Manche Sätze begleiten uns ein Leben lang – obwohl sie nie zu uns gehörten. Wie wir fremde Urteile erkennen, prüfen und innerlich zurückgeben können.
Vieles von dem, was wir über uns denken, hat mit sozialen und gesellschaftlichen Prägungen zu tun, die wir als Kinder erlebt haben. Ich habe eine Freundin, die in meiner Realität eine gute Volleyballerin ist. Leider glaubt sie, eine schlechte Spielerin zu sein. Dieses vermeintliche Wissen macht sie an einer Aussage ihrer Mutter fest, die vor vielen Jahren in die Sporthalle kam, ihr zusah und sagte: „Die anderen Mädchen sind ja alle viel besser als du.“
Aussagen von Autoritätspersonen übernehmen wir als junge Menschen schnell. Wir überprüfen nicht, ob diese Person eine verlässliche Quelle für die Information ist. Die Mutter meiner Freundin zum Beispiel war sehr unsportlich und hatte keine Ahnung von Volleyball. Als Mutter aber hatte ihre Stimme Gewicht. Auch Trainerinnen und Trainer, die Expertise haben sollten, können sich irren oder schlicht den falschen Ton treffen.
Überprüfe die Quelle deiner inneren Stimmen
Wir wissen nicht, welche Einflüsse oder Stimmungen dazu geführt haben, dass Menschen uns mit bestimmten Aussagen konfrontieren. Trotzdem werden ihre Sätze zu unseren Gedanken und blockieren unser Vorankommen. Nun können wir uns grämen, die Person verurteilen und uns fragen: „Wie kann man so etwas sagen?“ Am Ende aber entscheiden wir selbst, welchen Einfluss eine Aussage auf uns haben darf.
Es kann helfen, sich solche Sätze aufzuschreiben und zu fragen: Wie wahr ist das? War das eine auf den Moment bezogene Aussage oder eine allgemeingültige? War die Person eine vertrauenswürdige Quelle für diese Information? Wenn ich die besagte Person heute mit ihrer Aussage von damals konfrontieren würde: Wüsste sie noch, was sie gesagt hat? Und war es ihre Absicht, diesen Effekt auf mich auszuüben? Vermutlich nicht.
Entscheide, welche Geschenke du annimmst
Man sagt ja immer: “Feedback ist ein Geschenk”. Ich finde den Satz etwas platt, aber spielen wir das einmal durch: Was würde ich mit einem Geschenk machen, das ich mir nicht gewünscht habe und das mir nicht gefällt? Ich kann es behalten, in meine Wohnung stellen und mich jedes Mal, wenn mein Blick darauf fällt, darüber ärgern, wie mir jemand so etwas Unnötiges oder Geschmackloses schenken konnte – oder ich lasse es los.
Ein schöner Satz, den wir uns merken können, ist dieser: Wenn eine Person etwas über uns sagt, sagt sie in der Regel viel mehr über sich selbst als über uns. Wenn sie ein Geschenk mitbringt, das nicht zu uns passt, hat das häufig auch weniger mit uns zu tun, als mit der Person selbst – mit ihren Gedanken, Annahmen und mit der Zeit die sie in die Auswahl investiert hat.
Das Trampolin passt nicht zu mir
Als ich meinen ersten festen Job gekündigt habe, bekam ich zum Abschied von dem gesamten Team ein Trampolin geschenkt. Das war eine süße Geste. Sie sahen mich als eine vitale, freie Person mit einem präsenten inneren Kind, das neu ins Leben sprang. Und sie wussten, dass ich gerade in ein Haus gezogen war und einen Garten hatte. Ich konnte verstehen, wie es zu der Idee kam und die Geste wertschätzen.
Gleichzeitig kann ich Trampoline nicht ausstehen und springe auch nicht gern darauf. Das während der wirklich sehr schönen Abschiedsfeier zu sagen, hätte ihre Gefühle verletzt. Ich hatte ja verstanden, was sie ausdrücken wollten. Ich habe es mir aber nicht in den Garten gestellt und mich gezwungen, darauf herumzuspringen. Ich nahm es mit, stellte es in den Keller und gab es einige Wochen später an eine Bekannte weiter, deren zwei Kinder Trampolin springen lieben und sich riesig freuten.
