
27/11/25
Liebe Leute,
in den vielen Diskussionen, die ich mit Menschen aus der gesellschaftlichen und politischen Linken, der Klimabewegung und manchmal aus der “Mitte der Gesellschaft” führe, in denen ich ja im Kern argumtentiere, dass wir uns dringend auf kommende Katastrophen vorbereiten, dass wir “solidarisch Preppen (Öffnet in neuem Fenster)” müssen, fällt mir immer wieder eins auf: der himmelschreiende Konservatismus progressiven strategischen Denkens.
Generäle, Genoss*innen, und der letzte Krieg
Was ich damit meine? Naja, beim Formulieren von Strategien geht es notwendigerweise um Verhalten in der Zukunft: Strategien sind Pläne, wie bestimmte Ziele mit dem Einsatz gegebener Ressourcen erreicht werden können. Strategien, in short, handeln von der Zukunft, sogar inhaltlich reaktionäre Strategien sind Zukunftsprojekte. Und das wiederum bedeutet, dass die Strategie erwarten kann, effektiver zu sein, als andere, die in sich ein realistisches Bild der Zukunft aufnimmt und zum inneren Leitstern macht: wenn mein Bild von der Realität zu stark von der Vergangenheit geprägt ist, wenn ich nicht adäquat in der Lage bin, die wahrscheinlichen Veränderungen, die die Zukunft mit sich bringen wird, in meine Strategie einzubauen, dann muss ich davon ausgehen, dass meine Strategie zum schnellen Scheitern verurteilt ist, weil die Distanz zwischen ihr und der Realität, wie sie in Zukunft wird, ständig zunehmen wird. Diese Tatsache ist der Ursprung des militärstrategischen Bonmots dementsprechend Generäle immer darauf vorbereitet sind, den letzten Krieg erneut auszufechten, den in der Vergangenheit, aber halt nicht den nächsten, den in der Zukunft.
Und was für sprichwörtliche Generäle gilt, gilt leider auch für die meisten Genos*innen, die meisten Ökos, die meisten Antifaschist*innen, und für die verbleibende liberale “Mitte”: wir schauen entweder in die Vergangenheit – “Aber schau mal, hier ist ein Beispiel von 1975, aus den 1930ern, hier eins aus dem 19. Jahrhundert, das Deine defätistischen Thesen widerlegt!” - oder in die Gegenwart, zum Beispiel: “Es stimmt nicht, dass die Arbeiter*innen im Norden mehrheitlich gegen die Klimaagenda kämpfen werden, schau doch mal zu Fridays und ver.di, was dieses Bündnis #WirFahrenZusammen (Öffnet in neuem Fenster) alles macht!”
Ich will jetzt hier nicht dieses im Detail durchaus spannende Bündnis dissen, aber sagen wir es mal so: die grundsätzliche Linie der DGB-Gewerkschaften in der Jobs-und-Wachstum vs. Klimaschutz-Frage wurde kein Deut verschoben, und der Antagonismus zwischen Arbeiter*innen und Klimaagenda eskaliert weiter, nicht nur in Deutschland, sondern überall in der reichen, der “überentwickelten Welt”. Die Strategie “Klimabewegung goes neue Klassenpolitik” war in dem Sinne genau das, was der Volksmund den alten Generälen unterstellt: der letzte Krieg. Der, der schon vorbei, in diesem Fall verloren ist.
Apropos “historischer Materialismus”
So ein seit- und rückwärtsgewandter (und deswegen zum scheitern verurteilter) strategischer Blick mag für die “bürgerliche Mitte” adäquat sein, denn die “Mitte” ist genau das, was sich nicht organisieren muss, um seine eigenen Interessen zu verteidigen, weil diese immer schon im Staatsapparat und in allerlei gesellschaftlichen Formen und Institutionen aufgehoben sind. Aber für uns Linke und Ökos ist das eine reale Gefahr und ein intellektuelles Armutszeugnis, vor allem für den Teil der Linken, der sich immer wieder auf die marx'sche Tradition bezieht: denn ein Teil des Erbes, das uns der Alte aus Trier hinterlassen hat, ist die Überzeugung, dass sinnvolle Transformations-Strategien im Kapitalismus nur aus einem Verständnis der realen Entwicklungstendenzen des Kapitalismus entstehen können, aus einer materialistischen (physik- und faktenbasierten) Analyse historischer Tendenzen (die zwar “historisch” heißen, aber sich auf die Zukunft beziehen: wie floss die Geschichte bisher, und wie wird sie deswegen in Zukunft fließen?).
