Warum die Fußball-Euphorie zur Geisel der Autokraten wird.
von Stefan Hünl

Das Dilemma vor dem Anpfiff.
Das Bier steht bereit, das Trikot ist übergestreift, und die Vorfreude auf den Anpfiff der Weltmeisterschaft 2026 sollte eigentlich ihren Zenit erreichen. Doch beim Blick auf die Schlagzeilen kann einem der gekühlte Gerstensaft gleich wieder in hohem Bogen hinausschießen.

FIFA-Präsident Gianni Infantino hofiert gekonnt Donald Trumps hintere Regionen, während die Gestapohaften US-Abschiebebehörden patrouillieren und das Völkerrecht zur Disposition steht. Wir stehen vor einem ethischen Trümmerhaufen aus Sportswashing (Öffnet in neuem Fenster), kleptokratischen Machtspielen (Eine Kleptokratie (Öffnet in neuem Fenster) ist eine politische Herrschaftsform, bei der korrupte Machthaber den Staat systematisch ausbeuten, um sich selbst auf Kosten der Bevölkerung zu bereichern.) und dem systematischen Ausverkauf sportlicher Ideale.
Es drängt sich die existenzielle Frage auf: Können wir die Ästhetik des Spiels noch genießen, wenn die Kulisse eine inszenierte "Shitshow" ist?

Demokratie braucht keine Zuschauer, sondern eine Immunabwehr!
Hast Du auch das Gefühl, dass wir in einer Ära der ständigen politischen Diskursverschiebung leben?
In der Kulturkämpfe uns spalten und ein Mangel an legislativer Konsequenz das demokratische Immunsystem zunehmend schwächt?
Lobbyismus, Rechtsextremismus, der Aufstieg der "Erb-Aristokratie" und die omnipräsenten Interessen des Kapital
— Diese Strukturen haben nur einen Zweck: Die gerechte und notwendige Umverteilung von "oben nach unten" zu verhindern!
Macht Euch nichts vor: Die Kaste der asozialen Oligarchen entfesselt eher das "vierte Reich" bevor sie einen Cent Vermögenssteuer zahlt oder ihre Deutungshoheit aufgibt.
Beides ist notwendig!
Beides wird geschehen!
Ihre Angst davor treibt sie an!
Ob AfD, MAGA, Kreml oder (zunehmend auch) die Union — Der #Senfkuchen schaut genau da hin, wo andere wegschauen. Fakten und Analysen gegen Hetze und politische Skrupellosigkeit. Denn Demokratie lebt davon, dass Fehlverhalten sanktioniert wird. Nicht nur durch Institutionen, sondern vor allem durch informierte Bürger*innen wie Dich.
Bleib kritisch. Bleib informiert. Setz ein Zeichen.
Der "Friedenspreis" für den Eskalationskünstler.

Es ist ein absurdes Schauspiel der Macht, Gen Z würde es "cringe" nennen. Gianni Infantino verleiht Donald Trump einen eigens für diesen Moment geschaffenen "FIFA-Friedenspreis". Diese bizarre Ehrung erfolgte in unmittelbarer zeitlicher Nähe zu völkerrechtswidrigen militärischen Eskalationen gegen Venezuela und den Iran. Die FIFA zieht sich hierbei auf eine, wie es der »Atlantic« treffend nennt, "bequeme und profitable Neutralität (Öffnet in neuem Fenster)" zurück, die in Wahrheit ein aktiver Dienst am Autoritarismus ist.
Diese angebliche Unparteilichkeit ist die taktische Einwechslung von Despoten-Interessen gegen demokratische Normen. Indem die FIFA ihre Bühne an Regierungen verkauft, die den Sport zur propagandistischen Selbstinszenierung nutzen, macht sie sich zur Komplizin einer globalen Entwertung von Recht und Anstand.
Der Fußball-Weltverband legitimiert Machtkonzentration und Aggression unter dem Deckmantel der Völkerverständigung, während der Rasen zur Requisite für eine diplomatische Geiselnahme wird.
Wenn die Abschiebebehörde den Einlass kontrolliert.

