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Was beim Beachvolleyball alles auf dem Spiel steht

Ranglisten, Eitelkeiten und die Frage, wer gerade dazugehört. Eine kleine Analyse von Beachvolleyball-Turnieren mit Anlehnung an „Bridgerton“

Ich mache immer wieder die Erfahrung, dass es sich lohnt, Gedanken, die man während eines Beachvolleyballspiels so hat, laut auszusprechen. Neulich spürte ich während einer Begegnung im Turnier besonders viel Druck. Alles fühlte sich so hektisch an. Auch meine Partnerin, die sich sonst immer sehr ruhig und stabil über das Feld bewegt, wirkte fahrig. Ich nahm eine Auszeit. Wir sahen uns an. „Ich glaube, wir müssen uns vorstellen, dass da zwei andere Leute stehen. Kann das sein?“, fragte ich. Sie grinste. Wir hatten beide dasselbe Problem. Das Wissen darum half. Ab dem Moment der offen gelegten Gemeinsamkeit, wurden wir wieder stärker und gewannen den Satz.

Durch den Sieg hatten wir eine längere Pause. Wir holten uns einen Kaffee und tauschten uns darüber aus, gegen welche Charaktere wir besonders ungern spielen und warum wir glauben, dass das so ist.

Gegen wen spielen wir eigentlich gern?

Um unsere Erkenntnisse in Textform zu bringen, habe ich mich gefragt: Gegen wen spielt man eigentlich gern? Habe ich bei einem Turnier schonmal jemanden sagen hören: „Oh, wir spielen jetzt gegen die – wie toll!“? Ich glaube nicht. Das ist interessant. Wir melden uns für Turniere an, aber gegen die meisten Teams wollen wir nicht gern spielen. Aber, warum? Ich glaube, wir betrachten in Turniersituationen weniger den Prozess, sondern eher das Ergebnis. Und dann stellt sich nicht die Frage: Gegen wen spiele ich gern? Sondern: Gegen wen muss ich jetzt gewinnen oder gegen wen möchte ich nicht verlieren?

Unser Spielerlebnis bewerten wir dementsprechend auch zu einem großen Teil daran, ob wir am Ende gewonnen haben oder nicht. Gewinnen macht schließlich auch mehr Spaß als zu verlieren. Es hängt aber noch viel mehr daran: Die Setzlisten, Platzierungen und Ranglisten drücken eine sportliche Hierarchie aus. Sie sind online sichtbar, in den sozialen Medien und sie übertragen sich, ohne dass wir es bewusst merken, auf unsere soziale Hierarchie. Wer häufiger gut abschneidet, wird plötzlich von anderen Leuten für Turniere oder Trainingsgruppen gefragt. Wer nicht sichtbar ist, verschwindet vom Radar.

Wenn sportliche Ranglisten zu gesellschaftlichen Hierarchien werden

Es ist gar nicht viel anders als bei Bridgerton. Jedes Spiel determiniert ein stückweit unseren gesellschaftlichen Rang und alle stellen sich die Frage: „Who is the Diamond of the Season?“ Manche stellen sich absichtlich an den Rand der Tanzfläche oder verweigern ihre Teilnahme an den Turnierbällen der Saison. Andere finden keine Tanzpartner, haben nichts anzuziehen oder ihnen wird wegen ihres Standes – nennen wir es die Zulassungsbedingungen – die Teilnahme verweigert. Ihnen bleibt nur die Möglichkeit, durch strategisches Heiraten ihren Rang zu verbessern: Man sucht sich eine Partnerin, die besonders viele Punkte hat. Das wiederum kann zu einem Ungleichgewicht führen, in der sich eine Person eine längere Liaison wünscht, die andere in einem aber nur eine Mistress sieht, die sie in Betracht zieht, wenn sie keine Alternative findet.

Warum manche Spiele schon vor dem Anpfiff verloren sind

Die Hierarchien, die wir aus den Listen konstruieren, können vielerlei Stress verursachen: Oft führen sie dazu, dass Spielerinnen und Spieler sich unter Druck setzen, weil sie ihren Rang unbedingt verbessern wollen. Sie können gar nicht jedes einzelne Spiel betrachten. Und sie rechnen. Vor dem Turnier: „Gegen wen werden wir in der Gruppe antreten, wie sind unsere Chancen?“ Beim Turnier: „Wir haben jetzt zwei Sätze verloren, was haben die anderen gemacht? Schaffen wir es in die K.-o.- Runde, wen treffen wir dann?“ Nach dem Turnier: „Wie viele Punkte habe ich bekommen? Wo stehe ich jetzt in der Rangliste?“

Manchmal führt die ganze Rechnerei auch dazu, dass Teams schon vor Beginn einer Partie entscheiden, dass sie verlieren – weil die andere Mannschaft in der Setzliste über ihnen steht oder weil sie schon einmal gegen sie verloren haben. Von außen sieht das so aus, als haben sie sich mit ihrem sozialen und sportlichen Rang abgefunden, ohne darum zu kämpfen. In der Regel steckt dahinter die Angst vor dem Scheitern: Ich habe Angst, mich dem Wettkampf voll hinzugeben, trotzdem zu verlieren und somit den vermeintlichen Beweis in der Hand zu halten, dass ich zu schlecht bin.

Also strenge ich mich lieber gar nicht erst richtig an. Auf diese Weise behält man die Verantwortung und somit die Kontrolle bei sich – denn wer weiß, was passiert wäre, wenn ich alles gegeben hätte? In Bridgerton-Sprache ist das der Moment in der vierten Staffel, in dem die vermeintliche Magd Sophie Baek dem Adligen Benedikt Bridgerton ihre Gefühle nicht gesteht. Es wäre schlimmer für sie, sich zu offenbaren und abgewiesen zu werden, also bleibt sie lieber, wo sie ist. Die Werte, die dahinter stehen sind Würde, Kontrolle und Sicherheit.

