
Illustration: Till Laßmann
06/11/25
Liebe Leute,
was ist eigentlich das Gegenteil eines Fehlalarms – also, nicht das Gegenteil, sondern: wie nennt man eine Entwarnung, die fälschlicherweise kommuniziert, dass eine Gefahr verschwunden, zumindest abgeschwächt, auf jeden Fall aber nicht mehr so präsent und megascary ist, wie sie es noch bis vor kurzem war? Keine Ahnung, aber dafür müsste es eigentlich eines dieser patentierten deutschen Kofferworte geben, und wenn nicht, nenne ich sowas erstmal kommissarisch eine “Fehlentwarnung”.
Fehlentwarnung in Holland
Zuerst mal ist es natürlich eine Supersache, dass Zohran Mamdani in New York gewonnen hat, dito der Erfolg der Democrats in Virginia und New Jersey, aber es ist vor allem – closer to home – der relative Erfolg des schwulen Zentristen Rob Jetten bei den Parlamentswahlen in den Niederlanden, der es den hiesigen Zentrist*innen (sorry: “der Mitte”) erlaubt, die Sorge vor der faschistischen Machtübernahme, die in den vergangenen Wochen allzu viel Futter erhielt, wieder auf ein aushaltbares Niveau (also knapp unter dem, wo mensch sich aufreißen und die eigenen Verhaltensmuster ändern müsste) herunterzufahren. Alltenthalben wird frohlockt, “schaut, der komische Vogel Wilders hat die Wahl verloren, es ist möglich, den Faschismus mit einer Message der Zuversicht zu besiegen: alles. Wird. Wieder. GUT!”
Klar ist es schön, dass Wilders PVV wahrscheinlich nicht mehr an der Regierung beteiligt sein wird, u.a., weil es das letzte Mal einfach vieeeel zu chaotisch war, nicht so sehr, weil es das letzte Mal viel zu rechts war. Aber, Punkt 1: wer genauer hinschaut, der fällt auf, dass die PVV zwar tatsächlich Sitze verloren hat, dass andere, noch rechtsradikalere Parteien aber mehr Sitze dazugewannen, als die PVV verlor. Punkt 2: um zu gewinnen, ist die holländische Mitte so weit nach rechts gerückt, dass das Wahlergebnis selbst den Rechtsruck bestätigt. Hier folgten die Democraten 66 (Jettens Partei) dem “Erfolgsrezept” von Starmer, von Macron und Biden, und vor allem von Mette Fredriksen. Nach rechts rücken, ohne selbst die Rechten zu sein, ein bisschen wohltemperierte Grausamkeit gegen Migrant*innen (vgl. die derzeitige Abschiebedebatte in Deutschland), ein bisschen sehr viel weniger Grünzeugs, und halt nix mehr wokes, aber ohne das faschistische Schaumvormmund von Höcke, Weidel und Konsorten.
Die Timeline des Faschismus
Ich würde so weit gehen, nach Beobachtungen aus Österreich, den USA, Holland und einigen anderen Ländern eine kleine “Timeline faschistischer Machtergreifungen” zu formulieren – nicht, weil das in absolut jeder Situation so verläuft, sondern weil es häufig so verläuft, und wir uns strategisch darauf einstellen sollten.
Es beginnt damit, dass die Faschos an die Macht kommen, entweder direkt (Holland, Österreich, USA), oder indirekt (z.B. Schweden). Allerlei schreckliche Dinge passieren, es gibt viel politisches und administratives Chaos, die Beliebtheitswerte der Rechten stürzen in den Keller (denn die haben ja auch keine “Lösungen”). Nach einigen Jahren faschistischer Machtausübung (ich zähle mal den rechtsradikalen Flügel der Tories, der seit BoJo regiert, zu den Faschos) stellt sich in der Bevölkerung oft tiefe Frustration ein. Wie gesagt: nicht unbedingt, weil alles so rechts ist, sondern, weil es so chaotisch ist. Die Faschoparteien haben nach ihrem ersten, oft ein bisschen überraschenden Wahlerfolg meist nicht genügend Kader, die es ihnen erlauben würden, effektiv zu regieren/Staat und Gesellschaft umzubauen. Also sieht das, was da oben in der Regierung passiert, ziemlich unattraktiv, wenig inspirierend, eher wie ein totaler Abturn aus, was die Menschen weg von den rechten Parteien treibt.