Donald Trumps Versprechen auf »Truth Social«, alle Fans wie "Stars" zu behandeln, entlarvt sich beim Kontakt mit der Realität als zynische PR-Nebelkerze. Während die FIFA von Inklusivität faselt, agiert die Einwanderungsbehörde (und Mörderbande (Öffnet in neuem Fenster)) ICE wie eine paramilitärische Einheit und übernimmt die Sicherheitskontrolle des Turniers.
Allein im Jahr 2025 deportierte die Administration über 500.000 Menschen. In ICE-Gewahrsam starben zwischen Januar 2025 und März 2026 mindestens 43 Menschen.
Die "chilling presence" dieser Behörden, flankiert von 4.000 in Los Angeles stationierten Nationalgardisten, verwandelt das Fest der Begegnung in ein Klima der Angst. Fans aus Haiti, dem Senegal oder dem Iran erhielten pauschale Einreiseverbote, sofern sie nicht bereits über Langzeitvisa verfügten. Sogar Offizielle wie der somalische Schiedsrichter Omar Artan (Öffnet in neuem Fenster) wurden abgewiesen. An die Stelle der versprochenen Weltoffenheit tritt ein klinisches Gefühl der Kontrolle, das den WM-Besuch für viele zum Spießrutenlauf macht.

Die strategische "Shitshow". Warum schlechte Laune Methode hat.
Nach der Analyse von Maja Göpel (Öffnet in neuem Fenster) ist der aktuelle "Weltuntergangssound" kein Zufall, sondern strategischer Bestandteil einer autokratischen Zeitenwende. Das bewusste Schüren von Angst und Ohnmacht dient dazu, den Ruf nach der "harten Hand" eines vermeintlich genialen CEO-Staatslenkers zu legitimieren. Das systematische Zerstören von Anstandsregeln und das kalkulierte Lügen, wie wir es bei Akteuren wie dem "Orangenfaschisten" Trump oder dem "Teslokraten (Öffnet in neuem Fenster)" Elon Musk beobachten, ist ein Werkzeug, um "Systemsprenger" mehrheitsfähig zu machen.
Diese Strategie der "Dunklen Aufklärung" zielt darauf ab, die liberale Idee des Kompromisses durch ein gnadenloses Nullsummenspiel zu ersetzen. Wenn Sachlichkeit verloren geht, wird der Weg für eine kleptokratische Elite geebnet, die sich über alle Normen für "die da unten" hinwegsetzt. Die sogenannten TechBroligarchen und Autokraten codieren die Regeln des Gewinnens neu, während die breite Masse in eine meckernde Kapitulation getrieben wird.
“Das Grundgefühl des gesellschaftlichen Niedergangs und der Aufstieg autokratischer Führungsfiguren sind ein klassisches Tandem. [...] Die Botschaft der Dunklen Aufklärung lautet: du kannst linker Verlierer oder rechter Gewinner sein und der Code des Gewinnens, der wird von uns geschrieben.”
(Maja Göpel)
Hinterzimmer-Diplomatie. Fußball als Marktplatz der Mächtigen.
Die Weltmeisterschaft verkommt zur bloßen Kulisse für milliardenschwere Deals, die über den sportlichen Wettbewerb weit hinausgehen. Ein bezeichnendes Beispiel war das Bankett mit Cristiano Ronaldo, Donald Trump und dem saudi-arabischen Kronprinzen (und Journalisten-Zerstückler (Öffnet in neuem Fenster)) Mohammed bin Salman. Hier wurden keine Taktiken besprochen, sondern Rüstungsabkommen und Handelsverträge in einem Rahmen besiegelt, der die klassische Diplomatie geschickt umgeht.
Sponsoren wie »Saudi Aramco (Öffnet in neuem Fenster)« nutzen den Fußball dabei nicht mehr für den Verkauf von Konsumgütern, sondern als Instrument für geopolitische Rohstoffpartnerschaften und Image-Shifting. Die Fans sehen zwar die Logos, können aber kein Öl kaufen. Es geht rein um den Wandel von Staat und Gesellschaft durch globale Vernetzung.
Der Sport dient hier nur noch als prestigeträchtiger Marktplatz, auf dem demokratische Werte gegen geopolitischen Einfluss und kleptokratische Profite eingetauscht werden.
Die Ambivalenz des Fans. Einschalten oder Boykott?

