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Der blinde Fleck der Zivilcourage

Zivilcourage gilt in Deutschland als eine der wichtigsten demokratischen Tugenden. Doch warum endet Zivilcourage sehr oft gerade dort, wo Frauenfeindlichkeit beginnt? Über Alltagsmut, Misogynie und den blinden Fleck unserer gesellschaftlichen Empörung. Ein Essay.

Prolog: Dieser Text entstand aus einem Gefühl heraus, das ich mit vielen Frauen teile: Wut. Meine Wut speist sich aus vielen Bereichen – zu einem großen Teil auch aus meinen persönlichen und alltäglichen Erfahrungen.

So geht meine Verärgerung unter anderem mit einem Selbstverständnis einher, das mich seit Teenagerzeiten begleitet: Immer dann, wenn Frauen herabgewürdigt, belächelt oder sexistisch behandelt werden, widerspreche ich. Auch dann wenn es mir selbst geschieht. Nicht, weil es mir Freude bereitet. Sondern weil Schweigen für mich noch nie infrage kam.

Ich weiß, woher mein ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden gegenüber Frauen stammt. Über diesen Teil meiner Geschichte werde ich bald ein eigenes Buch schreiben.

Damit man mich jedoch nicht missversteht: In den Momenten, in denen ich widerspreche, rast mein Herz. Meine Atmung wird flach, mein Körper steht unter Alarm und meine Gedanken überschlagen sich. Nicht selten folgen danach Kopfschmerzen, weil sich die Anspannung in meinem Nacken und meinen Schultern festgesetzt hat.

Ich weiß also sehr genau, wie viel Mut es kostet, den eigenen Körper zu überstimmen und trotzdem den Mund aufzumachen.

Es ist auch für mich extrem unangenehm einem Vorgesetzten
oder einer Gruppe zu widersprechen. Ich kenne die Blicke.
Das Augenrollen. Die Etiketten, die einem in solchen Momenten zugeschrieben werden: schwierige Frau, überheblich (Abre numa nova janela), woke, Moralapostel. Und ich kenne die beruflichen Konsequenzen, die für Frauen entstehen, wenn man nicht still mitspielt.

Ob ich in diesen Zeiten allerdings noch Nachsicht für Menschen habe, die verbale sexistische Übergriffe gegenüber anderen miterleben und sich trotzdem bewusst für das Schweigen entscheiden? Diese Frage beantworte ich am Ende des
Textes. Nun aber hinein mit einer Einordnung dazu, wie der Grundgedanke für dieses Essay entstanden ist.


Alltagsmut made in Germany


Im Mai lauschte ich in der Oper Frankfurt einem Gespräch des Publizisten Michel Friedman. Im Rahmen seiner Reihe
Friedman in der Oper (Abre numa nova janela) bringt er Gäste aus Politik, Wissenschaft und Gesellschaft zusammen und verknüpft die jeweilige kommende Operninszenierung mit den Fragen unserer Zeit.
An diesem Abend diskutierte er mit Andreas Voßkuhle, dem ehemaligen Präsidenten des deutschen Bundesverfassungs-gerichts, über Demokratie.

Es ging um Frage, wie etwa rechte Parteien derzeit erneut erfolgreich offene Gesellschaften unterwandern, woher die wachsende Faszination für autoritäre Systeme in unserer Zeit kommt und wie sich ein Rechtsstaat gegen diese totalitären Angriffe schützen kann.

Es war eines dieser Gespräche, aus denen man aufgeklärter und auch gleichzeitig auch ein Stück verzweifelter hinausgeht,
als man hineingegangen ist.

Ein Wort fiel an diesem Abend häufig oft: Zivilcourage.

Ein Begriff der in Deutschland eine ganz besondere Bedeutung hat.
Der Grund: Nach der nationalsozialistischen Diktatur und den deutschen Verbrechen an der Menschlichkeit, stellte sich die Frage, warum so viele Menschen bewusst geschwiegen hatten.

Zivilcourage wurde zu einem demokratischen Ideal – als Gegenentwurf zu Mitläufertum, Wegsehen und blinder Autoritätshörigkeit. Und ab den 1950er-Jahren wurde der Begriff zu einem festen Bestandteil der politischen Bildung in Deutschland.

