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Newsletter - dein kreativer Journaling Kurs #28 Perspektivwechsel

Newsletter – dein kreativer Journaling Kurs #28

Perspektivwechsel – aus der Sicht des inneren Kindes oder des Zukunfts-Ichs schreiben lernen

1. Warum Perspektivwechsel beim Schreiben so kraftvoll ist

Es ist ein bisschen der normale Lauf der Dinge: Ich setze mich allmorgendlich mit meinem Journal und meinem Füller hin und skizziere meine aktuelle Situation. Ein Ritual, das in seiner festen Form so Halt gebend wie auch manchmal begrenzt ist, denn Tagebuch schreiben, das bedeutet oft: ich plus mein aktueller Blick auf mich selbst = meine Wahrheit. Journaling kann eine sehr gut Möglichkeit sein, sich selbst zu reflektieren und sich gedanklich weiter zu entwickeln, jedoch geschieht es eben auch oft, dass wir uns schreibend stets in den eigenen Gedankengrenzen bewegen und dementsprechend auch aus denselben Denkmustern heraus schreiben. Den meisten Menschen fällt es nicht natürlicher weise schon leicht, geschweige denn ein, sich einfach mal auf die Spuren einer neuen, untypischen oder vielleicht ungewohnten Denkperspektive zu begeben. Um aus dieser Begrenzung unserer eigenen Gewohnheit herauszukommen, eignet sich ein Perspektivwechsel, der gerade schreibend sehr gut vorgenommen werden kann und daher zum Handwerkszeug eines Journaling-Alltags unbedingt dazu gehören sollte.

Ein Perspektivwechsel, auch ein selbst-verordneter, bringt uns gedankliche Weite, führt dazu dass wir unsere Gedanken neu sortieren, uns vielleicht sogar in Frage stellen lassen. Aus dieser mentalen Beweglichkeit ergeben sich neue Gedanken, neue Gefühle und manchmal auch neue Handlungsspielräume. Dabei kann, aber muss ein Perspektivwechsel sich nicht zwangsläufig auf die Außenperspektive beziehen. Obwohl es auch hilfreich sein kann, mal bewusst die Perspektive des Partners oder der Kollegin einzunehmen, kann es schon ein Augenöffner sein, sich selbst aus einer anderen Sichtweise heraus sprechen zu lassen. Aus diesem Grund würde ich euch gerne mit zwei sehr wirkungsvollen Perspektivwechseln vertraut machen: Dem Schreiben aus der Perspektive des eigenen inneren Kindes und eines imaginären zukünftigen Ichs, mit dem du ins Zwigespräch gehen kannst. Perspektivwechsel-Journaling ist wie einmal um das eigene Leben herum gehen und es sich von einer anderen Seite anschauen.

2. Was bedeutet Perspektivwechsel konkret im Journaling?

Perspektivwechsel bedeutet nicht, dass du beim Schreiben plötzlich anders denken sollst als bisher, sondern es bedeutet eher, dass wir aus einer anderen inneren Stimme heraus schreiben und damit die gewohnte oder sehr geprägte Sicht einmal verlassen. Wir können einen Wechsel der zeitlichen Ebene vollziehen („Wie werde ich wohl in 10 Jahren darüber denken?“ oder auch „Wie habe ich mich als Kind in solchen Momenten gefühlt und was habe ich mir für meine Zukunft gewünscht?“) oder aber auch einen Wechsel unserer emotionalen Haltung zu einer bestimmten Sache, etwas von „traurig-verletzt“ hin zu „weise und voller Selbstmitgefühl“. Vielleicht kennt ihr den Postkarten Spruch „Tanze, als würde dich niemand beobachten. Liebe, als wärst du nie verletzt worden. Lebe, als wäre der Himmel auf Erden“? Das illustriert ein wenig die innere Haltung beim Perspektivwechsel-Journaling: Wir müssen uns nicht „zwingen“ eine andere Sichtweise einzunehmen oder zu übernehmen, wir müssen nicht anders denken, sondern wir können sehr behutsam andere Denk- und Sichtweise ausprobieren. Es geht also nicht darum, „richtig“ zu schreiben, eine andere „richtigere“ Haltung einzunehmen, sondern darum, die Dinge anders wahrzunehmen. Und das schöne daran: Das kann man in aller Freiheit tun – niemand beobachtet dich dabei, niemand bewertet dich. Du kannst spielerisch ausprobieren und dich fragen: „Ich fühle mich verletzt, dabei würde ich viel lieber über den Dingen stehen. Wie würde jemand weise, furchtlos, optimistisch auf bestimmte Dinge reagieren? In deiner Tagebuch Zeit kannst du es ausprobieren. Und am Besten gelingt das tatsächlich durch initiative Fragen.

