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Wenn Russland angreift – Teil 3: Das Szenario

Im ersten Teil dieses Artikels (Si apre in una nuova finestra) habe ich erklärt, wie ein Angriff der Sowjetunion abgelaufen wäre und was daraus folgt.
Im zweiten Teil (Si apre in una nuova finestra) habe ich erklärt, wo Russland heute mit hoher Wahrscheinlichkeit angreifen würde und was das auch im Bezug auf die USA bedeuten würde.
In diesem Teil wird es nun endlich konkreter.

Die Vorstellungen von Laien und (ehemaligen) Soldaten gehen weit auseinander, wenn beispielsweise von „Verteidigungsbereitschaft“ gesprochen wird. Es hat zwei Teile des Artikels gekostet, um Laien überhaupt in eine Art der militärischen und strategischen Denke einzuführen.
Ich treffe keine Prognosen. Vielmehr geht es darum zu erklären, wie Militärs und Strategen denken. Dann erschließt sich – so hoffe ich – sehr viel. Dafür waren die ersten Teile wichtig.

Stellen wir uns nun also vor, Russland greift an.

Der Korridor

Wie bereits erklärt, würde Russland mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit den Suwalki Korridor angreifen. Dafür ist vollkommen unerheblich, ob dies nun auch die polnische oder nur die litauische Seite betrifft. Beides sind Verbündete und ein Angriff würde das Gleiche auslösen.

Grafik mit dem Suwalki Korridor

Das Muster würde dabei ähnlich ablaufen, wie vor dem Angriff auf die Ukraine. Aus mehreren Gründen.

Die Russen können es nicht anders. Auch wenn wir ständig von neuen Waffen und Möglichkeiten hören und lesen, Russland ist bei seiner jahrzehntealten Strategie bzw. Taktik geblieben.

Ich sage das nicht unbedarft. Selbst ich war am Anfang des Ukrainekrieges tatsächlich schockiert, wie sehr die Russen im Gestern und sogar Vorgestern verhaften geblieben sind.
Russland machte auf mich den Eindruck eines Kindes, dem man ein Smart Phone gibt. Ein Erwachsener würde schauen, wie er das Handy tatsächlich nutzen und ausreizen kann – für seine Zwecke passend. Ein Kind würde erst einmal schauen, wie es damit spielen oder mit Freunden kommunizieren kann. Und bei Klassenkameraden damit angeben. Irgendwie auch für seine Zwecke.
Das ist es, was Russland macht. Es denkt nicht über neue Wege der Kriegsführung nach, sondern versucht, neue Techniken, Waffen und Möglichkeiten für seine alten Taktiken einzusetzen. Masse statt Klasse.

Beispielsweise produziert es nun die ursprünglich iranischen Drohnen (HESA Shahed 136) unter dem Namen Geran-2 selber. Inzwischen sprechen wir über Geran-4.
Es hat auch andere Weiterentwicklungen durchlaufen, so bei Glasfaser-Drohnen und dem Schutz gegen Drohnen und Marschflugkörper. Im Kern setzt es aber immer noch auf die Überlegenheit durch Masse, die aus der Sowjetzeit stammt.

Russland nutzt bis heute massiv Sturmtruppen, die es ins Feuer schickt. So genannte Sturm-Z (Штурм-Z), in denen beispielsweise Gefangene eingesetzt wurden. Das System wurde inzwischen modifiziert, da nur noch wenige Gefangene zur Verfügung stehen: nun spricht man von Sturm-V. Einheiten, die aus Alkoholikern, Verweigerern oder in Ungnade Gefallenen einzig dazu aufgestellt werden, in „Fleischangriffen“ verheizt zu werden.

In der monatelangen Schlacht um Bachmut war das so extrem, dass solche Einheiten ausschließlich dazu nach vorne gejagt wurden, um das Feuer der ukrainischen Artillerie auf sich zu ziehen. Feuerte die dann, wussten die Russen, wo sie steht. Und konnten sie angreifen.