Lerne, unpassende Aussagen loszulassen
Mit Sätzen ist das Loslassen fast leichter als mit unhandlichen Geschenken. Man braucht sie nicht durch die Stadt zu fahren, bei Kleinanzeigen anzupreisen oder gar im Moment des Schenkens abzulehnen. Klar wäre es die hohe Kunst – und das Thema hatten wir bereits im Rahmen der “Classy Response (Öffnet in neuem Fenster)” – wenn ich unangemessene Aussagen gar nicht erst in mein System hineinlasse und mich abgrenze. Hier das passende Timing und den richtigen Ton zu finden, ist herausfordernd. Die Situation ist konfrontativ. Und da die meisten solcher Sätze zu uns kamen, als wir noch klein waren, verlangt man sich dabei womöglich zu viel ab. Wir können diese Sätze auch später noch zurückgeben.
https://open.spotify.com/episode/0zASaoRg0T7FcLLDGiVbRd?si=4c262add4e644339 (Öffnet in neuem Fenster)Und ich meine zurückgeben und nicht weitergeben. Unliebsame Geschenke können anderen eventuell Freude bereiten. Aussagen weiterzugeben ist keine gute Idee, besonders, wenn es sich um Aussagen handelt, die wirklich niemand braucht. In Familien oder anderen Systemen passiert das häufiger: Der Vater/die Mutter gibt das weiter, was er oder sie von seinem Vater oder ihrer Mutter gelernt hat, die Chefin gibt den Stress an die Mitarbeitenden weiter und so setzt sich das immer weiter fort, bis jemand den Mut aufbringt, das System zu unterbrechen. Also: nicht weitergeben, sondern zurückgeben.
Eine meiner Lieblingsübungen: Sätze zurückgeben
Für solche Fälle nutze ich in der Regel die Aufstellungsarbeit. Stell dir die Person vor, die den Satz, den du bis heute mit dir herumträgst, über dich oder zu dir gesagt hat. Fühl noch einmal hinein. Stell dir vor, die Person steht dir gegenüber. Wenn du möchtest, kannst du das auch mit geöffneten Augen machen und einen Stuhl in etwa anderthalb Meter Entfernung aufstellen. Sage laut oder innerlich:
„Liebe/r xy. Ich bin heute hierher gekommen, um dir zurückzugeben, was über dich zu mir gekommen ist. Die Aussage – hier den betreffenden Satz einfügen – hat nichts mit mir zu tun. Die Stimme gehört nicht zu mir und ich gebe sie dir jetzt zurück, damit sie wieder an ihrem rechtmäßigen Platz ist.”
In Gedanken hältst du die Aussage vor deinem Körper in den Händen, läufst auf die Person zu, bückst dich, legst den Satz vor ihr ab und gehst wieder zurück. Atme tief durch. Wenn du möchtest, kannst du dir auch vorstellen, wie die andere Person den Satz aufnimmt, prüft und für sich wegsortiert. Der wichtigste Part ist aber, dass du das, was nicht zu dir gehört, wieder an die Stelle bringst, von der es kam.

Zum Weiterhören im Podcast
Vor ein paar Jahren haben David und ich einen Podcast aufgenommen zu genau diesem Thema. Wir haben über Fremdbild versus Selbstbild, vertrauenswürdige Quellen und unseren Umgang mit Kritik und Komplimenten gesprochen. Dabei haben wir einen Teil unserer persönlichen Kennenlern-Story geteilt und festgestellt, dass wir gegenseitig übereinander getroffene Annahmen auf Schlüsselerlebnisse unserer Vergangenheit zurückführen konnten.
https://open.spotify.com/episode/0K6eXt4AuQeA6JZeIQsyRl?si=134f5e5d387e4f30 (Öffnet in neuem Fenster)