Liebe Koapier-Community,
kann etwas in der Wiederholung Neues produzieren? Das klingt vielleicht unlogisch, aber Cover-Versionen entwickeln genau dadurch ihren Zauber.
Martin Hommel zeigt uns in dieser Folge, wie die Kopie auf diese Weise das Werk vor seinem Schöpfer bewahren kann. Und ich möchte dem einen Ohrwurm ergänzen, den ich seit ein paar Tagen habe: “Kids” in der Version von Renee & Jeremy (Si apre in una nuova finestra) zeigt nämlich ganz neue Facetten im MGMT-Hit.
Dass genauso auch KI-Sprachmodelle wie ein Blick in den Spiegel Neues erschaffen, versuche ich im kapiert-Teil zu beschreiben. Außerdem am Ende dieser Ausgabe: der Auftritt von Benito Antonio Martínez Ocasio in Santa Clara in dieser Woche.
Denn Bad Bunny (Si apre in una nuova finestra) hat beim Superbowl gezeigt, welche politische Stärke in Kopien und Referenzen liegen kann.
The only thing more powerful than hate is love (Si apre in una nuova finestra)
Dirk
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“There’s a light that never goes out” von Rick Astley (Si apre in una nuova finestra)- ausgewählt und vorgeschlagen von Martin Hommel (Si apre in una nuova finestra), Musikjournalist aus Leipzig und Berlin. Er moderierte eigene Radiosendungen und Podcasts. Er arbeitete unter anderem für BBC 6 Music, detektor.fm (Si apre in una nuova finestra) und den Musikexpress. Gemeinsam mit Melanie Gollin (Si apre in una nuova finestra) entwickelte er 2023 die vielbeachtete Kampagne „Wo ist hier der Krach?“, die sich für mehr Diversität und eine stärkere Präsenz unabhängiger Künstler*innen im öffentlich-rechtlichen Radio einsetzt. Seit 2024 leitet er das Newsletter-Projekt „Ein Song Reicht (Si apre in una nuova finestra)“ und verantwortet die gesamte Umsetzung. Als Speaker spricht er über Themen wie die Zukunft des Musikjournalismus, Community Building und neue Wege im Musikbusiness. Er berät außerdem Menschen aus Musik und Medien (Si apre in una nuova finestra) und macht derzeit eine Weiterbildung zum systemischen Business Coach am isiBerlin. Er liebt Post-Punk, weirden Pop und alles, was schlecht gelaunt klingt – und denkt (zu) viel über Paul McCartney nach.
Bevor ich hier mein Lieblingscover in den Ring werfe, kurz ein Aha-Moment:
Für den Newsletter Ein Song Reicht frage ich regelmäßig mehr oder weniger bekannte Menschen nach ihrem Lieblingssong. Die häufigste erste Antwort: „Uff, wie soll ich mich da entscheiden?“ Das fand ich immer seltsam. Ist doch völlig klar, welcher Song das sein muss. Mir zumindest. Bis ich bei Dirks Anfrage selbst genau diesen Satz tippte: „Wie soll ich mich für einen Coversong entscheiden?“ Klassischer Fall von Betriebsblindheit.
Lieber Dirk, danke fürs Neujustieren.
So, jetzt aber zum Coversong, mit dem ich gleichzeitig die sich immer öfter stellende Frage „Wie soll man die Kunst vom problematischen Künstler (absichtlich nicht gegendert) trennen?“ klären möchte. Ganz einfach: Man ersetzt den Problemo durch einen null Problemo. (Si apre in una nuova finestra)
Bühne frei für Rick „Never Gonna Give You Up“ Astley.
Als die britische Band Blossoms 2021 Rick „Together Forever“ Astley bei einem ihrer Gigs als Überraschung auf die Bühne holt und mit ihm eine Handvoll Smiths-Klassiker ins Publikum schmettert, passiert was im Indie-Hive-Mind. Ein kollektives Aufatmen. Ein: Das fühlt sich irgendwie frisch an. Wo kommt das denn auf einmal her? Und warum zur Hölle funktioniert das so gut? (Si apre in una nuova finestra)
Wir dachten doch, die Songs sind für immer verloren. Vollgekleckert mit Morrisseys verbalem Durchfall (Si apre in una nuova finestra). Das Gefühl war irgendwie weg, wir waren enttäuscht. The King Is Dead!
Was wir nicht ahnten: Wir brauchen den grummeligen Indie-Opa gar nicht, um die Songs wiederzubeleben! Man nimmt einfach den 80s-Synth-Popper mit der tollen Frisur (oder: Tollen-Frisur), packt eine smarte Indieband hinter ihn, und zack entsteht da was richtig Großes.
2023 wiederholt sich dieses Spektakel bzw. setzen alle Beteiligten (außer Morrissey selbst) nochmal einen oben drauf.
Glastonbury Festival. Woodsies Stage. 60 Minuten Smiths-Covers. Alles sitzt perfekt. Die Menge singt jedes Wort mit. Ich klebe am Livestream. Gänsehaut. Und brülle spätestens bei „There’s a Light That Never Goes Out“ laut mit.
Da sind sie. Die Songs, die ich schon 100 Mal in einer Indie-Disse mitgesungen habe. Zu denen ich Liebeskummer hatte. Die ich selbst auf meiner Gitarre stundenlang geübt habe.