Es gibt hunderte Videos von Misshandlungen von Untergebenen. Hatten sie nämlich die Dreistigkeit, von einem solchen Einsatz lebend zurückzukehren, wurden sie dafür in Erdlöcher gesperrt, tagelang an Bäume gefesselt und von ihren Offizieren verprügelt. Die, anders als in der NATO, nicht mit nach vorne gehen.
Die Offiziere solcher Einheiten rechneten mit einer Überlebensrate von höchstens 20%. Bei einem kleinen Infanterieeinsatz, wohlgemerkt.

https://steady.page/de/u-m/posts/391902ed-3407-48e8-bbb2-2f31d108c4ab (Si apre in una nuova finestra)

Die Vorzeichen

Das ist hier wichtig zu verstehen. Denn es setzt einen bestimmten strategischen bzw. taktischen Rahmen. Wenn Russland angreifen will, muss es vorher massiv Truppen an die Grenze verlegen. Genau wie bei der Ukraine.

Dort war das aber noch halbwegs zu verschleiern. Ab etwa Oktober 2021 wurde etwas von einem großen Manöver erzählt. Die Truppen wurden in die Nähe der ukrainischen Grenze verlegt. Und nach offiziellem Ende des Manövers wurden sie einfach dort belassen. Von russischen Kriegsgefangenen hörte man früh, das ihnen nicht gesagt würde, was weiter passiert. Sie dachten, sie kämen nach Hause. Die allermeisten dieser ersten Generation sind heute tot oder verkrüppelt.

Einige wurden nach Belarus verlegt. Heute wissen wir, dass von da der direkte, schnelle Schlag auf die Hauptstadt Kyjiw erfolgen sollte. Der kolossal scheiterte. Denn was bei einem solchen Blitzkrieg wichtig ist, ist der Nachschub. Doch plötzlich gab es Bilder von kilometerlangen Staus russischer LKW, die entweder ohne Treibstoff liegen blieben, oder deren überaltete Reifen platt waren. Ein Tontaubenschießen für die Ukraine, damals noch ohne westliche Unterstützung.
Aus dieser Phase stammen die Horrorbilder von Butscha. Wo die Russen sich auch wieder kampflos zurückziehen mussten. Nachdem sie die Bevölkerung auf offener Straße tot liegen lies und die Häuser geplündert hat.

Die Möglichkeit für ein schnelles Vorgehen ist tot

Jede Streitkraft hat so genannte Teilstreitkräfte.
Die Bundeswehr hat Heer, Luftwaffe und Marine. Die USA haben zusätzlich die Marines (Marineinfanterie), die eine eigene Teilstreitkraft darstellen. In Russland ist die vierte Teilstreitkraft die der Luftlandeeinheiten. Sie werden nur kurz als WDW bezeichnet, russisch ВДВ, englisch VDV. Das sind die Jungs mit Himmelblauem Barret und blau-gestreiftem T-Shirt. Diese haben in Russland mindestens einen solchen Ruf, wie die US-Marines in Hollywood-Filmen.

Feuchtfröhliche Feier der Ehemaligen und Angehörigen der Luftlandetruppen WDW an ihrem „Feiertag“ in Moskau. 02.08.2025

Doch die ursprünglich etwa 45.000 Mann wurden bereits am Anfang des Ukrainekrieges weitestgehend aufgerieben. Was enorm ist. Denn das waren tatsächlich gut ausgebildete Soldaten. Nicht wie Sturm-Z, wo die Leute nach vorne getrieben werden. Nicht wie Wehrpflichtige, die nach höchstens drei Wochen Ausbildung an die Front mussten. Wo sie – auf vielen Videos sichtbar – mit Panzern nacheinander in Minengürtel fuhren, absichtlich auf Panzerminen traten und zerrissen wurden und im Artilleriefeuer suizidal-unwissend durch die Gegend liefen und getroffen wurden.
Ab etwa Anfang 2023 berichteten selbst russische MilBlogger, dass von den WDW höchstens ein Drittel übrig sei. Und die kann man nicht so schnell wieder aufbauen Dafür braucht man qualifizierte Leute, die das auch machen wollen.

Parade am Feiertag der Luftlandetruppen am 02.08.2023 in Moskau. Die meisten auf diesem Bild dürften inzwischen tot sein.