3. Schreiben aus der Sicht des inneren Kindes

Die Idee vom „inneren Kind“ ist den meisten vermutlich bekannt durch den Besteller „Das Kind in dir muss Heimat finden“ von Stepahnie Stahl. Es handelt sich um ein psychologisch fundiertes Konzept, in dem Gefühle, Erfahrungen und Prägungen, die aus unserer Kindheit stammen und in unseren Erwachsenen-Ichs aber nach wie vor aktiv sind, in den Blick genommen und als Teil der heutigen Persönlichkeit wahrgenommen. Das „innere Kind“ ist also eine Art Symbol für frühe Prägungen, Bedürfnisse und Verletzungen, die sich tief eingeprägt haben und uns bis heute begleiten und auch unsere Sichtweisen und Handlungen steuern. Im Alltag zeigen sich diese Anteile des inneren Kindes zB wenn wir deutlich stärker und emotionaler reagieren als das Ereignis „eigentlich“ hergibt. Wenn wir uns klein, verletzbar und unterlegen fühlen, wenn jemand etwas bestimmtes sagt oder tut. Mechanismen und Bedürfnisse wie schneller Rückzug, übersteigerter Perfektionismus, das Heischen nach Anerkennung, ein tiefgreifendes Bedürfnis nach Nähe oder Bestätigung oder gesehen werden, können Spuren aus der eigenen Kindheit sein. Das innere Kind spricht oft leiser, aber durchaus sehr klar.

Wenn wir unser kindliches Ich im Journaling zu Wort kommen lassen, können wir Zugang zu alten, manchmal unverarbeiteten Emotionen erhalten, Sehnsüchte offenlegen und dahinterliegende Bedürfnisse erfüllen. Es ist sogar durchaus möglich, dass das Erwachsene Ich dem kindlichen Ich wie der Elternteil begegnet, der in der Kindheit gefehlt hat. Manchmal entlarvt die Perspektive des inneren Kindes auch „erwachsene Rationalisierungen“: Wir Erwachsenen sind nämlich ziemlich gut darin, die Dinge vernünftig zu erklären: „Ich stelle mich vielleicht nur an“, „So ist das Leben, da muss man durch“, „Das wird schon vorbei gehen!“ Auf diesen Weise kann man unangenehme Gefühle sehr gut klein halten und wegschieben. Das innere Kind hingegen denkt und fühlt direkter: das ist unfair/ich bin traurig/ich fühle mich schon wieder allein gelassen/Ich will doch nur endlich mal gesehen werden. Die Arbeit mit dem inneren Kind kann Muster und und Schutzstrategien sichtbar machen. Wenn du dich intensiver mit deinem Inneren Kind auseinandersetzen willst, empfehle ich das Buch von Stepahnie Stahl oder eine psychologische Beratung bei jemandem, der dich auf diesem Weg zu begleiten vermag.

Beim Journaling kannst du die Perspektive deines inneren Kindes zB durch folgende Sidekicks sichtbar machen und aufspüren:

„Ich bin klein [denk dir dabei ein bestimmtes Alter] und ich wünsche mir, dass…“, „Warum sieht mich niemand, wenn…“, „Ich habe furchtbare Angst, dass…“, „Das hat mich damals verletzt: …“, „Wenn ich mir einfach vertrauensvoll alles wünschen könnte, hätte ich gerne..:“, „Damals habe ich mir versprochen: Wenn ich groß bin...“, „meine größten Träume in dieser Angelegenheit waren immer...“

Innere Kind Arbeit kann viele heilsame Emotionen hervorrufen (Tränen, Wärme, Weichheit), aber auch großen inneren Widerstand („Das ist doch albern“). Deine Gefühle beim Schreiben zu beobachten ist ein wichtiger Teil des Prozesses. Denn dadurch kannst du weiter fragen: Warum ist mir das eigentlich gerade zu peinlich? Wie kommt es, dass schon mein kindliches Ich so gefühlt hat? Oder andersherum: Warum hat sich bis heute nichts an diesen Gefühlen geändert?