Aber: Im Rahmen der Arschlochisierung, des transnationalen gesellschaftlichen Rechtsrucks wünschen sich die meisten Wahlbevölkerungen unserer wohlhabenden Externalisierungsdemokratien tatsächlich härteres Durchgreifen gegen Migrant*innen (alles, was “von außen” kommt, ist seit jeher der perfekte Sündenbock für allerlei Probleme), wünschen sich “mehr Sicherheit”, wünschen sich mehr autoritäres Aufgehobensein (Öffnet in neuem Fenster)bei Papa und Mama. Das heißt, dass die Faschos zwar die Wahlen verlieren, dass der Diskurs aber schon so weit nach rechts verschoben wurde, dass wer auch immer jetzt regieren wird, so weit rechts regieren werden muss, dass die grundlegenden politischen Hypothesen des Rechtsrucks bestätigt werden. Weil die dann regierenden zentristischen Parteien aber im Schnitt etwas links von den brutalen Id-getriebenen Wünschen der Arschlochgesellschaft regieren, werden sie diese immer wieder enttäuschen, immer wieder diese nervige Opferinszenierungen triggern, so, dass bei den Wahlen 4-5 Jahre drauf dann wieder die Faschos gewinnen.
Dann beginnt das selbe Spiel wieder, und endet entweder in der de facto Abschaffung der Demokratie, oder aber in einem Szenario, das Gideon Rachman in der FT so beschreibt: “Perhaps the future will not be a choice between the centre and the far right — but the gradual erasure of the distinction between the two camps (Öffnet in neuem Fenster)”. Either way bedeutet der Wahlerfolg von Jetten – Mamdani klammere ich mal aus, weil ich dessen Wahlerfolg eher durch die Brille meiner neuen These vom “Krieg der faschistischen Landeier gegen die Städte” erklären würde, dazu ein andermal mehr – nicht, dass es jetzt plötzlich effektive Strategien gegen Rechtsruck und Faschisierung gibt, so gerne sich “die Mitte” das jetzt einredet, wie sie es auch schon bei Macron, Biden und Starmer einredete. Ihr seht ja, wie gut das gelaufen ist oder läuft.
“Alle Strategien gegen die AfD sind gescheitert (Öffnet in neuem Fenster)”
Und genau darum soll es im Folgenden gehen: um Strategien gegen rechtsradikale, gegen faschistische Parteien, gegen Arschlochisierung und Rechtsruck – und warum “alle Strategien gegen die AfD … gescheitert (sind)”, wie Sebastian Friedrich und Nils Schniederjann in ihrem neuen antifaschistischen Blog “Über Rechts (Öffnet in neuem Fenster)” gerade konstatiert haben.
Friedrichs sehr empfehlenswerter Text analysiert acht verschiedene anti-AfD-Strategien, von Ausgrenzung über Einhegung, von Konfrontation bis zu Themenübernahme, und kommt zum deprimierenden Schluss, dass “die Bilanz der bisherigen Strategien im Umgang mit der AfD... ernüchternd (ist). Jede von ihnen birgt Risiken, keine hat die Partei dauerhaft geschwächt. Obwohl es an Ansatzpunkten nicht zu mangeln scheint, fehlt doch eine übergreifende Linie. Stattdessen erlebt man vor allem kopflosen Aktivismus, der von Taktik zu Taktik springt.” Stark: ich weiß aus Klimadebatten, wie schwer es ist, sich das eigene politische Scheitern einzugestehen, vor allem, wenn die Konsequenz daraus die Einsicht ist, dass es in der Abwesenheit effektiver antifaschistischer Strategien mit dem Rechtsruck und der Faschisierung erstmal weitergehen wird.
Zwei wichtige Fragen stellt der Text aber nicht, die ich hier deshalb gerne diskutieren würde.
Erstens, warum sind alle Strategien gegen die AfD gescheitert?
