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No Other Choice (Park Chan-wook)

Die deutsche Wirtschaft steckt in einer Rezession. Wie können wir dafür sorgen, dass es wieder bergauf geht? Verfolgt man die herrschende Debatte in diversen Talkshows oder anderen Polit-Formaten, wird immer wieder auf die fehlende Arbeitsmotivation verwiesen. Zu viele Krankheitstage, zu viel Homeoffice, zu bequeme soziale Hängematte. Wenn man nur etwas (oder am besten etwas viel) am Sozialstaat schrauben würde, würden die Arbeitnehmer auch wieder fleißiger arbeiten und dann ginge es der Wirtschaft auch direkt wieder besser.

Dass diese Narrative gar nicht aufgehen kann, wusste nicht nur schon Karl Marx, sondern bekommt auch Man-su (Lee Byung-hun) in Park Chan-wooks neuestem Film No Other Choice zu spüren. Eben noch von seinem Arbeitgeber, einer Papierfirma, in höchsten Tönen geschwärmt, wird Man-su kurz darauf vor die Tür gesetzt. Auch die weitere Jobsuche wird sich als schwieriger erweisen, als es der Pechvogel antizipiert hat. Bald schon muss er feststellen, dass nicht nur die Stellenangebote rar gesät sind, sondern dass es auch mehr als genug Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt gibt.

Ohne Fleiß, kein Preis

Vom Tellerwäscher zum Millionär. Nicht nur der amerikanische Traum, sondern auch in der deutschen Gesellschaft herrscht das Narrativ, dass es jeder schaffen kann, wenn er sich nur genug anstrengt. Doch was immer verschwiegen wird, ist, dass es mitnichten darum geht, eine bestimmte Leistung oder Qualifikation zu bringen, sondern immer, besser zu sein als die anderen. Marx hat das mit der Reservearmee der Arbeiterschicht beschrieben. Anders ausgedrückt: Der Kapitalismus ist ein System, dem es inhärent ist, permanent Verlierer zu produzieren. Auf jede erfolgreiche Bewerbung kommen viele Kandidaten, die den Job nicht bekommen haben. Es können niemals alle gewinnen.

Das weiß auch Man-su, wenn er durch einen Trick die Bewerbungsunterlagen seiner Mitbewerber zugesandt kriegt. Vor ihm ausgebreitet liegen die Lebensläufe, wovon 2-3 mindestens mit “A+” bewertet werden. Hier sieht man in aller Klarheit, dass Man-su noch so qualifiziert sein kann, wenn die Konkurrenz ebenso qualifiziert ist, entstehen dadurch nicht einfach mehr freie Positionen, sondern dann entscheidet im Zweifel der Zufall, wer Gewinner und wer Verlierer ist.

Als Gefangener seiner eigenen Klasse, reagiert Man-su auch so, wie wir es aus unserem eigenen Diskurs kennen: Seine Gewalt richtet sich gegen die Konkurrenz anstatt gegen die amerikanischen Investoren oder die Chefs. Dass hier Man-su stellvertretend für alle Arbeitnehmer steht, sieht man daran, dass alle seine Opfer ihm gleichen: Der eine trinkt zu viel, der andere hat Probleme mit seiner Frau und der Dritte will seiner Tochter ein besseres Leben ermöglichen. Man-su könnte im Grunde auch sich selbst attackieren. Ähnliches sehen wir auch im Bürgergeld-Diskurs, wenn Arbeitnehmer:innen, die kaum über Mindestlohn verdienen, auf die Bürgergeldempfänger:innen gehetzt werden. Anstatt sich in den wirklichen Klassenkampf zu begeben und für mehr Rechte zu kämpfen, sind wir allzu oft damit beschäftigt, den bescheidenen Status, den man sich aufgebaut hat, zu verteidigen.

Digitalisierung

“Die Papierfabrik ist mein Leben”, bekommen wir von fast allen Akteuren in No Other Choice zu hören. Man-su und seinen Leidensgenossen geht es nicht darum, einfach irgendeine Anstellung zu finden: Papier muss es sein. Wie es sich anfühlt, wie es riecht, alles fasziniert an Papier, auch wenn das Papier Business in der Krise steckt.

Das müssen wir selbstverständlich als Allegorie zu Park Chan-wooks Arbeit als Regisseur verstehen. Die Filmbranche befindet sich genauso unter Beschuss durch die Digitalisierung. Durch immer mehr finanziellen Druck, der auf den Studios lastet, wird der Druck auf alle Filmschaffenden genauso immer größer, wo man noch etwas einsparen kann. Vor allem, wenn KI immer stärker wird, gibt es nicht wenige, die den Untergang des Films, wie wir ihn bis jetzt kennen, vorhersagen. Und nicht nur, ob jetzt Chat GPT ein Drehbuch schreibt oder gar die Schauspieler ersetzen kann, haben die letzten 10 Jahre mit der Dominanz des MCUs gezeigt, dass man in Sachen Originalität besser keine Risiken eingeht. Viel sicherer ist es, haarkleine Marktforschung zu betreiben und dem Publikum abgeschmecktes Fastfood zu servieren, als den Filmschaffenden kreativen Freiraum zu geben.

Fazit

Park Chan-wook ist mit seiner Komödie No Other Choice eine messerscharfe Analyse des heutigen Arbeitsmarkts gelungen. Durch die Komik wird zugleich dem Zuschauer der Spiegel vorgehalten, dass wir mit den Opfern nie sympathisieren können, denn sonst haben am Ende wir das Nachsehen.

Auch als Plädoyer für das Filmemachen an sich überzeugt der Film. Park Chan-wook ist genauso stur wie Man-su. Auch er kann nicht anders, als weiter Filme zu machen. Auch wenn am Ende möglicherweise nur noch er übrig ist und alleine durch die dunklen Hallen der Fabrik tanzt.

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