Daniel Cohn-Bendit beschreibt das Dilemma des modernen Fans als einen unauflösbaren Konflikt zwischen Ratio und Leidenschaft. Rational betrachtet ist die Liste der Verfehlungen endlos. Vom ökologischen Desaster des permanenten Hin- und Herfliegens bis zur Zusammenarbeit mit zwielichtigen Despoten. Doch die irrationale Liebe zum Spiel treibt Millionen dennoch vor die Bildschirme, weil sie den "großartigen und bewegenden Fußball" auf höchstem Niveau erleben wollen.
Dieser Widerspruch lässt sich ethisch kaum auflösen, solange Spitzenfußball untrennbar mit dem großen Geld und damit oft mit zweifelhaften Geldgebern verknüpft ist. Wer das Spiel liebt, gerät unfreiwillig in die Rolle des Konsumenten eines Systems, das er politisch eigentlich ablehnen müsste. Man will eben sehen, wenn die großen Fußballnationen gegeneinander antreten, selbst wenn das Herz gegen die Rahmenbedingungen rebelliert.
“Ganz klar. Der Fernseher müsste ausgeschaltet bleiben. [...] Aber das Rationale und das Irrationale kriegt man nicht zusammen, jedenfalls tun die das nicht, die das Spiel lieben.”
(Daniel Cohn-Bendit)
Das Spielfeld der Zukunft. Eine "Helle Aufklärung"?
Um diesem Sog der autokratischen Agenda entgegenzuwirken, bedarf es einer "Hellen Aufklärung", die stoisch den Raum der Mitte mit wertschätzenden Alternativen füllt. Es gilt, sich der Brandbeschleunigung durch ständige Aufregung über inszenierte Tabubrüche zu verweigern. Maja Göpel schlägt hierfür drei entscheidende Leitplanken vor:
• Wirtschaftliche Werte erden: Erfolg darf nicht nur blind nach Finanzwerten deklariert werden, sondern muss soziale und ökologische Substanz bilanzieren.
• Wirklichkeitsentwertung aufhalten: Naturwissenschaftliche Fakten und sachorientierte Diskussionen müssen gegenüber identitätspolitischen Inszenierungen und systematischem Lügen verteidigt werden.
• Wertekrise parieren: Vetternwirtschaft und die Erosion von Umgangsformen dürfen nicht als neue Normalität akzeptiert werden, besonders wenn sie von den "Gewinnern" ausgehen.

Wie wir mit dieser Weltmeisterschaft umgehen, bleibt letztlich eine individuelle Gewissensfrage. Doch die entscheidende Provokation an uns selbst lautet:
Sind wir bereit, uns der meckernd-kapitulierenden Brandbeschleunigung zu verweigern und stattdessen im Kleinen für eine Zukunft einzustehen, die nicht den Autokraten gehört?
taz: Maja Göpel über Wege aus dem Wahnsinn. Gegen die Shitshow (Öffnet in neuem Fenster), Daniel Cohn-Bendit über WM-Ambivalenz. Müsste man die Fußball-Weltmeisterschaft boykottieren? (Öffnet in neuem Fenster)
Amnesty International: World Cup 2026: As FIFA breaks record revenues, fans and communities must not pay the price – new report (Öffnet in neuem Fenster)
nd: Der Fußball verkommt zum Spielfeld der Mächtigen (Öffnet in neuem Fenster) (von Ronny Blaschke)
Wie Rechte Reden (Newsletter vom 11.06.2026): Pünktlich zum WM-Start: Wie Fußballturniere für Propaganda instrumentalisiert werden (Öffnet in neuem Fenster)

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