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Tarot

Als Mika sich neulich darüber lustig gemacht hat, dass ich irgendeinen meiner Charakterzüge  mit meinem Sternzeichen begründete, wurde mir klar, dass ich nicht so eso aussehe, wie ich bin. Bin ich aber. Voll.

In meiner Familie war esoterisches beliebt und normal, eine Tante machte Reiki, eine andere rechnete Geburtshoroskope aus. Tarotkarten waren immer schon Teil meiner Kindheit. Es war nichts ungewöhnliches bei uns, bei einem Problem die Karten zu befragen. Mit 17 kannte ich alle Legesysteme und Bedeutungen der 78 Motive  im Schlaf und als ich in einer Tageszeitung (so war das damals noch) eine Jobanzeige für eine esoterische Telefon-Hotline fand, fühlte ich mich mehr als qualifiziert. Und das war ich. Meine Kenntnisse im Tarot bildete eine günstige Allianz mit meinem Faible für psychoanalytische Fachbücher und meinem Grufti-Look.

Bei der Hotline wurde ich nach Minuten bezahlt. Der Großteil der Leute, die mich anriefen, waren gelangweilte Hausfrauen und Rentnerinnen, die sich mit jemandem unterhalten wollten. Irgendjemandem. Ich legte ihnen die Karten zu all ihren Lebensthemen — ihren Männern, ihren Kindern, ihren Katzen.

Manche hatten komplexe psychische Probleme, mit denen ich als siebzehnjährige Manson-Fanatikerin deutlich weniger Berührungsängst hatte, als für alle Beteiligten gesund gewesen wäre. Manche hatten Lebenskrisen, die bei einem professionellen Therapeuten besser aufgehoben gewesen wären. Seltener riefen auch Männer an. Die fielen hauptsächlich durch ihr selbstbewusstes Servicebewusstsein auf. Kommt meine attraktive Kollegin heute zum Essen vorbei? wollte einer wissen. So funktioniert das Kartenlegen nicht, sagte ich, bis zuletzt bemüht, in diesem unethischen und fadenscheinigen Job meine Integrität als glaubwürdiges Orakel zu wahren. Der Typ flippte sofort aus. Was soll das heißen, wofür bezahle ich sie dann eigentlich?!

Irgendwann gegen Ende meiner Zeit als Wahrsagerin hatte ich eine Frau mit einer sehr brüchigen Stimme in der Leitung, die ein düsteres Blatt hatte, das ausschließlich von Tod, Traurigkeit und Verzweiflung sprach. Ist in der letzten Zeit jemand in ihrem Umfeld gestorben? fragte ich sie. Ja, mein Mann, sagte sie. Vor drei Wochen. Sie klang, als hätte sie kaum Kraft, den Telefonhörer zu halten und selbst mir dämmerte bei diesem Telefonat, dass ich in etwas moralisch fragwürdiges verwickelt war. Kurze Zeit später machte der Laden pleite und ich war nicht sehr traurig darüber.

Seit ein paar Jahren ist Tarot wieder en vogue. Zusammen mit anderen esoterischen Praktiken schwappte es von der Westküste der USA nach Europa. Leute gehen dort heute wieder zu ihrem Wahrsager, so wie man zu seinem Psychotherapeuten geht (was nicht zuletzt damit zusammenhängt, dass eine anständige Gesundheitsversorgung zu den Sachen gehört, die im Spätkapitalismus demnächst nur noch für die Privilegierten zu haben ist, aber ich will nicht abschweifen).

Eine gute Kartenlesung ist nichts anderes als eine therapeutische Sitzung. Die Karten, die Aleister Crowley für sein Thot Tarot neu interpretiert hat hat, speisen sich nicht nur aus den Mythologien der Weltreligionen, sondern verarbeiten auch Motive aus der Psychoanalyse, insbesondere die Archetypen Modelle von C. G. Jung.  Man muss keinen Deut esoterisch sein, um dem Tarot etwas abzugewinnen. Tarot funktioniert, nicht als Wahrsagerei: Es ist ein Achtsamkeits-Tool.

Man kann es dazu nutzen, eine Situation oder ein Problem aus unterschiedlichen Winkeln anzuschauen und seine eigenen Gefühle, Gedanken und Motivationen zu erkennen. Indem man die Bilder in Beziehung zueinander deutet,  kann man sich seelisch abklopfen und herausfinden, was man selbst will, oder erwartet, hofft oder fürchtet und welche unbewussten Gedanken die eigenen Handlungen beeinflussen. Man lernt, an Stellen in seinem Inneren zu gehen, die man lieber meiden würde. Man wird gezwungen, alternative Sichtweisen einzunehmen und auszuprobieren und bekommt dadurch ein Bewusstsein dafür, wie das Leben aussehen könnte, wenn man seinen Standpunkt verändert.

Wird man darin richtig gut, dann wird es auch immer wahrscheinlicher, dass man in die Zukunft sehen lernt, denn der mit Abstand größte Faktor in der Entwicklung deines Lebens ist deine eigene Wahrnehmung der Wirklichkeit. Crowley hat sein Tarot »Spiegel der Seele« genannt, und damit sehr treffend (wenn auch abschreckend verkitscht) beschrieben, was es ist: eine Landkarte für dein Inneres.

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