Die Frage ist dann nämlich: “was kann ich aus der Gegenwart über die Zukunft lernen?”, anstatt “wie kann ich die Gegenwart so wahrnehmen, dass meine existierenden strategischen Überzeugungen bestätigt werden?”, letzteres die Frage, die sich viele linke und Klimastrateg*innen leider meist stellen.
Anders formuliert: die deutsche Linke ist auf der strategischen Ebene weitgehend “voluntaristisch”. Strategien werden nicht historisch-materialistisch aus beobachtbaren Tendenzen des real-existierenden Kapitalismus begründet, sondern durch spätsituationistische Slogans wie “soziale Bewegungen können die Grenzen des möglichen verschieben”; oder aber mit dem ewig falschen Dogma, der Kampf gegen den Kapitalismus sei in irgendeiner Form halt doch immer das absolute, das objektive, das hinter allen realen Willensbekundungen real-existierender Menschen stehende Interesse der arbeitenden Klasse(n). Um diesem nervigen Verdrängungsvoluntarismus entgegenzuwirken, möchte ich auf Anfang zurück, auf das, was der Marxismus auf seinen Höhepunkten war: eine Philosophie der Praxis, gegen den “utopischen Spätsozialismus” der heutigen Linken.
Vom Scheitern zur Strategie
Ich will Euch jetzt nicht zu tief ins marx'sche Erbe entführen, aber erlaubt mir doch, ein bisschen herumzunerden (I promise I'm going somewhere with this): Marxens Werk lässt sich grob in zwei Phasen einteilen, sein Früh- und sein Spätwerk. Das ausgeprägt philosophisch-idealistische Frühwerk sieht den Kommunismus (unsere Variante des ewigen Himmelreichs) gleichsam aus der Geschichte an sich entstehen. Da ist zwar das entstehende Proletariat, sind die Arbeiter schon die Träger der Revolution, aber Marx leitet diese revolutionäre Tendenz nicht aus ihren tatsächlichen sozialen Verhältnissen und alltäglichen Praxen ab, sondern ganz idealistisch und abstrakt aus ihrer allgemeinen Enteignung, Entrechtung und Ausbeutung.
Bewaffnet mit diesem im Kern noch utopischen Sozialismus wirft Marx sich in die politische Arbeit, wird Teil der 1848er demokratischen Revolutionsbewegung(en) in Europa, die spätestens 1849 fast vollständig besiegt werden, die, um in meiner Diktion zu bleiben, scheitern. Auch persönlich “scheitert” Marx: er wurde im August 1849 aus Paris ausgewiesen und zog als Flüchtling nach London, wo er mit seiner Familie in solcher Armut lebte, dass sie sich, als eines ihrer Kinder starb, nicht einmal einen Sarg leisten konnten.
Es ist das politische Scheitern, dass Marx endgültig dazu bringt, seinen jugendlichen Utopismus abzulegen, und anzufangen, die Realität der kommenden industriell-kapitalistischen Welt realistisch, und ohne hegelianische (sprich: religiöse, magisch-realistische, fetischistische) Mystifikation zu analysieren. Er tut dies, indem er die aus seiner Sicht zentrale Praxis dieser neuen Welt sehr genau in den Blick nimmt: den Moment der gemeinsamen Produktion in der neuen kapitalistischen Fabrik.
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Die Produktion der Zukunft in der Fabrik
Von diesem Moment aus, der auch in den 1850ern nie den größeren Teil des Tages eines Industriearbeiters (let alone seiner Familie und des Rests der Gesellschaft) ausmachte, begann Marx, einerseits die Gesetze dieser neuen Welt zu verstehen (u.a. die allgemeine Formel des Kapitals: Geld – Ware – mehr Geld, oder auch G – W – G'), und andererseits die strategischen Möglichkeiten solidarischer, revolutionärer Praxis zu denken. Nun wird die Möglichkeit des Kommunismus, solidarischer, kämpferischer Organisierung unter Arbeitern, nicht mehr aus ziemlich abstrakt gedachter “Entrechtung” und “Armut” hergeleitet, sondern aus der spezifischen Form der Kooperation in Manufaktur und Fabrik, die das Kapital dem Arbeiter auferlegt. Und dass, obwohl Fabriken zum Zeitpunkt, zu dem Marx schrieb, nur einen winzigen Anteil globaler Arbeitsorganisierung ausmachten, obwohl “die Fabrik” für die allerallermeisten arbeitenden Menschen auf der Welt damals noch weit in der Zukunft lag.
