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Feiertage sind seismische Zonen

Wie oft ich in diesem Jahr schon wieder dafür ausgelacht wurde, dass ich ein Weihnachtsfan bin! Faszinierend. Warum ist Weihnachten für manche — oder sind es viele? — so ein guilty pleasure? Warum finden es Menschen peinlich oder zum (fremd-)schämen, wenn man Schwibbögen, leuchtende Sterne und Hoffnung auf Ruhe und Frieden ins Fenster stellt? Warum lachen mich erwachsene Leute laut schallend aus, wenn ich in der Vorweihnachtszeit bei Zusammenkünften um das Abspielen einer Weihnachtsplaylist bitte? Welche schlechten Erfahrungen stecken hinter dieser Abwehr und Ablehnung? Es kommt mir so vor, dass Weihnachten für ebenso viele Menschen das Sinnbild für Konservatismus und Anti-Coolness darstellt, wie es für andere Menschen ein sicherer, erholsamer Hafen für Rückzug und Gemütlichkeit mit ein bisschen Schingelingeling hier und Puderzucker da ist. Wie schon erwähnt — faszinierend. Vielleicht steckt dahinter, zumindest in Teilen, dass Weihnachtzeit für die meisten auch Familienzeit bedeutet. Also zurück in die Vergangenheit, die eigene. Zurück zur Ursprungsfamilie, raus aus der komfortablen Bubble, rein in alte unliebsame Familiendynamiken und Konversationen über Hüftgelenks-OPs und Magenbitter. Man kann es nicht wegleugnen: in vielen Familien weltweit, kommen an Weihnachten Menschen zusammen, teils aus Pflichtgefühl, teils aus sozialem Zwang, die eigentlich nicht zusammen sein wollen. Und wo es große Familien gibt, die trotz Verschiedenheiten, Zwistigkeiten und Missverständnissen hervorragende Festtage verbringen und von emotionalem Weihnachtskater noch nie etwas gehört haben, so gibt es auch Familien, die so dysfunktional sind, wie eine bekerzte Pyramide ohne Glaslager. Solch eine Pyramide steht schneller in Flammen und dann der Baum und dann die ganze Weihnachtsbude, als man Väterchen Frost aussprechen kann. Es sei denn, man sitzt gespielt feierlich zusammen, reicht sich freundlich nickend die Soßiere durch und hat sich außer zum Wohl nicht viel zu sagen, neben dem man sich non-verbal sehr wohl so ziemlich alles sagt. Solange man inneres Unwohlsein einfach meisterhaft maskiert, hat man neben dem erwähnten emotionalen Kater nach den Festtagen nichts zu befürchten. Denn maskieren ist sozial akzeptiert, sogar erwartet. Was aber, wenn das Maskieren durch neurodivergente Züge, diagnostizierte Neurodivergenz oder Neurotizismus nicht gelingt? Weihnachten eine Absage erteilen? Sozialer Rückzug? Trotz dessen man so ein Fan dieser Art klingelndem Glöckchen-Festival ist? Trotz dessen man ein soziales Wesen ist, was tiefe Bedürfnisse nach Verbindung und Klärung und Anerkennung ist? Diese Fragen sind rhetorischer Natur, kein persönliches Outing (bitte! haben wir schon geklärt) und jede/r findet eigene Antworten darauf. Vielleicht hilft mein Text ein wenig dabei. Denn mit Konflikten, Brüchen und Rissen, tun sich nicht nur Neurodivergente schwer. Das ist ein kollektives Problem.

Illustration: Christin Herrmann

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