Jänschwalde hofft auf Wasserstoff
HINTERGRUND / KRAFTWERKE IN BRANDENBURG
Die Leag hat Einiges versucht, um ihrem zweitgrößten Kohlekraftwerk ein postfossiles Geschäftsmodell zu geben. Nun soll es eine Kombination aus Wasserstoff und Gas richten.
von Christine Keilholz
Juli 2024

In der Kraftwerkskantine erzählte Brandenburgs Wirtschaftsminister ein trauriges Märchen aus dem Jahr 2018. Als die Kohlekommission tagte in einer dunklen, kalten Nacht, um die Modalitäten des Kohleausstiegs auszuhandeln, zu dem sich die Bundesregierung entschlossen hatte. „Jemand sagte dann: Das sieht nicht gut aus für euch“, erzählte Jörg Steinbach (SPD). „Der Westen macht viel mehr und viel schneller als der Osten. Wir müssen Jänschwalde opfern. 2024 muss in Jänschwalde Schluss sein.“
Das frühe Ende des zweitgrößten Braunkohle-Kraftwerks der Lausitz war nicht akzeptabel für Brandenburgs Landesregierung. Steinbach selbst hatte dann die Idee, das Auslaufen der Kohle intelligent mit anderen Technologien zu kombinieren. Das Ziel: die CO2-Emissionen so weit senken, dass das Kraftwerk länger betrieben werden kann.
Der Schlüssel dazu soll Wasserstoff sein. Für Wasserstoffprojekte hat Steinbach am vergangenen Dienstag in der Kraftwerkskantine 45 Millionen Euro Fördermittel übergeben. Das Geld kommt aus dem brandenburgischen Topf des Just Transition Fund (JTF). Wasserstoff ist bisher der aussichtsreichste Ansatz, dem Kraftwerk, das noch immer der größte Arbeitgeber östlich von Cottbus ist, mit den Mitteln der Energiewende eine Zukunft zu sichern.
Nach der Sicherheitsreserve fallen Stellen weg
Die Zeit des Kohlemeilers Jänschwalde ist bis 2028 bemessen. Doch geradelinig war der Ausstiegspfad bisher nicht. Erst im März dieses Jahres endete die Sicherheitsreserve (Öffnet in neuem Fenster), mit dem sich das Kraftwerk bereithielt für den Fall, dass Energie gebraucht würde. Mit Russlands Angriff auf die Ukraine und der darauf folgenden Energiekrise war Jänschwalde vor zwei Jahren als heimische Produktionsstätte wieder interessant geworden. Für eine begrenzte Zeit war fossil wieder in (Öffnet in neuem Fenster). Der Betreiber Leag stellte Mitarbeiter ein. Etliche ehemalige Kraftwerker wurden aus dem Ruhestand zurückgeholt, weil ihre Kompetenzen wieder gebraucht wurden.
Jänschwalde kann mit 1.000 Megawatt die größte Reservekapazität aller deutschen Kohlekraftwerke aufbieten. Die beiden 500-Megawatt-Blöcke E und F konnten im Notfall innerhalb von zehn Tagen Strom liefern können. Das galt zunächst bis Herbst 2023 und wurde dann um ein halbes Jahr verlängert.
Nach dem Ende dieses Aufschubs kehrt nun in die Ausstiegsnormalität zurück. Laut Betriebsrat will der Arbeitgeber Leag das „nach seiner Ansicht überschüssige Personal so schnell es geht wieder loswerden“, heißt es in einer internen Mitteilung, die Neue Lausitz vorliegt. Im Kraftwerk kursiert demnach eine Liste mit 68 Namen von Mitarbeitern aus dem Schichtbetrieb, die gehen sollen. Im technischen Service ist vom Abbau von 31 Stellen die Rede. In dieser Lage setzen die Wasserstoff-Fördermittel die Zeichen wieder auf Transformation. Weiterer Kohlebetrieb soll nicht die Zukunft sein.
Abfall- und Holzverbrennung gescheitert
Die Leag hat Einiges probiert, um Jänschwalde ein postfossiles Geschäftsmodell zu geben. Zusammen mit dem Entsorger Veolia wollte das Energieunternehmen auf dem Gelände Abfälle verbrennen (Öffnet in neuem Fenster). Die Idee kam in der Umgebung nicht gut an und war auch nicht aussichtsreich. Das Joint Venture ist inzwischen beendet, auch wenn die Leag nach eigener Aussage die Idee der umweltschonenden Abfallverwertung noch nicht begraben hat. Auch von den Überlegungen, Holz zu verbrennen, ist nichts mehr zu hören.
Stattdessen fokussieren sich die Hoffnungen auf das Konzept des innovativen Speicherkraftwerks. Ein solches Kraftwerk umfasst von der 40-Megawatt-Elektrolyse-Anlage bis zum thermischen 1.000-Megawattstunden-Elektrospeicher alles, was in der Energiewende gefordert wird - kann aber auch mit Gas betrieben werden, solange es an Wasserstoff fehlt.
Die Leag veranschlagt dieses innovative Kraftwerksprojekt mit mehr als 500 Millionen Euro. Ob es dazu kommt, hängt allerdings von bundespolitischen Entscheidungen ab. Konkret davon, welche Rolle die drei Standorte der Leag in der Kraftwerksstrategie spielen, die das Bundeswirtschaftsministerium erarbeitet.
Leag profitiert massiv vom JTF
Insofern ebnen die JTF-Millionen ein Stück des Wegs dorthin. Brandenburgs Landesregierung hatte Schwierigkeiten, JTF-Mittel für die Leag zu organisieren. Aus dem EU-Topf für den gerechten Übergang in die CO2-neutrale Energiewirtschaft dürfen nur grüne Technologien gefördert werden - in Steinbachs Worten „nichts, was nur im entferntesten fossil riecht“. Nur durch die Transformation zum grünen Powerhouse, die Leag-CEO Thorsten Kramer ausgerufen hat, ist das Unternehmen überhaupt förderfähig.
Rund 120 Millionen Euro sollen die Wasserstoff-Anlage und der thermische Energiespeicher kosten. Die 45 Millionen Förderung sind dabei vergleichsweise bescheiden. Im Mai bekam die Leag 59 Millionen Euro aus dem JTF für Wasserstoffprojekte in Boxberg. Insgesamt profitiert die Leag in hohem Maße von dem Fördertopf, der die einzige direkte Unternehmensförderung im Strukturwandel darstellt. Allein in Sachsen kann der Bergbau-Betreiber 95 Millionen Euro aus dem EU-Programm erwarten. Brandenburg hat von seinem Anteil 68 Millionen für Großunternehmen geblockt. Beide Länder haben im JTF Schwerpunkte definiert, die direkt oder über Bande das Kohleunternehmen begünstigen.
Dass der Erhalt des Standorts Jänschwalde und seiner rund 1.000 Jobs dem Land dieses Geld allemal wert ist, machte Steinbach bei seinem Besuch deutlich. Er ließ aber auch erkennen, dass alles seine Grenzen hat. Den Anschluss ans wasserstofffähige Gasnetz, den die Leag vehement fordert, will die Landesregierung nicht subventionieren. Die geschätzten Kosten für dieses Stück Infrastruktur belaufen sich auf 115 bis 150 Millionen Euro. „Dieses Geld“, sagte Steinbach in Richtung des Leag-CEO Kramer, „können Sie sicher selbst finden.“