Friedrichs Text analysiert vollkommen gegensätzliche Strategien, kommt zum Ergebnis, dass sie nicht funktionieren, und leitet dann das Scheitern der Strategie aus den Problemen der jeweiligen Strategie ab. Ich würde einen anderen Ansatz vorschlagen: wenn, wie auch im Klimakampf, alle bisherigen Strategien gescheitert sind, liegt das vielleicht nicht an den Details dieser oder jener Strategie, sondern daran, dass die Dynamiken, die den Rechtsruck antreiben, auf einer Ebene der Realität verlaufen, die durch die Mittel der Parteienkonkurrenz und des Diskurskampfes nicht beeinflusst werden können.
Ein Bild dafür wäre: klar kann ich in einem Dorf, das unterhalb eines schmelzenden Gletschers liegt, höhere Dämme und Hochwasserschutz bauen: aber der Gletzer schmilzt aufgrund von Prozessen, die ich in dem Dorf nicht wirklich beeinflussen kann, und irgendwann wird das Wasser runterkommen, egal, wie hoch ich meine Flutmauern baue. Egal, wie sehr ich mein Verhalten verändere, egal, wie klug meine Strategien formuliert sind: weil sie nicht an die Ursache des Problems heranreichen, können sie das Problem nie lösen, haben in den meisten Fällen darauf keinen wirklich relevanten Einfluss (dito UN Klimagipfel und die Klimakatastrophe).
Ursachen des Rechtsrucks
Ich kann hier natürlich keine abschließende Erklärung eines derart komplexen Phänomens wie das des gegenwärtigen transnationalen Rechtsrucks abliefern – ein transnationaler Megatrend ist immer multikausal, oft überdeterminiert (wenn eine Vielzahl von “Gründen” alle in die selbe Richtung weisen, den selben Trend antreiben), aber Ihr wisst, dass meine Haupterklärung eine sozio-psychologische ist, dass ich seit meinem Heureka-Moment, in dem ich das “Coming Out der Arschlochgesellschaft (Öffnet in neuem Fenster)” verstand, die Ursachen für Faschisierung und Arschlochisierung in der Psychologie einer gescheiterten Gesellschaft im Kollaps verorte. Ich habe mich mit Schuld und Scham (Öffnet in neuem Fenster) beschäftigt, mit Angst vor Ohnmacht (Öffnet in neuem Fenster) und Angst davor, in der Katastrophe zum faschistischen Mörder zu werden (oder zu einem ihrer Mitläufer). Ich habe die These formuliert, dass der Faschismus, die Abwendung von humanistischen Werten, die Abwendung von Fakten und die Hinwendung zu dem, was Kellyann Conway so schön “alternative facts” nannte (Lügen, Bullshit, Unwahrheit), eine Art Befreiungsbewegung darstellt, eine Befreiung von Werten, nach denen wir im globalen Norden zwar vorgaben, zu leben, die wir aber als spätimperiale Beutegemeinschaften (“Externalisierungsgesellschaften”) nie tatsächlich umsetzen konnten: “Eines der Probleme, das wir als Linke im Kollaps haben, liegt darin, dass der Faschismus genau wegen Kollaps und Schuld und Angst zu einer genuinen Befreiungsbewegung wird: Befreiung von Vernunft und Ethik, von Empathie und Natur, von Menschlichkeit und den meisten anderen Menschen (Öffnet in neuem Fenster).”
Heute möchte ich noch einen Schritt weitergehen, um die unglaubliche Wucht der faschistischen Offensive zu erklären, ihre Omnipräsenz in allen, wirklich allen Lebensbereichen, und die Tatsache, dass der Rechtsruck nicht primär auf den pösen Input der pösen Lobbies und sozialen Medien zurückzuführen ist (Öffnet in neuem Fenster), sondern auf ganz menschliche und nachvollziehbare, wenngleich ethisch und praktisch desaströse Gründe zurückzuführen ist.
Das Krakeelen der privilegierten aber ängstlichen Kreatur
Es beginnt mit der Religionskritik von Marx und Engels, die ihr vermutlich über den häufig nicht ganz richtig zitierten Satz kennt, dementsprechend die Religion das Opium des Volkes (nicht: “fürs Volk”!) ist. Davor schreiben die beiden einen noch nützlicheren Satz, nämlich, dass die Religion “der Säufzer der bedrängten Kreatur” sei, also notwendigerweise in solchen Situationen entstünde, in denen Menschen keine Kontrolle über ihre Umwelt haben, in denen immer mehr passiert, das entweder katastrophal, oder unerklärlich, oder erschreckend, oder alles zusammen ist.
