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VOLLKOMMEN KONFLIKTREICH

SACHBUCH-KRITIK (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Die Zukunft: Kaum wer von uns dürfte sie voraussagen können (Richard David Precht und Veronica Ferres natürlich ausgenommen). Nur so viel scheint sicher: Sie dürfte „unvollkommen und konfliktreich“ werden. Und doch könn(t)en wir sie zu einem guten Ort machen. Jedenfalls mit der entsprechenden „anti-dystopische[n] Haltung“, um die es recht (links-)aktivistisch im letzten Abschnitt von Isabella Hermanns Zukunft ohne Angst und analytisch und komparatistisch in den vier Fünfteln zuvor geht.

Das inhaltlich auf den ersten Blick vielfältige Werk der Politikwissenschaftlerin ist im April im oekom verlag erschienen und mit gerade einmal um die einhundert Textseiten so kompakt wie kompliziert, sparsam wie streckenweise sperrig (dabei spielt die Deutsche Bahn gar keine Rolle...). Dass Dystopien, die „boomen“, uns nicht nur unterhalten, sondern auch immer wahrscheinlicher ins „echte“ Leben dringen, merken wir beispielsweise daran, wie nah am Leben Kathryn Bigelows fiktionaler Film A House of Dynamite ist oder wie sehr mensch sich doch wünscht, Julia Shaws Sachbuch Green Crime wäre fiktiver Thriller statt faktualer Tatsache...

Nach einer kurzen Betrachtung der dystopischen Gegenwart und ihrer Umsetzung bzw. Fortschreibung als Genre-Arbeit, u. a. anhand von Black Mirror oder Mad Max: Fury Road, befasst Hermann sich kurz und knackig mit der utopischen Forderung, die, dadurch dass ihr „immer Faktoren innewohnen, die sie in ihr dystopisches Gegenteil verkehren“ könnten, elitär wirkten oder dazu neigten, „ins Totalitäre zu kippen.“ Stimmt, denke ich mir, und erinnere mich daran, wie Putin einst wie eine reale Utopie für ein besseres, modernes Russland wirkte (oder für manche wirken mochte*).

Folgend definiert die Autorin den Begriff der „Anti-Dystopie“ anhand des Romans Das Ministerium der Zukunft von Kim Stanley Robinson (sie allerdings nimmt die englischsprachige Ausgabe als Grundlage). Das scheint nur sinnvoll, wie sich im Abschnitt gut und schnell auch Leser*innen ohne Vorkenntnisse der Thematik und des Romans erschließt. Immerhin „analysiert [Isabella Hermann] Science-Fiction [und] geht der Frage nach, wie das Genre gesellschaftliche Werte reflektiert, Debatten um neue Technologien prägt, Zukunftsnarrative formt (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) – und wie wir in dystopischen Zeiten positive Zukünfte gestalten können (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)“, so der oekom verlag.

https://steady.page/de/thelittlequeerreview/posts/f2573a28-a810-4e36-9431-22d8a4d44523 (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Das geschieht vor allem im letzten größeren Abschnitt. (Zuvor behandelt sie noch weitere anti-dystopische Geschichten und Narrative, da spielen Feminismus und politisch motivierte Femizide, Kolonialismus und Kritik an linearer Zeitlichtkeit der Zerstörung, Queerness und das Mensch-Tier-Verhältnis, Epigenetik, Klimakrise und Biodiversitätsverlust, Afrofuturismus und Africanfuturism wesentliche Rollen, diverse Lektüretipps und der Hinweis darauf, dass es nicht die Aufgabe von Autor*innen sei, „gewaltfreie und moralisch einwandfreie Plots zu schreiben, die über jeden Zweifel erhaben sind“ inklusive. Stimmt!) Schon vor ihrem Appell an uns alle sowie dem einen oder anderen sich fortwährend wiederholenden Ruf um Akzeptanz der Unterschiede und Kritikfähigkeit im Sinne einer (utopischen) Selbstermächtigung bringt sie uns den Begriff des „Kapitalozäns“ nahe und übernimmt ihn für den weiteren Teil unkritisch und somit schon hier als „Aktivposten“ des Anliegens, sich schließlich für Vergemeinschaftung des vermeintlich individuellen Lebens auszusprechen.

