung geben soll, mit Einschränkungen zu. Ich bin gespannt, ob ich noch ein vernünftiges Zuwanderungsgesetz in Deutschland, das zwischen Asyl und Einwanderung unterscheidet, das klare Regeln formuliert und gleichzeitig willkommen heißend ist gegenüber denen, die es dann nach diesen Kriterien ins Land lässt, erleben werde. Ich warte darauf, seit ich politisch denke, also seit meiner Jugend.

Meine Hoffnungen sind so groß nicht…

Eine Dekade…

Gestern vor zehn Jahren, am 7. Februar 2016, starb der Publizist Roger Willemsen. Ich bin ihm leider nur aus der Ferne ein paar Mal begegnet, kannte ihn nicht persönlich. Als Offizier und Student der Bundeswehruniversität Hamburg war ich einmal als Zuschauer in seiner Talkshow “Willemsens Woche”, seither verfolgte ich seine Arbeit sehr genau. Mir gefiel, wie er so gar keine Rücksicht darauf nahm, irgendwem zu gefallen. Und doch vielen gefiel.

Sein Todestag ist ein guter Anlass, dieses Buch zur Hand zu nehmen und zu lesen, das im Jahr 2025 erschienen ist:

Groteske Eierei

Ich bin kein Experte der Oneirologie, und wahrscheinlich fragen Sie sich jetzt, was das überhaupt sein soll. Ich selbst weiß es auch erst, nachdem ich es gerade nachgeschlagen habe: óneiros ist das griechische Wort für Traum, lógos ist die Lehre. Wir reden hier also über die wissenschaftliche Beschäftigung mit Träumen, mit ihrer Entstehung, Bedeutung und Interpretation.

Vielleicht ist ja ein Oneirologe unter Ihnen und kann mir sagen, was es mit dem Traum auf sich hat, den ich gestern Nacht hatte. Als Hobby-Oneirologe - so nenne ich mich ab jetzt - würde ich sagen: Er sagt etwas über meine Sehnsucht nach einem einfachen, guten Leben aus, aber auch etwas über bekloppte Medienhypes.

Ich habe nämlich geträumt, dass ich ein Restaurant eröffne. Es heißt: “The Egg”. Und in diesem Laden, dessen Interieur ganz in Weiß gehalten ist, gibt es nur eine einzige Speise: ein hartgekochtes Ei. Also nicht verschiedene Eierspeisen, Omelettes zum Beispiel oder Spiegeleier, Eierkuchen oder Crêpes, nein, sondern: nur hartgekochte Eier. Auch keine weichen oder mittelharten, sondern: nur hartgekochte. Die Speisekarte besteht aus einem einzigen Blatt, darauf stehen: '“Hartgekochtes Ei” und - kostenlos - ein Glas Leitungswasser zum Trinken.

Die einzige Variation bei den Eiern ist, dass es weiße gibt und, seltener, braune, je nachdem, was ich morgens von den Bauern bekomme. Es sind allesamt hervorragende Eier, vorzügliche Eier, delikate Eier, die besten, die man kaufen kann. Bauern aus dem Umfeld liefern sie mir.

Ein hartgekochtes Ei kostet 2,50 Euro, also durchaus für jedermann leistbar. Man bekommt es ungepellt serviert, pellen muss man selbst. Auf dem Tisch stehen Salz (das rosafarbene aus Pakistan, aber Pakistan darf um Himmels willen nicht draufstehen, wir nennen es daher “Himalaya Salz”) und Pfeffer, außerdem ein Fläschchen Maggi, sonst nichts.

Ich nutze meine guten Kontakte zu den Medien und rufe eine Freundin bei der “New York Times” an, sage ihr, sie solle über mein Restaurant schreiben. Ich wähle die “New York Times”, weil dann auch alle deutschen Medien darüber schreiben werden und ich mich nicht mehr groß um Pressearbeit kümmern muss. Wenn die “New York Times” etwas schreibt, und sei es noch so hanebüchen (und das kommt manchmal vor, öfter jedenfalls, als man denkt), sind die meisten Journalisten in Deutschland und Österreich ganz verzückt und augenblicklich der Meinung, dass es ganz, ganz wichtig sein muss, und schreiben auch drüber.

In der “New York Times” erscheint also eine große Seite-drei-Geschichte über das “fantastische deutsch-österreichische Restaurant ‘The Egg’ und sein faszinierend einfaches Konzept”, und prompt schreiben auch alle deutschen und österreichischen Medien darüber. Sie loben die “außergewöhnliche Textur der Eier”, eine Journalistin meint, “das köstliche Wiener Wasser” herausschmecken zu können, “in denen die Eier zu ihrer Perfektion gelangen”, ein anderer, älterer Gastrokritiker, der in seinem Berufsleben schon den Gegenwert eines Flugzeugträgers verschlungen hat, meint, im hartgekochten Ei “die Reinheit und den Sinn des Lebens” zu erkennen.

Ich lese und lache mich tot.

Bald schon stürmen die Gäste das Restaurants, manche verlangen “eggs to go”, es kommen auch Bestellungen aus dem Ausland, denn das Gute ist, dass die hartgekochten Eier ja ein paar Tage haltbar sind und auch per Post verschickt werden können, nach Japan und Dubai und Florida. Ich lasse mir mein Eierrestaurant weltweit patentieren, koche täglich Tausende Eier, werde Millionär und verzichte trotzdem darauf, mir einen weißen, eiförmigen Ferrari zu kaufen, weil ich mich ja nach dem einfachen Leben sehne. Ich fahre stattdessen ein weißes, eiförmiges Fahrrad, aerodynamisch und irre schnell.

Da endet der Traum.

Was soll er bedeuten, werte Oneirologen? Wie gesagt: Meine Deutung kennen Sie. Vielleicht haben Sie ja eine andere?

Ich geh mir jetzt jedenfalls ein Frühstücksei kochen.

Ich wünsche Ihnen einen geruhsamen Sonntag und eine schöne Woche! In der kommenden Woche lese ich aus “Deutschlandtour” in Nürnberg, vielleicht passt es ja für die eine oder den anderen. (Si apre in una nuova finestra)

Herzliche Grüße aus Wien,

Ihr Hasnain Kazim

P. S.: Ich freue mich über Weiterempfehlungen der “Erbaulichen Unterredungen”, (kostenlose) Abonnements und “Mitgliedschaften”, die durch die finanzielle Unterstützung helfen, dass ich die Zeit von anderen Arbeiten freihalten kann, sie zu schreiben. Allen treuen Leserinnen und Lesern und den vielen, die mir in dieser Woche und zuvor geschrieben haben: Herzlichen Dank!

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