Zusammengesetzt ist er aus den zwei Wörtern:
zivil – vom lateinischen civilis, also „den/die Bürger:in betreffend“, „bürgerlich“, „zum Gemeinwesen gehörend“
und dem französischen Wort Courage –
also „Mut“, ursprünglich vom lateinischen cor („Herz“).

Wörtlich bedeutet Zivilcourage also: der Mut einer Bürgerin oder eines Bürgers, im öffentlichen Leben für andere einzustehen.

Die Hierarchie der gesellschaftlichen Empörung


An diesem Abend bei Michel Friedman herrschte Einigkeit. Wenn demokratische Werte unter Druck geraten, wenn rechte Parteien an Einfluss gewinnen und rassistische oder antisemitische Parolen in Deutschland wieder gesellschaftsfähig werden, dann braucht es Zivilcourage.

Menschen müssen aufstehen. Widersprechen. Haltung zeigen.
Alle im Saal nickten.

Ich verließ das Opernhaus und machte mich an diesem warmen Maiabend auf den Weg zur Alten Oper, wo mein Auto stand (weil ich zuvor nicht ordentlich auf meine Eintrittskarte geschaut und dann an der „falschen” Oper geparkt hatte.)

Auf halbem Weg durch die Goethestraße passierte dann etwas,
das ich aus meiner journalistischen Denke gut kenne. Da war es, dieses kleine „Klicken“ im Kopf. Der Moment, in dem sich viele lose Gedanken plötzlich zu einer einzigen Frage verdichten. Die Art von Erkenntnis, wegen der man stehen bleibt, weil da ist eine Story drin:

Das Wort Zivilcourage, es hat einen blinden Fleck. Ja, es gibt eine Auslassung in unserem Verständnis. Eine, die sich gerade deutlich in unserer gesellschaftlichen Debatte um den Widerspruch bei Sexismus zeigt.

Wir verwenden dieses große Wort ganz selbstverständlich, wenn Menschen (Männer wie Frauen und alle dazwischen) körperlich angegriffen werden.
Wenn jemand rassistischen Parolen widerspricht.
Wenn Rechtsextremismus nicht unwidersprochen bleibt.
Wenn antisemitische Äußerungen öffentlich zurückgewiesen werden.

In all diesen Momenten scheint unmittelbar klar zu sein, dass Widerspruch nicht nur legitim, sondern notwendig
und held:innenhaft ist.

Beim Thema Sexismus endet diese Selbstverständlichkeit jedoch abrupt.

Hat jemand von euch schon einmal erlebt, dass jemand für Zivilcourage gelobt wurde, weil er einem Kollegen widersprochen hat, nachdem dieser eine Frau im Job diskriminiert hat?

Wie oft wurde eine Kollegin als mutig bezeichnet, weil sie einen sexistischen Witz nicht einfach überhörte, sondern ihn ansprach?

Und wie oft haben wir einen Mann dafür gefeiert, dass er einem anderen Mann deutlich machte, dass eine abwertende Bemerkung über den Körper einer Frau nicht in Ordnung ist?

Dabei beschreibt das Wort genau das.

Zivilcourage bedeutet, im Alltag für andere einzustehen, Unrecht zu widersprechen und persönliche Nachteile in Kauf
zu nehmen. Nicht erst dann, wenn körperliche Gewalt droht, sondern immer auch dort, wo die Würde eines Menschen verletzt wird.

Und trotzdem scheint das Wort ausgerechnet dann seinen Platz
zu verlieren, wenn Sexismus im Spiel ist.


Zivilcouragiert. Aber nicht gegen Sexismus.


Mich lässt seit jenem Abend eine Frage nicht mehr los:
Warum sprechen wir Menschen, die einer sexistischen Bemerkung widersprechen, so gut wie nie das respektvolle Wort Zivilcourage zu?

Verdient der Schutz von Frauen vor verbaler Herabwürdigung das Prädikat Zivilcourage nicht?

Oder haben wir uns als Gesellschaft schlicht nie darauf verständigt, dass auch hier Schutz notwendig ist?