Wollte Russland nun das Baltikum angreifen, wäre die NATO vorgewarnt. Oder sagen wir mal besser: Die Europäer. Zur Rolle der inzwischen unzuverlässigen USA hatte ich im zweiten Teil (Si apre in una nuova finestra) bereits etwas gesagt.
Russland müsste also massiv Truppen an die Grenze zu Estland und Lettland verlegen. Oder – noch komplizierter – durch Belarus an den Suwalki Korridor.
Es geht gar nicht anders.

Und das würde auffallen.

Krieg ist ein Handwerk

Und damit sollte ein großes Missverständnis bereits ausgeräumt sein: Russland wird nicht plötzlich und unerwartet von heute auf morgen Europa angreifen. Das kann es nicht.
Niemand von uns wird morgens aufstehen, aus dem Fenster schauen und Rauchsäulen am Horizont sehen. So funktioniert das nicht. Und das wird auch von Militärs nicht gemeint und erwartet. Punktum.
Das ist ein Strohmann-Argument von selbsternannten „Pazifisten“. Nicht die militärische Realität.

Eine meiner liebsten Floskeln ist „Krieg ist ein Handwerk“.
Selbst ich wurde als Unteroffizier im Grunde über Jahre ausgebildet: Sprachenschule, Fachausbildung, Lehrgänge, sogar eine zivile Ausbildung. Deutsche Offiziere gehen teilweise nach Sandhurst (Großbritannien), Westpoint (USA) oder an die École militaire (Frankreich). Die NATO unterhält sogar ein eigenes College in Rom. In Deutschland meist nach einem zivilen Studium in Trimestern - nicht Semestern - und der allgemeinen militärischen Ausbildung. Dennoch wird gerne so getan, als seien das alles kriegsgeile, faschistische Betonköpfe.

Und da greift dann häufig ein weiteres Strohmann-Argument der „Pazifisten“ und „Putinversteher“.
Wenn die NATO bzw. Europa Russland doch so massiv überlegen ist, warum sollte Russland dann angreifen? Wozu die „Aufrüstung“?
Das zeigt den Dilettantismus, mit dem argumentiert wird. Ich komme darauf zurück.

Was tatsächlich vorbereitet wird

In dem Moment, in dem Russland die Grenze nach Lettland oder Estland überschreitet, befindet Deutschland sich im Krieg. Dazu braucht es keine Kriegserklärung, genauso wie es nie zwingend einen Friedensvertrag gebraucht hat. Auch so ein Fehlkonzept.

Dafür ist unerheblich, ob die USA sich beteiligen. Und ob die NATO eintreten würde. Deren Eintritt ja einstimmig sein müsste. Würden die USA in der Situation nicht wenigstens abnicken, vielleicht ohne sich zu beteiligen, wäre die NATO in ihrer heutigen Form damit Geschichte. Das Maß an Beteiligung ist aber jedem Mitglied freigestellt.
Wir haben bilaterale Bündnisse und ein europäisches Verteidigungsbündnis, die über die NATO hinausgehen. Und die würden greifen. Darüber wären dann beispielsweise auch Großbritannien dabei, das nicht mehr Teil der Europäischen Union ist, und Österreich, das nicht Teil der NATO ist.

Wird ein NATO-Mitgliedsstaat angegriffen, muss die Versammlung zunächst einmal einstimmig (!) einen Verteidigungsfall beschließen. Und dann steht es jedem Mitglied frei, in welchem Maße es Unterstützung leistet.
Im Gegensatz dazu sagt der EU-Vertrag im Artikel 42 Abs. 7: „Im Falle eines bewaffneten Angriffs auf das Hoheitsgebiet eines Mitgliedstaats schulden die anderen Mitgliedstaaten ihm alle in ihrer Macht stehende Hilfe und Unterstützung…“

Wie bereits im zweiten Teil erklärt, geht es bei dem Ringen um die NATO um die gemeinsamen Kapazitäten und Kompetenzen. Um Strukturen. Und genau diese werden nun innereuropäisch massiv unabhängig aufgebaut. Das hat nichts mit Aufrüstung zu tun. Das passiert durch Verträge.

