FILM-KRITIK (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
Es beginnt mit einer Lüge (und das ist ja schon einmal vielversprechend): Fiete (Leonard Scheicher) verheimlicht seiner Freundin Amiri (Zeynep Bozbay), dass er ihren Edel-Retro-Fotoapparat von der Fähre, mit der sie auf eine Nordseeinsel übersetzen, hat ins ewige Wasser fallen lassen – im Watt wäre er ja vermutlich wieder aufgetaucht. Dies wohlgemerkt, als er sie eifersüchtigen Blickes mit einem der Fährangestellten beobachtet. Schnell wissen oder zumindest vermuten wir zu wissen, dass dieser knuffig ausschauende Fiete ein verunsicherter Jungenmann mit Angst vor Konflikt und unangenehmer Wahrheit ist.
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Ziel des in Berlin (nicht zusammen) lebenden Paares ist ein abgelegenes Strandhaus, das Fiete und Familie früher immer besucht haben (jeder Besuch ein Nagel). Nun soll es aufgelöst werden und er will ein paar Sachen von dort nach Berlin holen. Doch unverhofft kommt oft und so erschreckt sich Amiri vor dem Deckengeist... oder Deckengast Luca (Johannes Nussbaum). Denn nicht nur Fietes Familie nutzte das Haus am Watt als Feriendomizil, sondern ebenso Lucas. Gemeinsam. Die Familien waren Nachbarn und die Jungs beste Freunde, bis zu einem Ereignis, dass sie entzwei riss (kurze Erinnerung an den famosen Roman Fast wie ein Bruder von Alain Claude Sulzer (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)).
Schon komisch, dass Fiete diesen ehemals doch besten Freund gegenüber Amiri nicht erwähnt hatte in seiner Berlin-Bubble. Diese wird nicht die einzige sein, die uns im Langfilm-Debüt und Abschlussfilm an der HFF München BUBBLES… wir waren doch Freunde von Sebastian Husak begegnet. Und die zu zerplatzen oder wenigstens beschädigt zu werden droht.
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Bubbles können nun, ganz simpel formuliert, als zwei Dinge definiert werden. Erstens als unterschiedliche Lebenswelten, aus denen meist unterschiedliche Wahrnehmungen, Präferenzen, Entscheidungen und möglicherweise ideologische Einstellungen wachsen. Beispielsweise Klimakleber versus Klimaleugner, Antisemiten (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) und vernünftige Menschen, Freund*innen der Demokratie und demokratische Faschisten (gemäß Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey, mehr dazu in Kürze). Oder plakativer im Söder'schen Sinne: Verweichlicht, vegane Prenzlauer Berg-Hipster versus mann-männliche Breitbein-Weischwurscht-Baiern (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) ohne Gender-Gaga.
https://steady.page/de/thelittlequeerreview/posts/f2573a28-a810-4e36-9431-22d8a4d44523 (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)Zweitens die Art, wie Menschen sich mehr oder weniger natürlich auseinanderentwickeln, weil das im Leben, das irgendwie (fast) immer weiter geht, eben schlicht und ergreifend so ist, wie es eben ist. Das sind dann also Alltags-Blasen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), wie ich sie nennen würde, in denen und durch die eine primär selbst geschaffene Umwelt entsteht, die sich (meist) durch freie Wahl selbst verstärkt und eine*n einhüllt oder einlullt, oftmals ohne dass mensch dies allzu bewusst mitbekommt (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). (Was sie im Übrigen häufig von Ideologien und/oder bewussten (Wahl-)Entscheidungen unterscheidet und dennoch zu Verzerrungen bis hin zu Disconfirmation Bias (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) führen kann, dem meist der Confirmation Bias, also Bestätigungsfehler, vorgelagert ist.)
