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Newsletter - dein kreativer Journaling Kurs #30 Collagen

Newsletter – dein kreativer Journaling Kurs #30

Cut-up &Collagen im Journaling

1. Warum wir auch fremde Worte brauchen

Tagebuch schreiben gilt oft als der Inbegriff privaten Schreibens. Wenn es irgendwo den alleinigen und ungefilterten O-Ton meiner inneren Stimme gibt, dann doch wohl zwischen den Buchseiten meines Journals. Diese Art des Schreibens, die Worte und Gedanken, die sich dort einfinden, erscheinen uns oft als gänzlich „aus uns selbst heraus“, aber stimmt das wirklich? Auch wenn wir das Gefühl haben, dass wir genau so sprechen und demnach auch schreiben wie uns der Schnabel gewachsen ist, vergessen wir dabei allzu oft, dass Sprache immer schon kollektiv geprägt ist. Sehr gut beobachten lässt sich dies in den sozialen Medien, wo sich der „aktuell gängige Sprech“ immer mal aktualisiert, ändert, anpasst. Vor 8 Jahren hieß es auf Instagram noch „folgt mir“, heute sagt man eher „dann folgt rein!“ wie auch „wir gehen rein“, wenn etwas getestet oder verköstigt wird. Ein weiteres aktuelles Beispiel, das mir einfällt (vielleicht betrifft es nur meine Bubble, ich bin da nicht sicher), ist, dass alle Frauen mittleren Alters sich plötzlich selbst als „Mäuse“ bezeichnen: Da gibt es Gym-Mäuse, ADHS-Mäuse und Romantasy-Mäuse. Letztens sogar „Wo sind meine Depri-Mäuse?“ als Frage in die Runde, wer den noch aktuell an Depressionen erkrankt sei. Doch auch im Reallife passiert das: Irgendwann bekam ich in allen Supermärkten und an allen Tankstellen „kann losgehen“ zu hören, wenn ich „mit Karte“ zahlen wollte. Unsere Sprache ist zu einem großen Teil natürlich individuell, aber sie ist auch geprägt durch unsere Zeit, durch Vorbilder, Filme, Serien und die Art wie man sich halt ausdrückt. Und manchmal wundere ich mich, dass es auch da scheinbar Wörter gibt, die plötzlich WIEDER in Mode sind: Ich hätte in meiner Jugend keinen der Jungs aus meiner Klasse einen „Ehrenmann“ genannt. Und wenn zuweilen meine Kinder die Jugendworte aus meiner Jugend altmodisch finden, nutzen sie überraschenderweise einzelne Begriffe, die ich eher in die Jugend meiner Eltern verorten würde: „Knorke“ und „fetzt“ - really, das sagt man wieder so?

Fakt ist: Sprache entsteht im Dialog und nicht im luftleeren Raum. Und es ist vollkommen normal, dass wir, was unseren Ausdruck angeht, Jäger und Sammler sind: Wir übernehmen Ausdrucksweisen, die uns treffend und eingängig erscheinen und leihen uns Worte, Analogien und Sprichwörter, die wir irgendwo mal aufgeschnappt haben. Und vermutlich hat jeder von euch schon mal bestimmte Lieder in Endlosschleife gehört, einfach deshalb, weil euch Liedzeilen tief berührt und angesprochen haben. Heute geht es genau um dieses Phänomen: darum, dass es nicht unbedingt immer die eigenen Worte sein müssen, die wir in unserem Tagebuch niederschreiben. In der heutigen Lektion geht es darum, dass es eine große Inspiration sein kann, sich auch fürs Journaling fremde Worte zu leihen.

Was ist die Cut-up-Technik?

Die Cut-up („Zerschnittenes“) ist eine Schreibmethode, bei der bestehende Texte zerschnitten und in neuer Reihenfolge wieder zusammengesetzt werden. Man arbeitet also mit Ausschnitten oder Fragmenten; das können einzelne Wörter, Sätze oder sogar ganze Abschnitte sein. Ursprünglich stammt diese Technik unter anderen von William S. Burroughs und Brion Gysin, die Mitte des letzten Jahrhunderts mit dieser Technik die Idee verfolgten, dass neue Gedanken (im Prozess des Schreibens) freisetzt, wenn man gewohnte Sprechakte und Texte einfach zerschneidet und vollkommen neu und kreativ zusammensetzt. In gewisser Weise hat diese Technik etwas von Kontroll- und auch Sinnverlust, denn nicht immer ist das wirklich inhaltlich kohärent, wenn man Dinge neu zusammensetzt. Aber genau diese Wirkung ist gewollt: dass wir nicht mehr das schreiben „was Sinn macht“ oder was in unserem Wortschatz fest eingeprägt ist, sondern stattdessen mit Brüchen, Zufällen und neuen Verbindungen leben. Diese Technik bringt dich also au neue Gedanken und Formulierungen, auf die du selbst niemals gekommen wärst. Auf diese Weise wird die Cut-up Technik im Journaling zu einer eher spielerischen Methode, um deine neue Stimme zu erweitern: Du schreibst nicht einfach nur aus dir (oder deinem sprachlich geprägten Umfeld) heraus, sondern im Dialog mit fremden Worten, die plötzlich etwas eigenes in dir zum Klingen bringen.

