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Frauen ohne Wut

Zur Einleitung wieder etwas Nabelschau: ich verhandle gerade mit mir selbst, ob ich es zum Kotzen finde, dass ich weiterhin nett, kommunikativ und diplomatisch zu Männern im Online-Dating bin, die neben persönlichen Zumutungen wirklich mit einer Kühnheit fragwürdige Werte und Weltanschauungen in den Chat kippen, die jede Hoffnung auf gesellschaftlichen Wandel schmelzen lassen, wie Butter in der Sonne, oder ob ich mich dafür loben soll, dass ich trotz allem mühevoll und einfühlsam bleibe.

Besuche auf Dating-Plattformen bestätigen, was Statistiken und Medien unlängst zeigen. Es ist rau, stumpf, spöttisch und keiner mag sich für ein paar Nachrichten des gegenseitigen Abklopfens mehr Mühe geben; auch Satzzeichen sind zu viel, Ansprache oder Absätze scheinen in dieser Branche der Liebesmache höchstens was für Textaffine und Spinnerinnen wie mich zu sein. Männer, die sich ohne weitere Nachrichten zu verlieren und ohne den Profiltext zu lesen, sofort treffen wollen, erklären auf den mit ein paar Zahlen unterfütterten Hinweis, dass die Welt für Frauen nicht die gleichen Bedingungen und Sicherheiten bereit hält, wie für Männer: „I don't like this overly simplistic view of power dynamics. One can argue similar and quite disturbing facts about how young boys are being abused today in ways that curls my hair thinking. The inherent problem in my mind is that women are weaker physically than men, and nothing can change that. No matter what law or social norms we try to inact it all amounts to a simple fact - in life the powerful will always be in a position to abuse their power.“

Wow, wie ein 50jähriger Mann, mit Diplomatenstatus, einfach völlig selbstbewusst die soziokulturelle Evolution der gesamten Menschheitsgeschichte auf einen recht schlichten, ich sag mal, tierischen Reflex runterbricht und sich damit nicht nur sich selbst allen Intellekt, komplexes Bewusstsein und die Fähigkeit sich von Vernunft und Empathie leiten zu lassen abspricht, sondern auf meine vorher vorgebrachten Fakten in Zahlen zur Unterdrückung von weiblich Gelesenen mit einer tatsächlich overly simplistic view sich selbst dumm macht und dabei bestätigt, wie unterschiedlich Männer und Frauen über Themen sprechen, von denen sie keine Ahnung haben. Im Internet gibt es für dieses Verhalten von Männern einen neuen alles aussagenden Begriff, mit dem Feministinnen sich belustigen: the audacity.

Ich könnte noch ein wenig mehr plaudern, es gab schon sehr lustiges, was eigentlich eher sehr beunruhigend ist, aber wenn man es nicht mit Humor nimmt, hält man es nicht aus, wie wenn zum Beispiel einer spirituell schwurbelt, um Geschlechterrollen zu rechtfertigen und zu zementieren: „ich fühle mich in meiner männlichen Energie und weiß, dass eine Frau wenn sie in ihrer Energie ist, wunderbar mit mir harmoniert.“, aber es würde den Raum zu sehr füllen und meine Leser:innen würden womöglich wieder nur über mein Privatleben nachdenken, anstatt über die Frage, warum zur Hölle wir Frauen bei sowas am Ende trotzdem noch sorgsame und freundliche Sprache wählen, während wir einen Korb verpassen und uns Gedanken darüber machen, ob das Gegenüber das gut aufnehmen wird.

Illustration: Falko Walter

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