THRILLER-KRITIK (Si apre in una nuova finestra)
Kriege zerstören. Häuser, Heimat, Infrastruktur, Familien. Wir sehen das seit mehr als drei Jahren vor unserer Haustür, wo Russland die Ukraine zerstört (Si apre in una nuova finestra). Oder vor 30 Jahren, als die Zerfallskriege das frühere Jugoslawien zerstört haben. Kriege zerstören das Leben von so vielen Menschen und dabei geht es oft nur um Ideologie, Rechthaberei oder Eitelkeiten.

Manches aber bleibt und überdauert selbst den härtesten Krieg. Sechs Millionen Jüdinnen und Juden wurden im Zweiten Weltkrieg vernichtet, aber das jüdische Volk lebt zum Glück noch heute. Oder in Jugoslawien: Auch wenn viele Feindschaften fortbestehen, gibt es heute Frieden und auch manche Freundschaft. Slowenien und Kroatien sind gar bereits der Europäischen Union, einer Union von Freunden, beigetreten. Und – leider auch das – Relikte wie Landminen gibt es auch noch immer auf dem Westbalkan, wie die Region heute so schön heißt.
…vor dem Kriege…
Wir sehen: Sowohl Gutes als auch weniger Gutes kann einen Krieg überdauern. Und im Falle von Joe McGrady, Detective beim Honolulu Police Department auf Hawaii, war es ein ungelöster Mordfall, der den Krieg überdauerte. McGrady ist der Hauptcharakter in Fünf Winter, einem Thriller von James Kestrel, der in der deutschen Übersetzung von Stefan Lux und herausgegeben von Thomas Wörtche bereits im März 2023 bei Suhrkamp erschienen ist.
https://steady.page/de/thelittlequeerreview/posts/826a6ab2-6e1f-4972-8255-1fc8561aa59a (Si apre in una nuova finestra)McGrady nämlich wird Ende November 1941, also nur wenige Tage vor dem Angriff Japans auf Pearl Harbor und somit dem Kriegsbeginn im Pazifischen Ozean, mit der Aufklärung eines Doppelmordes beauftragt. Der Neffe des Admirals der US-Pazifikflotte und eine junge japanischstämmige Frau wurden auf brutale Weise ermordet aufgefunden.
…schwebt der Pan Am-Clipper…
McGrady ermittelt erst vor Ort und scheint einen ersten Verdächtigen zu haben. Doof nur, dass er über den ganzen Pazifik bis nach Hongkong reisen muss, um seiner habhaft zu werden. Am Vorabend des Krieges macht er sich somit unter anderem über Guam und die Philippinen am Vorabend des Krieges in die britische Kronkolonie, wo er jedoch schnell in japanische Kriegsgefangenschaft gerät.
https://steady.page/de/thelittlequeerreview/posts/ccf8d323-44a5-4ccb-93a4-51f8bb16de94 (Si apre in una nuova finestra)Diese übersteht er mehr recht als schlecht, kehrt nach der Bombardierung Tokios und dem baldigen Kriegsende zurück nach Hawaii und versucht dort den mittlerweile geschlossenen Fall zu lösen – nicht nur aus eigenem Antrieb. Zurück auf dem Archipel muss er jedoch feststellen – ein Gedanke, mit dem er sich bereits in seiner Gefangenschaft intensiv auseinandersetzen konnte – dass sich die Welt eben auch hier weitergedreht hat und nicht alles so geblieben ist, wie er es verlassen hat.
…spannungsvoll
Historische Thriller wie dieser von Jonathan Moore – so der eigentliche Name von James Kestrel – bergen die Gefahr, historische Fakten mit der Phantasie des Autoren oder der Autorin bis zur Unkenntlichkeit zu vermengen. Das gilt selbstverständlich auch für Fünf Winter, die Frage ist nur, ob das auf eine gute oder eine unangenehme Weise geschieht, gerade wenn es sich über 500 Seiten erstreckt, was doch ziemlich lange und redundant werden kann.
https://steady.page/de/thelittlequeerreview/posts/98644792-5321-495e-91ec-0b1ac4fa884b (Si apre in una nuova finestra)In Fünf Winter ist das jedoch glücklicherweise nicht der Fall. Unsanft werden wir in diesen Fall geworfen, so wie auch McGrady, der einen ruhigen Feierabend geplant hatte, diesen jedoch nicht mehr so erleben würde, wie er anfangs dachte. Vom ersten Moment an sind wir genau wie der leitende Ermittler in diesen Fall gezogen und können uns dieses Sogs ähnlich schlecht erwehren wie die Amerikaner des Überraschungsangriffs der Japaner.
Detective Joe
Das Spannungsniveau ist dabei auf einem konstanten Niveau, das auch nicht zu hoch ist und so vor Enttäuschungen aufgrund zu hoher Erwartungen schützt. McGrady arbeitet permanent auf sein Ziel hin, das zwar während der Kriegsgefangenschaft ein wenig in den Hintergrund tritt, aber er dennoch nie aus den Augen verliert – trotz manch intervenierender Variable.
https://steady.page/de/thelittlequeerreview/posts/7eff1054-ad2d-4f96-bad2-6336a1bfdf9c (Si apre in una nuova finestra)Unser Hauptcharakter McGrady erlebt auch eine permanente charakterliche Entwicklung, die jedoch nicht abrupt verläuft, sondern geschmeidig und elegant. Auf dieselbe Weise webt Kestrel Hintergrundinformationen über den Ermittler ein, vermengt dies mit einer historisch und geografisch recht akkuraten Detailkenntnis von Hawaii über Taiwan bis Hongkong und Tokio und liefert uns so einen Krimi, der auch über 500 Seiten zu überzeugen weiß.
https://steady.page/de/thelittlequeerreview/posts/6eb26330-b68f-466d-b104-594c6ece31a4 (Si apre in una nuova finestra)Selbst solche Themen, die uns heute noch beschäftigen, wie nationalsozialistische Umtriebe in Sicherheitsbehörden, Polizeigewalt und struktureller Rassismus, finden hier ihren passenden Platz. Fünf Winter weiß also zu überzeugen und alle Gefahren, die sich bei solch langen Büchern oftmals ergeben, umschifft James Kestrel sehr gekonnt. Nicht umsonst stand Fünf Winter lange auf den Krimi-Bestenlisten und wurde u. a. 2022 mit dem Edgar Award für den besten Krimi ausgezeichnet. Egal ob Lektüre für Winter, Sommer oder eine Übergangsjahreszeit, dieses Buch kann auf allen Ebenen überzeugen und böte mehr als genug Potential für eine gute Verfilmung oder Serienadaption.
HMS
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Eine Leseprobe findet ihr hier (Si apre in una nuova finestra).
James Kestrel: Fünf Winter (Si apre in una nuova finestra); März 2023 (HC), Juni 2024 (TB); 498 Seiten; Broschur; ISBN: 978-3-518-47419-8; Suhrkamp Verlag; 14,00 €