ZUKUNFT OHNE ANGST stößt uns u. a. auch (erneut) auf diese Sci-Cli-Fi-&-Co-Lektüren von Octavia E. Butler und Kim Stanley Robinson // Foto: © the little queer review
ZUKUNFT OHNE ANGST stößt uns u. a. auch (erneut) auf diese Sci-Cli-Fi-&-Co-Lektüren // Foto: © the little queer review

Was sie jedoch immer und immer wieder mit dem Argument „abschwächt“, dass Kritik möglich bleiben müsse, solange auch andere Kritik an Ideen und möglicher Veränderung akzeptiert bliebe, usw. usf. Das ist ein seltsamer Kreis, den sie engagiert immer wieder dreht, doch leider inhaltlich und argumentativ nicht wirklich... naja, rund bekommt. Dafür folgen immer mehr Wiederholungen und primär Wunschgedanken (aka Utopien), doch kaum etwas, das greifbar auf dem zuvor geschilderten aufbauen könnte. Was auch als eine von tausenden Zukunftsoptionen à la Octavia Butler eher dünn ist. (Was nicht bedeutet, dass es nicht zutreffende Punkte gäbe. Wie etwa jenen, dass unterschiedliche und möglicherweise wirksame Gerechtigkeitskonzepte nicht gegeneinander ausgespielt werden sollten. Allerdings fehlt der Hinweis, dass sie durchaus gegeneinander abgewogen werden dürfen.)

Das schmälert das ansonsten hoch interessante Werk, zumal sie durchaus Widersprüche und einige komplexe Gedanken und Vorgänge eröffnet, die spannend sind und zu diskutieren wären. Sie jedoch damit abzutun, dass sie respektvoll akzeptiert werden müssten, scheint, nein, ist zu dünn. Und fügt sich wohl in kaum eine der von Hermann genutzten Geschichten ein, was es nur umso irritierender macht. Dafür verrennt sie sich mehr und mehr in den Debatten um Zielsetzungen, dem Heute, Klimawandel und wirtschaftlichem Wachstum, dem möglichen Problem mit feministischer Außenpolitik und einem möglichen Engagement aller, ohne jedoch Zugangsbarrieren zu nennen. Die Gedanken sind groß, die Ausführungen teils sperrig, doch nie wirklich fortgeführt. Es bleibt beim Benennen von Problem-Schablonen und sinngemäß dem Gedanken, da müsste mensch mal. Nur beim Deutsche-Wohnen-Enteignen-Volkstenscheid wird es recht konkret. (Zwar stimmt es sicherlich, dass gemeinschaftliche Wohnprojekte fein sein könnten, dass diese aber ebenso exklusiv wie exkludierend sein können, wird nicht erwähnt.)

https://steady.page/de/thelittlequeerreview/posts/c85b4d8d-b12a-4f73-af28-5fbcd9cd6a83 (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Anmerkungen wie „anti-dystopisches Handeln“ sei „pragmatisch“ oder „werteorientiert“ klingen wie Binsen ohne wirkliche Beweisführung – nahezu der gesamte letzte Teil baut auf einem Confirmation Bias und reichlich naiven Betrachtungen auf. Der (zuvor im Band häufiger so oder so ähnlich auftauchende) Schlussgedanke könnte zudem leider, leider, leider aus einer Big-Tech-Broschüre, jedem Pharma-Pamphlet oder Parteiprogramm stammen: „Wir leben in dystopischen Zeiten, doch mit einer Offenheit für Veränderung, Gemeinschaftssinn und Willen zu Gerechtigkeit zeigt die Anti-Dystopie als Genre, Konzept und Narrativ, dass der Einsatz für eine bessere Zukunft zwar widersprüchlich, aber nie vergebens ist.“

Da Isabella Hermann alles „Widersprüchliche“ schwammig bleiben lässt, muss am vagen Ende wohl gesagt werden, dass Donald Trump und die Köpfe des Project 2025 ihr am Ende recht geben dürften (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Allein wird das ihr Wunsch-Gedanke wohl nicht gewesen sein...

https://steady.page/de/thelittlequeerreview/posts/1cb60989-0b1d-49d8-beda-0c93dfda4fb3 (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Ein Buch, das ich mit großem Interesse begonnen und einigem Input weitergelesen habe, entpuppt sich in der vermeintlichen „Conclusio“ als inkonsequent und ärgerlich und „anschlussfähig nach allen Seiten“. Kurzum: Diese Analyse und Handlungsanweisung von und zu Anti-Dystopie ist nicht davor gefeit zur Anti-Utopie zu werden.

AS

PS: Sehr störe ich mich an der ständigen Verwendung des Wortes „Endziel“, das eben wirklich verdammt nah am „Endsieg“ ist und einfach nicht gut klingt. Das ist ein persönliches Ding, doch jedes Mal, wenn ich es lesen muss, hab ich einen Ick.

* Dazu sei das aktuelle Buch Katja Glogers und Georg Mascolos Das Versagen empfohlen, wie auch der Ronzheimer-Podcast zum Thema (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) bzw. diverse Folgen, die sich mit Russland, der Ukraine und Co. befassen.

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Eine Leseprobe findet ihr hier (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).

Isabella Hermann: Zukunft ohne Angst. Wie Anti-Dystopien neue Perspektiven eröffnen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre); April 2025; 120 Seiten; Softcover; ISBN: 978-3-98726-151-0; oekom verlag; 19,00 € (auch als eBook erhältlich – 14,99 €)

Sujet Sachbuch

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