Vielleicht liegt genau darin der eigentliche blinde Fleck unseres Verständnisses. Wir vergeben dieses große Wort offenbar erst dann, wenn wir uns kollektiv darüber einig sind, dass ein Unrecht vorliegt und Widerspruch moralisch geboten ist.

Bei Antisemitismus, Rassismus oder Rechtsextremismus besteht dieser gesellschaftliche Konsens – glücklicherweise – weitgehend.

Beim Sexismus gegen Frauen scheint er bis heute zu bröckeln.

Anmerkung:
Wenn ich in diesem Essay von Frauen spreche, meine ich selbstverständlich alle Menschen, die als Frauen leben, gelesen oder gesellschaftlich als Frauen behandelt werden. Vieles, worüber ich hier schreibe, betrifft ebenso queere Menschen und die LGBTQIA+-Community. Auch homophobe oder transfeindliche Bemerkungen werden nur selten unter dem Begriff Zivilcourage verhandelt – obwohl der Mut, ihnen zu widersprechen, dieselbe Haltung verlangt.

Und vielleicht sagt genau das weniger über das Wort Zivilcourage aus als über uns als Gesellschaft.

Denn wenn wir den Mut, einer frauenfeindlichen Bemerkung zu widersprechen, nicht als Zivilcourage begreifen, dann offenbart das eine unangenehme Wahrheit:

Offensichtlich messen wir der Würde von Frauen noch immer nicht dieselbe gesellschaftliche Selbstverständlichkeit bei wie anderen schützenswerten Gütern.

Vielleicht haben wir uns daran gewöhnt, dass Frauenkörper kommentiert, bewertet und sexualisiert werden. Dass ihre Grenzen zur Diskussion stehen, ihre Integrität relativiert und ihre Selbstbestimmung immer wieder öffentlich verhandelt wird.

Was täglich geschieht, verliert irgendwann seinen Ausnahmecharakter. Und was seinen Ausnahmecharakter verliert, scheint irgendwann auch keinen außergewöhnlichen Widerspruch mehr zu verdienen.

Oder anders gesagt: Vielleicht genießen weibliche Grenzen bis heute nicht dieselbe Unantastbarkeit wie andere Werte, die wir bereit sind zu verteidigen.

Kein Prädikat. Aber Konsequenzen.

In meinem Kolleg:innenkreis hat mich noch nie jemand für Zivilcourage gelobt, weil ich Frank aus meinem Team darum bat, eine junge Kollegin nicht ständig „kleines Mädchen“ zu nennen.

Nicht, als ich einen Vorgesetzten höflich darauf hinwies, dass das Wort „zickig“ in einer professionellen Besprechung nichts verloren hat.

Nicht, als ich Daniel – den CEO aus meinem Text Ode an John (Abre numa nova janela) –, der mir regelmäßig Komplimente für mein Aussehen machte, immer dann wenn wir alleine waren, bei der Personalabteilung meldete.

Nicht, als ich bei einem Abendessen widersprach, weil eine Frau am Nebentisch von einer Bekannten als „bitchy wegen ihres Äußeren“ bezeichnet wurde.

Nicht, als ich einen Kollegen darauf aufmerksam machte, dass er einer Frau bereits zum dritten Mal ins Wort gefallen war. Und auch nicht, als ich einen Verwandten fragte, warum für ihn die berufliche Kompetenz einer Frau untrennbar mit ihrem Äußeren verbunden ist.

Ich könnte mühelos über Seiten fortsetzen. Der Punkt ist ein anderer: Das Wort Zivilcourage fiel kein einziges Mal.

Und genau deshalb lässt mich seit jenem Abend in Frankfurt eine Frage nicht mehr los: Warum endet unsere Vorstellung von Zivilcourage immer dort, wo Frauenfeindlichkeit beginnt?


Die Psychologie des Schweigens


Zivilcourage beginnt mit einem Herzschlag.

Mit diesem einen Moment, in dem der Puls schneller wird, die Atmung flacher, sich der Magen zusammenzieht und der Körper für einen Augenblick entscheidet, dass Schweigen wahrscheinlich die sicherere Option wäre.