4. Schreiben aus der Sicht des Zukunfts-Ichs

Diese Technik ist vielen vielleicht annähernd vertraut durch typische Reflexionsfragen der Richtung: Wo siehst du dich in 5 Jahren/ oder in 10 Jahren. Gerade in meiner Arbeit als psychologische Beraterin empfinde ich die Frage in die Zukunft als eine sehr mächtige Perspektive, denn die meisten Menschen, die im Hier und Jetzt ihre Probleme noch annähernd aushaöten können und manches aus Angst vor Veränderung ertragen, werden vielfach aufgerüttelt durch die Frage: Und würdest du den Status Quo so lassen wollen, wenn du dann in 5 (10, 15) Jahren noch immer da stehst, wo du heute bist? Der Blick in die Zukunft führt uns zum einen immer mal wieder vor Augen, dass das Leben endlich und daher kostbar ist, zum anderen ist es aber auch so, dass es von uns allen eine Version gibt, die es schon weiter geschafft hat als unser heutiges Ich. Nicht perfekt, aber weiter. Durch mutige Entscheidungen, beherzte Schritte, verziehene Fehler und friedvolles Loslassen. Einmal bewusst aus dieser Perspektive zu schreiben verändert etwas Grundlegendes: Du steigst aus dem Kreis deiner aktuellen Gedanken aus und betrittst gedanklich einen Raum, in dem sich zwischen deine aktuellen Sorgen und Ängste so etwas mischen kann wie Hoffnung oder Träume an eine andere, vielleicht bessere Zukunft. Die meisten schweren Gefühle und akuten Sorgen können wir uns in 5 oder 10 Jahren als „weniger relevant“ oder sogar „erledigt“ vorstellen. Dein Zukunfts-Ich formuliert nicht nur „Ich weiß gerade keinen Ausweg“, sondern zum Beispiel „Ich möchte wieder glücklich sein“. Dinge, die sich jetzt riesig anfühlen, erscheinen dir aus zukünftiger Sicht (hoffentlich) handhabbarer und das nicht etwa, weil sie klein oder nichtig geworden sind, sondern weil du dich weiter entwickelt hast. Dabei musst du nicht wissen, was in deiner Zukunft sein oder passieren wird, du borgst dir einfach nur eine Perspektive deiner selbst, die mehr Ressourcen und Hoffnungen im Gepäck hat als du dir aktuell erlaubst. Du kannst deine Träume sprechen lassen und dich so mutig, gereift oder geheilt denken, wie du es dir für deine Zukunft wünschen würdest. Meist switchen wir beim Übernehmen unserer zukünftigen Perspektive automatisch von einer grübelnden in eine eher orientierte und daher ressoucenvollere Variante unserer Persönlichkeit. Natürlich ist das ein Stück weit einfach Phantasie, aber genau das kannst du als Raum für Möglichkeiten ansehen und dir Selbstführung statt aktueller Selbstzweifel erlauben.

Wie kann man am Besten einen Zukunfts-Ich Perspektivwechsel vollziehen? Hier einige Schreibimpulse für dich: Schreibe dir aus deinem Leben in 5 Jahren einen Brief. Wenn du magst, kannst du dich von folgenden Satzanfängen inspirieren lassen: „Du wirst verstehen, dass…“, „Das, worüber du dir gerade Sorgen machst…“, „Vertrau darauf, dass…“, „Hier ist mein Rat an dich: …“

Eine weitere Variante für den Perspektivwechsel wäre: Schreibe eine Vision von deinem Leben in 5 Jahren, zum Beispiel in der Art eines typischen Tagesablaufs deines Lebens in 5 Jahren. Welche Menschen sind in deinem Leben? Welchen Beruf übst du aus? Welche Sorgen drücken dich nicht mehr? Welche Emotionen begleiten deinen Tagesablauf? Womit verbringst du deine Freizeit?

Das Besondere an dieser Perspektive kann sein, dass sich gerne dein Tonfall gegenüber dir selbst verändern darf. Dein zukünftiges, vielleicht ein wenig weiseres Ich darf liebevoll und verständnisvoll reden und Mut machen.