Schaut man sich heute die Karte an, sind Kontingente der NATO-Truppen und der Bundeswehr genau da stationiert, wo mit einem Angriff gerechnet werden muss. Denn könnte Russland das durchstoßen, den Suwalki Korridor überwinden, wären die baltischen Staaten auf dem Landweg abgeschnitten und Russland könnte Truppen von und nach Kaliningrad verlegen.
Genau dort sitzt die NATO Battle Group, die vor allem von Frankreich, Belgien, Norwegen, Kroatien, den Niederlanden und sogar Luxemburg bestückt wird.

Aktuelle Karte der festen Stationierung von Bodentruppen um Raum des Korridors.

Gemerkt? Alles europäische Staaten.
Die haben sogar Übungsgelände da, lernen das Gelände kennen, werden dort militärisch „heimisch“. Nicht wie in Somalia, wo sich im heißen Sand plötzlich die Solen von den Stiefeln lösten.

Würde Russland über den Norden der baltischen Staaten angreifen, also über Estland oder Lettland, könnten die europäischen Marinen dort sehr schnell hin verlegen. Darunter auch französische und britische Flugzeugträger.

Seit dem Beitritt der baltischen Staaten unterhält die NATO die Mission des „NATO Baltic Air Policing (BAP)“ mit Flugstützpunkten u.a. in Šiauliai (Litauen) und der Ämari Air Base (Estland), in der ständig Flugzeuge aus allen europäischen Mitgliedsstaaten rotieren. Von dort kommen die Abfangjäger, wenn Russland mal wieder Flugzeuge zur Provokation schickt. In Ämari gibt es auch eine Alarm-Rotte, die 24/7 einsatzbereit gehalten wird.
Diese Stützpunkte würden natürlich dann genutzt, wenn Russland angreifen würde. Völlig egal, ob die NATO als Organisation mitmacht, oder nicht.

Verabschiedungsappell des Taktischen Luftwaffengeschwaders 74, Fliegerhorst Neuburg, mit Teilnahme von Bayerns Ministerpräsident Markus Söder. Der Kampfverband der Luftwaffe verabschiedet sich in die NATO-Mission zur Verstärkung Air Policing Baltikum. 26.02.2024

Der Ernstfall

Ein Krieg würde also erst einmal locker 600km weit entfernt von Deutschland stattfinden.

Die Auswirkungen wären trotzdem spürbar.
Denn die Bundeswehr würde natürlich nicht mit den 3000 Soldaten vor Ort auskommen. Wir würden sehr schnell massive Versuche sehen, an weitere Soldaten zu kommen. Einberufungen von einigen Reservisten, viele Flugzeuge am Himmel, Konvois auf Autobahnen und vieles mehr. Das Land wäre in einem Kriegszustand, den die Bundesrepublik nie erlebt hat.
Das zivile Leben würde aber recht ungehindert weitergehen.

Die Berechtigungen, was die Bundeswehr und der Staat dann tatsächlich dürfen, werden weit unterschätzt. Aber das wäre ein Thema für einen weiteren Beitrag. Da das von vielen diplomatischen Mitteln und Einstufungen abhinge.

Der Bundesgrenzschutz BGS war eigentlich eine Miliz. Eine paramilitärische Einheit mit polizeilichen Aufgaben. Das machte während des Kalten Krieges Sinn.
Dies wurde aber bereits seit den 1970ern zurückgeschraubt. Die Kasernierung wurde aufgehoben, die Maschinengewehre weggenommen. Auch wenn er dennoch einige Panzerwagen hat, die beispielsweise nach dem 9/11 eingesetzt wurden, um Flug-Passagiere an einem extra Terminal zur israelischen El Al oder American Airlines abzusichern. Im Security-Bereich hatte ich mal damit zu tun. Ich habe auch mehrere BGSler kennengelernt, die noch milizionär ausgebildet wurden. Mit Helmen ähnlich denen der Fallschirmspringer der Wehrmacht.
Seit 2005 ist der BGS die Bundespolizei.

