Wir wissen nicht erst seit diesem Jahr, dass es eine Strategie der AfD ist, politische Inhalte so zu verkürzen und sich als Retter zu gerieren, dass sie damit über Online-Inhalte eine breite Unterstützung erzeugt. Sicher: Man kann den Erfolg der AfD nicht auf Kurzvideos herunter brechen, aber dass die Sozialen Medien beim Rechtsruck eine Rolle spielen, ist unbestritten. Dies führt unweigerlich zu der Frage, ob wir eine Art demokratischen Populismus brauchen - was auch immer das sein soll. Einige Gedankengänge dazu gibt es in diesem Newsletter.
Ein kurzer Dank
Dies hier ist mein politischer Newsletter, in dem ich offen und laut über Dinge nachdenke, die nicht, oder nur in zweiter Instanz mit Bildung zu tun haben. Meinen Bildungsnewsletter, der heute zum zweiten Mal erschienen ist, kann man hier anschauen (Öffnet in neuem Fenster). Mein Ziel ist es, weiter von Social-Media und den willkürlichen Algorithmen unabhängig zu werden. Aus dem Grund freue ich mich, wenn ihr diesen Newsletter abonniert.
Ein besonderer Dank gilt den ersten 1081 Abonnenten meines Bildungsnewsletters und den ersten 116 Abonnenten dieses Newsletters, und insbesondere denjenigen, die mich als Mitglieder unterstützen (ganz frisch: Juliane, danke an dieser Stelle). An alle, die dies mit Interesse und Gewinn lesen: Ich freue mich sehr, wenn ihr den Newsletter abonniert, teilt oder weiterleitet.
“Menschenfeindlichkeit als ‘Vision‘”
Die AfD, so könnte man provokant formulieren, ist die einzige Partei mit einer Vision. Einer rassistischen, menschenfeindlichen, antiliberalen Vision, aber eben einer Art von Vision, die die Menschen verstehen. Im Grund lässt diese sich in der rassistischen Version des durch den Vorfall auf Sylt bekannt gewordenen Liedes "L'amour toujours" (Öffnet in neuem Fenster) zusammenfassen: Als popkulturelles Echo des schon von der NPD genutzten Slogans: “Deutschland den Deutschen - Ausländer raus!”
Die AfD, so könnte man provokant formulieren, ist die einzige Partei mit einer Vision. Einer rassistischen, menschenfeindlichen, antiliberalen Vision, aber eben einer Art von Vision, die die Menschen verstehen.
Dass das Narrativ dieser offen rassistischen Haltung mittlerweile eine breite Akzeptanz im Diskurs hat, zeigt sich schon dadurch, dass der Begriff der “Remigration”, der als “Geheimplan gegen Deutschland (Öffnet in neuem Fenster)” durch die Correctiv-Recherche noch Millionen Menschen auf die Straße brachte, mittlerweile offizieller Bestandteil des Wahlprogramms der AfD (Öffnet in neuem Fenster) ist. Die Diskursverschiebung fand erst jüngst einen weiteren beschämenden Höhepunkt, indem die öffentlich-rechtliche Sendung Caren Miosga im Sendungstitel fragt: “Ist Trump ein Vorbild für Deutschland, Herr Chruppala?” und damit gleich mehrfach den Rechtsextremen Vorschub leistet. Lorenz Meyer analysiert dies unter anderem auf Threads (Öffnet in neuem Fenster) als “redaktionelles Versagen als Sendungstitel”:
Indem die Frage als legitim geframed wird.
Indem Chruppala zum Experten für die Frage gemacht wird.
Indem die “Ja-Nein-Frage” zu einer Steilvorlage für den AfD-Man wird.
“Journalistische Fragen erkennt man daran, dass sie den Befragten zwingen, etwas preiszugeben, das er lieber verschwiegen hätte. Gefälligkeitsfragen erkennt man daran, dass jede Antwort dem Befragten nützt. Die Miosga-Redaktion hat sich entschieden.” (Lorenz Meyer am 6.2.2026 auf Threads)
Ein falsches Versprechen
Nun wäre es verkürzt zu meinen, dass Menschen das rassistische Programm nur deshalb wählen, weil ihnen ein Satz gefällt. Das offene Versprechen hinter eine Politik der Menschenverachtung, die in den USA mit der Kampftruppe ICE längst die realen Auswirkungen zeigt, ist jenes, dass es den “Einheimischen” (wer auch immer das dann noch sein soll) besser geht, wenn die “Immigranten” das Land verlassen. Dass es andersherum ist und das AfD-Programm vor allem jenen zum Nachteil gereichen würde (Öffnet in neuem Fenster), die gerade die glühendsten Unterstützer sind, ist längst ausgemacht. Hier spielt die Emotion eine größere Rolle als die vernunftgemäße (wenn man das überhaupt so nennen kann) Entscheidung. Womit wir beim Populismus wären.
