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Im Dachgeschoss des Jahrhunderts

Besuch bei Troller/Hacke Gefühle/Mediapart Sarkozy/Hergé bei Wbg/ Ottolenghi

Es ist noch Zeit für einen Café, ziemlich viel sogar, aber ich möchte auf keinen Fall zu früh kommen. Zweieinhalb Jahre ist es her: Besuch bei Georg Stefan Troller. Ich möchte pünktlich sein, denn im Gespräch mit ihm verschieben sich die Epochen und Generationen dann ja doch. Er wohnt ganz oben, weit über Paris und schwebt hoch oben, auch über unserer Gegenwart, um immer wieder abzutauchen in die Geschichte.

Eine freundliche Haushälterin öffnet. Die Wohnung ist groß, voller Erinnerungsstücke und angenehm warm. Troller kommt etwas später in einem gemütlichen Bademantel. Die Haare lang und kunstvoll um den markanten Kopf drapiert. Er ist guter Laune und kichert viel. Zwischendurch ruft eine Freundin aus Zürich an und er regelt ein bisschen was, sein Netzwerk funktioniert noch. Seine ungezogene Katze nutzt die Telefonpause um über den Tisch zu spazieren und er weiss auch, warum: “Sie möchte geliebt werden.” Ich vermute eher, dass sie zur Milch neben der Kaffeetasse möchte.

Troller gehört nicht zu den Leuten, die die vielen Anekdoten ihres Lebens ungefragt abspulen. Er sagt nichts von seinem Nachmittag mit Muhammad Ali oder den Gesprächen mit Orson Welles. Das kommt daher, weil er nicht fertig ist, sondern immer weiter nachdenkt. Allein der Fall Charles de Gaulle: Der war so groß, dass er sich selbst im Weg stand und alle anderen Menschen so herumschieben wollte, wie ein Puppenspieler. “Außerdem” - empört er sich, als wäre es gerade eben passiert - “durfte ich im Hof des Élyséepalasts nicht parken. Dabei hatte ich das schwere Tonband dabei. Ja, deGaulle mochte eben keine Journalisten!”

Er erinnert sich an die Nazis, als seien sie eben zur Tür hinaus. Die hätten ihn locker und reuelos umgebracht, weil er Jude ist. Die Abwertung seines Äußeren, die Diskriminierung und Demütigung, diese Vorzeichen kommender und geplanter Morde sind ihm noch glasklar im Bewusstsein. Und dann der Tag, an dem er in amerikanischer Uniform das KZ Dachau befreite. Antisemitismus gibt es aber nicht nur in Deutschland, sondern auch in seiner Heimat Wien und in Frankreich eben auch. Illusionen macht er sich diesbezüglich keine.

Für Georg Stefan Troller ist die deutsch-französische Freundschaft kein Selbstzweck. Sie ist nur dann etwas wert, wenn sie dem Faschismus und dem Antisemitismus entgegen tritt. Aktueller geht es nicht. Was für ein Auftrag.

Nun ist er dann doch noch gestorben. Aber das sind nur Äußerlichkeiten. Wenn man in Paris hoch schaut, schaut er runter – ein Batman im Bademantel. Schaut, ob wir die extreme Rechte, die Antisemiten weiterhin bekämpfen oder wieder an die Macht lassen.

Dann, kein Zweifel, wären wir die dümmste Generation, die je in Europa gelebt hat.

Weil sie sich so gut lesen und in diesem einzigartigen, persönlichen Ton geschrieben sind, unterschätzt man leicht, wie viel Recherche in den Büchern von Axel Hacke steckt. In seinem neuen Buch geht es um das ganze Gewühle der Gefühle in einer komplizierten Gegenwart. Er verarbeitet dazu einen beachtlichen Turm neuerer Literatur und macht daraus eine anregende Konversation in eigenem Rhythmus. Man kommt auf die Höhe der Forschung, ohne sich durch Jargon wühlen zu müssen und wird auch nicht mit ungebetenen Ratschlägen behelligt.

Es geht dabei um die Aktualität der Emotionen – ein Thema, das es nie in eine Zeitung und kaum je in die Zeitung schafft und doch usnere Welt und unser Leben ganz und gar bestimmt. “in einer Welt, in der jede und jeder Einzelne umschwellt und umschwallt ist von realen und manipulierten, geschwächten und verstärkten, eigenen und fremden Gefühlen, ist es eine anspruchsvolle Aufgabe, sich darüber klar zu werden: Was ist eigentlich mein Gefühl? Und was kommt von ganz woanders?”