All dies trifft auf die drei unterschiedlichen Hauptfiguren im mit nicht einmal anderthalb Stunden Laufzeit eher kurzen, dafür inhaltlich sehr üppigen Bubbles zu, den Husak gemeinsam mit Leonard Hettich geschrieben hat. So kann der Film, der zwar ähnlich häufig draußen wie drinnen spielt, durch die fast durchgehende Abwesenheit anderer Menschen doch etwas von einem intensiven Kammerspiel hat, ein wenig überladen daherkommen mit seiner durchaus realistischen Vermengung von Privatem und Politischem. In manchen Momenten scheint es ein derbes Zuviel zu geben: Jedes kleine Gespräch, jeder Blick und jede Geste, jede Reaktion könnte eskalieren. Alles scheint auf einer Goldwaage zu liegen, was Bubbles stellenweise allzu bedeutungsschwanger wirken lässt.

Dann wiederum ist es eben diese pralle Intensität, die sich überträgt und uns Zuschauer*innen mitfühlen, mitdenken und mitleiden lässt. Vor allem aber auch mitzweifeln. Zumal wir lange nicht wissen, wie zufällig die Wiederbegegnung ist und ob nicht mindestens doch eine*r ein falsches Spiel spielt. Als Betrachter*innen blicken wir primär durch Amiris Augen auf das Geschehen, die wie eine indirekte Erzählerin wirkt. (Durchaus mit eigenem Charakter und nicht bloße Staffage, vor allem im zweiten Teil ist es auch sie, die die Dynamik zwischen dem schwindelnden Fiete und dem rumpimmelnden Luca beeinflusst, zwar eher versehentlich, dennoch wirkungsvoll.) Früh ist sie skeptisch, gerät im Laufe eines freudigen Schnacks schnell mit Luca aneinander, als es um Klimakleber und „die wichtigeren“ Probleme wie etwa Armut geht. Hier deuten Husak und Hettich etwas an, das sich später als wahr erweisen und die Situation nochmals komplett verändern wird.
"Ich komme selbst aus einem kleinen norddeutschen Dorf und kenne es sehr gut, mit den Freund*innen von früher in alte Verhaltensmuster zurückzufallen. Es gibt keine andere, neue Ebene mehr, auf der die alte Freundschaft noch funktionieren kann (…) Mir war es in der Inszenierung sehr wichtig, dass man nahe bei den Figuren und ihrer Gefühlswelt ist und die teils schwerwiegenden Entscheidungen mitgeht und nachvollziehen kann.“ - Regisseur und Co-Autor Sebastian Husak
Doch hat die Dreier-Gruppe auch Spaß beim Spazieren, Klettern und Spielen. Und die Jungs beim sich daran Erinnern an das Früher. Was Amiri jedoch mehr und mehr außen vor lässt, wenn sie auch recht lange bemüht ist, Teil der Nummer zu sein. Dass sie mehr als einmal über ihren Schatten springen muss, ist deutlich und nicht immer zu erklären, scheint sie doch a) sehr smart und b) selbstbewusst und eigenständig. Wieso überhaupt spielt(e) sie Fietes Theater so lange mit? Wieso sagt sie immerfort, sie gehe jetzt und bleibt dann doch? Andererseits sind Menschen eben kompliziert (und manchmal fehlt schlicht der Autoschlüssel).
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Letztlich steht auch sie zwischen den Stühlen oder eher zwischen (mindestens) zwei Fietes. Dem Partner und dem besten Freund, der sich schnell der guten Dinge und engen Bindung erinnert. Dass unser Körper ein Gedächtnis hat, wird zwar nicht ausformuliert, ist aber doch irgendwie an jeder Stelle präsent. (Apropos Körper: „das gefallene Blatt“ ist die „Ich-Komm-Mir-Ins-Maul-“Stellung, just saying.) Ergo ist auch Fiete hin- und hergerissen zwischen seiner Loyalität und Liebe zu Amiri, mit der er gern zusammenziehen würde, und der wieder aufblühenden Freundschaft zu Luca.