Meine persönliche Einschätzung: Berlin

Ich bin der festen Überzeugung, dass ein Hauptziel russischer Drohnen dann eher nicht Warschau sein würde. Auch nicht die baltischen Staaten. Die würden ja eh angegriffen, vor allem durch Marschflugkörper, Luftwaffe und am Boden. Dort würde also ein Krieg stattfinden, genau wie man ihn im Osten der Ukraine sieht.

Ein Ziel Russlands wäre sicher Berlin.
Das ist meine ganz persönliche Einschätzung.

Dafür muss man dann die russische Mentalität und militärische Perspektive verstehen.
Sowohl in Syrien als auch in der Ukraine wurden und werden Waffen gegen Zivilisten eingesetzt. Phosphor und Cluster-Munition in Syrien (beides nicht verboten, aber gegen Zivilisten Kriegsverbrechen), in der Ukraine sind es Marschflugkörper auf Einkaufszentren und Drohnen auf Hochhäuser. Damit soll der Kriegswille der Bevölkerung gebrochen werden. Das ist Teil der russischen Militär-Doktrin. Für die Russen selbstverständlich, da kann die UN erzählen, was sie will.

Als die ersten Bilder von Butscha öffentlich wurden, versuchte ich zu erklären, dass dies kein alleinstehendes Massaker war. Ich sah mich einem Shitstorm ausgeliefert, da die Leute nicht verstanden, was ich damit sagen wollte. Dass das eben die normale russische Kriegsführung ist. Sie dachten, ich wollte das rechtfertigen. Es kam ihnen nicht einmal in den Sinn, was in den Jahren seitdem folgen würde.
Butscha, Kramatorsk, Massengräber in Mariupol… Inzwischen dürfte es verständlich geworden sein.

Aus Russlands Sicht macht es also absolut Sinn, dort Drohnen und Anderes regnen zu lassen, wo der Rückhalt für einen Krieg gegen Russland am geringsten ist. Und das ist im erreichbaren Bereich Deutschland. Mit Abstand. Die Balten und Polen haben längst ein Entermesser zwischen den Zähnen.
Wenn es sich dabei noch um einen vehementen Partner der Ukraine und eine Leitfigur für Europa handelt, umso besser.

Und das ist es, was von sehr vielen nicht verstanden wird. Oder was weidlich durch gezielte „pazifistische“ Propaganda befeuert wird. Durch die AfD, das BSW, Die Linke und Propagandisten, die sogar in Russland sitzen oder von Russland dafür bezahlt werden. Das ist der Grund für die Einflussnahme und die Angriffe auch und vor allem in Deutschland.
Die Wahrscheinlichkeit eines Krieges mit Russland wird dadurch nicht geringer. Sondern sogar gefördert. Das Risiko, dass Deutschland direkt angegriffen würde, wird erhöht.

Und wer mir aufgrund des Arguments nun Kriegstreiberei vorwerfen will: Bitteschön.
Ich habe aber nichts gegen diplomatische Bemühungen und Verhandlungen. Als ehemaliger Soldat habe ich nur den Satz in Fleisch und Blut: „Si vis pacem, para bellum.“ („Wenn du Frieden willst, bereite den Krieg vor.“)

Die wirkliche „Aufrüstung“

Es geht nicht darum, dass irgendjemand damit rechnet, dass übermorgen tausende russische Panzer an der ostdeutschen Grenze stehen. Das ist ein Strohmann-Argument.
Es geht darum, angemessen reagieren zu können. Dafür die ganze „Aufrüstung“. Die ich persönlich gar nicht als „Aufrüstung“ sehe, sondern als Modernisierung. Um wieder auf den Stand wenigstens der Zeit zu kommen, in der ich meinen Dienst begonnen habe. Und ich bin kein Boomer.

Beispielsweise hat Deutschland derzeit absolut keine Möglichkeit, einen üblichen Schwarmangriff Russlands zuverlässig abzuwehren. Das sollte sich jeder bewusst machen.

