REPORTAGE / STRUKTURWANDEL IN EUROPA
Mai 2024
Polens letzte Bastion der Steinkohle ist Schlesien. Nach 200 Jahren Abbau soll es nach Willen der Industrie weitere 200 Jahre weitergehen. Doch dem setzt nicht nur die Europäische Union Grenzen, auch der Rohstoff selbst.
von Robert Saar

Bobrek ist Stadtteil und Waffe zugleich. Die roten Backsteinhäuser haben ihren Charme noch nicht ganz verloren, doch der Niedergang ist allgegenwärtig. Die Straßen sind übersät mit Verpackungsmüll und Zigarettenstummeln. Eine aufgeplatzte Windel verbreitet schlechte Luft. Der Zerfall des Ostblocks entzog der massiv subventionierten Montanindustrie die Lebensfähigkeit. Der heute runtergekommene Stadtteil Bytoms war einst das Zuhause stolzer Arbeiterfamilien. Polnische Gewerkschaften erzählen gerne die Horror-Geschichte von Bytom-Bobrek. Die Nachricht: Finger weg von der Kohle und den Hütten!
Polen hat ein denkbar unambitioniertes Ausstiegsdatum für die Kohle gewählt: 2049. Im Gegensatz zu den Nachbarn Deutschland und Tschechien, die zwischen 2030 und 2038 aus der Kohle raus wollen. Die polnische Abkehr von den Emmissionsschleudern soll also erst ein Jahr vor der EU-Klimaneutralität erfolgen. Einer der Gründe für dieses späte Datum ist die große Abhängigkeit vom staubigen Energieträger.
In Polen wird Kohle für zwei Zwecke genutzt. Zunächst dient der Rohstoff zum Heizen und Verstromen. Beinahe jeder zweite Haushalt hält sich so die eigenen vier Wände warm. Rund 70 Prozent der in Polen gewonnen Elektrizität stammt aus Kohlekraftwerken. Zweitens für die Produktion von Koks, den man in Hütten zum Herstellen von Stahl benötigt. Dabei muss man im Schlesischen Revier, dem größten und wichtigsten Polens, immer tiefer buddeln. Anders in der Lausitz, wo große Abbaumaschinen an der Oberfläche das Bild der Kohle prägen, wird in Schlesien vor allem unterirdisch gearbeitet. „Mittlerweile graben wir in 1000 Metern Tiefe“, sagt Łukasz Trembaczowski, (Abre numa nova janela) Assistenz-Professor für Soziologie an der Schlesischen Universität in Kattowitz. „Es ist teuer, es ist gefährlich. Und von acht Stunden Arbeit laufen die Arbeiter teils eine Stunde zur Abbaustelle und eine Stunde zurück.“
Jahr um Jahr sinkt die Menge
Ihren Zenit erreichte die Kohleförderung in Polen 1979. Mehr als 200 Millionen Tonnen förderte man damals im Dienste des Sozialismus, der davon Technologie und Maschinen im Westen kaufte. So wollte man sich vom Rohstofflieferanten zu einer industriellen Volkswirtschaft hocharbeiten. Der Plan scheiterte. Es gab einen Preiseinbruch und große Streiks, heute als Solidarność-Bewegung bekannt, die zu einem Rückgang der Produktion führten.
Seitdem geht die jährliche Menge geförderter Kohle stetig zurück. Waren es Anfang der Neunziger Jahre noch 130 Millionen Tonnen, sind es heute noch 49 Millionen. Die längst unrentablen Minen, Hütten und Kokereien gingen nach dem Zerfall von Sowjetunion und Ostblock ohne staatliche Subventionen reihenweise pleite. Wie in Bytom, wo innerhalb eines Jahrzehnts sechs von sieben Minen und beide Stahlwerke schlossen. Entsprechend ging auch die Zahl der Beschäftigten massiv zurück. Einst arbeiteten eine halbe Million Menschen in der Kohleindustrie. Heute sind es etwa 80.000 - immer noch zehn mal so viele wie in der Lausitz.
Swing-State Schlesien
Von Kohle als Wirtschaftsmotor kann in Polen kaum noch die Rede sein. Die einfach zugänglichen und gewinnversprechenden Vorkommen sind längst ausgebeutet. Heute muss ein zusehends größerer Aufwand betrieben werden, um das staubigschwarze Gold an die Oberfläche zu befördern. Ganz gleich, wie teuer die polnische Kohle ist, polnische Energieversorger kaufen sie. Der Staat ist in aller Regel ihr größter Anteilseigner - und nutzt seinen Einfluss. Polen bezog viel seiner Kohle, besonders für Privathaushalte, aus Russland. Damit war kurz nach dem russischen Aggressionskrieg Schluss. Um Verbraucher vor den finanziellen Folgen zu schützen, beschloss die damalige PiS-Regierung eine Preisbremse.