Was ist „Collage-Schreiben“ im Journaling-Kontext?

In Collagen zu schreiben geht noch etwas weiter als die Cut-up Technik, denn hier wird nicht nur geschnitten, sondern auch neu kombiniert und ganz bewusst komponiert. Vor einigen Wochen brachte meine große Tochter diese Technik aus der Schule mit und das Ergebnis fand ich verblüffend. Die Aufgabe der Deutschlehrerin war, ein Gedicht zu schreiben bzw. zu collagieren aus ausgeschnittenen Zeitungs- und Zeitschriften schnipseln. Zunächst sollten aus vorhandenen Magazinen und Printmedien jeglicher Art starke Sätze, Worte und Phasen ausgeschnitten werden. Diese Herangehensweise führt dazu, dass man eine Sammlung aus Worten zur Verfügung hat, die man zwar mag, eingängig und sinnhaft findet, jedoch ohne wirklich inhaltlichen Zusammenhang und vielleicht auch ohne zu wissen, was am Ende das Thema eines Gedichtes aus dieser Materialsammlung ergeben kann. Das Ergebnis dieser Deutsch-Hausaufgabe war wirklich verblüffend: Schon optisch ein Hingucker und inhaltlich ein brillantes Puzzle aus Worten, die man ohne vorgegebene Einzelteile so vielleicht niemals zusammengesetzt hätte.

Beides kann seinen Reiz haben: Der Kontrollverlust des Zerschneidens und Neu-Ordnens, aber auch das bewusste Zusammenstellen zu ganz neuen Perspektiven, die über den eigenen Sprach-Horizont hinausreichen.

Warum das im Journaling so kraftvoll ist

Kreative Techniken, wie das Stibitzen und Verwenden fremder Texte und Wörter hat den Vorteil, dass wir auf diese Weise ganz natürlich unseren inneren Kritiker umgehen und festgefahrene (Denk-)Routinen sehr mühelos aushebeln. „Kann man das so sagen oder ist das nicht vielleicht doch ein bisschen weit hergeholt?“ mag man sich fragen, wenn sich plötzlich die Bestandteile „Unbekanntes Leuchten in der Stadt“ und „Von Herz zu Herz“ auf dem Papier vereinen. Oder: „Behörden ratlos“ - „Der Liebes-Bockbuster am Wochenende“: Ist das schon ein Liebesgedicht? Auf Material zurückzugreifen erlaubt uns, die innere Zensur des „nicht so gut“ und „geht das vielleicht noch besser?“ zu umgehen. Möglicherweise bekommt man durch die Begrenztheit der zur Verfügung stehenden Wörter ganz neue Ideen, Bilder, auf die wir selbst nie gekommen wären – oder vielleicht ist es einfach nur lustig – auch das darf mal sein. Wer mit fremden Worten arbeitet, der schiebt seine eigene Perspektive und öffnet dabei gleichzeitig einen Zugang zum eigenen Unterbewusstsein: Was auf den ersten Blick ganz zufällig erscheinen mag, ist oft anschlussfähig an etwas, was längst schon in dir angelegt ist. Es gibt Worte und Wortkombinationen, die wir spontan mögen oder kraftvoll finden, während wir andere eher schwach oder nichtssagend finden. Keine Sorge: wer sich Headlines, Werbetexte, Songtexte oder fremde Gedichte borgt, der entfernt sich nicht von seiner eigenen Stimme, sondern erweitert sie nur. Man resoniert mit fremden Stimmen, Tonlagen und Bedeutungen und manchmal entsteht auf diese Weise genau der Satz, der sich überraschend nach dir anfühlt und den du ab jetzt wieder und wieder verwenden willst. Als hätten die Worte dich gefunden und nicht umgekehrt.

