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WeinLetter #113: Die bittere Bilanz des Weinmarkts 2025. Mit einem Lichtblick?

Liebe Wein-Freund:in,

Du liest den WeinLetter #113. Heute gibt’s: Zahlen. Marktzahlen. Und was sich wieder Gräuliches daran ablesen lässt. Brrrrrr! Da schlottern einem die Knie. Aber Januar ist nun mal der Zahlenmonat. Im Januar kommt’s raus, was die Verbraucherinnen und Verbraucherinnen an Wein, nun ja, verbraucht haben – oder immer mehr nicht verbraucht haben. Und da ein Ausweg aus der Weinkrise sicherlich nur datenbasiert zu meistern ist, gibt’s im WeinLetter #113: Daten. Daten zum sinkenden Weinkonsum. Daten zum stagnierenden Sektkonsum. Und erfreuliche Daten zum alkoholfreien Markt: Die geben Hoffnung – nur für wen? +++ Viel Spaß beim Lesen! Und jetzt empfehlt (und shared) diesen WeinLetter bitte.

Aber vor allem: Trinkt friedlich!

Euer Thilo

Null Alkohol: Rettet das die Weinbranche? Immer mehr Start-ups und klassische Weingüter setzen auf das Produkt FOTO: THILO KNOTT  

Wein Flasche leer. Schaumwein blubbert noch. Alkoholfreie Hoffnung?

1. Schon wieder ne Flasche weniger Weinkonsum – und eine hilflose Antwort des Bauernverbands.

Es ist schon wieder eine Flasche weg. So bildlich ist das zu übersetzen, wenn das Deutsche Weininstitut (DWI) das vergangene Geschäftsjahr vom 1. August 2025 bis 31. Juli 2025 bilanziert. In Zahlen: Der durchschnittliche Pro-Kopf-Verbrauch der über 16-Jährigen im 12-Monatszeitraum sank von 22,2 auf 21,5 Liter Wein. Eine Flasche weniger – weg.

Nimmt man die vergangenen fünf Geschäftsjahre zusammen, 2019/2020 lag der Konsum noch bei 24,2 Litern, dann ist das eine Abstinenz von mehr als 3,5 Flaschen Wein in fünf Jahren.

Dieser Abstieg der deutschen Weinbranche ist höchst alarmierend. Denn die zunehmende Abstinenz der Deutschen geht einher mit zwei weiteren, strukturell eher hinderlichen Phänomenen.

Erstens: Die Deutschen pfeifen auf deutschen Wein. Der Deutsche Bauernverband hat in einer Analyse aus dem Dezember einen historisch niedrigen Marktanteil deutscher Weine am Konsum der Deutschen festgestellt. Der Inlandsmarktanteil ist auf 41 Prozent gefallen – der niedrigste Wert seit Jahrzehnten.

Zweitens: Die Deutschen sparen sich deutschen Wein. Eine Flasche Wein aus dem Ausland kostet nämlich im Durchschnitt 3,72 Euro, während eine Flasche deutscher Wein bei 4,47 Euro liegt. Jetzt ist der Preis von 4,47 Euro für ein „Kulturgut“ (VDP), hüstel-hüstel, ohnehin schon ziemlich im (Wein-)Keller. Aber den unterbieten die deutschen Kundinnen und Kunden dann nochmal in 60 von 100 Fällen.

Der Bauernverband bemängelt weiter: Die Fassweinpreise liegen nur bei 40 bis 60 Cent pro Liter, während die Produktionskosten bei etwa 1,20 Euro pro Liter liegen – ein Kernproblem der Krise. Denn dann lohnt es sich für viele Betriebe nicht mehr, zum Beispiel die unabgefüllten Grundmengen an Kellereien beliefern.

Der Bauernverband verfällt hernach in das übliche Lamento von zu hohen Mindestlöhnen als Teil des Kostenproblems. Bemerkt aber gleichzeitig, dass Saisonarbeitskräfte immer schwerer zu finden seien. Weil es sich für diese nicht lohnt? Es drohen, so beschwört der Bauernverband, Betriebspleiten und verwaiste Rebflächen. Um dann an die Deutschen zu appellieren: „Trinkt mehr deutschen Wein.“ Na, wenn’s so einfach wäre.

2. Der Rettungsanker Sekt: Was geben die Schaumwein-Zahlen her?

Der Genuss von Sekt und Schaumwein wird als positiver Trend immer wieder gerne angeführt, um zu zeigen: Im Markt geht noch was. In der Bilanz des Deutschen Weininstituts ist das tatsächlich ein kleiner, okay, klitzekleiner Hoffnungsschimmer: Denn Sekt und Schaumwein wurden – anders als Wein -  fast genauso viel getrunken wie im Vorjahr. Der Konsum ging leicht um 0,1 auf 3,5 Liter pro Kopf zurück.