Diese ist noch bis Ende Juni in Kraft. Anders gesagt: kurz nach den Europawahlen läuft sie aus. Die Preisbremse stürzt die Kraftwerkbetreiber, die Kohle von polnischen Minen oder aus dem Ausland kaufen, in ein Dilemma. Sie sind gezwungen, beträchtliche Mengen polnischer, teurer Kohle zu kaufen. Weiterreichen dürfen sie die hohen Preise aber nicht einfach. Weiteren Druck auf die Kohleindustrie üben die starken Gewerkschaften aus - mehr als 100 Prozent der Arbeiter sind in ihnen vertreten, da sie mitunter Mitglied in mehreren gleichzeitig sind.
Kohlearbeiter werden sehr gut bezahlt und genießen regelmäßige Lohnerhöhungen. Dabei ist der Wirtschaftszweig nicht rentabel. Allein dieses Jahr will Polens neuer Regierungschef Donald Tusk sieben Milliarden Zloty in Bergbauunternehmen pumpen. Die EU muss dieser Finanzspritze noch zustimmen, da sie gegen Wettbewerbsregeln verstoßen könnte.
Die Politik ist sich im Klaren über die zweifelhafte Wirtschaftlichkeit der Kohle. Doch es gibt einen Haken. In der Wowoidschaft Schlesien leben rund 4,5 Millionen Menschen, das sind mehr als zehn Prozent der polnischen Bevölkerung. Ohne die Region lässt sich eine Wahl in Polen kaum gewinnen, Soziologe Trembaczowski bezeichnet Schlesien als „Swing-State“. Bei den Parlamentswahlen im Oktober 2023 und bei den Komumalwahlen im April gewann jeweils, wenn auch knapp, die Platforma Obywatelska von Donald Tusk.
Fast 300 Jahre Tradition
Die Kohle, ihre Förderung und Weiterverarbeitung haben in Schlesien eine lange Tradition. Bereits 1760 entdeckte man Kohlevorkommen, der Abbau begann im frühen 19. Jahrhundert – und transformierte die zuvor stark landwirtschaftliche geprägte Region rasant. Der wirtschaftliche Wandel bescherte vielen Adligen und einigen bürgerlichen Aufsteigern astronomischen Wohlstand. Aus kleinen Dörfern wurden binnen weniger Jahrzehnte große Städte samt Straßenbahn, Kino und Eisenbahnanbindung.
Die Region selbst erlebte mit den beiden Weltkriegen massive Veränderungen, gehörte anteilig zu Deutschland, Tschechien und Polen. Heute liegt der größte Teil in der Republik Polen, die als Ausgleich für sowjetische annektierte Gebiete im Osten eine Menge altes Deutschland bekam.

Der Effekt des radikalen Strukturbruchs der 1990er auf die betroffenen Gemeinschaften war immens, erklärt Soziologe Trembaczowski. „Die Mine oder das Stahlwerk ist ökonomisches, kulturelles und soziales Zentrum der Gemeinschaft.“ Die Kumpel gingen in Schächten arbeiten, die sie von ihrem Schlafzimmerfenster sehen konnten. Auf den damaligen Strukturbruch bereitete die Menschen niemand vor - und heute sei es nicht groß anders, meint der Wissenschaftler.
Kein Strukturwandel in den Kommunen
Immerhin kommt Hilfe von der Europäischen Union. Insgesamt bekommt Polen 3,8 Milliarden Euro aus Brüssel, mehr als die Hälfte fließt nach Schlesien. Davon sollen vor allem kleine und mittlere Unternehmen profitieren, die grüne Technologien nutzen, entwickeln und verkaufen. Mit dem Just Transition Fund (Abre numa nova janela) (JTF), von dem auch die Lausitz profitiert, will die EU in Polen die Weiterbildung von 100.000 Menschen fördern, deren Jobs momentan an der Kohle hängen. Doch niemand würde, so der Wissenschaftler, die verbliebenen Kohle-Gemeinden auf das unvermeidliche vorbereiten: den Ausstieg.
Bereits heute ist Kattowitz Sinnbild eines Wandels, der seit Jahrzehnten in Gang ist. 1998 Jahren siedelte Opel ein Werk in Gleiwitz an. Seither wuchs die Automobilbranche, inklusive kleinerer Zulieferer, stetig. Insgesamt lockte Schlesien mit Sonderwirtschaftszonen über 100 Investoren an, der EU-Beitritt vor 20 Jahren eröffnte viele Möglichkeiten. Im Dienstleistungssektor arbeiten mittlerweile so viele Menschen wie in der Kohle.
Doch das hat den Identitätsgrad des Energieträgers für die ganze Region nicht geschmälert. Polnische Kohle gilt so manchen als Garant von Unabhängigkeit, nicht zuletzt von Russland. Für die Politik bedeutet das große Herausforderungen, insbesondere, weil man im Gegensatz zur Lausitz keinen 17 Milliarden-Euro-Topf an Strukturstärkungsmitteln zur Verfügung hat. Einen verfrühten Ausstieg hält Soziologe Trembaczowski für fatal, 2049 sei aber entschieden zu spät. „Kohle ist Tradition, nicht Zukunft“.