5. Exkurs: Zirkuläre Fragen in der systemischen Beratung – kannst du auch selbst

Was sind zirkuläre Fragen? Zirkuläre Fragen sind eine Fragetechnik aus der systemischen Beratung, besonders wenn es im Gruppenberatungen oder -perspektiven geht, im familiären oder Arbeitskontext. Statt dich direkt nach deiner eigenen Sicht zu fragen, laden zirkuläre Fragen dazu ein, durch die Augen eines oder einer anderen Beteiligten auf die Situation zu schauen. Also konkret darum sich zu fragen: Was denkt wohl jemand anders aus der Runde über mich oder über die aktuelle Konfliktsituation? Auf diese Weise stellt eine zirkuläre Frage eine Beziehung zwischen mehreren Perspektiven her und schafft es damit oft, dass Bewegung in gedanklich sehr festgefahrene Sichtweisen kommt. Aber auch in Einzelsitzungen können zirkuläre Fragen eingebaut werden, indem eine dritte Instanz (neben Klient und Therapeut) ins Spiel kommt. Das kann eine reale Person (Partner, Kollege, Kind), eine ausgedachte Person (Superheld, Ahnen, eine historische Figur, die wir bewundern) oder sogar ein Anteil deines eigenen Inneren sein (was sagt dein Kritiker dazu? Und was entgegnet die Selbstliebe, die mehr Raum für sich einnehmen wollte?). Auf diese Weise kann ein gesunder Abstand zur eigenen Sicht auf die Dinge hergestellt werden, denn in der Regel sind wir emotional sehr identifiziert mit unserer aktuellen Sicht auf die Dinge.

Eine typische zirkuläre Frage, die gerne gestellt wird, ist z. B. „Was würdest du deiner Freundin raten, wenn sie in dieser Situation wäre?“ Eltern, die sich trennen wollen, sich jedoch Sorgen machen um ihre Kinder, frage ich gerne: „Angenommen dein Kind käme später als Erwachsener zu dir und schildert dir anschaulich, dass es in seiner Ehe einfach nicht mehr glücklich ist. Würdest du deinem Kind raten, die Zähne zusammenzubeißen? Oder würdest du dir wünschen, dass sich dein Kind erlaubt, wieder glücklich zu sein?

Zirkuläre Fragen unterbrechen eingefahrene Denkmuster, aktiviert zudem Empathie und Selbstreflexion, erweitern die eigene Perspektive und schafft damit Abstand zum eigenen Problem.

Wenn du diese Technik beim Journaling anwendest, wird dein Schreiben dialogischer und lebendiger und indem du dir selbst zum Gegenüber wirst, kommen dir leichter neue Ideen und Wege, über die du vielleicht bis jetzt noch nie nachgedacht hast.

Konkrete Schreibimpulse für solche zirkulären Fragen könnten sein: „Was würde meine beste Freundin über diese Situation sagen?“, „Mit welchen Augen sieht mich jemand an, der mich wirklich aufrichtig liebt?“, „Was würde dein Kind später einmal darüber denken?“, „Was denkt die Version von mir, die keine Angst hat?“

Möglicherweise gibt es auch eine Version deiner selbst, die du heimlich gerne wärst. Zum Beispiel die Fleißige oder der Optimistische. Was würde passieren, wenn du diese gewünschte Version deiner selbst regelmäßig zumindest schon mal zu Wort kommen lässt.

6. Abschlussübung

Es ist ohne Weiteres möglich, auch verschiedene Stimmen beim Schreiben zu Wort kommen zu lassen. Manchmal ergibt das Thema schon einen mehrfachen Perspektivwechsel, manchmal ist es aber auch gut, sich selbst eine Art Sidekick zu sein und verschiedene Denkperspektiven an einen Tisch zu bringen. „Drei Stimmen zu ein Thema“ darf daher so ein bisschen was wir eine Abschlussübung dieser Einheit sein: Wähle ein aktuelles Thema, über das du gerade viel nachdenkst, bei dem du jedoch das Gefühl hast, gedanklich festzustecken. Formuliere das Problem. Schreibe anschließend je 5 Minuten: als dein inneres Kind, als dein zukünftiges Ich und aus der Sicht einer anderen Person, der du vertraust.

Am Ende kannst du das ganze Revue passieren lassen: Was hat dich am meisten überrascht? Welche der drei Stimmen war dir in diesem Moment am hilfreichsten? Inwiefern siehst du nun klarer oder zumindest mehr?

Der vielleicht wichtigste Gedanke dieser Einheit lässt sich auf den Punkt bringen mit: Du bist mehr als nur die eine Stimme, die dir aktuell am vertrautesten erscheint. Du bist eigentlich in jedem Moment deines Lebens ein ganzes inneres Gespräch. Nur hast du dir eben angewöhnt, manche Stimmen sehr laut sein zu lassen, während du andere eher überhörst. Journaling wird dann wirklich kraftvoll, wenn du allen Stimmen Raum gibst und das ist tatsächlich auch im Prozess des Schreibens nochmal deutlich leichter.

Wenn dir meine Arbeit gefällt, vielleicht magst du auch meine wöchentlich erscheinende Kolumne “Wort zum Montag” mit bereits über 300 Texten und Audio von mir:

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Alles Liebe!

Sina

Kategorie Journaling Kurs

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