Marx setzt also mit seiner Analyse und den daraus abgeleiteten Strategien auf die Zukunft, anstatt sich in allzu viel Detail mit einer weitgehend noch nicht kapitalistischen Gegenwart auseinanderzusetzen, weil er weiß, dass sie im Grunde jetzt schon (vom Kapitalismus) überholt ist. Wir könnten uns auf der analytischen Ebene jetzt trefflich streiten, wie stark “der Kapitalismus” von “der Fabrik” abhängt (denn es gibt ja auch andere, nicht fabrikbasierte kapitalistische Produktion und Akkumulation), aber ausgehend von den 1850ern müssen wir auf jeden Fall konstatieren, dass die Fabrik von dort einen langen Siegeszug anfing: das Leben im Kapitalismus wurde so stark von der Fabrik geprägt, dass es zum Beispiel unmöglich ist, politische Formen wie die Massengewerkschaft oder die “sozialdemokratische Volkspartei” ohne ihre Grundlage im Moment der gemeinsamen Produktion in der Fabrik zu denken. Noch weiter gedacht: wenn französische Theoretiker wie Foucault oder Deleuze und Guattari in den 1960ern und 70ern davon schreiben, dass die Schule aussieht wie das Gefängnis, das aussieht wie das Krankenhaus, das aussieht wie die Baracke, die aussieht wie eine Fabrik, dann läuft das am Ende immer darauf hinaus, dass alles Leben in industriekapitalistischen Gesellschaften davon geprägt ist, dass in ihrem Kern die Fabrik liegt. D.h., dass über hundert Jahre nach Marxens strategischer Setzung der Zentralität der Fabrik in intrakapitalistischen sozialen Kämpfen diese Annahme immer noch Bestand hatte, und strategische Dividenden produzierte.
Die Katastrophe als die Fabrik der Zukunft
Mein innerer linker Nerd will dieses Argument jetzt noch weiterspinnen, will über das Scheitern des biennio rosso in Italien schreiben (1919 – 20), das Gramsci zu seiner Hegemonietheorie führte, und wie dieser praktischste und deswegen für mich nützlichste aller marxistischen Theoretiker*innen in den letzten Jahren seines Schaffens nicht die italienische Gegenwart analysierte, um vorwärtsweisende Strategien zu entwickeln, sondern die US-amerikanische Zukunft des “Fordismus”, den in Italien damas noch niemand erleben konnte; über Mario Tronti, einen der führenden Theoretiker des italienischen operaismo, der nach dem Scheitern der 1968er Revolten anfing, “Marx in Detroit” (damals dem Zentrum der globalen Autoindustrie) zu lesen, also auch hier wieder: den Kapitalismus, die Gegenwart von ihrem am weitesten vorne liegenden Punkt aus zu verstehen und zu kritisieren, um so vorwärtsweisende Strategien zu entwickeln.
Aber wir können uns glaube ich darauf einigen, dass das hier jetzt zu weit führen würde, also zurück zum inhaltlichen Kern. Die marx’sche Theorie war immer eine, die von der Zukunft handelte, darin lag ihre Stärke: in den Gesetzmäßigkeiten der neuen Welt die strategischen Möglichkeiten zu erörtern, für die im Jetzt zu organisieren wäre. Ich schlage vor, dass wir uns trauen, das selbe für eine Welt im Kollaps zu tun. Ohne utopischen Voluntarismus, sondern mit dem, was Gramsci wirklich meinte, als er vom “Pessimismus des Intellekts, und dem Optimismus des Willens” sprach: kein albern-religiöses Hopium, sondern mutige strategische Perspektiven, die Ermächtigung ermöglichen, gerade weil sie nicht auf Bullshit beruhen, sondern auf einer schonungslosen und (mit sich selbst) ehrlichen Analyse der Zukunft.
