Du liest Wie du nicht den Verstand verlierst – der Newsletter gegen mentalen Dauerlärm. Heute: Viele halten Schüchternheit für ein Defizit. Die Forschung erzählt eine andere Geschichte.

Hi!
Ich wollte schon lange einmal mit der Paar- und Sexualtherapeutin Julia Henchen (Abre numa nova janela) sprechen. Sie ist mir auf Instagram aufgefallen, weil sie dort auf eine ziemlich erfrischende Weise Klartext über Beziehungen und Sexualität spricht. Darüber, was dabei in der Kommunikation schiefgehen kann (und wie man da rauskommt). Diese Woche telefonieren wir. Wenn du mir eine Frage mitgeben möchtest, die dich beschäftigt: Schreib (Abre numa nova janela)mir, ich nehme sie gerne mit.
Ich habe es oft als Problem empfunden, dass ich eher zurückhaltend bin. Ich dachte, das Gegenteil von Schüchternheit sei Selbstbewusstsein. Dabei stimmt das überhaupt nicht. Leider weiß ich das erst jetzt. Oh boy, hätte es mir geholfen, das früher zu verstehen.
Dabei hilft ein Blick auf das Ozzfest. Ein wanderndes Heavy-Metal-Festival, das für maximale Reizüberflutung gebaut ist: dröhnender Sound, grelles Licht, lange Live-Auftritte. Und ziemlich viele Totenköpfe als Deko. Die Psychologie-Studentin Jennifer Grimes war vor gut einem Jahrzehnt dort, um ihre Masterarbeit zu schreiben. Sie interessierte sich für die Persönlichkeit der Performer. Nach der Show ging sie backstage und fragte die Musiker: Wie seid ihr eigentlich im Alltag?
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Was sie hörte, war verblüffend: Viele von ihnen, die gerade noch über eine extrem laute Bühne getobt waren, beschrieben sich als Menschen, die privat keinen Krach mögen. Die oft das Gefühl hatten, bei anderen nicht gut anzukommen. Sie sagten, dass sie gerne für sich waren, Rückzug brauchten und sich nur in kleinen, vertrauten sozialen Kreisen wirklich wohlfühlten.
Auf den ersten Blick passt das überhaupt nicht zusammen. Was daran liegt, dass Schüchternheit oft missverstanden wird. Schüchterne Menschen sind nicht automatisch leise. Sie können sogar sehr gut darin sein, auf Bühnen zu stehen, Teams zu führen oder ihre Meinung zu sagen.
Wir sind viele
Schüchterne Menschen glauben oft, dass sie aus der Reihe fallen. Dass auf Partys alle anderen Spaß haben, während sie leise schwitzend ihr Bier trinken. In Wirklichkeit sind wir sehr viele. Je nach Befragung sagen 20 bis 40 Prozent der Menschen von sich selbst, dass sie eher schüchtern sind.
Das heißt: Sie fühlen sich in sozialen Situationen eher unsicher oder unwohl. Manchmal nur ein bisschen, manchmal so stark, dass es belastend wird.
Das kann sich wie ein Makel anfühlen, wenn man in einer Kultur lebt, in der Lautstärke und Schlagfertigkeit als Maßstab gelten. In vielen westlichen Gesellschaften wird Offenheit mit Kompetenz verwechselt – und Zurückhaltung mit Unsicherheit.
Zeit, das zu ändern! Die Forschung zeigt, dass Schüchternheit mit vielen positiven Eigenschaften einhergeht.
Schüchterne Menschen sind nämlich häufig:
nachdenklich – sie überlegen genau, bevor sie etwas sagen
gewissenhafte und zuverlässige Kollegen
gut darin, sich Gesichter zu merken
sehr empathisch
wohlwollend, hilfsbereit und altruistisch
rücksichtsvoll in Bezug auf die Rechte, Bedürfnisse und Gefühle anderer
Diese Liste habe ich mir nicht ausgedacht. Sie stammt aus dem Buch „How To Be Yourself“ der US-Psychologin Ellen Hendriksen. Sie ist Angstexpertin und hat sich mit der Forschung zu Schüchternheit und sozialer Angst auseinandergesetzt. Außerdem hat sie ziemlich viel Erfahrung mit schüchternen Klientinnen und Klienten gesammelt. Sympathisch an ihrem Ansatz finde ich, dass ihr überhaupt nicht daran liegt, Schüchternheit zu überwinden.
Nachdem ich „How To Be Yourself“ gelesen habe, ist mir vieles klar geworden. Vielleicht brauchen wir schüchternen Menschen gar keine Persönlichkeitsveränderungen oder ein „neues Ich“, das frei von Selbstzweifeln durchs Leben stapft. Vielleicht wäre es gut, anzuerkennen, dass ein bisschen Schüchternheit gar nicht schlecht ist.
Um das zu verstehen, ist es wichtig, Schüchternheit und Introvertiertheit auseinanderzuhalten.