Über Badibesuche zwischen Euphorie und spätsommerlicher Torschlusspanik.
Im Mai, kurz bevor die Badi-Saison beginnt, erfüllt mich das Potenzial des Sommers mit Euphorie. Optimistisch kaufe ich mir ein Saisonabo für die Bäder. Jetzt liegt der August in seinen letzten Zügen und ich habe das Gefühl, viel zu selten am See oder Fluss gewesen zu sein. War es das Wetter, meine eigene Lethargie, oder war ich zu häufig unterwegs?
Aber, auch wenn ich selten dort war, jedes Mal blieb besonders. Ein Privileg. Es folgt ein Protokoll meiner diesjährigen Badibesuche in Zürich.
Frauenbadi, 10.05.
Heute öffnen alle Badis in Zürich. Seit 1888 schwimmt die Frauenbadi dort, wo der See in die Limmat übergeht. Ich liege im Aussenbereich zum Fluss. Es ist einer der ersten warmen Samstagnachmittage. Nur ein paar Frauen haben ihre Handtücher auf den Holzplanken ausgebreitet.
Wir liegen hier mitten in der Stadt. Gelegentlich ziehen Boote, Schwäne und Enten an uns vorbei. Vom Seeufer dröhnen Motoren von Sportautos zu uns herüber. Über mir Palmwedel und blauer Himmel. Auf einer Baustellenblache eine Werbung für «The Last of Us».
Gelegentlich strecke ich meine Beine durch das Geländer und lasse meine Füsse im Wasser baumeln. Es ist noch eiskalt.

Utoquai, 21.06.
Um 16 Uhr geht unser Flug nach Porto, aber ich will unbedingt noch in den See springen. Den Sommeranfang zelebrieren.
Die Badi am Utoquai ist so voll, dass ich keinen Platz mehr für mein Handtuch finde – egal. Die alte Dame, die vor mir vorsichtig die Treppe ins Wasser hinabsteigt, entschuldigt sich, dass sie so langsam ist. Plötzlich gleitet sie ins Wasser und schwimmt überraschend flink davon.
Als ich ihr zögerlich folge, ruft mir eine andere Frau aus dem Wasser zu: «Einfach schnell inne gumpen!» Als ich eintauche, stockt mir kurz der Atem.

Tiefenbrunnen, 29.06.
Es ist der bisher heisseste Tag des Jahres. Wir lassen daheim die Storen runter, packen unsere Badetasche und gehen – wie alle anderen – in die Badi.
Die Liegewiese ist mit Handtüchern übersät. Mit etwas Glück ergattern wir einen der letzten Sonnenschirme zur Miete. Das Wasser ist aufgewühlt, viel wärmer als noch vor einer Woche. An der Oberfläche treibt Seegras. Es ist die Dusche danach, die Abkühlung bringt.
Für eine Weile drapieren wir uns schwitzend unter einem kleinen Schattenfleck. Ich nippe an einem lauwarmen Bier. Bald geben wir auf und nehmen den Bus zurück in unser kühles Wohnzimmer.

Unterer Letten, 02.07.
Der Ventilator wälzt warme Luft durch mein Büro. In der Mittagspause laufe ich die sieben Minuten zum Unteren Letten. Warum war ich hier noch nie? Abends ist die Badi immer überfüllt. Menschen werfen sich dann quiekend vom Sprungbrett – oder der Brücke – ins Wasser. Jetzt ist es hier noch ganz leer.
Das Wasser fühlt sich fast klebrig warm an. Eigentlich ist es immer ein paar Grad kälter als der See. Ich schwimme ein paar Züge gegen den Strom, bevor ich mich zur Leiter treiben lasse.
Später sitze ich überraschend erfrischt im Schatten unter den Bäumen und lese. Ich sollte öfter hierherkommen.

Strandbad Küsnacht, 17.08.
Hitzewelle. Wir fahren zum Strandbad nach Küsnacht.
Das Licht ist jetzt schon anders als im Juli – etwas dunstig, der See glänzt silber-türkis. Der Blick auf den Uetliberg ist leicht verschoben, das Strandbad ist noch sauberer und besser unterhalten als die in Zürich. Ich beobachte, wie die Silhouetten vom Sprungturm in den See taumeln. Rinse & repeat.
Daheim blitzt mir im Spiegel ein knallrotes Dekolleté entgegen.

Seebad Enge, 25.08.
Vor ein paar Tagen hat mich schon die Sehnsucht nach Herbst beschlichen. Also nehme ich mir in spätsommerlicher Torschlusspanik den Tag frei.
Gegen Mittag sitze ich mit einer Freundin im Seebad Enge auf der Frauenseite zum Lunch. Später liegen wir auf dem schwimmenden Ponton in der Sonne. Der Wind ist frisch, die Atmosphäre entspannt. Keine Kinder, keine Männer. Nur an einer Ecke gibt es ein bisschen Zank um die wenigen freien Liegenplätze.
Ich schliesse meine Augen und versuche, mir das Gefühl von Sonne auf der Haut für graue Februartage zu merken.
Im Büro, 27.08.
Ich dachte heute Morgen noch, dass ich diesen letzten Absatz an einem der Tische im Bistro des Oberen Letten verfassen sollte. Aber wie so oft bin ich über den Mittag im Büro geblieben. Für morgen sind Regen und Temperaturen unter achtzehn Grad angesagt.
Die Badis sind noch bis zum einundzwanzigsten September geöffnet.

Wichtiges Zürcher Badivokabular
gumpen – springen
blutt – nackt
Schwumm – eine Schwimmeinheit
sünnele – sonnenbaden
Fleischbalken – der Steg am Oberen Letten
P.S.: Der Titel dieses Newsletters ist inspiriert von einer Textzeile aus «The Body» (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) von den grossartigen The Pains of Being Pure at Heart.