Materialsammlung: Woraus du schöpfen kannst

Wer fremde Worte als Sidekick nutzen will, der braucht auf jeden Fall eines: eine gute Materialsammlung. Du findest gute Sätze und Wörter überall: in Büchern, alten Briefen, Magazinen

Songtexten, Gedichten. Dieser Schritt ist kein nüchterner Vorbereitungsschritt, sondern schon Teil des kreativen Prozesses, der sehr viel mit dir, deiner Seele und deiner Schreibe zu tun hat. So auch geschehen bei der Deutsch-Hausaufgabe: „Schreibe ein Gedicht aus Worten und Wortkombinationen, die du aus Zeitschriften ausschneidest“, denn hier ging es zentral darum, „starke“ und „ansprechende“ Worte zu sammeln, also schon solche, die irgendwie mit meinem Inneren resonieren, aber doch nicht zwangsläufig meinem natürlichen O-Ton entsprechen. Es kann sein, dass da Worte wie Abgrund, Tragödie, Offenbarung, Verhängnis auftauchen, die du nie in deiner Alltagssprache nutzen würdest. Dennoch sind sie stark und ansprechend und könnten deiner Journaling Collage eine gewissen Tiefe oder auch Klarheit bringen. Benutzt du die Worte Machtspiel, Loyalität, Skandal, Enthüllung, Strahlkraft, Vitalität und Vermächtnis? Wenn du sie heute sammelst oder ausschneidest, stehen sie dir morgen wie eine Handreichung aus fremdem Mund zur Verfügung.

Du kannst aber nicht nur einzelne Worte sammeln und ausschneiden, möglich wäre ebenso, dass du dir Phrasen, Gedichte, Werbeslogens oder auch Versatzstücke aus Gesprächen irgendwo notierst und gesammelt verwahrst. Auch die Sprache deiner Kinder oder deiner Großeltern könnte sich eigenen, um von dort starke Leihwörter zu bunkern. Achte darauf, verschiedene Längen (Worte, Halbsätze und Sprichwörter) und verschiedene Wortarbeiten (Nomen, Verben, Adjektive) in deiner Sammlung zu haben. Wichtig ist dabei nicht die Qualität des Ausgangstextes, sondern vielmehr die Reibung mit dir, die Frage, ob sie etwas in dir anrühren. Sammle, was die berührt, bewegt oder auch irritiert. Auch etwas, was scheinbar im ersten Moment unpassend oder provozierend oder verstörend wird, könnte zu spannendem Material werden, dessen großer Auftritt in deinem Schreibprozess vielleicht überraschend kommen wird.

Ganz praktisch kannst du diese Wörter natürlich auch digital in einer Notizenapp sammeln. Das bietet sich vielleicht an, wenn du dein Journal in digitaler Form führst. Wenn du allerdings eine sehr haptische Schreibweise hast mit Kugelschreiber und Papier, dann kann es nützlich sein, auch haptische Wort-Puzzleteile zur Verfügung zu haben. Das kann eine lose Blattsammlung in einer kleinen Kiste oder Schublade sein oder Schnipsel in einer Klarsichthülle. Möglicherweise kannst du dir auch eine Tasche für dein Journal basteln, indem du dir eine Hülle oder einen Briefumschlag auf den inneren Deckel deines Tagebuchs klebst. Auf youtube findet man viele Kreativvideos zum Thema „Pimp my Journal“, der Kanal Ellathebee sei an dieser Stelle vielleicht exemplarisch empfohlen für kreative Notizbuch Setups.

Ein paar praktische Übungen für euch

Übung 1: Klassisches Cut-up: Nimm einen fremden Text (ca. 1 Seite lang) und schneide oder schreibe einzelne Sätze/Wörter heraus. Dann mische diese Abschnitte und setze sie intuitiv zu einem neuen Text zusammen. Stelle dir danach folgende Reflexionsfragen: Was überrascht dich?Welche neue Bedeutung entsteht? Fühlt sich etwas „wahrer“ an als dein eigenes Schreiben? Vielleicht ein paar Inspirationen oder Ideen, wenn du etwas googeln möchtest: Rainer Maria Rilke - „Der Panther“, Johann Wolfgang von Goethe - „Ein Gleiches“, Heinrich Heine - „Die Loreley“, Erich Fried - „Liebesgedichte“, Mascha Kaléko – verschiedene Gedichte, Liedtexte von Herbert Grönemeyer, Wir sind Helden, Judith Holofernes, Rio Reiser.

Übung 2: Journaling-Collage: Starte mit einem eigenen Satz z. B. etwas niederschwellig Naheliegendem „Heute fühle ich mich…“ und ergänze ihn mit fremden Fragmenten. Reagiere dann schreibend darauf (wie in einem Dialog). Das könnte so aussehen: „Heute fühle ich mich“ - „Der Tragödie erster Teil“ - „Nunja, vielleicht nicht wie in einer Tragödie, aber ein Trauerspiel ist es schon“ usw.