Und: Sie haben eine Leichtigkeit und Freude, die sie – festhalten – so vielleicht noch nie hatten. Endlich wieder diese Songs! Endlich wieder dieses Gefühl!
Noch brillanter wird das Ganze natürlich, wenn man an Morrisseys Gesicht denkt, der zu Hause auf dem teuren Ledersofa verärgert diese Power-Performance anschauen muss. Es ist der einzige Smiths-Gig, den er nicht absagen kann. Man möchte Mitleid haben, aber dann kommt schon dieses eine Gitarrenintro …
Danke, Rick „This Charming Man“ Astley!
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(A5) Heute geht es ums Zähneputzen mit der anderen Hand. Wenn Ihr heute abend zur Zahnbürste greift, sollte Ihr mal die Hand nehmen, die Ihr sonst beim Zähneputzen nicht braucht. Diese Form des Regelbruchs tut dem Hirn gut - und ist ein schönes Bild für die Möglichkeiten der Kopie.
So merkwürdig es klingen mag, aber: die Kopie eröffnet neue Perspektiven. Das gilt für Cover-Versionen, aber es lässt sich auch auf die gesellschaftliche Spiegelungen übertragen, die durch Sprachmodelle und KI entstehen (dass ich diese auch als Form der Kopie interpretiere, wird im Verlauf des Newsletters noch Thema sein): Sprachmodelle neigen dazu, so genannten Biases abzubilden (Si apre in una nuova finestra):
Das englische Wort bias bedeutet Vorurteil. Von einer KI-Bias spricht man, wenn der Algorithmus durch eine einseitige Datenlage verzerrt wird und dadurch voreingenommene oder unter Umständen falsche Ergebnisse liefert.
Diese einseitige Datenlage ist aber manchmal eben keine Absicht, sondern nur Ergebnis einer verzerrten Realität. Insofern zeigt ein KI-Bias vielleicht wie eine Cover-Version einen Blick in den Spiegel (der nicht immer angenehm sein muss): Dadurch dass eine Melodie kopiert und leicht verändert wird, kann sie plötzlich ganz neu klingen.
Diese Möglichkeit wird häufig unterschätzt, aber wie beim Zähneputzen ist sie gut fürs Gehirn. Sie hilft uns, neue Perspektiven zu erkennen.

Mit dieser Folge haben wir erstmal einen Punkt aus dem ersten Kapitel im Newsletter - A5. Bisher hatten wir:
01/50 - B1 (Si apre in una nuova finestra)
02/50 - E2 (Si apre in una nuova finestra)
03/50 - B3 (Si apre in una nuova finestra)
04/50 - D2 (Si apre in una nuova finestra)
05/50 - B8 (Si apre in una nuova finestra)
Zur Einordnung der Ziffern und Buchstaben empfehle ich die letzte italienische Ausgabe (Si apre in una nuova finestra) dieses Newsletters.
Bevor ich dieses Projekt gestartet habe, waren mir zwei Dinge nicht ganz klar: Zum einen wusste ich nicht wieviel Freude der interaktive Teil des Newsletters mit sich bringen würde. Deshalb: Schlag mir bitte weiterhin Cover-Versionen und kopierte Songs für die Liste (Si apre in una nuova finestra) vor!
Und zum zweiten war mir unklar, wieviele Cover-News sich jede Woche sammeln: So entstand diese kleine Rubrik zum Abschluss des Newsletters, die in dieser Folge eigentlich ein eigener Newsletter sein könnte. Denn die Superbowl-Halbzeitshow von Bad Bunny würde eine eigene Ausgabe rechtfertigen - so viele Kopien und Referenzen waren in der 13-minütigen Performance versteckt. Die Cameos (Si apre in una nuova finestra) und die Songs (Si apre in una nuova finestra) allein liefern ausreichend Stoff für das popkulturelle Referenzspiel, besonders möchte ich aber die Cover-Version des Songs “Gasolina” (Si apre in una nuova finestra) aus dem Jahr 2004 von Don Omar, Tego Calderón, Héctor El Father und Daddy Yankee hervorheben, weil sie als Hommage zu lesen ist.
Die beste Analyse dazu und zu all den anderen Bezügen habe ich in der New York Times (Si apre in una nuova finestra) gelesen:
Offene Parolen, verschlüsselte Botschaften, visuelle Hinweise. Freiheit und Freude selbst können Akte des Widerstands sein. All das war während dieser Performance zu sehen, auch wenn es keinen so direkten Moment gab wie Bad Bunnys „ICE out“-Ruf bei den Grammys vor einer Woche. Stattdessen führte er Dutzende von Tänzern in einer kunstvollen Choreografie an, in der bewusst auch gleichgeschlechtliche Paare vertreten waren.
(Si apre in una nuova finestra)Außerdem: die Noise-Rock-Band Chat Pile hat einen Protestsong gegen die US-amerikanische Einwanderungspolizei ICE veröffentlicht - und dazu einen Nirvana Song gecovert: Sifting (Si apre in una nuova finestra). Norah Jones und Josh Homme von Queens of the Stone Age haben einen Frank Sinatra-Cover-Klassiker gecovert: Something Stupid (Si apre in una nuova finestra).
Und Mariah Carey hat offenbar die italienische Ausgabe dieses Newsletters (Si apre in una nuova finestra) gelesen - jedenfalls hat sie zur Eröffnung der Olympischen Spiele in Mailand eine äußerst interessante Version von “Volare” gesungen (Si apre in una nuova finestra).