Geschützt würden neuralgische Punkt. Flugabwehr-Raketen in Berlin, Flugabwehr-Panzer um den Bundestag. Sicher Flugabwehr um den Fliegerhorst Büchel, wo die „deutschen“ Atomwaffen stationiert sind. Sicher einiges in und um Frankfurt, sicher in Bonn. Aber beispielsweise Hamburg oder München würden sich für solche Terroranschläge anbieten, ebenso wie das Rhein-Ruhr-Gebiet. Und selbstverständlich wissen die Russen, wo die deutschen Rüstungskonzerne sitzen.
Auch die Verbündeten würden sicher nicht Deutschland schützen. Sie müssten sich selber schützen. Und dann hätten zunächst die angegriffenen Länder Priorität.

https://steady.page/de/u-m/posts/8bcef110-afbd-441c-83f3-4db8b327d41d (Si apre in una nuova finestra)

Und genau in diese Situation greifen dann die nun geplanten und bereits laufenden Projekte.
Nicht um mehr Soldaten an eine Front schicken zu können. Geschweige denn Russland angreifen zu können. Auszüge:

  • Eurofighter
    Beschaffung und Modernisierung von Eurofightern für den Einsatz fernab von Deutschland

  • F-35A
    Moderne Kampfjets zur Abschreckung, die geeignet sind, bei der sog. nuklearen Teilhabe zu wirken. Also dass Deutschland Atomwaffen einsetzen könnte.

  • Boxer und Skyranger
    Panzer, die zur Drohnenabwehr eingesetzt werden können.

  • Fregatte F127
    Die mit bis zu 96 Startern modular alle möglichen Raketen verschießen kann, also auch bei einem Angriff Russlands auf Lettland und Estland aus der Ostsee auf Land wirken kann.

  • Taurus „Neo“
    Eine modernisierte Version des Taurus Marschflugkörpers, der vor allem gebunkerte Hochwertpunktziele in Russland angreifen könnte.

  • Satelliten
    Ein großes Satellitennetz, das sogar offensive Möglichkeiten hat und den Gegner stören kann.

  • European Sky Shield Initiative (ESSI)
    Es wird ein Länder übergreifendes Netz europäischer Luftabwehr aufgebaut. Für Deutschland mit dabei Patriot und vor allem IRIS-T, gegen ballistische Raketen ist bereits das israelische Arrow 3 im Zulauf.

Das verdeutlicht hoffentlich auch für Laien, woran hier gearbeitet und worin investiert wird.
Nicht in Infanterie und Kampfpanzer, um Russland angreifen zu können. Nicht in Bomben. Das mit Abstand meiste Geld fließt in Abwehr-Projekte und Modernisierung.
Und das ist der Grund, warum ich damit hadere, es als „Aufrüstung“ zu bezeichnen.

Würde dann auch in Berlin oder der Eifel stehen: Ein Skyranger Flugabwehrkanonenpanzer. Hier mit einem Kampfpanzer Leopard II bei einer ersten gemeinsamen Übung in Munster am 30.04.2026.

Ob das gut oder schlecht läuft, soll an anderer Stelle zu diskutieren sein. Es läuft nicht alles super. Aber es läuft. Der Weg ist der absolut richtige. Und die Ausrichtung zeigt, dass in der strategischen und taktischen Planung Profis am Werk sind.
Weit, wirklich weit ab von dem, was ehemalige Generäle und Oberste gerne auf Social Media oder in Fernsehstudios erzählen. Die - mit etwas eigenem Hintergrundwissen - der Zeit geradezu lächerlich entrückt scheinen. Während OSINT und andere völlig anderes berichten und urteilen.

Und das löst hoffentlich auch das Strohmann-Argument der „pazifistischen“ und zumeist linksradikalen Populisten auf, wenn Russland doch eh keine Chance gegen den Westen habe, sei ja auch die „Aufrüstung“ Unsinn. Das könne ja nur Kriegstreiberei sein.

Alles, was Russland kann, ist das nukleare Schreckgespenst aufrecht zu erhalten. Von dem nur absolute Insider wissen können, was sich unter dem Bettlaken verbirgt.