Dass diese wohl eher nur in der durch den gar nicht so ominösen Vorfall geschmälerten Erinnerung existiert, spielt zunächst keine Rolle. Zu dem großen Drama nur so viel: Einst waren sie drei Freunde, einer starb, und Luca musste dafür büßen, obwohl auch Fiete eine gewisse Mitverantwortung trug und jetzt Verdrängung lebt. Nun ist Wahrnehmung ein trügerisch Ding. Vor allem die Eigenwahrnehmung sowie die Erinnerung (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). So kommt zu Charakterfilm und Gesellschaftsparabel noch ein wenig Thrill, was die beklemmende Musik Giovanni Bergs unterstreicht.

Ähnlich der Bilder Nikolai Hubers von Wasser und Watt, Steigen und Abflachen, hellem Sand und dunkler Nacht, läuft der Film ungleichmäßig, dabei doch verlässlich auf Eskalation, dafür nicht unbedingt Katharsis zu. Beeindruckend ist vor allem, wie Sebastian Husak und Leonard Hettich sowie Scheicher, Bozbay und Nussbaum es fertig bringen, uns an diesen drei nicht wirklich sympathischen Charakteren interessiert zu bleiben. Amiri fährt mit Vorurteilen ins Dorf, scheint es Faschos doch nur auf dem Land und nicht in der Stadt zu geben. Fiete fakes it till he makes it (as if ever). Und Luca entpuppt sich als eine Art Nemesis, scheint dabei immerhin der Authentischste zu sein. Über allem die Frage, wie sehr uns Erfahrungen und Ereignisse prägen.
https://www.youtube.com/watch?v=4w_nYgBWKnc (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)Diese von einem immer unangenehmen Gefühl begleiteten, bedrohlichen Bubbles werfen viele Fragen auf, entlassen uns nicht entspannt nach Hause, regen eher zum Debattieren und Reflektieren an. Oder, für jene, die einfacher gestrickt und in ihre eigene Bubble eingelullt sind, zur Selbstbestätigung. Ein Film ist, was wir daraus machen. Dieses gewellte Debüt jedenfalls kann ärgern und öffnen, was eine feine Sache ist und nicht zuletzt zeigt, dass der deutsche Film nicht nur die immergleichen seichten Komödien (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) oder willfährigen Sozialdramen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) erzählen kann.
AS
PS: Später stößt noch Lucas Freundin Katja (Caro Cult) dazu, was bis auf einen witzigen Semi-Meta-Gag im Grunde unnötig ist.
PPS: Leonard Scheicher und Johannes Nussbaum bewiesen schon in der Verfilmung von Rita Falks HANNES, wie gut sie gemeinsam funktionieren. (Die Review zum Coming-of-Age-Drama gab es in unserem regulären Online-Magazin und hoffentlich bald wieder - siehe IN EIGENER SACHE unten).
PPPS: „Fleisch ist nicht so zeitgemäß“, meint Fiete. Das stimmt sogar und doch ist der Gutmensch-Fiete so cringe mit seltsamen Boomer-Vibes, sowas haben wir lange nicht erlebt.
PPPPS: Zwar kein deutscher Film, doch eine feine Serien-Buchadaption ist Schattenseite. Mehr dazu am Wochenende. Überhaupt sind im Herbst und Winter noch ein paar sehr solide Serien aus dem DACH-Raum (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) am Start. Wir halten euch auf dem Laufenden!
IN EIGENER SACHE: Da unser reguläres Online-Magazin noch immer nicht wieder am Start ist, veröffentlichen wir vorerst hier. Mehr dazu lest ihr in unserem Instagram-Post (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) oder auf Facebook (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Außerdem freuen wir uns immer, wenn ihr uns einen Kaffee spendieren wollt (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) oder uns direkt via PayPal (Mail: info_at_thelittlequeerreview.de) unterstützen mögt.

BUBBLES startet am 23. Oktober 2025 im Kino und ist derzeit auf Kinotour - Infos und Termine findet ihr hier (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre); Laufzeit ca. 85 Minuten; FSK: 12