Übung 3: Poetische Verdichtung durch Collage: Nimm dir eine Hand voll fremder Wörter/Sätze und notiere in deinem Journal das Thema deines Gedichtes und dann forme daraus einen dichten, fast lyrischen Text. Diese Übung mag auf den ersten Blick sehr anspruchsvoll oder zu schwierig wirken, aber ich rate dir sehr: versuch es einfach mal. Es ist eine große Freiheit, dass dein Material begrenzt ist, denn du wirst im ersten Moment ausreichend zu tun haben damit, logische Sätze zu puzzeln. Aber die Sprache und die Sätze, die auf diese Weise entstehen, sind schon durch ihre extravagante und kreative Zusammenstellung Poesie. Das mag am Ende nicht wie ein Werk von Goethe klingen und durch sauberes Reimschema überzeugen, aber darum geht es ja auch nicht. Es geht vielmehr darum, was die neu entstandenen Sprachbilder mit dir machen.

Typische Widerstände und wie du ihnen begegnest

Vielleicht wirst du nach dem Collagieren denken „Das ergibt keinen Sinn“. Doch genau darin liegt der Gewinn dieser Technik: Du denkst Sprache neu, du entgrenzt deine eigene Ausdrucksweise und fügst auf sprachlicher Ebene Dinge zusammen, die dein Denken erweitern können. Bei diesen Effekten handelt es sich natürlich um keinen Automatismus. Es kann gut sein, dass du etwas zusammenfügst, was ich auch danach noch seltsam anfühlt und liest und keinerlei Effekt auf dein Schreiben oder Denken zu haben scheint. Das muss aber auch nicht sein. Wie nicht jede „normale“ Journaling-Session deine Probleme löst und deinen Horizont erweitert, sich diese Effekte aber doch immer wieder einstellen, wird es dir auch mit der Verwendung fremder Wörter ergehen: Nicht immer, aber doch immer mal wieder wirst du merken, dass der Umgang mit Schrift und Sprache Inspiration und innere Beweglichkeit bedeutet.

Auch der Gedanke „Das ist doch nicht meins“ könnte sich einstellen, wenn dir auch nach der Neuordnung eines Songtextes von Grönemeyer seine Sprachbilder unvertraut vorkommen. Doch tatsächlich ist schon die Auswahl der Autoren, deren Texte und Geschichten du nutzt, ein Akt aus dir selbst heraus. Ich liebe beispielsweise die Gedichte von Hermann Hesse. Natürlich schreibe ich nicht wie er und seine Sprach ist natürlich nicht meine Sprache, weil sie aus einer anderen Zeit stammt. Dennoch ist es ja ein höchst eigener Akt, sich dort zu bedienen, weil ich Hesse mag – trotz oder gerade wegen seiner Fremdheit.

Vielleicht denkst du beim Lesen dieser Lektion auch „Das ist gar nichts für mich ich will einfach mehr Kontrolle“. Dieser Gedanke ist verständlich, denn die meisten von uns schreiben ja gerade deshalb, weil sie sich dadurch Kontrolle über ihr Leben und Denken erhoffen und um sich weniger hilflos mit dem eigenen Gedankenkarussell zu fühlen. Wenn dir diese Technik wie ein Kontrollverlust vorkommt, dann möchte ich dich einladen: Sieh sie als kreatives Experiment, das du nicht dauerhaft oder regelmäßig nutzen musst. Deine eigene Stimme hat immer auch ein Echo in den Stimmen anderer und wenn fremde Sprache durch dich hindurchgeht (und das passiert ja, wenn du sie kreativ nutzt), dann wird deine eigene Sprach nicht schwächer, sondern eher vielstimmiger.

Und selbst, wenn du niemals ein Cut-out oder eine Collage anfertigst, weil dir das einfach zu kompliziert oder zu zeitaufwändig ist, möchte ich dich an dieser Stelle dazu motivieren, in der kommenden Woche mal ganz bewusst Jäger und Sammler zu sein: Halte Augen und Ohren offen: Wo begegnen dir starke Worte, Sätze und Phrasen? Bewege sie in deinem Herzen, notiere sie dir irgendwo und beginnen sie selbst zu verwenden oder in deine Schreibroutine einzubauen. Du wirst sehen, dass auch in dieser sehr abgespeckten Variante deine innere Welt von fremden Stimmen profitieren kann.

Wenn dir meine Arbeit gefällt, vielleicht magst du auch meine wöchentlich erscheinende Kolumne “Wort zum Montag” mit bereits über 300 Texten und Audio von mir:

https://steady.page/de/feelslikesina/about (Öffnet in neuem Fenster)

Alles Liebe!

Sina

Kategorie Journaling Kurs

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