Vor 11 Jahren, als ich den globalen Aufstieg politisch-religiöser Bewegungen verstehen wollte, erklärte ich mir diesen folgendermaßen (Öffnet in neuem Fenster): Religion ist ein jenseitiges Versprechen, sie zieht ihre Kraft aus der Transzendenz, nicht der Immanenz, nicht dem, was ist, sondern dem, was sein wird, sobald Messias und rapture und Nirvana und 72 Jungfrauen. Damals wusste ich vom Kollaps noch recht wenig, wusste aber, dass die globale Situation sich verschlechterte. Dass realistische Zukunftsvorhersagen für immer mehr Menschen immer negativere Resultate erzeugten, dass also die “Immanenz”, das was ist, für immer mehr Menschen immer dunkler und schrecklicher wurde. Darin lag und liegt der Grund für den Aufstieg politreligiöser Bewegungen wie die Evangelical Christians, die Christian Nationalists, aber natürlich auch den politischen Islam in seinen verschiedenen Ausprägungen, sowie Modis Hindunationalismus. Deswegen werden Gesellschaften im Kollaps auch nicht rational, sondern zunehmend irrational – wie jene Vikinger*innenkolonie auf Grönland, die kurz vor ihrem ökologisch bedingten Kollaps in der “kleinen Eiszeit” im 15 Jahrhundert keine Schiffe produzierte, um die Insel zu verlassen (I mean: they were Vikings, after all), sondern allerlei religiösen Nippes, um die Gött*innen zu besänftigen, die sie vermeintlich ins Unglück stürzten.
Jetzt einfach einen Schritt weiter: wenn eine Scheißrealität absurde religiöse Vorstellungen von jüngsten Gerichten et al generiert, die mensch dann neben die schlechte Realität stellen kann (“Das Leben ist ein Jammertal, aber danach...!” Auf englisch heißt das “pie in the sky”), welche absurden Vorstellungen produziert dann eine kollabierende Realität, in der das, was bisher immer schon ein “irdisches Jammertal” war, jeden Tag potenziell schlechter, und nie mehr wirklich fundamental besser werden wird? Eine kollabierende Realität, für die wir uns, je reicher und privilegierter wird sind, auch noch irgendwie schamvollverantwortlichschuldig fühlen, lädt zur Realitätsflucht ein: wenn die Realität scheiße ist, dann ist es echt einfacher und angenehmer, sie komplett zu ignorieren. Und wenn man selbst in dieser Realität relativ privilegiert ist, dann ist es am angenehmsten, sich eine absurde religiöse Wahnvorstellung zuzulegen, die erklärt, warum das alles schon ok ist, warum Dein Reichtum gut und Gottes Wille ist, warum es ok ist, dass alle Anderen im Zweifelsfall elendiglich krepieren. Der Faschismus ist in diesem Sinne nicht der Säufzer der bedrängten, er ist das aggressive Krakeelen der privilegierten aber ängstlichen Kreatur.
_____________________________________________________
Ich finanziere meine politische Arbeit vor allem über diesen Blog, und wäre dankbar für Deine Unterstützung
_____________________________________________________
Faschismus und Todeskult
Noch einen Schritt weiter: so gesehen ist der Faschismus, besonders der Klerikalfaschismus, die wahrscheinliche Mehrheitsreligion reicher Gesellschaften im Kollaps. Er ist nicht nur die Befreiung von Vernunft, Ethik, Empathie et al, er ist die absolute und permanente Realitätsflucht.