Zwischen Gewinnen und Gefallen wollen

Es gibt Spielerinnen und Spieler, für die steht das Gewinnen an erster Stelle. Der Sieg ist der höchste Wert und er wird mit allen Mitteln versucht zu erreichen – auch mit Provokation, Diskussionen, aggressivem Verhalten und einer Spielweise abseits des Fairplay. Das sind die Cressida Cowpers des Beachvolleyball. Obwohl sie sich so verhalten, dass man sie am liebsten an die Wand klatschen möchte und so wirken, als sei ihnen egal, was die anderen denken, steckt hinter der Fassade der Wunsch nach Zugehörigkeit. Vielleicht haben sie irgendwann mal gelernt, dass Zugehörigkeit nur durch Leistung erreicht wird, wurden ausgeschlossen, wenn sie nicht gut genug waren oder sie haben Druck bekommen, wenn sie zu schlecht waren.

Die entgegengesetzte Variante sind die Spielerinnen und Spieler, die sich aus Angst, die gegnerische Partei zu verletzen, zurücknehmen und schlechter spielen – besonders wenn die Gegner auffällig unangenehm werden. Noch extremer wird es, wenn beide Teams gut bekannt oder sogar befreundet sind. Diese Charaktere haben Angst, ihre Zugehörigkeit zu verlieren, wenn sie zu erfolgreich werden. Sie haben in der Regel Neid erlebt, vielleicht sind auch Freundschaften durch Situationen des persönlichen Erfolgs kaputt gegangen. Während des Spiels kämpfen sie mit dem Gedanken, ob die bislang so freudvolle Bekanntschaft durch ihren Sieg einen Kratzer erleiden könnte.

Warum unsere Rollen uns festhalten

Sie haben die Tendenz, sich für das Wohl aller Turnierteilnehmenden verantwortlich zu fühlen. Aber würde ich als Gegnerin wirklich wollen, dass jemand absichtlich gegen mich verliert? Besonders pikant wird es, wenn innerhalb eines Teams eine Spielerin Lust drauf hat zu gewinnen und die andere mit ihrem Kopf bei den Gegnerinnen ist. Die Partnerin, an deren Seite man eigentlich gerade kämpft, fühlt sich allein gelassen an und eine echte Freundschaft mit den Gegnerinnen würde so ein Opfer nicht benötigen. Im Bridgerton-Universum erinnert dieses Verhalten an Kate Sharma aus der zweiten Staffel, die ihre Liebe zu Anthony Bridgerton vor ihrer Schwester Edwina geheim hält, weil sie sie nicht verletzen möchte. „Ich habe nicht darum gebeten. Du hast mich wie ein Kind behandelt“, sagt Edwina.

Wenn die Person, die ihre Zugehörigkeit über Siege und Leistung definiert, nicht die Erfahrung machen kann, dass sie auch dazu gehört, wenn sie mal verliert und die Person, die Angst hat, bei zu viel Erfolg ausgeschlossen zu werden nie erlebt, dass sie gewinnen und trotzdem gemocht werden kann, bleiben beide in ihren Rollen und niemand entwickelt sich weiter. Und wenn die Person, der es so wichtig ist, die Kontrolle nicht abzugeben nie all ihre Power in einen Wettkampf wirft – auch, wenn das die Gefahr birgt, sich gedemütigt zu fühlen, wird sie auch nie über sich hinauswachsen.

Wenn ein Ball uns stärker trifft als er sollte

 All das sind Muster, die wir als Kinder gelernt haben. Und auch wenn wir heute erwachsen sind, tauchen sie manchmal plötzlich wieder auf – meist dann, wenn uns während eines Turniers eine Situation an etwas erinnert, das wir längst hinter uns glaubten. Dann reagiert nicht nur die Spielerin oder der Spieler auf dem Feld, sondern auch ein Teil unserer Geschichte und wir prognostizieren einen schon bekannten Ausgang auf die aktuelle Situation.

Vielleicht erkennen wir uns in einer der hier beschriebenen Figuren wieder, vielleicht sind wir eine Mischung aus mehreren. Und je nach Kontext zeigen sich andere Seiten von uns. Wenn diese unterschiedlichen Muster während eines Turniers aufeinandertreffen, geht es oft um weit mehr als um Punkte und gewonnene Sätze. Das Spielfeld wird zu einem Ort, an dem Fragen von Zugehörigkeit, Anerkennung oder Angst sichtbar werden. Wir merken nur selten, was alles mit uns auf dem Feld steht und dann wundern wir uns, warum ein Spiel sich so angespannt anfühlt oder warum uns ein verlorener Ball so viel stärker trifft als er eigentlich sollte.

Zurück zum Spiel

Es hilft, sich genau diese Dynamiken bewusst zu machen: sie zu reflektieren, mit der Partnerin darüber zu sprechen oder sie sogar mitten im Spiel einmal laut auszusprechen. Nicht, um sie sofort zu lösen – sondern um ihnen ein Stück ihrer Macht zu nehmen.

Denn manchmal reicht schon dieser Moment der gemeinsamen Erkenntnis, damit aus einem angespannten Spiel wieder das wird, was es eigentlich sein soll: ein Spiel.

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Zu diesem Text gibt es auch ein Instagram-Reel. Das könnt ihr euch hier anschauen:

https://www.instagram.com/reel/DVa8M03DWyK/?utm_source=ig_web_copy_link&igsh=MzRlODBiNWFlZA== (Öffnet in neuem Fenster)

 

Kategorie beachvolleyball.

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