Weil die demokratischen Parteien diese Dimension völlig ausklammern, reüssieren die Parteien, die sich ganz und gar der Stimmungsmache verschrieben haben. Übrigens: Dieser Newsletter kommt auch vor.

Am Donnerstag früh hörte ich zerstreut wie immer die französischen Nachrichten. Ein Experte kommentierte das Urteil gegen den einstigen Präsidenten Sarkozy, das im Laufe des Vormittags verkündet werden sollte. Eine Gefängnisstrafe, sagte der Auskenner, sei nicht zu erwarten, allenfalls irgendwann mal. Nach dem Berufungsverfahren. Tja.

Wenige Stunden später war Frankreich ein anderes Land. Der Ex-Präsident, der in seiner Amtszeit der Garant für das Funktionieren der Justiz war, muss ins Gefängnis.

Der Fall hat eine lange, komplizierte Vorgeschichte, nahm viele Wendungen und jede Menge komische Momente hat er auch. Die Verurteilung ist aber gerechtfertigt. Sarkozy hat nie erklären können, was seine engsten Vertrauten bei den Männern von Khadafi wollten, die sie unter großer Geheimhaltung in Tripolis aufsuchten. Ihr Gesprächspartner war ein libyscher Agent, ein in Frankreich verurteilter und gesuchter Terrorist – was wollten die beiden Emissäre des Law and Order Politikers Sarkozy von dem?

Es gibt zig andere Indizien - unter anderem diese Einbauküche, die sich Sarkozys Büroleiter und späterer Innenminister Claude Guéant gekauft und in bar bezahlt hat - in 50 Euro Scheinen. Der Chef des Küchenstudios sagte aus, dass das noch nie vorgekommen war. Zeugen aus Libyen gaben an, dass die Schmiergelder in solchen Scheinen ausgezahlt wurden. Guéant konnte nie erklären, woher das Geld stammt.

Dieses historische Urteil ist ganz und gar auf die Arbeit eines Mediums zurückzuführen, die durch Abonnements finanzierte, investigative Plattform Mediapart. Andere Medien haben kaum recherchiert. Die Kollegen haben ihr umfangreiches Wissen in einem Dokumentarfilm aufgearbeitet, der sich wirklich lohnt.

https://www.mediapart.fr/vod/personne-n-y-comprend-rien (Si apre in una nuova finestra)

Am vergangenen Freitag saßen Joachim Telgenbüscher und ich unter Dinos. Es war wieder Zeit für das tolle Beats and Bones Festival im Berliner Naturkundemuseum und wir sprachen über die größten Hypes der Geschichte in einer Live Performance unseres Podcasts “Was bisher geschah”. Anlass genug für ein kleines Update in dieser Sache: Es haben sich sehr viele Menschen eingefunden und auch Mitgliedschaften abgeschlossen, so dass wir jetzt erst einmal weiter machen können – weitere Mitglieder sind allerdings nach wie vor sehr willkommen.

Nach vielen Wochen der intensiven Arbeit an der Gründung einer Gmbh, der Akquise von zahlenden AbonnentInnen und Werbekunden, gibt es nun eine ganz neue Folge. Es geht um einen Mann, der rein äußerlich eines der langweiligsten Leben des 20.Jahrhunderts geführt hat. Aber dennoch, welcher Stoff!

https://podcasts.apple.com/de/podcast/was-bisher-geschah-geschichtspodcast/id1733559978?i=1000727956837 (Si apre in una nuova finestra)

Der Herbst ist meine unangefochtene Lieblingssaison: Neue Bücher, neue Pullover, Schreibwaren und Serien, Städtereisen, die Frankfurter Buchmesse und Geburtstag habe ich auch noch. Einfach perfekt. Wobei ich nur bedauere, dass die schöne Jahreszeit viel zu kurz ist. Ich nehme mir alljährlich zu viel vor und ehe ich mich sortiert und nach Herzenslust eingeherbstet habe, tobt schon wieder der Weihnachtswahnsinn. Also nichts wie ran an die Schmorgerichte, langen Spaziergänge, Leseabende, Kino- und Konzertbesuche und Trinkgelage – schneller, als man denkt werden die Tage schon wieder länger. Man muss wieder raus, Sachen machen und das Leben zieht weiter.

https://ottolenghi.co.uk/pages/recipes/one-pot-chicken-orzo-porcini-cinnamon (Si apre in una nuova finestra)

Kopf hoch,

ihr

Nils Minkmar

PS: Am Freitag und Samstag schreibe ich diesen Newsletter. Um mir diese Zeit von anderen Aufträgen freihalten zu können, brauche ich ihre finanzielle Unterstützung. Wenn Sie können und möchten, hier entlang:

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