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Was dieser Moment welthistorischer Umwälzungen von uns erfordert

Die alte Welt geht unter. Die Rechte verfügt über eine revolutionäre Theorie, die Erneuerung verspricht. Um ihr zu begegnen, brauchen wir eine Vision grundlegender Veränderung.

Von Thomas Zimmer, 1. Juli 2026

credit: iStock / enjoynz

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Die alte Welt liegt im Sterben. Einfach den Status Quo zu verteidigen, ist nun keine Option mehr: Weder ist das eine angemessene Antwort auf die Herausforderungen, vor denen wir stehen, noch lassen sich so weiter Wahlen gewinnen. Wir durchleben gerade einen zutiefst disruptiven Moment in der Geschichte. Restauration und Reform sind da nicht genug. Unser Ziel muss es sein, eine tiefgreifende politische und gesellschaftliche Transformation zu erreichen.

Letzte Woche habe ich nicht viel geschafft. In der englischen Version dieses Essays, die über Democracy Americana rausging, habe ich meiner überwiegend US-amerikanischen Leserschaft geschildert, wie sich eine präzedenzlose Hitzewelle anfühlt, wenn man keine Klimaanlage hat. Aber ich nehme an, dass alle, die diesen Text auf Deutsch lesen, übers Wochenende im selben Boot saßen. Ich hoffe sehr, ihr seid alle einigermaßen durch die brutale Hitze gekommen. Es kann so einfach nicht weitergehen.

Ich lebe in Hamburg. Hier haben wir die 40 Grad nicht ganz geknackt – aber fast: 39,4 Grad wurden am Samstag gemessen. Das waren fast drei Grad mehr als der bisherige Juni-Rekord. Eine ganz neue Dimension.

Von Freitag an habe ich die meiste Zeit mit meiner Familie im Keller verbracht. Da steht ein Gästebett; meine Jungs haben auf Luftmatratzen auf dem Boden geschlafen. Keller-Camping – das fanden die Kinder aufregend und lustig. Wir hatten eben großes Glück: Wir haben einen Keller, in den wir uns flüchten konnten.

Wenn wir in den USA erzählt haben, dass Klimaanlagen eher selten sind in Deutschland, dann haben uns die Menschen meistens recht fassungslos angeschaut. Schulen und Kindergärten, die nicht klimatisiert sind? Krankenhäuser und öffentlicher Nahverkehr ohne AC? Und in privaten Haushalten so gut wie nie Klimaanlage – selbst in Neubauten nicht? Was ist da los?

Es gibt sicher viele Gründe dafür – aber im Kern liegt es daran, dass wir unsere Häuser und Städte für eine Welt gebaut haben, die es eigentlich schon gar nicht mehr gibt. Das sollte ja gar nicht passieren, dass es so heiß ist, so früh im Sommer, und für so lange Zeit. Aber das ist eben genau der Punkt: Die Spielregeln der alten Welt gelten nicht mehr.

Ich will es gar nicht übertreiben mit der symbolischen Bedeutung der Hitzewelle, die wir gerade durchgestanden haben. Für sich genommen war sie kein historischer Einschnitt. Aber sie kann uns als Erinnerung dienen, dass wir in einem Moment gravierender Brüche und Umbrüche stecken – politisch, gesellschaftlich, technologisch, ökonomisch, klimatisch. Und wenn wir nicht bald Antworten finden, die diesen historischen Herausforderungen angemessen sind, dann werden wir noch sehr viel mehr leiden müssen.

Ich hatte eigentlich vor, letztes Wochenende über etwas anderes zu schreiben: Über das bizarre Spektakel des 250-jährigen Jubiläums der Unabhängigkeitserklärung – darüber, wie niemals Konsens bestand über die Ideen der Declaration of Independence und welche Rolle sie für die Nation spielen sollten. Der 4. Juli als Konfliktgeschichte, sozusagen. Ich hoffe, dass ich den Text dieser Tage noch geschrieben kriege. Aber ich habe mich entschieden – auch, ja, unter dem Eindruck der präzedenzlosen Hitzewelle –, erstmal was anderes anzubieten: Eine breite Reflexion über den historischen Ort und die historische Bedeutung des Moments, den wir gerade erleben.