Erstaunlicherweise unterscheidet unser Nervensystem dabei kaum, wogegen wir uns gerade aussprechen. Ob wir einem rassistischen Spruch widersprechen oder einem sexistischen Witz – der Körper reagiert zunächst einmal auf dasselbe:
auf das Risiko, das Gegenüber gegen sich aufzubringen.

Denn jeder Widerspruch bedeutet zunächst eines: Wir nehmen in Kauf, ausgelacht, zurückgewiesen oder ausgeschlossen zu werden. Natürlich ist das nicht mit der körperlichen Gefahr vergleichbar, der sich Menschen aussetzen, wenn sie einer gewaltbereiten rechtsextremen Gruppe entgegentreten.

Mut bemisst sich jedoch nicht ausschließlich an der Wahrscheinlichkeit eines Faustschlags. Er zeigt sich ebenso in der Bereitschaft, soziale, psychische oder berufliche Konsequenzen in Kauf zu nehmen.

Dass es Menschen schwerfällt, sich gegen eine Person oder vor allem auch Gruppe (und damit auch gesellschaftlichen Norm) zu stellen, ist nicht nur eine Vermutung, sondern seit langem Gegenstand sozialpsychologischer Forschung.

Bereits in den 1950er-Jahren zeigte der polnisch-amerikanische Sozialpsychologe Solomon Asch mit seinen Konformitätsexperimenten, wie bereitwillig Menschen ihre eigene Überzeugung einer Gruppe unterordnen – selbst dann, wenn sie wissen, dass die anderen offensichtlich falschliegen.

Nicht mangelnde Moral war dabei der entscheidende Faktor, sondern die Angst, aus der Gemeinschaft herauszufallen.

Einige Jahre später beschrieben die US-amerikanischen Sozialpsychologen John Darley und Bibb Latané den sogenannten Bystander-Effekt: Je mehr Menschen eine Situation beobachten, desto geringer
fühlt sich jede einzelne Person verantwortlich einzugreifen,
weil alle unbewusst davon ausgehen, dass schon jemand anderes etwas sagen wird.

Diese Mechanismen betreffen uns alle gleichermaßen. Schaut man jedoch Männer und Frauen – beziehungsweise Menschen, die als Männer oder Frauen sozialisiert wurden oder gelesen werden möchten – getrennt an, zeigen sich
weitere Besonderheiten.

Der australische Soziologe Michael Flood, der zu Männlichkeitsbildern und Gewaltprävention forscht, beschreibt ein Phänomen, das hier gut passt: Seine Untersuchungen zeigen, dass viele Männer sexistische Bemerkungen anderer Männer durchaus problematisch finden. Sie widersprechen trotzdem nicht.

Nicht, weil sie den anderen zustimmen würden, sondern weil sie fürchten, selbst sozial sanktioniert zu werden. Wer einem frauenfeindlichen Kommentar widerspricht, läuft Gefahr, plötzlich nicht mehr als guter Kumpel zu gelten.

Genau an diesem Punkt setzt auch der Gewaltpräventionsforscher Jackson Katz an. Er argumentiert, dass sich die Kultur des Sexismus nicht allein dadurch verändern wird, dass Frauen sie immer wieder benennen.

Gesellschaftliche Normen entstehen dort, wo Gleichgestellte einander Grenzen setzen. Deshalb braucht es Männer, die anderen Männern widersprechen. Nicht, weil Frauen dazu nicht in der Lage wären, sondern weil Veränderung innerhalb jener Gruppen beginnt, die diese Normen bislang geprägt haben.