„Natürlich sind das Potential der NATO und das Russlands nicht zu vergleichen. Wir verstehen das. Aber wir verstehen auch, dass Russland eine der weltführenden Nuklearmächte ist.“
Wladimir Putin, während einer Pressekonferenz mit Emanuel Macron, 08.02.2022

Der Knackpunkt ist, dass es Russland völlig gleich ist, ob es Hunderttausende in den Tod schickt. Und dass es gar nicht die NATO oder Europa besiegen kann oder will. Sondern dass die europäische Mentalität ungerne seine Soldaten und seine Bevölkerung verheizen will.
Die vermeintliche „Aufrüstung“ dient nicht Kriegstreibern, sondern unser aller Schutz. Und wir sollten uns damit wenigstens etwas mehr befassen, bevor wir es aufgrund von laienhaften Weltbildern kritisieren.
Wenn jemand sich ständig ein kleines Stück der Torte abschneidet, bleibt am Ende trotzdem keine mehr übrig.

Alles, was inzwischen von Europa angestoßen wurde – bei aller Kritik in den Details – zeigt, worum es geht. Und der Weg ist gut und richtig.

Seien wir vorbereitet

Das Problem daran ist vielleicht auch, dass genauere Prognosen gar nicht seriös machbar sind. Und so scheitern viele Menschen daran, sich vorzustellen, was passieren könnte. Umso mehr, umso weniger Ahnung sie von Militär haben.
Häufig wird eine Bedrohung einfach beiseite gewischt. Das beruhigt die Seele. Verdrängung ist ein toller Mechanismus.
Häufig führt die Angst vor einer unbekannten, diffusen Bedrohung aber auch zum Termin bei der Psychotherapeutin.

Die Absurdität der neuen Art der Kriegsführung spiegelt sich in einer ungeahnten Realität wider. Die die meisten auch nicht nachfühlen können, wenn sie Meldungen aus der Ukraine lesen oder sehen.
Jeder könnte, recht unbelastet von einem Krieg weit weg, sein Leben führen. Nur wenn er nach der Arbeit schnell einkaufen will, könnte dort anstelle des Supermarktes ein Trümmerhaufen sein. Oder er holt sich auf dem Weg zur Arbeit morgens einen Kaffee an einer Tankstelle, während am Horizont schwarze Rauchwolken aufsteigen oder im Hochhaus gegenüber ein Loch prangt.

Kompanieübung „Bollwerk Bärlin III“ der 2. Kompanie des Wachbataillons. Das Wachbataillon ist nicht nur für nette Paraden bei Staatsempfängen ausgebildet, sondern vor allem zum Objektschutz sicherheitsrelevanter Objekte. 19.11.2025

Wir sollten darauf vorbereitet sein, dass wir Nächte im Keller verbringen, für einige Tage der Strom ausfällt, oder wir den Chef anrufen müssen, weil unser Auto von Splittern einer Rakete zerstört wurde. Wir sollten vorbereitet sein, dass schwarze Säcke aus dem Osten zurückkommen. Wir sollten vorbereitet sein, dass wir auch mal einige Tage Erbsensuppe aus der Dose essen. Darauf, dass Mitarbeiter nicht kommen, weil Verwandte getötet wurden. Oder sie selber. Oder weil sie eingezogen wurden. Nicht an die Front, sondern zur Flugabwehr in Berlin oder die Eifel. Oder als Feldjäger. Oder als Sanitäter, die im Krankenhaus unterstützen.

Wir sollten vorbereitet sein. Auch, und vor allem, auf eine Gefahr, die unser tägliches Urvertrauen stört, unbedarft durch den Tag zu kommen. Auch wenn es weh tut.
Das ist es, was die Resilienz einer Gesellschaft - wie die der Ukraine - ausmacht. Und das ist es, worum es geht.

Ich vermeide Dramatik wo es nur geht. In meiner Weltsicht sind wir aber längst im Kalten Krieg 2.0.
Oder sagen wir mal: im lauwarmen.
Im Englischen gibt es das rhetorische Bild des Boiling Frog, des kochenden Frosches: Wenn man einen Frosch in kochendes Wasser setzt, springt er sofort heraus. Setzt man ihn jedoch in kaltes Wasser und erhitzt dieses langsam, bemerkt er die Gefahr nicht und bleibt sitzen, bis es zu spät ist.

https://steady.page/de/u-m/posts/4f91e89a-3a27-4e1b-a336-e6133fe1602a (Si apre in una nuova finestra)
Argomento Krieg

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