Es ist klar, dass an dieser Stelle keine Abhandlung über die Definitionen und die Abgrenzungen von Populismus durchgeführt werden kann, deshalb greifen wir auf einen Teil der Abhandlung von Frank Decker bei der Bundeszentrale für politische Bildung (Öffnet in neuem Fenster)zurück (der in seinem Beitrag gerade das Problem der wissenschaftlichen Umstrittenheit des Begriffs betont):
Als Populismus bezeichnet man eine politische Grundhaltung, die in radikaler Opposition zu den herrschenden politischen und gesellschaftlichen Eliten steht und für sich selbst reklamiert, den „wahren“ Volkswillen zu erkennen und zu vertreten. Kern dieser Haltung ist die dichotomische Abgrenzung des moralisch guten, tugendhaften Volkes von den als korrupt und selbstsüchtig bezeichneten Vertretern des sogenannten Establishments.
Allein aus dieser Kurzfassung ergibt sich, dass es einen demokratischen Populismus kaum geben kann. Weshalb Publizistin Marina Weisband dennoch für einen demokratischen Populismus warb, verdeutlichte sie in der Sendung “Titel, Thesen, Temperamente”.
(Öffnet in neuem Fenster)Hier zeigt sich, dass Weisband den Begriff des Populismus vom Rezipienten her denkt: Es geht um eine Kommunikationsform, die gleichzeitig plakativ ist (und damit verkürzt) und die Emotionen anspricht. Ob dies dann noch Populismus zu nennen ist, ist fraglich und alleine deshalb vom Autor dieses Textes selbst von Belang, als dass Formen sozialmedialer Verkürzung im Bildungsbereich von semiintellektuellen Kommentatoren aus der progressiven Szene selbst als populistisch gebrandmarkt wurden.
Plakativ-emotionale Politikkommunikation
Insofern müsste man, wenn man der Argumentation folgt, fragen, was nach der plakativ-verkürzten Kommunikation folgt. Mit anderen Worten: Was wäre das Versprechen hinter einem Slogan, der gleichzeitig emotional geladen, verkürzt, aber innerhalb des politischen Spektrums ist? Am ehesten könnte man noch davon sprechen, dass DIE LINKE Formen einer solchen Kommunikation anwendet, deren Botschaft dann der Versuch ist, den Kulturkampf in einen Klassenkampf- oder zumindest -bewusstsein zu ändern, so dass die Frage weniger lautet, inwiefern die Verteilungspolitik innerhalb eines Sozialstaates ärmere Bevölkerungsgruppen bevorteilt (also die Erzählung der AfD, dass Flüchtlinge für die Misere des einfachen Arbeiters verantwortlich sind), sondern inwiefern eine faire Verteilungspolitik jene in die Verantwortung nimmt, die in den oberen 0,1% des Verdienstes sind.
Noch kürzer könnte man in Bezug auf die anderen Parteien fragen:
Was ist die momentane Botschaft der SPD?
Was ist die momentane Botschaft der CDU?
Was ist die momentane Botschaft der GRÜNEN?
Usw.
Es ist nachvollziehbar, dass das realpolitische Tagesgeschäft Priorität vor sozialmedialen Strategien, abstrakten Visionen oder dem Einfluss in Diskurse haben muss, weshalb sowieso schon populistische Parteien (also jene, auf die die Elitenschelte im wahrsten Sinne zutrifft) einen Vorteil haben, der doch die algorithmische Verstärkung von Kurzthesen noch unterstützt wird.
Aber ohne eine wirksame, verständliche, plakative und emotionale Erzählung wird dem populistischen Rechtsradikalismus (insofern diese Zusammensetzung das Spiel der AfD beschreibt) kein Gewicht entgegengesetzt.
Das alles aber unter der Annahme, dass es wirklich einen demokratischen Populismus braucht. Und so möchte ich unbefriedigend enden, indem ich die Frage an die Leser:innen weitergebe. Denn vor dem Hintergrund der hier beschriebenen Gedanken kann ich nicht behaupten, eine eindeutige Antwort zu haben. Meine Tendenz wäre, dass es eine Vision, eine Verkürzung und eine emotionalisierte Botschaft braucht, die aus mehr besteht als aus der Ablehnung rechtsextremer Thesen, sondern im besten Sinne progressive Ideen als Möglichkeit für den Einzelnen präsentiert. Aber sicher bin ich mir nicht.
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