Anpassungsstrategie: Chill Girl


Warum auch Frauen in Situationen mit verbalen sexistischen Übergriffen häufig schweigen, erklärt die Kommunikationswissenschaftlerin Deborah Tannen: Frauen lernen häufiger als Männer, Beziehungen aufrechtzuerhalten, Harmonie zu sichern und Konflikte möglichst zu vermeiden.
*Dazu mehr in dem Beitrag „Schwesternwunde“ (Abre numa nova janela)

In den vergangenen Jahren hat sich zu diesem Verhalten ein Begriff in der feministischen Theorie etabliert: das Chill Girl. Gemeint ist jene Frau, die immer möglichst unkompliziert ist.
Also Frauen, die über sexistische Witze lachen, Catcalling als Kompliment abtun und bei einem übergriffigen Kommentar sagen: „War doch nicht so gemeint.“

Die sich bewusst von den „empfindlichen Feministinnen“ distanzieren und Männern signalisieren: Mit mir gibt es keinen Ärger.
*Dazu auch mehr im Beitrag
„Lächel doch mal, Feminimus!“ (Abre numa nova janela)

Ich glaube allerdings nicht, dass das Chill Girl eine Persönlichkeitsstruktur ist. Ich glaube, sie ist eine Anpassungsstrategie.

Nicht, weil Frauen Sexismus gutheißen würden. Sondern weil sie von klein auf lernen, dass Harmonie gesellschaftlich häufiger belohnt wird als Haltung.

Wer als Frau mit lacht, gilt als entspannt. Wer schweigt, als unkompliziert. Wer Grenzen zieht, schnell als schwierig.
Und wer Sexismus widerspricht, als Spaßbremse.

Kaum jemand hat diese Dynamik so schön beschrieben wie die britisch-australische feministische Wissenschaftlerin Sara Ahmed. Mit ihrer Figur der Feminist Killjoy beschreibt sie keine bestimmte Art von Frau, sondern eine gesellschaftliche Rolle, in die Frauen gedrängt werden, sobald sie Sexismus, Misogynie oder andere Formen von Diskriminierung benennen.

Plötzlich ist nicht mehr die Diskriminierung das Problem, sondern die Person, die sie anspricht. Ahmed nennt sie deshalb so passend die Spielverderberin.


*Du möchtest mehr über deine eigenen Rollenmuster erfahren? Dafür habe ich ein Journal mit 77 Fragen für Frauen herausgegeben:


Frauenfeindlichkeit ist wohlwollend?


Nun gut. Bis hierhin liefern die Studien viele Antworten. Sie erklären, warum Menschen schweigen. Warum Gruppendruck stärker sein kann als die eigene Überzeugung, weshalb Verantwortung sich auf viele Schultern verteilt und warum der Wunsch dazuzugehören häufig größer ist als der Mut, zu widersprechen.

Trotzdem bleibt für mich eine Frage offen. Denn all diese Erklärungen beantworten noch nicht, warum ausgerechnet Frauenfeindlichkeit gesellschaftlich so häufig durchrutscht.


Warum wir bei einem antisemitischen Witz sofort erkennen, dass Widerspruch notwendig ist, während wir sexistische Bemerkungen noch immer viel zu oft durchgehen lassen.

Die US-amerikanischen Sozialpsycholog:innen Peter Glick und Susan Fiske liefern dazu einen Aspekt, der hier und da auch als „Rechtfertigung“ genutzt wird. Mit ihrer Theorie des ambivalenten Sexismus beschreiben sie, dass Frauenfeindlichkeit zwei Gesichter haben kann: ein offen feindseliges und ein scheinbar wohlwollendes.

Sexismus tritt eben nicht immer laut, aggressiv oder offensichtlich auf. Er tarnt sich als Kompliment, als Galanterie, als Fürsorge oder als „harmloser“ Witz – und genau deshalb wird er häufig gar nicht als Diskriminierung erkannt.

Die freundliche Verpackung erschwert vielleicht den Widerspruch. Denn was sich nett anhört, wirkt auf den ersten Blick ja selten wie gesellschaftliches Unrecht.

Möglicherweise fehlt es hier aber nicht nur an Mut, sondern manchmal auch an Sensibilität und dem Willen, alltägliche Frauenfeindlichkeit überhaupt als das zu erkennen, was sie ist: eine Form der Diskriminierung, die ebenso Widerspruch verdient wie jede andere.

Der misogyne Fleck der Zivilcourage


Und hier endet für mich auch dann die wissenschaftliche Einordnung.

Nicht, weil ich den Erkenntnissen der Sozialpsychologie widersprechen würde. Nein, sie erklären vieles.