Schaut man sich den Konsum über mehrere Jahre an, geht aber auch hier der Trend eindeutig nach unten. Das geht aus Zahlen des Statistischen Bundesamtes hervor, das sich auf Daten der Steuerstatistik beruft. Denn der Bund kassiert ja Sektsteuer. 2024 also wurden hierzulande 255,3 Millionen Liter Schaumwein abgesetzt. Das war fast ein Fünftel weniger als zehn Jahre zuvor. Heute entspricht das 4,8 Flaschen Schaumwein pro Person ab 16 Jahren. 2014 lagen die Werte noch bei durchschnittlich 6,1 Flaschen. Das relativiert den Sekt-Hoffnungsanker.

Wie sieht es denn in der Grande Blubber-Nation Frankreich aus? Der Branchenverband Comité Champagne vermeldet hier: Im Jahr 2025 wurden rund 266 Millionen Flaschen Champagner ausgeliefert, was einem leichten Rückgang von knapp zwei Prozent gegenüber 2024 (271,4 Millionen Flaschen) entspricht. Also auch eher: „Au revoir“ statt „À votre santé“!

Interessant dabei: Die Exporte gingen nur um ein Prozent auf fast 152 Millionen Flaschen (153,2 Milliionen Flaschen in 2024) zurück. Der französische Markt verzeichnete jedoch ein deutlicheres Minus: Um 3,7 Prozent sank der inländische Champagner-Verkauf. Hier wurden nur noch 114 Millionen Flaschen umgesetzt (2024: 118,2 Millionen Flaschen). Die Franzosen trinken also weniger Frankreich-Blubber.

3.  Die große Hoffnung: Alkoholfreie Weine und Sekte. Hoffnung für wen?

Der Marktreport der Impact Datenbank ist der Gradmesser für den Absatz des US-amerikanischen Marktes. Er ist ja auch der interessanteste Exportmarkt der deutschen Weinbranche – wenn US-Präsident Donald Trumpo nicht wieder mit seinen Zöllen um die Ecke kommt. Also: Der Weinmarkt ist in den USA um fünf Prozent geschrumpft. Interessant dabei auch: Erstmals seit 1979 trinken die US-Amerikaner wieder mehr Hartes, also Spirituosen, als Wein.

Und doch: Das positive Signal setzen alkoholfreie Weine. Sie verzeichnen ein Wachtsum von zehn Prozent.

Es ist ein Indikator, dass der Markt deutlich wächst. Nur: Für wen? Denn gleichzeitig konkurrieren in dem größer werdenden Segment auch immer mehr Player.

Beispiel 1: Frankreich. Dort gab die Großkellerei Castel-Vins just bekannt, Millionen Euro in eine Entalkoholisierungsanlage in La Chapelle-Heulin im Department Loire-Atlantique zu investieren. Die Produktionskapazität soll einige Millionen Flaschen pro Jahr betragen, dort sollen mehrere alkoholfreie und alkoholreduzierte Linien des Unternehmens produziert sowie Serviceleistungen für Dritte angeboten werden. Es geht hier um: Massenproduktion.

Beispiel 2: Italien. Dort wurde Ende 2025 ein lange ersehnter Rechtsrahmen für die Produktion und den Verkauf von entalkoholisierten Weinen verabschiedet. Hier ging es zum Beispiel um Steuerregelungen. „Die Freigabe des interministeriellen Dekrets zur italienischen Produktion von alkoholfreien Weinen ist eine gute Nachricht nach einem für den Sektor schwierigen Jahr 2025. Immer mehr italienische Unternehmen sind bereit, in die Kategorie der alkoholfreien Weine zu investieren. Diese Maßnahme stellt einen Wendepunkt dar, um unter gleichen Wettbewerbsbedingungen wie andere europäische Hersteller zu agieren“, sagte Paolo Castelletti, Generalsekretär der Unione Italiana Vini (UIV).

Heißt: Obwohl entalkoholisierter Wein in der EU bereits seit 2021 offiziell als Wein gilt, leistete Italien lange Widerstand gegen die Umsetzung der Verordnung. Viele Winzerinnen sahen darin eine Gefahr für die italienische Weinkultur. Jetzt aber können italienische Kellereien in Italien – wie andere Länder auch – entalkoholisierte Weine produzieren und in Exportländern als Wein vermarkten.

Es geht dabei auch in Italien vor allem um neue Absatzchancen für große Produzenten – also für Kellereien wie in Frankreich. Die italienische Tochterfirma von Mack & Schühle zum Beispiel hat noch im Februar die Einweihung einer großen Entalkoholisierungsanlage bekannt gegeben. Mack & Schühle ist ein Distributeur internationaler Wein‑ und Spirituosenmarken aus Owen, Baden-Württemberg, mit dreistelligem Millionenumsatz.

Der Markt für alkoholfreie Weine weckt also die Phantasien: Die UIV schätzt den weltweiten Markt entalkoholisierter und teilweise entalkoholisierter Weine momentan auf 2,09 Milliarden Euro. Die Prognose liegt bei 2,87 Milliarden Euro bis 2028.

Stellt sich nur die Frage: Wem hilft der Boom der Alkoholfreien? Wie es aussieht denen, die in große Entalkoholisierungsanlagen investieren können - und nicht dem “normalen” 17-Hektar-Betrieb. Der neue Markt wird zu einem Massenmarkt für Großproduzenten. Und damit den Marktmechanismen des “normalen” Weinmarkts folgen.

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