Ertrinkende Menschen im Mittelmeer? Nicht nur sind die mir egal, die gibt's gar nicht! Klimakatastrophe? Gibt's entweder nicht, oder ist Gottes Strafe für schwules Arschficken. Trans Menschen? Gibt's nicht, und wenn es sie gibt, rotten wir sie halt aus. Ende der Welt? Entweder kann der Führer es abwenden, oder wir wollten ja ohnehin das Ende, weil die Welt so scheiße ist. Dieser letzte Punkt ist wichtig: seit Klaus Theweleits Faschismusstudie “Männerphantasien” wissen wir, dass der Faschismus auch eine Art Todeskult ist, ein Feiern des Heldentodes im schon aussichtslosen Kampf gegen die feindlichen, kulturfressenden Horden. Und was kann im Moment des gesellschaftlichen Thanatos schöner sein, als diesen nicht zu fürchten, sondern zu feiern?
Und jetzt...?
Was mich zur zweiten wichtigen Frage bringt, die ich an Friedrichs klugen Text anschließen will: was folgt daraus? Das kann ich ehrlich gesagt noch nicht sagen, ich habe da noch keine spannenden Ideen jenseits dessen, was ich über die Verbindung von Antifaschismus und solidarischem Preppen schon gesagt habe.
Aber mal ein bisschen ins Unreine gedacht, ein paar Hypothesen. Zerreißt sie gerne, dafür sind Hypothesen da.
Also, was folgt aus diesen Gedanken? Daraus folgt, dass der Faschismus im Kollaps wahrscheinlich ein besseres, ein attraktiveres Produkt für die meisten Menschen sein wird, als humanistische Vernunft und Verantwortungsübernahme (zumindest, bis wir dafür attraktive Praxisvorschläge, sprich, “politische Produkte” entwickelt haben). Dass wir deswegen einsehen müssen, dass wir auf längere Sicht mit ziemlicher Sicherheit als aktive Antifaschist*innen eine Minderheit sein werden, und unsere Strategien dementsprechend entwickeln müssen. Dass auch beim Antifaschismus gilt, was beim Klimakollaps gilt: sich einzureden, dass das Problem nur vorübergehend ist, dass wir Strategien haben, es zu lösen, und dass nach einem gewissen “Overshoot” sich die allgemeine Rationalität schon wieder herstellen würde, ist selbst Teil des Problems, weil es den Moment verzögert, an dem wir anfangen, uns auf das wahrscheinlichere Szenario vorzubereiten, anstatt auf das unwahrscheinlichere. Dass wir uns darauf einstellen müssen, eine antifaschistische Minderheit zu sein, die mittelfristig Angst vor Exil, Knast oder physischer Gewalt bis hin zum Mord haben muss.
Klar, das wird nicht morgen oder übermorgen passieren. Aber 2012 hätte wohl kaum jemand gedacht, dass Bernd Luckes nationale Professorenpartei sich dereinst anschicken würde, Deutschland zurück in den Faschismus zu führen. Das ist kaum 13 Jahre her, also überlegt Euch mal, wie es 2038 aussehen wird, in einer, sagen wir mal, 2,3 Grad wärmeren Welt, mit ner wackelnden AMOC, mit kriegerischen Auseinandersetzungen überall, mit immer durchgeknallteren Techmilliardären und Realitätsfluchtsoptionen... Wie werden wir da mit unserem Luxusprodukt “humanistische Verantwortung übernehmen” in Gesellschaften ankommen, die das “wir übernehmen keine Verantwortung für die Armut und das Leiden Anderer, auch und gerade wenn wir diese selbst verursacht haben” zu ihrem neuen Motto erklärt haben?
Denkt dran: Der Rechtsruck ist (auch) Realitätsflucht. Deswegen ist er im Kollaps tendenziell unaufhaltbar, weil die Realität tendenziell immer unaushaltbarer wird. So unschön dieses Szenario klingt: es ist zumindest eines, auf das wir uns einstellen sollten. Und erlaubt mir zum Schluss diesen Kommentar: ich weiß, dass dieser Text eine ziemlich dunkle Zukunft vorhersagt, und das lädt erstmal zur Ablehnung ein – aber an einem Tag, an dem die EU trotz immer mehr Klimakatastrophe ihre Klimaziele schwächt, ein Trend, den ich vor über drei Jahren vorhergesagt habe, glaube ich, habe ich verdient, dass Ihr Euch mit meinen Prognosen auseinandersetzt, ohne gleich “nein, Defätismus!” zu rufen.
Mit wie immer antifaschistischen Grüßen,
Euer Tadzio