Aber wir machen es uns zu bequem, wenn wir das Schweigen gegenüber Sexismus allein mit Gruppendruck, Verantwortungsdiffusion, dem Nicht-Erkennen oder dem Wunsch nach Zugehörigkeit erklären.

Ich bin überzeugt, dass dahinter noch etwas anderes liegt. Etwas, das tiefer reicht als jede sozialpsychologische Theorie:

Nämlich die Misogynie, die unsere Gesellschaft bis heute durchzieht und die wir – Männer wie Frauen – über Generationen hinweg verinnerlicht haben.

Wir leben in einer Kultur, in der Frauenkörper öffentlich kommentiert, bewertet und politisch verhandelt werden, als stünden sie nicht ausschließlich ihren Besitzerinnen zu. Eine Kultur, in der Frauen erklärt wird, was sie anziehen, wie sie altern, ob sie Kinder bekommen, wie sie zu sprechen, zu lachen oder sich zu verhalten haben.

Eine Kultur, in der das Aussehen einer Frau meist wichtiger erscheint als ihre Kompetenz und in der ihre Grenzen erstaunlich oft zur Verhandlung stehen.

Vielleicht widersprechen viele Menschen Sexismus deshalb so selten, weil er normal ist.

Weil er uns überall und rund um die Uhr begegnet. In Werbekampagnen. In Gesprächen. In Witzen. In politischen Debatten. In Kommentaren über Körper. In den Blicken, die Frauen begleiten. Im Zweifel darüber, ob Frauen übertreiben. Im Reflex, als Frau die eigene Wahrnehmung infrage zu stellen.

Was hinter dem blinden Fleck der Zivilcourage steckt? Ich glaube, dass es zu einem großen Teil daran liegt, dass
der Frauenkörper in dieser Gesellschaft verbal nicht als schützenswert gilt.

Und die Frauenfeindlichkeit ist etwas, das auch schweigend ausgehalten werden kann. Solange der weibliche Körper als öffentliche Projektionsfläche dient – für Wünsche, Erwartungen, Bewertungen und politische Interessen –, wird auch die Abwertung von Frauen leichter relativiert.

Demokratie beginnt im Alltag!

Meine Nachsicht endet nun. Deshalb fordere ich das Wort Zivilcourage auch für das Eingreifen gegen Sexismus ein!
Und damit gleich auch mehr Zivilcourage gegen Sexismus.

Nicht irgendwann. Nicht nur dann, wenn eine Frau körperlich angegriffen wird. Sondern in genau den alltäglichen Momenten, in denen Frauen herabgewürdigt, sexualisiert oder belächelt werden und der Rest des Raumes schweigt.

Wir diskutieren im Jahr 2026 noch immer darüber, ob ein sexistischer Spruch wirklich so schlimm gewesen sei, anstatt darüber zu sprechen, warum kaum jemand wiederspricht.

Dabei wissen wir längst, dass alltägliche Frauenfeindlichkeit keine Bagatelle ist. Sie bedeutet psychischen Stress, hinterlässt messbare Spuren im Gehirn und beeinflusst Gesundheit, Selbstwert und Teilhabe.

*Mehr dazu im Beitrag „Im Dauerstress zur Superheldin“ (Abre numa nova janela) und in meinen FemFacts auf @storyheldin (Abre numa nova janela)


Frauen werden tagtäglich sexualisiert, online wie offline. Sie erleben Belästigung, Gewalt und Vergewaltigung – wie die erschütternden Fälle der vergangenen Monate erneut gezeigt haben, häufig sogar in betäubtem Zustand. Sie werden vergewaltigt und ermordet, weil sie Frauen sind.

Und trotzdem scheint Frauenfeindlichkeit noch immer nicht jenes gesellschaftliche Unrecht zu sein, bei dem das Wort
Zivilcourage ganz selbstverständlich fällt.

Dabei könnte der Zeitpunkt kaum entscheidender sein.

Während rechtspopulistische Rhetorik lauter wird und damit auch Frauenrechte zunehmend politisch infrage gestellt werden - während die Manosphere Millionen junger Männer erreicht und selbst Unternehmen bei Diversität und Gleichstellung zurückrudern, entscheiden sich gesellschaftliche Werte nicht nur in Parlamenten.