Wenn ich so etwas wie eine zentrale Botschaft anzubieten habe, dann vielleicht dies: Die Krisen und Herausforderungen, vor denen wir stehen, sind nicht das Resultat zufälliger Ausrutscher – sie haben eine lange Vorgeschichte, sie lassen sich nur in der und aus der Kontinuität der Geschichte erklären. Aber jetzt überlagern und verstärken sie sich auf eine Weise, die eine ungeheure Veränderungsdynamik entfesselt – so sehr, dass wir über diesen Moment als tiefgreifende Zäsur nachdenken müssen, als einen Bruch mit Gegenwart und Geschichte. Wir stehen einer Situation gegenüber, in der sich die etablierten politischen Konzepte weitgehend verbraucht haben; einfach weitermachen wie bisher, „politics as usual“, kann unmöglich die Antwort sein.

Es geht mir gar nicht nur um Donald Trump, der ja selbst vielmehr Ausdruck als die Ursache einer langewährenden antidemokratischen Radikalisierung der amerikanischen Rechten ist. Ich spreche auch nicht nur über die politische Situation in den USA, bei der es sich im Kern um die Zuspitzung eines sehr alten Konflikts handelt, der das Land seit seiner Gründung bestimmt hat. Ich glaube, wir stehen an einem Wendepunkt nicht nur in der Geschichte der amerikanischen Republik, sondern der jüngeren Geschichte überhaupt.

Das mag jetzt zunächst mal alles recht abstrakt klingen, solche Reflexionen über Kontinuitäten und Brüche in der Geschichte. Müssten wir uns nicht angesichts der dringlichen Probleme viel konkreter mit politischen Programmen beschäftigen, tatsächliche Lösungsvorschläge erarbeiten?

Dem will ich entgegenhalten, dass wir uns genau deshalb über den historischen Ort dieses Moments verständigen müssen, weil die Probleme so dringlich, so grundsätzlich sind. Wie und warum sind wir hier angelangt? Was sind das für Kräfte, die da gerade unsere Gegenwart zerreißen und eine Zukunft prägen, deren Umrisse wir noch gar nicht klar erkennen können?

Wenn wir den Moment nicht richtig diagnostizieren, sind wir dazu verdammt, immer nur weiter im Dunkeln zu stochern. Wenn wir nicht das Ausmaß der Herausforderung erkennen, vor der wir nun stehen, werden unsere Reaktionen und Antworten notwendigerweise völlig unzureichend ausfallen.

Ich spreche viel mit Politikerinnen und Politikern, Journalistinnen und Journalisten, mit Menschen, die im diplomatischen Dienst arbeiten – auf beiden Seiten des Atlantiks. Das sind meistens kluge Leute, die hart arbeiten und denen es ernsthaft und ehrlich darum geht, ihren Job so gut wie möglich zu machen. Aber ich stelle auch sehr oft fest, wie weit wir in unseren Problemdiagnosen auseinander liegen. Es ist eine ungeheure politische, intellektuelle und auch emotionale Herausforderung, wirklich anzuerkennen, dass es kein Zurück zu einem „Normalzustand“ vor den Brüchen dieses Moments geben kann, dass politische Projekte, die darauf angelegt sind, den Status Quo zu bewahren oder einen Status Quo Ante wiederherzustellen, scheitern müssen.

Deshalb also hier mein Versuch zu erfassen, was gerade auf dem Spiel steht. Ich biete acht Thesen oder Vorschläge über diesen Wendepunkt in der Geschichte an: Darüber, wie sich die politischen, wirtschaftlichen, technologischen und ökologischen Krisen überlagern; warum sie gerade jetzt eskalieren; und welche politischen Schlüsse sich aufdrängen, sobald wir anerkennen, dass wir gerade einen welthistorischen Bruch erleben.

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