Was mich zurück bringt zur zentralen strategischen Linie, die ich auf diesem Blog seit meiner politischen Entdeckungsreise in unsere schwedische Zukunft (die “Notes from the Future”-Texte aus Schweden (Öffnet in neuem Fenster), Herbst '23) zu entwickeln versuche: dass die Katastrophe ein strategischer Raum ist, den wir dringend besetzen müssen. Hier möchte ich, in aller bei diesem nunmehr doch recht langen Text gebotenen Kürze, noch einen Schritt weitergehen: ausgehend von Marxens Einsicht in die zukünftige strategische Zentralität der Fabrik im entstehenden Industriekapitalismus schlage ich vor, dass wir “die Katastrophe” als den zentralen Ort der Zukunft im Kollaps betrachten. Dass wir uns die Katastrophe genau so detailliert anschauen, wie Marx sich die Fabrik und Gramsci den Fordismus angeschaut hat: weil dort neue gesellschaftliche Beziehungen entstehen können, weil dort die Zukunft produziert wird. Im Kollaps wird es immer mehr Katastrophe geben, und diese Katastrophen werden, so meine These, unsere Gesellschaften immer stärker strukturieren, will sagen, langfristig beeinflussen.
Ohne Vereinfachung keine Strategie
To be sure, dieser Vorschlag basiert auf der auch von vielen Marxist*innen mittlerweile über Bord geworfenen Grundannahme, dass es einen Ort in der Gesellschaft gibt, der mehr strukturierende Wirkung (Einfluss) auf den Rest des Systems hat, als andere Orte - dass es in einem gewissen Sinne ein “Zentrum” gibt, eine “Basis”, genauer: einen Ort, an dem anzusetzen strategisch Sinn ergibt, weil von dort Hebelwirkung auf andere Orte/Knotenpunkte/Einheiten im System ausgewirkt werden kann. Ein Ort, von dem aus die Welt aus den Angeln gehoben werden könnte, um im Bild zu bleiben.
Klar, der Kollaps hat genau so wenig wie der Kapitalismus ein institutionelles Zentrum, diesen einen Ort gibt es nicht, er ist selbst ein Mythos, ein bisschen magisches Denken. Aber: wer Strategien formulieren und durchziehen will, kann es sich nicht leisten, beim Aufzählungsmarxismus der heutigen Linken stehenzubleiben, der immer mehr Orte aneinanderreiht, an denen es sich lohnen würde, strategisch zu intervenieren, an denen es sich lohnt, begrenzte Ressourcen zu investieren, um gesellschaftliche Hebelwirkung zu erzeugen (which is really all I ever talk about). Wer Strategien formulieren will, muss zuspitzen und fokussieren, auch dann, wenn das bedeutet, nicht jedes Detail einer megakomplexen Realität zu reflektieren: ohne Vereinfachung keine Strategie.
Und angesichts dessen, was wir einerseits über eine Zukunft im Kollaps wissen (Immer. Mehr. Katastrophen, bis die Katastrophe zum Dauerzustand wird), und andererseits darüber, wie stark Katastrophen Menschen und Gesellschaften beeinflussen, halte ich es für sinnvoll, mich intellektuell wie strategisch auf den Moment der Katastrophe zu konzentrieren. Auf diesem Blog, in meiner politischen Arbeit, und auch im zweiten Buch, das ich nächstes Jahr wieder im Mandelbaum Verlag veröffentlichen werde. Arbeitstitel: Solidarische Kollapspolitik: Gemeinsam gegen die Angst.
Mit verschmitzt-traditionsmarxistischen Grüßen,
Euer Tadzio
p.s.: am kommenden Dienstag, 2.12., bin ich in Leipzig (Öffnet in neuem Fenster) und lese dort aus #DasKleineRosaBuch. Kommt vorbei! Es ist für mich die letzte Veranstaltung des Jahres, nach einem Kollapscamp und 43 öffentlichen Events ist es dann auch mal gut, und ich freu mich drauf, ein paar Wochen mein geliebtes Berlin nicht verlassen zu müssen – aber wenn Ihr mich fürs nächste Jahr zu ner Veranstaltung einladen wollt, sagt Bescheid.