Sie entscheiden sich auch am Konferenztisch. In der WhatsApp-Gruppe. Beim Familienessen. In der Kaffeeküche. Immer dort, wo Menschen sich entscheiden, ob sie schweigen oder widersprechen.

Ich muss oft an den Abend in der Oper Frankfurt zurückdenken. Michel Friedman sprach darüber, wie Demokratie verteidigt werden kann. Eine Antwort lautete: durch Haltung. Durch Menschen, die nicht schweigen.

Also dann: Wer Demokratie verteidigen will, muss auch Frauenrechte verteidigen. Feminismus ist kein Nebenschauplatz demokratischer Gesellschaften. Er ist eine ihrer Grundfesten.

Deshalb müssen wir endlich dort genauer hinsehen, wo Frauenfeindlichkeit als „normal“ durchgeht. Dort, wo sexistische Bemerkungen als Humor verkauft, Grenzüberschreitungen als Komplimente missverstanden und Widerspruch als Überempfindlichkeit abgetan werden.

Es gibt keine überzeugende Entschuldigung mehr, in solchen Momenten zu schweigen. Was wir brauchen, ist die Bereitschaft als Gesellschaft, Sexismus nicht länger zu relativieren – in jedem einzelnen Gespräch, in jedem Meeting, in den sozialen Medien, wenn eine Frau öffentlich verbal sexualisiert wird, an jedem Stammtisch und in jeder Freundesgruppe.

Denn Zivilcourage beginnt nicht erst dort, wo wir einen Menschen aus einer akuten Gefahr retten.

Sie beginnt viel früher.

Mit der Entscheidung, nicht zu schweigen, wenn andere es tun. 


The End.

*Hinweis der Autorin: Wenn dir meine Texte etwas geben – Klarheit, Einordnung oder das Gefühl, nicht allein zu sein – freue ich mich über deine Unterstützung: Abonniere gern meinen Newsletter oder werde Mitglied. Dort teile ich ab August exklusive wöchentlich Inhalte mit feministischem Blick und meinen eigenen Erfahrungen.

Foto von Andrey K (Abre numa nova janela) auf Unsplash (Abre numa nova janela)

Quellen & weiterführende Literatur

Solomon Asch (1951, 1955)
Konformitätsexperimente – Warum Menschen ihre eigene Überzeugung der Mehrheit anpassen.
https://psycnet.apa.org/record/1956-03855-001 (Abre numa nova janela)

John M. Darley & Bibb Latané (1968)
Bystander Intervention in Emergencies: Diffusion of Responsibility.
Die klassische Studie zum Bystander-Effekt.
https://doi.org/10.1037/h0025589 (Abre numa nova janela)

Michael Flood
Forschung zu Männlichkeitsnormen, Gewaltprävention und der Rolle von Männern als Allies gegen Sexismus.
https://xyonline.net/ (Abre numa nova janela)

Jackson Katz
Gewaltpräventionsforscher und Autor von The Macho Paradox. Forschung zu Männerrollen und Zivilcourage unter Männern.
https://www.jacksonkatz.com/ (Abre numa nova janela)

Deborah Tannen
Kommunikationswissenschaftlerin. Forschung zu geschlechtsspezifischen Kommunikations- und Sozialisationsmustern.
https://www.deborahtannen.com/ (Abre numa nova janela)

Peter Glick & Susan T. Fiske (1996)
The Ambivalent Sexism Inventory.
Grundlagenarbeit zum Konzept des ambivalenten Sexismus (hostiler und wohlwollender Sexismus).
https://doi.org/10.1037/0022-3514.70.3.491 (Abre numa nova janela)

Sara Ahmed (2017)
Living a Feminist Life.
Einführung der Figur der Feminist Killjoy.
https://www.dukeupress.edu/living-a-feminist-life (Abre numa nova janela)

Julia Shaw
Psychologin und Autorin u. a. zu Erinnerung, Machtstrukturen und sexualisierter Gewalt.
https://www.drjuliashaw.com/ (Abre numa nova janela)

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